„Kirchensteuerkirchen“ in Sachsen-Anhalt: „AfD und Christentum sind unvereinbar“
Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt entwickelt sich im Raum der Landeskirche Mitteldeutschland so etwas wie eine „bekennende Kirche“.
Foto: Paul-Philipp Braun/imago
Ein Vergleich mit dem Kulturkampf des Reichskanzlers Bismarck gegen die katholische Kirche nach der Reichsgründung 1871 hinkt zwar. Allein schon deshalb, weil sich im Landtagswahlland Sachsen-Anhalt alle Konfessionen in Aufruhr gegen die AfD für den Fall ihrer Machtübernahme nach dem 6. September befinden. Mit Ausnahme weniger regionaler Freikirchen wie in Dessau-Roßlau, denen das „Regierungsprogramm“ der AfD eine Privilegierung verspricht, während die Freikirchen auf Bundesebene diese Vereinnahmung ablehnen.
Den „Kirchensteuerkirchen“ aber sagt die AfD den Kampf an, will die 1806 vereinbarten Enteignungsentschädigungen als faktische Staatsleistungen drastisch zurückfahren und die unangenehm aufklärerische Evangelische Akademie aushungern. Dagegen und gegen die bibelfeindlichen und menschenverachtenden Leitlinien der AfD formiert sich in Sachsen-Anhalt noch vor einer möglichen AfD-Alleinregierung so etwas wie eine „bekennende Kirche“.
In der zweiten Juniwoche war die Stimmung im tausendjährigen Merseburger Dom noch keine kämpferische. Der Kirchenkreis Saale-Unstrut hatte zu einer Diskussion unter der Überschrift „Religion und Demokratie“ eingeladen. Unter den etwa 120 Gästen waren eher Unsicherheit und wägendes Zuhören als flammende Diskussionsbereitschaft zu verspüren. Eine Zuhörerin im Kirchenschiff verteilte Handzettel mit alarmierenden Zitaten von AfD-Funktionären.
Initiator und Moderator ist Frank Richter, 1989 als Kaplan an der Dresdner Hofkirche Weichensteller für den friedlichen Verlauf der Proteste gegen die SED, später Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen, 2018 in der Stichwahl zum Meißener Oberbürgermeister nur knapp gescheitert, SPD-Landtagsabgeordneter. Seiner sächsischen Heimat hat er frustriert den Rücken gekehrt. Der Neu-Merseburger fühlt sich in der erst 2009 gegründeten freigeistigen und mutigen evangelischen Landeskirche Mitteldeutschland zu Hause und ist zu seinem ursprünglichen Predigerberuf zurückgekehrt.
Aktive
Im Merseburger Dom trifft man neben Suchenden auch Persönlichkeiten, die die bevorstehende Wahlentscheidung in Sachsen-Anhalt aktiv beeinflussen wollen. Frieder Weigmann, Pressesprecher der Diakonie Mitteldeutschland, verantwortet maßgeblich zwei „Handreichungen zur Argumentation“ unter dem Titel „Was wäre, wenn …?“. Die erste erschien 2024 zur Landtagswahl in Thüringen, die zweite ist nun speziell auf Sachsen-Anhalt zugeschnitten. Die 36 Seiten umfassenden Broschüren vergleichen die Positionen der AfD und der Diakonie auf ihrem ureigensten Feld der Sozialpolitik, setzen sich aber auch mit dem Menschenbild der AfD auseinander. Die Printauflage von 25.000 ist nahezu vergriffen.
Pfarrer Andreas Tschurn aus dem benachbarten Leuna, erst 41 Jahre jung, wollte nach dem Theologiestudium in seiner Heimatstadt Leipzig und dem Vikariat nicht in der sächsischen Landeskirche bleiben, fühlte sich wie Frank Richter vom Raum Halle angezogen. Sein laufbahnüblicher Entsendungsdienst führte ihn 2019 nach Leuna, wo nach drei Probejahren nahezu die gesamte Gemeinde für seinen Verbleib stimmte.
Und das, obschon Tschurn seit 20 Jahren Die Linke wählt, in der er die meisten Übereinstimmungen mit christlichen Idealen sieht. 2024 engagierte er sich im Merseburger Demokratiebündnis, das die Massenproteste nach den Correctiv-Enthüllungen über „Remigrationspläne“ von AfD und Nazikreisen organisierte. „Wenn du dir ein richtiges Martyrium antun willst, kannst du auch gleich für Die Linke kandidieren“, hätten Freunde daraufhin gescherzt.
