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Sexualisierung Minderjähriger im FilmDas Ungemütliche hat viele Seiten

Nastassja Kinski ist nicht die Einzige, die als Erwachsene neu über Erfahrungen nachdenkt. Die Sexualisierung Minderjähriger endet nicht erst bei den Dreharbeiten.

Verglichen mit anderen Shitstorms, die mit Regelmäßigkeit den Puls der Öffentlichkeit hochtreiben, war es eine fast schon produktive Debatte. Vielleicht lag es daran, dass mit Wim Wenders’ „Falsche Bewegung“ von 1975 für eine Woche ein Film im Zentrum stand, dem sonst eher wenig Aufmerksamkeit zukommt, was die Zahl der meinungsstarken Einwürfe etwas einschränkte. In jedem Fall kamen in der Diskussion um „Falsche Bewegung“ und Nastassja Kinskis halbnackten Auftritt als 13-Jährige darin erfreulich verschiedene Aspekte zur Geltung.

Im Vordergrund stand zwar einmal mehr der verspätete Schock über den Sexismus von einst und die gesamtgesellschaftlichen Scheuklappen gegenüber dem, was man fast schon beschönigend als „Lolita-Komplex“ bezeichnet. So hatte sich Nastassja Kinski seit Jahren darum bemüht, die betreffende Szene aus dem Film schneiden zu lassen. Aber erst Wim Wenders’ in seiner Dankesrede beim Deutschen Filmpreis geäußerte Weigerung, der Bitte so einfach nachzukommen, brachte ihr die volle Aufmerksamkeit.

Viele, die noch nie von dem Film gehört hatten – er war erst im März im Frankfurter Filmmuseum im Begleitprogramm der dortigen Wenders-Ausstellung gezeigt worden –, erfuhren erstmals von seiner Problematik. Und zeitgleich aber auch vom Für und Wider eines angemessenen Umgangs damit.

Wenders’ eine Woche später erfolgte, uneingeschränkte Entschuldigung bei Kinski, verbunden mit der Entscheidung, den Film vorerst aus dem Verkehr zu ziehen, setzte der Debatte ein vorläufiges, wenn auch nicht unbedingt befriedigendes Ende. Die verschiedenen Stränge hängen nun gleichsam in der Luft: Wie soll man verfahren mit Filmen oder Büchern, die Stellen enthalten, die heute „nicht mehr gehen“?

Rausschneiden oder Verpixeln?

Die einen behaupten, dass an Filmen sowieso die ganze Zeit herumgeschnitten werde, für bestimmte Ausstrahlungen, Länderlizenzen und Ähnliches, sodass eine Szene mehr oder weniger doch letztlich nichts ausmache. Manche plädierten gar für die simple Lösung der Verpixelung.

Für andere stellt die Integrität eines Kunstwerks einen Wert an sich dar, den es historisch auch gegen den jeweiligen Zeitgeist zu bewahren gilt. Gibt es ein Anrecht darauf, zu wissen, wie es „ursprünglich“ gewesen ist? Die Neugier darauf könnte ihrerseits einen unschönen Schwarzhandel nach sich ziehen. Das sozialpädagogische Handwerk, das solche Konflikte mit Kontextualisierung und Triggerwarnungen zu lösen versucht, wirkt da wie ein verkopftes Versprechen, das mit Zerreden nervt.

Auf wohltuende Weise aber offenbarte die Debatte über alle Widersprüche hinweg, dass Nastassja Kinskis persönliches Anliegen, ihr 13-jähriges, bei den Dreharbeiten überrumpeltes Ich im Nachhinein schützen zu wollen, Verständnis entgegengebracht wurde und rundum einleuchtete. Vielleicht setzte genau das dem Ganzen eine neue Note.

Denn statt Wenders nun sensationsheischend in eine Reihe mit der Aufregung um Konstantin Weckers Vorliebe für junge Mädchen oder den stets aufs Neue triggernden Skandalen um Roman Polanski, Woody Allen oder gar Jeffrey Epstein zu stellen, regt Kinskis Einwurf zur umgekehrten Route an. Sie ist nicht der einzige Kinderstar, der als Erwachsene neu über die eigenen Erfahrungen von damals nachdenkt.

Jodie Foster als Prostituierte in „Taxi Driver“

Ein Gegenbeispiel zu Kinskis negativ konnotierten Erfahrungen nicht nur beim Dreh mit Wenders liefert die fast gleichaltrige Jodie Foster. Sie erinnert sich an ihre Mitarbeit als 12-Jährige in „Taxi Driver“ stets mit Humor und Jovialität. Wie dieser Tage beim Tribeca-Filmfestival, wo der 50. Geburtstag von Martin Scorseses Film gefeiert wurde, betont Foster gern, dass sie als damals bereits erfahrener Kinderstar die Souveränere am Set gewesen sei.

