piwik no script img

Krise bei VolkswagenBlumes Plan ist dreist, nicht intelligent

Simon Poelchau

Kommentar von

Simon Poelchau

Der VW-Chef plant mit Werksschließungen und dem Abbau Zehntausender Stellen. Sein Gerede über Alternativen zeugt nicht von Empathie.

K onzernchef Oliver Blume versucht zu menscheln. Er wolle Werksschließungen vermeiden. Es gebe „intelligentere Lösungen“ für die vier von ihm angezählten VW-Werke, sinnierte der Manager am Wochenende. Doch seine Wortmeldung ist weder menschlich noch sonderlich intelligent.

Besäße Blume ein Mindestmaß an Empathie gegenüber seiner Belegschaft, dann hätte er der Bild am Sonntag kein Interview gegeben, sondern wäre am Freitag vor die VW-Mitarbeitenden getreten und hätte ihnen Rede und Antwort zu seinen Kahlschlagplänen gestanden. Schließlich geht es um Zehntausende Beschäftigte, deren Jobs und Zukunft der Vorstand um Blume derzeit infrage stellt. Und das noch nicht mal zwei Jahre nachdem die Belegschaft massive Lohneinbußen für die Standortsicherung akzeptiert hatte.

Trotzdem macht Blume weiter Druck, dass die Kostensenkungen nicht genügen würden. Angeblich sollen jetzt 100.000 Stellen wegfallen – doppelt so viele wie ursprünglich geplant. Als „intelligentere“ Lösung schon länger im Gespräch sind deswegen zwei Möglichkeiten: die Umstellung auf Rüstungsproduktion oder die Produktion von in China entwickelten VW-Modellen.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Dass das VW-Management Alternativen zu Werksschließungen diskutiert, überrascht nicht. Jedes Betriebsratsmitglied weiß spätestens nach der ersten Schulung, dass auch Chefs ein Interesse haben, Entlassungen zu vermeiden. Schließlich müssen sie dann teure Abfindungen zahlen. Und gerade in einem Konzern wie Volkswagen, wo es einen starken Betriebsrat gibt, sind Entlassungen nicht so ohne weiteres durchsetzbar. Das hat Blume jetzt auch bei der Aufsichtsratssitzung gemerkt, wo er erstmals einen Dämpfer für seine Kahlschlagpläne bekam.

Insofern ist Blumes Sinnieren über „intelligentere Lösungen“ weder mildtätig noch sonderlich innovativ. Sie ist stattdessen dreist. Intelligent wäre zum Beispiel gewesen, frühzeitig auf günstige Elektromodelle zu setzen, statt Werke zu schließen und Menschen zu entlassen.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Simon Poelchau

Simon Poelchau Redakteur

ist für Ökonomie im taz-Ressort Wirtschaft und Umwelt zuständig.
Mehr zum Thema

17 Kommentare

 / 
  • Wenn es so einfach wäre, günstige Elektromodelle zu produzieren, würden es alle machen.

    Akkus sind aber teuer. Umso mehr, weil Europa es nicht geschafft hat, eine Akku/Batterie-Industrie aufzubauen und alles zugekauft werden muss.

    Wie will man mit Brachenriesen wie BYD konkurrieren, die Akkus und Halbleiter selbst produzieren und zusätzlich durch niedrigere Löhne und laxere Umweltstandards massive Kostenvorteile haben? Die Subventionen und Lenkung durch den chinesischen Staat kommt noch dazu.

  • In China hat er mit den Uiguren leichteres Spiel.

  • VW hat immer fürstlich bezahlt und tut es immer noch. Das wurde auch durch eine industriefreundliche Politik, die in Brüssel oft die Regeln nach Wunsch der Hersteller durchgesetzt hat, oder auch durch Besch***** (Dieselskandel) möglich.

    Die Preise, die sich von denen eines Autos für die breite Bevölkerung längst nach oben verabschiedet haben, leisten auch einen Beitrag.

    Als aus Frankreich bereits bezahlbare Elektroautos zu kaufen waren, dachte VW bei Elektrik nur an die Starterbatterie.

    Die Zeit, in der in China deutsche Autos begehrt sind, ist auch längst vorbei.

