piwik no script img

AfD-Politik für Sachsen-AnhaltParadoxon mit schädlichen Folgen

Falls die AfD regiert, ist ein ökonomischer Schaden absehbar, lautet das Ergebnis einer neuen Studie. Sachsen-Anhalt wäre davon besonders betroffen.

David Muschenich

Aus Leipzig

David Muschenich

Marcel Fratzscher spricht von einem „AfD-Paradoxon“. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hat sich in einer aktuellen Studie damit beschäftigt, wie sich die Politik der AfD ökonomisch auswirken könnte. Das Ergebnis: Regionen mit hohem AfD-Stimmanteil, etwa in Sachsen-Anhalt, würden besonders unter AfD-Politik leiden. Der autoritär nationalradikalen Partei schade das allerdings nicht, denn wenn Menschen unzufrieden sind, fördere das die AfD-Unterstützung.

Die Kurzstudie will die DIW am Freitag veröffentlichen, der taz lag sie bereits vorab vor. Darin untersucht Fratzscher, wie Kreise in Deutschland grundsätzlich auf bundesweite ökonomische Entwicklungen reagieren. Er kommt dabei zu dem Ergebnis, dass Kreise mit hohem AfD-Anteil empfindlicher reagieren als andere. Grund dafür sei eine „kleinteilige Wirtschaft, geringere Qualifikation und weniger Ausweichmöglichkeiten“.

In einem zweiten Schritt analysiert Fratzscher in seiner Studie, welchen Einfluss eine AfD-Regierung auf die Lage in den Kreisen hätte. Dafür entwirft er auf der Basis bestehender Studien ein Szenario, indem Deutschland sich von Zuwanderung abschottet, staatliche Ausgaben und Investitionen kürzt sowie aus der Europäischen Union austritt.

Die geschätzten Folgen: Über fünf Jahre sinke Wirtschaftswachstum um 6 Prozentpunkte, während die Inflation um 5 Prozent und die Arbeitslosigkeit um 2 Prozentpunkte steige. AfD-Hochburgen würden diese Entwicklung besonders betreffen. „Das gilt nirgendwo mehr als in Sachsen-Anhalt“, erklärt Ökonom Fratzscher. Dort wird am 6. September ein neuer Landtag gewählt, aktuell führt die AfD in Umfragen mit rund 40 Prozent. Ihr Spitzenkandidat Ulrich Siegmund würde gerne allein und ohne Kompromisse regieren.

Dann sinkt das Einkommen

Laut der DIW-Studie würden Einkommensverluste durch AfD-Politik in Sachsen-Anhalt bis zu doppelt so hoch ausfallen wie im Bundesschnitt. Zwar handelt es sich bei der Studie um keine präzise Prognose. Doch mithilfe der Daten schätzt DIW-Präsident Fratzscher, die Menschen in Sachsen-Anhalt würden im Mittel 1.600 Euro pro Kopf verlieren, zudem könnten 10.000 Arbeitsplätze verloren gehen. „Die Gefahr einer Abwärtsspirale ist groß.“

Zudem seien durch AfD-Politik die Gesundheitsversorgung und das Handwerk gefährdet. Die Pläne der Partei würden laut Fratzscher für Sachsen-Anhalt einen Rückgang der jährlichen ausländischen Zuzüge um etwa 45 bis 65 Prozent bedeuten. Kein Bundesland hat einen höheren Altersschnitt. Und für ein alterndes Land mit Abwanderung junger Menschen verschärfe es den Fachkräftemangel massiv, wenn keine neuen Menschen zuziehen.

Kritik von Wirtschaftsverbänden an AfD

Unabhängig von der DIW-Studie äußerte sich auch Tanja Gönner, die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), zur AfD-Politik öffentlich zu Wort. Sie sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Die AfD ist keine Wirtschaftspartei. Alles, was ich bisher von ihr lese, zahlt nicht auf Wirtschaftswachstum oder Investitionen ein. Im Gegenteil: Es wird eher neue Unsicherheiten für Investitionen geben.“

Als Beispiel nannte sie demnach die Schulpflicht, welche die AfD in Sachsen-Anhalt laut ihrem Wahlprogramm aufheben möchte. Das werde nicht zu „einheitlichen Bildungsstandards und besseren Bildungschancen“ führen. Oder wenn es um Energiepolitik gehe, da biete die AfD keine Lösungen. „Sie verkauft uns eine Rückkehr zum Alten. Aber das führt nicht zu sinkenden Preisen, sondern zu Planungsunsicherheit und riskiert Wertschöpfung und industrielle Arbeitsplätze“, warnte Gönner.

Ähnlich kritische Worte wählte Rainer Dulger, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Die AfD biete aus seiner Sicht keine Lösungen für die Probleme Deutschlands. „Deswegen sehe ich im Dialog mit den Herrschaften von der AfD keinen Sinn und befasse mich lieber mit den Parteien der Mitte“, sagte Dulger der dpa. Bei denen gehe es aktuell darum, „wie sie ihre Problemlösungsansätze so verbessern können, dass sie wieder größere Mehrheiten finden“.

