Deutschlands Trainer: Der Nächste bitte!
Die Verpflichtung von Jürgen Klopp als Nachfolger von Julian Nagelsmann folgt dem Prinzip des großen Namens. Funktioniert hat das beim DFB noch nie.
Der Klopp wird’s. Weil: Er ist der Einzige. Was sich schon bei Hansi Flick und auch bei Julian Nagelsmann nicht bewährt hat, wird vom DFB weiter trotzig als Erfolgsmodell verfochten: Der aktuell erfolgreichste inländische Vereinstrainer soll Chef der Nationalelf werden. Ob der Kandidat schon Erfahrung mit Auswahlteams hat, ist völlig egal. Andere Namen, die infrage kommen könnten, werden gar nicht ausgesprochen. Der Fußball hat sich derart verändert, dass die in früheren Jahrzehnten übliche Praxis, den Männerbundestrainer aus dem bereits eingearbeiteten und mit den Anforderungen vertrauten Trainerstab zu berufen, gar keinen Gedanken mehr wert ist.
Erfolgreiche Bundestrainer, die das Team zu Titeln führten, hatten allesamt keine große Vereinstrainerlaufbahn hinter sich: Sepp Herberger versuchte sich beim Potsdamer SV Nowawes 03, aus dem der SV Babelsberg hervorging, und bei Tennis Borussia Berlin, ehe er Reichstrainer wurde. Helmut Schön betreute die SG Dresden-Friedrichstadt, sehr kurz auch noch Hertha BSC und den SV Wiesbaden, aber Erfolge hatte er nur als Auswahltrainer: der DDR, des Saarlands und später als Herberger-Assistent und -Nachfolger.
Franz Beckenbauer war überhaupt kein Trainer, hatte weder Lizenz noch Fußballlehrererfahrung und wurde als „Teamchef“ verpflichtet. Jogi Löw, der letzte, der dem DFB einen WM-Titel verschaffte, konnte vor seiner Verpflichtung als Bundestrainer als Höhepunkt ein mit dem VfB Stuttgart verlorenes Europapokalfinale in seinen Lebenslauf schreiben. Ansonsten gab es stets sehr kurze Trainerstationen beim Karlsruher SC, beim FC Tirol und Austria Wien sowie bei Fenerbahçe Istanbul und Adanaspor.
Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.
Als Co-Trainer des Sommermärchentrainers Jürgen Klinsmann wurde er dann auf den Chefposten befördert. So wie es lange Tradition war. So waren ja auch Jupp Derwall, Europameister 1982, und Berti Vogts, Europameister 1996, zu ihren Jobs gekommen.
Seit etlichen Jahren gilt dieses Prinzip, das ja eine Reihe von Erfolgen aufweisen kann, nicht mehr. Der DFB ist dazu übergegangen, auf große Namen zu setzen. Ein bisschen ist es das Modell Beckenbauer, das 1984 initiiert wurde, um mit einer besonders strahlenden Persönlichkeit die öffentliche Diskussion von der Mannschaft wegzuführen.
Das hat geklappt, aber schon als der DFB diesen tollen Trick 1998 wiederholen wollte und Erich Ribbeck als seriösen, weil grauhaarigen Imageretter verpflichtete, funktionierte es nicht mehr. Und schaut man sich die WM-Auftritte der als große Namen geholten Vereinstrainer Hansi Flick und Julian Nagelsmann an, muss man zugeben: Dieses Modell funktioniert nicht. Wer da noch auf Klopp setzt, gibt nur zu verstehen, dass er es nicht versteht.
Bloß einer ohne deutschen Pass
Interessant ist ja noch eine weitere Barriere, die sich der DFB selbst in den Weg gestellt hat. Selbst wenn seine Priorität auf große Namen aus dem deutschen Fußball einigermaßen erfolgreich gewesen wäre, müsste im Grunde nicht Klopp, der seit zwei Jahren aus dem Beruf ist, die erste Wahl sein, sondern zumindest müsste man Namen aus der Bundesliga hören. Vincent Kompany etwa, der bei Bayern München zeigt, wie ein teures Weltstarensemble zu führen ist. Auf diesen Namen kommt beim DFB aber niemand, weil Kompany keinen deutschen Pass hat. Es gilt die alte deutschnationale Logik, erstmal „einen von uns“ zu holen.
Wenn Klopp scheitern sollte, was ja wahrscheinlicher ist als ein erfolgreiches Durchstarten, wird die Diskussion in diesem Stil weitergehen: Dann werden Sebastian Hoeneß oder Thomas Tuchel oder andere Namen, die in zwei oder vier Jahren gerade en vogue sind, gehandelt. Hauptsache: ein großer Name, der in der Öffentlichkeit als Fußballexperte akzeptiert ist, und ein deutscher Pass, denn das Konstrukt heißt ja immer noch deutsche Nationalmannschaft.
Man muss also schon einiges an Fußballwissen über Bord werfen und zugleich sehr viel nationales Denken verinnerlichen, um zu diesem Schluss zu kommen, der derzeit als alternativlos präsentiert wird: Der Klopp macht’s. Weil: Er ist der einzige. Weil: Nach unseren völlig anachronistischen Kriterien haben wir niemanden sonst.
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