Zweifelhafter Videobeweis im WM-Finale: Abseitige Machenschaften
Selbst das WM-Finale steht unter Manipulationsverdacht. Es geht um eine mögliche falsche Abseits-Entscheidung. Der Fußball braucht eine KI-Debatte.
Foto: NurPhoto/imago
D ie unangenehme letzte Männer-WM wird noch etwas unangenehmer. Eine Recherche der SZ weckt Zweifel an Entscheidungen beim Finale Spanien gegen Argentinien. Spaniens zweites Tor, das wegen Abseits aufgehoben wurde, soll laut Analyse-Experten kein Abseits gewesen sein. Die Grafik der Fifa sei falsch. Ob absichtlich oder unabsichtlich, ja, das ist nur eine der Fragen.
Die Grafik, die ungewöhnlich spät kam, sei „nicht deckungsgleich mit dem Ausgangsfoto“, so der Vorwurf der Experten. Zum Beispiel seien Hand- und Armhaltungen der Spieler dort anders als in echt. Eine „vertikale Verzerrung“ sei falsch berechnet. Der Vorwurf geht über den Einzelfall hinaus: Die Fifa arbeite bei der halbautomatischen Abseitserkennung mit einem undurchsichtigen System und suggeriere eine Präzision, die es nicht gebe. Das dritte spanische Tor nach angeblichem Foul nebenbei soll auch zu Unrecht aberkannt worden sein.
Nun kann man sich fragen, wo der Fußball falsch abgebogen ist, dass ein Medium seitenlang über Armhaltungen und vertikale Verzerrungen diskutiert. Die Vorwürfe sind aber auf zwei Ebenen hoch spannend. Zunächst einmal, gewiss, stellen sie die Glaubwürdigkeit der WM weiter infrage, die schon durch Trumps Telefonintervention massiv beschädigt ist. Die SZ behauptet keine klare Manipulation. Dass aber bei einem Turnier in Messis Wahlheimat, bei dem Argentinien ständig nachweislich bevorteilt wurde, auch noch im Finale wohl zwei Fehlentscheidungen zugunsten Argentiniens fielen, hilft der Sache der Fifa jedenfalls nicht. Ihr Schweigen ebenso wenig. Und grundsätzliche Messfehler auch nicht.
Spannender noch ist die zweite Ebene. Denn heftig wackelt hier ein Credo: Dass Toptechnologie den Fußball objektiver mache. Zwar ist der VAR allseits verhasst, aber Fans neigen dazu, zumindest Abseitslinien für objektiv zu halten. Dabei sind die Grafiken nur Nachbildungen mit offenbar zwangsläufigen Ungenauigkeiten und Messfehlern. Auch ist etwa der Zeitpunkt einer Ballabgabe überhaupt nicht objektivierbar. Nicht zuletzt kann der VAR eingreifen und zum Beispiel eine Abseitslinie selbst ziehen, wenn die andere ihm nicht genügt. Der Fußball muss also dringend eine KI-Diskussion führen.
Fans sollten ihre Medienkompetenz stärken
Eine Abseitslinie ist so viel oder wenig verlässlich wie Ergebnisse von ChatGPT. Hinter ihrer „Intelligenz“ stecken überaus menschliche Programmierungen. Technik hat den Fußball präziser gemacht, aber auch leichter manipulierbar – weil Interessen hinter einer angeblich unfehlbaren „Intelligenz“ verschwinden.
Sie ist damit mitnichten schlecht. KI wird nicht verschwinden (jedenfalls nicht bis zum absehbaren Klimakollaps mit heftigem Wassermangel und instabilem Stromnetz). Es hilft, klüger damit umzugehen. Fans sollten erstens ihre Medienkompetenz stärken. Verstehen, wie Instrumente im Fußball arbeiten und dass sie nicht „die Realität“ zeigen. Zweitens: Transparenz bei der Gestaltung verlangen. Zum Beispiel die Debatten im VAR-Raum zeigen, wie das beim Football teils schon passiert. Und drittens, am wichtigsten: Die Fußballbranche sollte KI für klügere Aufgaben nutzen als nur die verzweifelte Suche nach dem richtigen Pfiff.
Zum Beispiel: Wie kann man einen kaputten Wettbewerb so neu gestalten, dass er langfristig einer bleibt? Welche Reformen senken am wirksamsten Emissionen, ohne den Zauber zu mindern? Wie strukturiert man demokratischere Verbände? Welche neuen Ziele kann sich Fußball setzen, damit er nach dem Wachstumssystem lebensfähig ist? In solche Hilfsmittel sollten Verbände dringend investieren.
Aber Menschen fragen die Technik ja nur nach Antworten, die sie hören wollen.
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