    All füjrrbdazu, dass, keine attraktiven Fahrzeuge in entsprechender Stückzahl verkauft werden. Eine grundlegende Anpassung des Konzerns ist notwendig, will er überleben. Bin gespannt, ob er die Kurve bekommt, oder ob Aktionäre, Politik und Betriebsrat die Kuh totmelken.

  • Das Land Niedersachsen hält 20 Prozent



    der Anteile , also ausreichend die Firmenpoltik



    maßgeblich zu beeinflussen.



    Warum macht sie das nicht ?

  • Ich fahre seit einigen Jahren TDI-VWs. 300.000km praktisch ohne Werkstattaufenthalt, Spritverbrauch 4,5l. Ausgereifte langlebige Technik.



    .



    Die Autos sind heute schlicht so gut, dass sie nicht mehr zehn sondern 15Jahre mit viel weniger Werkstattkosten halten. Das hat zur Folge, dass der Ersatzbedarf - und damit der VW-Umsatz - zurückgeht.



    .



    Wie haben anscheinend die Grenzen des Wachstums erreicht. Wir haben keine Idee, wie unsere Gesellschaft damit umgehen soll. Autos auf Halde zu produzieren ist keine Lösung.

  • Das ist Kapitalismus, oder?

  • VW hat über Jahre hinweg seine deutsch Belegschaft mit China Gewinnen finanziert. Das das nicht ewig gut gehen kann sollte doch eigentlich jedem klar sein.

  • Die Sch… fliest immer von oben nach unten (Stromberg)

  • "Intelligent wäre zum Beispiel gewesen, frühzeitig auf günstige Elektromodelle zu setzen"



    Und wie hätte VW die bauen sollen bei den Lohnkosten in Deutschland?



    Und woher hätte VW die Rohstoffe so billig beziehen sollen? Deutschland knebelt Rohstoffländer nicht mit Verträgen wie China.



    Billige E Autos gehen in Deutschland nicht, weil die Angestellten bei VW völlig überbezahlt sind.



    Was im Artikel als "starker Betriebsrat" tituliert wird, ist eine Institution, die in den letzten 20 Jahren Modalitäten erkämpft hat, die maßgeblich ausschlaggebend dafür sind, dass ein Volkswagen fürs Volk nicht mehr erschwinglich ist.



    Löhne rauf, Arbeitszeit runter, üppigste Prämien, großzügigste Altersregelungen - aber das wird immer unkritisch beklatscht, nur auf die Aktionäre wird fleißig geschimpft - als ob es nicht das Grundinteresse jeden Unternehmens wäre Gewinn zu erzielen.



    Das ist sogar gesetzlich vorgeschrieben - die Gewinnerzielungssbsicht ist maßgebliches Kriterium um als Unternehmen anerkannt zu werden. Ansonsten fällst du steuerlich in die Liebhaberei.



    Gerechte Löhne bin ich 100% dabei, aber die Automobiler haben das Rad definitiv überdreht.



    Nu kommt die Quittung und das Heulen ist groß

  • Seit 2022 ist Blume verantwortlich für das Scheitern von VWs Elektrostrategie und ihm fällt nach seinem Desaster nichts besseres ein als Leute entlassen? Das nenne ich mal "intelligentes Management und es zeigt sich ganz deutlich der Unterschied zwischen Verantwortung haben und Verantwortung übernehmen. Warum muss der Typ nicht seinen Hut nehmen? Für was gibt es denn einen Aufsichtsrat? Heute trägt niemand mehr Nadelstreifen, aber dazu gab es anno 1992 ein Buch "Nieten in Nadelstreifen", sollte man vielleicht mal wieder rauskramen.

  • Der Kommentar greift doch etwas kurz.



    Blume wird als Topmanager nicht für sein Mitgefühl bezahlt, sondern für seine (richtigen?) Entscheidungen. Für VW wird es schmerzhaft, die Ursachen sind mannigfaltig. Rein unternehmerisch müssen Kosten runter, wenn die Erlöse sinken. Die Personalkosten bei VW sind in Deutschland nun mal sehr hoch. Fraglich, ob das gesamte Geschäftsmodell von VW überhaupt noch trägt, E-Auto hin oder her. Bei IT oder Batterien ist Deutschland nun mal nicht führend. Erfolg kann man nicht verordnen.

  • Nun. wer bei den Vorständen der Indusrie nach Intelligenz oder gar Empathie sucht, wird - leider - selten fündig.

