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VerfassungsschutzberichtWarnen vor Extremismus, aber kürzen bei der Prävention

Gareth Joswig

Kommentar von

Gareth Joswig

Jährlich stellt Dobrindt eine steigende Radikalisierung von Jugendlichen fest. Um dann nach innen aufzurüsten, statt ihr langfristig entgegenzuwirken.

M an kann nicht zunehmende Radikalisierung Jugendlicher durch Rechtsextreme und Islamisten beklagen, aber gleichzeitig der ehrenamtlichen Unterstützungslandschaft die Beine wegtreten. Genau das aber tut die Bundesregierung derzeit.

Einerseits stellt sie jährlich immer größere Bedrohungen im jährlichen Verfassungsschutzbericht fest, wie Innenminister Dobrindt es am Dienstag tat. Gleichzeitig bedroht die Bundesregierung allerdings mit Streichung von Geldern für das Programm „Demokratie Leben“ und damit einem breiten Teil der organisierten und gegen Autoritarismus wehrhaften Zivilgesellschaft.

Das Geld kommt in vielen Regionen genau jenen Initiativen zugute, die mit bewährten Mitteln gegen Radikalisierungsdynamiken nicht nur wirken, sondern auch Aufklärung leisten und in die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus gehen.

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In dieser verheerenden Lage beraten zivilgesellschaftliche Vereine Opfer und Betroffene, aber auch Familien von sich gerade jung und meist im Internet radikalisierenden potenziellen Täter*innen. Antifaschistische Kärrnerarbeit wie diese sollte nichts sein, was der Staat selbst als vermeintlich linksextrem diffamiert. Er sollte vielmehr froh sein, dass Ehrenamtliche dort den Karren aus dem Dreck ziehen, wo der Staat sich längst zurückgezogen hat – etwa in Regionen, wo Rechtsextremismus längst normalisiert ist.

Systematische Hetze von rechts

Gerade bei jungen Menschen, die noch kein geschlossenes Weltbild haben und deren zunehmende Radikalisierung der Innenminister Dobrindt besonders beklagt, braucht es dagegen genau diese Aufklärung und Prävention. Systematisch und strukturiert verhetzen rechtsextreme, islamistische, aber auch staatliche Akteure Kinder und Jugendliche (aber auch Erwachsene) auf Tiktok, Instagram und Youtube. Sie geben autoritäre Verheißungen in komplizierten Verhältnissen und bieten ein einfaches Weltbild.

Die richtige Antwort darauf wäre nicht mehr autoritäre Aufrüstung durch die Ausweitung von Befugnissen von Sicherheitsbehörden, sondern Sozialarbeit, Pädagogik und damit Prävention. Wer die Erkenntnisse des Verfassungsschutzes ernst nimmt, sollte „Demokratie Leben“ weiter fördern.

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Gareth Joswig

Gareth Joswig Redakteur Inland

Arbeitet seit 2016 als Reporter und Redakteur bei der taz. Zunächst in den Lokalredaktionen von Bremen und Berlin, seit 2021 auch im Inland und Parlamentsbüro. Davor Geschichts- und Soziologiestudium. Themenschwerpunkte: extreme Rechte, AfD, soziale Bewegungen, Mietenpolitik, dies, das, verschiedene Dinge.
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10 Kommentare

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  • „Warnen vor Extremismus, aber kürzen bei der Prävention“ - ich würde das „aber" durch ein „und" ersetzen, um die Strategie dahinter erkennbarer zu machen. Das spalterische EGO erlaubt nur die eine Methode, eine Wir-Erfahrung zu erzeugen: die Definition eines gemeinsamen Gegners.



    Die Sehnsucht nach der Wir-Erfahrung wächst, je weiter man sich tatsächlich vom Herzen der Gemeinschaft entfernt, und stattdessen spaltet, intrigiert, manipuliert, gegeneinander ausspielt, ...



    Das ist der Teufelskreis: Spaltung > Mangelgefühl > Sehnsucht > Spaltung > Mangelgefühl > Sehnsucht > usw.



    (Tüüfel, Dwüfel, Tiufil, u.ä. sind altes Deutsch für den Entzweier, ebenso wie Diabolos vom alten Griechisch dia ballein entzweien, spalten). Soviel zur „christlichen" Union.



    Wenn die Regierungen ihren Job nicht mehr im demokratischen Sinne erledigen, muß es die Bevölkerung um so mehr tun. Da hilft wohl vorerst nur spenden und ehrenamtlicher Einsatz, und beim nächsten mal jemand anderen wählen, mit mehr Gemeinsinn.

    (und nein, ich glaube nicht an dieses personifizierte Böse).

