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Kein Platz im Restaurant für WilliDer muss raus

Weil ein Gast meckert, verweist ein Kellner den schwer mehrfach normalen Willi seines Restaurants. Das ist verboten, ändert aber erst mal nichts.

A ls Familie mit Behinderungshintergrund lernt man, Situationen, in denen es zu Diskriminierung kommen könnte – wie etwa einen Restaurantbesuch – zu meiden. Man macht das, um andere Menschen nicht einzuschränken und um sich selbst vor Demütigung zu schützen.

Neulich luden meine Eltern die Familie zur Feier ihres Hochzeitstages in einen Gasthof ein und wir beschlossen, dass Willi mit seinen 19 Jahren dafür nun eigentlich salonfähig genug sei. Er macht nicht mehr in die Hose, kommuniziert weitestgehend, ohne Brokkoli zu werfen, und er kann super am Tisch sitzen, besonders bei der Aussicht auf eine große Portion Bratkartoffeln.

Es war ein herrlicher Tag. Wir kamen gut gerüstet mit reichlich Spielsachen und Wechselklamotten. Der Außenbereich war voll, aber der für uns reservierte Tisch lag ideal, ganz hinten in einem kaum besetzten, großen Raum.

Nur leider schaffte ich es mit Willi nicht mal bis dahin. Er war gerade noch damit beschäftigt, sich im Lokal zu orientieren und mir auf den Tellern anderer begeistert lautierend zu zeigen, dass er auch gerne Pommes, Schnitzel, Kartoffeln, Pommes und Schnitzel essen wollte, als schon der Kellner kam, mit ausgestrecktem Finger auf ihn zeigte und die Worte „Der muss raus“ sprach. Ein Schock!

Die Tränen waren schneller

Gerade schaute mein Mann um die Ecke, um zu sehen, wo wir blieben. Er verstand meine Geste mit dem Finger über meinem Hals sofort: Abbruch Operation Familienausflug.

Ich brachte noch ein klägliches „Warum“ heraus und erfuhr, dass es dem Kellner leid täte, aber ein Gast habe sich beschwert. Ich war nicht mehr in der Lage, darauf hinzuweisen, dass auch Willi ein Gast war. Die Tränen waren schneller. Außerdem musste der arme Willi, der jetzt zu seinem Opa und seinem Schnitzel wollte, davon überzeugt werden, nun doch lieber in die Pommesbude zu fahren.

Meine ganze Familie hat dieser Vorfall tief getroffen. Ich hatte nicht schlecht Lust, den blöden Drecksladen an den Social-Media-Pranger zu stellen. Aber wenn die Kackeschlacht losgeht, trifft einen nur doch wieder die Hälfte davon selber. Ich hätte direkt im Restaurant jemanden gebraucht, der sich für uns einsetzt, statt zu glotzen. Aber das passiert nie.

Ich schrieb dann nur einen Brief an die Geschäftsführung, mit der Bitte, anstelle eines Rauswurfs in solchen Fällen lieber eine Lösung zu suchen. Wir hätten letztlich auch zufrieden an einem Klapptisch hinterm Haus gegessen. Sollte allerdings die reine Anwesenheit eines Behinderten das Problem gewesen sein, bat ich darum, sowohl gut sichtbar vor dem Restaurant als auch auf der Website kenntlich zu machen, dass Menschen mit Behinderung nicht erwünscht sind.

Ich wusste natürlich, dass niemand so ein Schild aufstellen darf. Aber gibt es das Hausrecht her, einen Willi so vor die Tür zu setzen? Ich googelte. Über die Klarheit der Rechtslage war ich mindestens so erstaunt, wie über den Fakt, dass ich das 19 lange Willijahre nicht wusste: Solange es nicht den Restaurantbetrieb unmöglich macht, ist es laut Gleichstellungsgesetz streng verboten, einen Menschen aufgrund der Folgen seiner Beeinträchtigung rauszuwerfen – egal, wie er aussieht, zappelt, sabbert oder tönt!

Immerhin planen die wehrhaften Betreuerinnen aus Willis Einrichtung eine angemessene Rache

Wir sind also eindeutig rechtswidrig diskriminiert worden. Trotzdem ziehe ich keine Anzeige in Betracht, obwohl wir das Recht auf Entschädigung hätten – um die 1.000 Euro könnten drin sein. Aber behördlich werde ich den Vorfall jetzt wohl doch melden, besonders weil ich nicht mal eine Antwort auf meinen Brief bekommen habe. Es kann doch nicht sein, dass etwas, was uns so verletzt, am Verursacher völlig vorbeigeht.

Immerhin planen die wehrhaften Betreuerinnen aus Willis Einrichtung eine angemessene Rache. Sie wissen jetzt, wohin sie demnächst mit der ganzen Gruppe mal richtig schön essen gehen. Die wirft keiner raus, das ist mal sicher.

Wenn sie dann noch erfolgreich die Zeche prellten, wäre ich quitt mit dem Scheißladen.