  • Nun, so ganz einfach ist es nicht, dass durch eine frühere Umstellung auf Elektromobilität solch eine Krise zu vermeiden gewesen wäre. Die Fertigungstiefe ist einfach viel geringer, auch sind ganz andere Akteure inzwischen weltweit am Start, vor allen China mit anderen Grundvoraussetzungen, was Lohnniveau und Unterstützung angeht.



    Das alles hat wohl mehr mit einem Schutz des Marktes zu tun und auch der hiesigen Bereitschaft, mehr zu bezahlen für europäische Produkte als für chinesische. Die Umsatzzahlen chinesischer Automobilhersteller als auch von Tesla steigen gerade extrem. Hitlergruß von Elon, Musk und Autokratie in China unbenommen.



    Dieser herrschende Sozialdarwinismus im Markt ohne gesellschaftliche und moralische Instanzschlägt jetzt einfach zurück.

    • @Stefan Schmitt:

      Deshalb hat VW in China – ganz in alter Tradition – auch in einem Werk produzieren lassen, in dem der Einsatz uigurischer Zwangsarbeit immer wieder Gegenstand öffentlicher Kritik war. Gleichzeitig hat das Unternehmen den chinesischen Partnern wertvolles Know-how praktisch frei Haus und ohne zusätzliche Kosten zur Verfügung gestellt.

      Die Gier der Konzerne nach immer höheren Profiten auf Kosten ausgebeuteter und entrechteter Menschen ist ungebrochen. Dafür wird die Produktion gezielt in Billiglohnländer verlagert, in denen unter Bedingungen gearbeitet wird, für die ein Unternehmer in Deutschland strafrechtlich zur Verantwortung gezogen würde.

      Die Produkte werden anschließend hierzulande weiterhin zu Preisen verkauft, als wären sie unter deutschen Lohn-, Sozial- und Umweltstandards hergestellt worden. Menschenleben, Menschenwürde, Ethik und soziale Verantwortung spielen dabei offenbar nur dann eine Rolle, wenn sie sich werbewirksam vermarkten lassen.

      Gleichzeitig richtet sich der Blick fast ausschließlich auf den nächsten Quartalsbericht. Langfristige Verantwortung dafür, ein Unternehmen wirtschaftlich, technologisch und gesellschaftlich zukunftsfähig zu machen, übernimmt kaum jem

    • @Stefan Schmitt:

      So einfach wäre es gewesen, wenn schon zum Zeitpunkt der Abgaskorrektursoftware besser in sinnvolle Fahrzeugsoftware investiert worden wäre. Statt kriminelle Managementstrategien zu verfolgen, dafür Milliarden Strafzahlungen und nicht in Standortvorteile zu investieren, hätten wir schln lange vor den Chinesen einen "Käfer 2.0" geschafft. Doch am Ende einer kurzfristig alleinauf seine eigene Marge blickende Managementstrategie soll mal wieder der Arbeiter schuld am Scheitern am Markt sein. Warum nicht Blume entlassen und mit einem reduzierten Management schneller die besseren Fahrzeugkonzepte umsetzen?

  • Und darum und zur Stärkung des Demokratieverständnisses unserer Bevölkerung brauchen wir Demokratie auch in Konzernen und Betrieben. Denn hier werden hart arbeitende Menschen ihres Arbeitsplatzes beraubt nachdem sie für die Bonzen, die Schuld an der "Misere" sind, dass es "nur" noch 7 Mrd Gewinn gibt (für eben diese Bonzen). Demokratisch hätte man die Chance, den VW-Vorstand in die Wüste zu schicken, wo er hingehört für seine völlig verfehlte Politik. Stattdessen verlieren tausende Menschen ihren Arbeitsplatz und die Schuldigen schaufeln sich die Taschen voll.

    Wenn "Leistung sich wieder lohnen würde", bekämen die einen Eimer Teer und man würde Federn über sie regnen lassen.

    Wie soll ein Volk Demokratie lernen, wenn der größte teil des Lebens in völlig undemokratischen Organisationen stattfindet. Vergesellschaftung von (zu) großen Betrieben, bei der die dort arbeitenden der Betrieb auch gehört und sie ein Stimmrecht haben, wäre besser.

  • Für mich als Luft-Atmer und Fahrradfahrer ist der Niedergang von VW eine gute Nachricht.