  • Der Bericht ist wie gehabt zu einem guten Teil nicht wirklich relevant und interessant, am liebsten würde Alexander Dobrindt über die gefährliche Linke sprechen, tatsächlich steht selbst in diesem fruchtlosen Papier eine Sache: Die Neonazis und Rechtsextremisten sind am gefährlichsten. Sie sind gewaltbereit, sie halten Gewalt für politisches Engagement und sie sind bewaffnet.



    Dass nun dieser Sachverhalt die Politik bzw. die Regierung umtreibt?



    Nein, alles bleibt gleich.



    Und da sind wir beim Problem. Keiner weiß, wie viel von der rechten Gewalt überhaupt erst statfindet, weil Geheimdienste da mitmischen und immer wieder Quellen und Personen führen, die unzuverlässig sind, die es am Ende nicht bringen, die aber Quellenschutz genießen.



    Das Kapitel NSU war nur zu aussagefähig, wie idiotisch diese Szene aufgebaut und überwacht wird.



    Ob man daraus gelernt hat?



    Vielleicht schreddert man schneller und ist dabei genauer. Der Rest dürfte gleich bleiben. Wer Informationen will, der darf nicht zimperlich sein, so läuft das doch.



    Ich würde die Bundeszentrale für politische Bildung und den Staatsschutz ausbauen und die Geheimdienste verkleinern, mehr fällt mir dazu nicht ein ....

  • Rationales Denken ist vielen Politiker*innen unmöglich, das kann dem Eigennutz schaden. Gerade Dobrindt ist ein gutes Beispiel dafür: lieber populistische Presseerklärungen wortreich präsentieren als an den Ursachen der Probleme zu arbeiten - das bringt kaum Aufmerksamkeit. So geht Eigenmarketing. In diesem Szenario kommt noch dazu, dass ein csU Politiker wohl kaum ernsthaft gegen Rechtstendenzen angeht.

  • Prävention? Witzig. Die Politik dieser Regierung ist unter den Ursachen für eine Radikalisierung ja wohl nicht an letzter Stelle. Eine solche Politk der absichtlichen Verarmung von Teilen der Bevölkerung kennen HistorikerInnen als maßgebliche Quelle dafür.

    Wäre ich ein Migrant, würde mich die Politik Dobrindts nicht wütend machen? Nur als Beispiel. Gut, mich macht sie auch so wütend, aber ich meine ja nur.

    • @Jalella:

      Weil diese Regierung absichtlich Wahlen verlieren will? Die vorherigen Regierungen trifft keine Schuld?

  • Europäischer Spätfaschismus

    Er kommt nicht mehr wie in den 1920er- und 1930er-Jahren mit dem offenen Bruch der Demokratie, sondern wächst innerhalb ihrer bestehenden Strukturen. Seit Jahren erleben wir eine schleichende Entwicklung hin zum Autoritarismus.

    Während der Verfassungsschutz vor zunehmenden Bedrohungen durch Rechtsextremismus und ausländische Einflussnahme warnt, setzt Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) seine Schwerpunkte auf Linksextremismus und Islamismus.

    Gleichzeitig stellt die Bundesregierung Kürzungen für das Programm „Demokratie leben!“ in Aussicht. Betroffen wäre ausgerechnet ein wesentlicher Teil der organisierten Zivilgesellschaft, die sich für Demokratie engagiert und autoritären Entwicklungen entgegenwirkt.

    So entsteht der Eindruck, dass gerade jene Strukturen geschwächt werden, die demokratische Resilienz stärken sollen.

    • @Okay:

      Auch ab 1920 war es weitgehend ein Marsch durch die demokratischen Institutionen, der am Ende in die Katastrophe führte. Damals wurde das Ermächtigungsgesetz, das direkt in die Katastrophe führte, von konservativen Politikern ermöglicht, die keine Brandmauer kannten und die mehr Angst vor ein paar Linken als vor rassistischen Schlägertrupps hatten.

      Es wundert mich immer wieder, wie heute manche Politiker so geschichtsvergessen sein können, die damalige Entwicklung zu ignorieren und zu glauben, es würde nächstes Mal besser laufen, wenn man autoritären, rassistischen, isolationistischen und völkischen Strömungen nicht entschieden und von Anfang an entgegentritt.

  • Leider hat eine ganze Generation ohne geschlossenes Weltbild schon noch umfangreiche zivilgesellschaftliche Erziehung genossen, um dann dennoch AfD zu wählen.

  • Warum werden linksextreme Antisemiten vergessen? Da hat doch sogar die TAZ schon drüber geschrieben.

    • @Peter Schütt:

      So weit ich mich erinnere, war die Anzahl rechtextremer Straftaten letztes Jahr deutlich höher als die Zahl linksextremer Straftaten. Es sieht auch so aus, als sei die Demokratie durch Rechtsextremismus z. Zt. eher gefährdet als durch Linksextremismus. Es bietet sich also an, insbesondere rechtsextremen Umtrieben stärker entgegenzuwirken als bisher. Vergessen werden linksextreme Antisemiten aber keineswegs.