Robert De Niro und Scorsese hätten peinlich berührt gekichert, wenn sie ihr die Rolle der Kinderprostituierten erklären mussten, sie selbst sah sich als abgebrüht.

Für die sexuell expliziteren Szenen wurde Jodie aber von ihrer damals bereits 18-jährigen Schwester Connie als Stand-in ersetzt. Was für eine Professionalität am „Taxi-Driver“-Set spricht, die man Wenders im Nachhinein nur wünschen könnte – die aber der deutsche Film von damals wohl gerade abgelehnt hätte.

Mit Professionalität allein lässt sich ohnehin nicht alles lösen. Das macht Brooke Shields begreiflich, die im selbst produzierten Dokumentarfilm „Pretty Baby: Brooke Shields“ (2023) über ganz verschiedene Aspekte ihrer Zeit als Kinderstar spricht.

Brooke Shields als Prostituierte in „Pretty Baby“

Ähnlich wie Foster spielte sie in Louis Malles „Pretty Baby“ (1978) als 11-Jährige eine Kinderprostituierte, was in den prüden USA von damals einen Skandal darstellte, wenn auch mit etwas anderer Ausrichtung als heute. Shields erinnert sich an nichts Unangenehmes von den Dreharbeiten – für die Nacktszenen trug sie einen body stocking, einen „Ganzkörperstrump“ –, ungemütlich dagegen war es, sich für die Teilnahme am „unmoralischen“ Film rechtfertigen zu müssen.

Sie selbst hält „Pretty Baby“ nämlich für einen der besten und künstlerisch wertvollsten Filme, die sie je gemacht hat; die Tatsache, dass sie den Titel in ihrem eigenen Documentary recycelt hat, spricht für sich.

Abgesehen von „Pretty Baby“ aber weiß Brooke Shields über eine ganze Palette an Negativerfahrungen zu berichten. Sie verlor den Rechtsstreit gegen den Fotografen, der Nacktbilder von ihr als Zehnjähriger weiterverkaufte, und erinnert sich daran, wie Franco Zeffirelli ihr als 16-Jähriger beim Dreh von „Endlose Liebe“ schmerzhaft an den Zeh griff, um einen bestimmten Gesichtsausdruck zu filmen.

Und noch als erwachsene 20-Jährige erlebte sie einen sexuellen Übergriff in großer Hilflosigkeit. Immer wieder thematisiert sie den ungemütlichen Abgrund zwischen dem, was sie als ihre Arbeit ansah, und dem, was mit sexualisierendem Blick daraus gemacht wurde.

Schlimme Fanpost für Natalie Portman

Auch für Natalie Portman, deren diesbezüglich einschlägiger Film „Léon – Der Profi“ von 1994, mithin einem vermeintlich fortschrittlicheren Jahrzehnt stammt, sind es nicht die Dreharbeiten, die ihr heute unwohle Gefühle machen. Es war die Fanpost, in der Einzelne ihre sexuellen oder auch gewalttätigen Fantasien kundtaten oder auch der von einem Radiosender ausgerufene Countdown zu ihrem 18. Geburtstag, die Portman heute mehr als „cringy“ erscheinen.

Ähnliches wie Portman benennen auch Dakota Fanning, die in „Hounddog“ von 2007 ein 12-jähriges Opfer einer Vergewaltigung spielte, oder Kirsten Dunst (die in „Interview mit einem Vampir“ als 10-Jährige den 19 Jahre älteren Brad Pitt küssen musste): Es kann nicht darum gehen, bestimmte Rollen oder Darstellungen abzulehnen, solange bei den Dreharbeiten Standards eingehalten werden und Rücksicht genommen wird. Die Problematik endet jedoch nicht da. Die Zu­schaue­r*in­nen tragen eine Mitverantwortung dafür, wie ein Film betrachtet und interpretiert wird.

Die Forderung, heute für „unangemessen“ gehaltene Szenen wie die der halbnackten 13-jährigen Kinski in Wenders’ „Falsche Bewegung“ mit Label und „Kontext“ zu versehen, erweist sich in diesem größeren Zusammenhang nämlich als bloße Krücke für das Eigentliche: ein allgemeines, geteiltes Bewusstsein darüber, was daran gegen den Strich geht.

Dass Kinski selbst sich beim Dreh übertölpelt fühlte, ist das eine, dass die Szene im Film etwas bebildert, das man so nicht mehr sehen mag, weil die Sexualisierung einer 13-Jährigen „uns heute“ im Gegensatz zu „denen damals“ falsch erscheint, das andere.

Dafür, dass das so ist, kann man allerdings dankbar sein.

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