DIW-Präsident Fratzscher kommt in seiner Studie zu dem Schluss: Wer die AfD schwächen wolle, dürfe sich nicht auf Migration und ökonomische Faktoren fokussieren. Hilfreich sei stattdessen, strukturelle Veränderungen herbeizuführen, auch wenn das schwer sei. Dann allerdings gebe es auch eine hoffnungsvolle Perspektive. AfD-Wähler:innen seien nicht unverrückbar festgelegt: „Gelingt es, neue Zukunftschancen zu schaffen, kann aus der Abwärts- eine Aufwärtsspirale werden.“

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

9 Kommentare

 / 
  • " AfD-Politik für Sachsen-Anhalt: Paradoxon mit schädlichen Folgen Regionen mit hohem AfD-Stimmanteil, etwa in Sachsen-Anhalt, würden besonders unter AfD-Politik leiden."



    So paradox ist das gar nicht. Wenn nämlich zum einen die Annahmen der Untersuchung nicht anerkannt werden, so dass die eigene Zukunftsprognose mit AfD eben nicht so düster erscheint wie von Herrn Fratzscher angenommen, entfällt ein großer Teil dieses Paradoxons.



    Kommt hinzu, dass der AfD-Wähler sich sowieso schon am Ende der Nahrungskette wähnt, löst sich das Paradoxon in Luft auf.



    Ob der Wähler damit Recht hat, spielt dabei keine Rolle. Ihn jedoch implizit als dumm anzusehen, weil er die Folgen seines Handelns nicht recht zu überblicken scheint, bestätigt in seinen Augen einmal mehr die Arroganz der herrschenden Klasse und/oder der linken Meinungsmacher.



    Und das soll ihn vom Wählen der einzigen Alternative abhalten, die er sieht?



    Nee Leute, das funktioniert so nicht.

  • Ich hoffe sehr, dass SPD, Grüne und BSW in Sachsen-Anhalt unter 5% bleiben. Dann kann die CDU in der Opposition mal zeigen, wie sie mit Faschisten umgeht.



    Und allen Wählern, die glauben, mit der Wahl von Faschisten ihre eigene wirtschaftliche Situation zwar zu verschlechtern, aber auch gleichzeitig sich viel, viel besser zu fühlen, in dem es Mitmenschen, bis hin zu dramatischen gesundheitlichen und sozialen Beeinträchtigungen, schlechter geht, gönne ich ihr zukünftiges besch... Leben sowieso.



    Das Problem ist halt, wie kommen die vielen aufrechten Demokraten aus dem Schlamassel raus?

  • "Wer die AfD schwächen wolle, dürfe sich nicht auf Migration und ökonomische Faktoren fokussieren." Alter die Neoliberalen werden den Marktliberalismus bis in den Faschismus unterstützen was? Die Linke ist in Berlin gerade DESWEGEN ja so erfolgreich weil sie die Materiele Realität der Arbeiter angreift🙄

  • Nimmt noch irgendjemand Fratzscher ernst ?



    Abgesehen davon, daß die AfD an der Regierung der Wirtschaft schadet, ist erst mal nur eine Hypothese.



    Daß CDU, CSU, SPD, FDP und Grüne an der Bundesregierung der Wirtschaft schaden, ist empirisch nachweisbar.

  • Vielleicht müssen die AfD Wähler erst am eigenen Leib spüren, dass es Ihnen mit so einer Regierung nicht besser sondern schlechter geht. Die Jungen ziehen vermutlich dann noch mehr nach Halle und Magdeburg, wenn nicht gleich nach der Ausbildung/Studium in ein anderes Bundesland.

  • Auch das wird die AfD nicht "entzaubern". Da auch ihre Wähler mit Logik und Argumenten ja sowieso nichts anfangen können, wird es ihnen ein Leichtes sein, Probleme auf die Tatsache abzuwälzen, dass sie ja nicht im Bund regieren. Und dann werden sie anschließend da eine andere Ausrede finden. Solche Faschos kann man mit Argumenten nicht stellen. Hoffnungslos. Aber immerhin versucht es ja die Bundesregierung, sie wenigstens mit Fakten zu unterstützen. Merz' "Halbierungsstrategie" hat die AfD ja schon von 10% auf 30% katapultiert. Mit freundlicher Unterstützung der Ampel-Regierung (oder der fDP-Diktatur, wie ich sie gerne nenne).

  • Die AFD-Wähler werden noch ziemlich



    dumm aus der Wäsche gucken .



    Es sei Ihnen gekönnt .



    Aber werden Alle aus Schaden Klug ?



    Ne , dafür muß man nämlich lernfähig sein .

  • Das ist ja das Problem: rationale Argumente zählen nicht. Das Bestrafungsstreben der AfD-Klientel gegen System, "Altparteien", alles Woke, Linke, ist größer als das Eigeninteresse. Gerne bezahlt man mit Einkommenseinbußen, Arbeitsplatzverlust und weiterem Rückschritt in Region und Land dafür.

  • Naja - bezüglich der Politik der Grünen gab es ja auch Befürchtungen und Prognosen in die selbe Richtung.



    Ich will damit keinesfalls die Politik der AfD beschönigen aber ich fände es schon bedeutend besser wenn da mal die einzelen politischen Strömungen miteinander verglichen würden.

    Denn leider bedeutet ja Wirschaftswachstum nicht mehr automatisch auch dass es den Menschen wirtschaftlich besser geht.



    Es bedeutet ja erstmal, dass die Unternehmer und Anteilseigner mehr in der Tasche haben.