Nun geht er diesen Schritt tatsächlich und bewirbt sich als Parteiloser um ein Landtagsmandat. Für die heißen Wahlkampf-Sommermonate ist er vom Gemeindedienst suspendiert. Um Interessenkonflikte zu vermeiden, kandidiert der Pfarrer auch nicht im heimischen Leuna, sondern im brisanten Wahlkreis Querfurt nebenan. Nicht nur das Dörfchen Schnellroda liegt dort, wo der rechtsintellektuelle Antaios-Verlag von Götz Kubitschek seinen Sitz hat. Das Direktmandat gewann 2021 die 2025 entlassene ehemalige Bildungsministerin Eva Feußner, die als Rechtsaußenfrau der CDU gilt. Beerben will sie ausgerechnet der AfD-Chefideologe und Programmschreiber Hans-Thomas Tillschneider. Auf diese Auseinandersetzung freut sich Andreas Tschurn.
Gleichnis bei Lukas
Frieder Weigmann, Jahrgang 1969, haben seine Herkunft aus dem frommen Eichsfeld, aber mehr noch die Kontroversen um den Flüchtlingszustrom 2015/16 geprägt. Die Hetze gegen Helfer für Geflüchtete, ihre Denunziation als „Gutmenschen“ hätten solche Gutmenschen zusammengeführt und das Bekenntnis vertieft, blickt er zurück. Er verweist auf Schlüsselstellen in den Evangelien wie dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter bei Lukas oder den sieben Werken der Barmherzigkeit bei Matthäus 25. Man habe vor zehn Jahren noch keine offene Auseinandersetzung gesucht, weil man der AfD keine Bühne geben wollte. Inzwischen aber könne man nicht anders, schon gar nicht nach den siegesgewiss „Regierungsprogramm“ genannten, alle Botschaften Jesu verachtenden Leitlinien der AfD.
Die auffallende Renitenz der Kirchen im Dreieck zwischen Sachsen, Thüringen und dem ehemals preußischen Anhalt erklärt der Diakoniesprecher mit klaren Orientierungen der deutschen und regionalen Kirchenleitungen. Am 22. Februar 2024 verabschiedete die katholische Deutsche Bischofskonferenz die Erklärung „Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar“. Die Evangelische Kirche Deutschlands stimmte ausdrücklich zu.
Im Bereich der Landeskirche Mitteldeutschland entstand daraus die Bannerkampagne „Herz statt Hetze“. Zum Jahresende 2025 warnte der evangelische Landesbischof Friedrich Kramer bereits vor dem „Desaster“ einer AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt. „Manche ahnen noch gar nicht, was die AfD als Regierungspartei bedeuten würde.“
Sein katholischer Magdeburger Amtsbruder Gerhard Feige warnte eindringlich vor einer Wahl der AfD. Mit der freiheitlichen Demokratie, mit Pluralismus, Religionsfreiheit und Toleranz wäre es dann vorbei. Beim deutschen Katholikentag in Würzburg am Himmelfahrtswochenende zog der Bischof Vergleiche zu seinen Erfahrungen mit 40 Jahren religionsfeindlicher DDR-Diktatur. „Ich hätte nie damit gerechnet, dass so etwas mal wieder auf uns zukommt.“
Das empfindet der von Persönlichkeiten wie dem ehemaligen Leipziger Nikolaikirchenpfarrer Christian Führer oder dem Wittenberger Prediger Friedrich Schorlemmer beeindruckte Frieder Weigmann ebenso. „Wir müssen deshalb Versuche einer Neudefinition von Christlichkeit verhindern“, sagt er. Gemeint ist, dass die AfD zwar die christliche Prägung des Abendlandes begrüße, aber zugleich ideologiehörige, gefügige Kirchen wolle. Auch Pfarrer Tschurn hält „klare Kante und Widerworte“ für nötig, weil die AfD ein Feindbild Kirche aufgebaut habe.
Aber nicht alle sind so konsequent wie Pfarrer Andreas Tschurn. „Die Kandidatur für den Landtag ist das Beste und Letzte, was ich noch tun kann, um einen Einfluss auf die Landtagswahl zu haben.“ Er empfinde sie als Verpflichtung. Frieder Weigmann sieht die AfD in einem Siegesrausch wachsender Gefolgschaft. Sie unterschätze dabei die Gegenmobilisierung ethisch fundierter Kräfte, „die nicht naturgegeben zusammengehören, sich aber jetzt zusammentun“.
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