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Birte Müller

Birte Müller Freie Autorin

Geboren 1973 in Hamburg. Seit sie Kinder hat schreibt die Bilderbuchillustratorin hauptsächlich Einkaufszettel und Kolumnen. Unter dem Titel „Die schwer mehrfach normale Familie“ erzählt sie in der taz von Ihrem Alltag mit einem behinderten und einem unbehinderten Kind. Im Verlag Freies Geistesleben erschienen von ihr die Kolumnensammlungen „Willis Welt“ und „Wo ein Willi ist, ist auch ein Weg“. Ihr neuestes Buch ist das Bilderbuch „Die Kartoffel und der Sinn des Lebens“. Birte Müller ist engagierte Netzpassivistin, darum erfahren Sie nur wenig mehr über sie auf ihrer veralteten Website: www.illuland.de
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14 Kommentare

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  • Ich wünsche euch einen Restaurantbesuch, oder irgendwelchen anderen Örtlichkeiten. Und auf einmal stehen 1,2,3 oder viele Menschen auf und sorgen dafür, daß ihr unbehelligt an eurem Platz eure Zeit verbringen könnt.



    Nicht nur der Kellner, und die Restaurantleitung gehören bloßgestellt, auch die ganzen andere Gäste, die einfach nichts Taten und schwiegen - ekelhaft.

    • @Christine Kurtscheidt:

      Ich denk nur, was gewesen wäre, wenn die anderen Gäste auch aufgestanden wären, ohne zu bezahlen.

  • Sind da wirklich nur Betreuerinnen in Willis Gruppe? Das wäre bei uns garnicht zulässig, wenn mal intimpflegerische Tätigkeiten notwendig sein sollten dürfen das bei uns ab dem Alter von ca. 15/16 Jahren nur noch Pflegekräfte gleichen Geschlechts.

    • @Saile:

      Das allerdings ist der Kernpunkt dieses Berichtes, nicht jedoch die Diskriminierung.....

  • Aber warum wollen Sie das Restaurant nicht anzeigen? Wollen Sie das nicht wenigstens begründen? Wundert mich eh, dass es nur 1000€ kostet

  • Das geht einfach gar nicht - hier empfiehlt sich bei Reservierung eine vorherige Abklärung.



    Ist natürlich bei spontanen Restaurantbesuchen, die man sich ja auch mal gönnt, nicht möglich - aber ggf. kann man den Laden dann bei den zuständigen Stellen melden und die Sache öffentlich machen.



    Alles Gute für Willi und seine Familie, ich hoffe (leider wohl vergeblich), dass Ihr solche Situationen nicht mehr erleben müsst!

  • Was sind das bloß für Menschen, die die Entfernung eines behinderten Gasts aus einem Restaurant fordern!



    Klar können Äußerungen von Behinderten erstmal irritieren, wenn man dann aber sieht, was Sache ist, ist man doch wieder recht entspannt.



    Und was ist das für ein Restaurant, das - illegalerweise - auf die Beschwerde eines einzelnen Gasts hin, sich die Einnahmen von mindestens fünfen entgehen lässt?



    O.K., vielleicht war es ein Stammgast - gleichwohl zeugt es von einer unglaublichen Menschenfeindlichkeit, jemanden, aufgrund seiner/ihrer Behinderung rauszuschmeißen

    • @Volker Scheunert:

      Im Hintergrund stehen die Europäischen, Christlichen Werte. Der Umsatz ist wichtig, sonst nichts....

    • @Volker Scheunert:

      Na ja, ich vermute eher, dass der Kellner den Gast nur erfunden hat. Wenn ich den Text richtig verstanden habe, hatte die Familie mit Willi die Gaststätte erst betreten und sich noch nicht einmal an den reservierten Tisch gesetzt. In dieser kurzen Zeit konnte sich m.E. noch kein Gast beschwert haben.

  • Achja. Der gute, alte Ableismus. Menschen könnten sich ja gestört fühlen.



    Manche Menschen können nunmal nichts dafür, wenn sie laut und zufällig schreien und Speichel aussondern. Die anderen Gäste sollen das also hinnehmen.

  • Der Willi soll bleiben - scheint doch ein netter Bursche zu sein. Und ein Schnitzel oder Pommes kann er mir sowieso nicht vom Teller klauen - ich esse beides nicht.



    Zum Bild da oben: Ein feines Tischtuch macht noch keinen feinen Laden.

  • Ich verfolge die Kolumne "Schwer mehrfach normal" sehr aufmerksam.



    Diese Episode übertrifft mal wieder alle Anderen.



    Alles Gute für Willi und Happy ZECHPRELLING als Solidaritätsgruß für Birte Müller.

  • So wie beschrieben, war das krass unsouverän. Von der sich beschwerenden Person sowieso. Ich lächelte in solchen Situationen wohl auch mal eher gequält, doch da den Gutsherrenton aufzusetzen ist selbstbeschämend.

    Vom Ober "Der muss weg" aber auch.



    Da hätte er mit weniger Kommunikationsüberforderung ja mithelfen können, den neuen Gast zügig nach hinten zu lotsen und zugleich die Situation für den dünnhäutigen alten Gast etwas lockerer aufzulösen. In der Gastro muss mensch so etwas eigentlich schon können.

    • @Janix:

      Dem beschwerdeführenden Gast (m/w/d) die Rechnung sowie ein „Guten Tag“ und ein Dessert zum Mitnehmen auf‘s Haus. Und dem Willi ein Tisch. Gleichung gelöst.