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Wim Wenders und die NacktszenenEs ist nicht kompliziert

Valérie Catil

Kommentar von

Valérie Catil

Die Debatte über Wim Wenders’ Film „Falsche Bewegung“ ist einfacher gelöst als gedacht. Nacktszenen mit Kindern sollte es damals wie heute nicht geben.

D ie menschliche Intuition funktioniert ganz gut. „Nastassja Kinski, Falsche Bewegung, Nacktszene“, gab ich in die Suchmaschine ein, um mir die Filmszene anzusehen, und merkte sofort, dass das falsch war. Einerseits, weil ich damit einen Inhalt zu finden versuchte, der ein Kind sexualisiert zeigt, andererseits, weil ich Kinski damit unrecht tat.

Kinski sagte in der Süddeutschen Zeitung, dass sie den Regisseur Wim Wenders seit zehn Jahren darum bittet, die zweiminütige Szene aus dem Film „Falsche Bewegung“ zu entfernen. Man sieht die damals 13-Jährige in der Rolle der Mignon nur in Unterhose. Der 30-jährige Hauptdarsteller Rüdiger Vogler legt sich, ebenfalls Unterhose tragend, auf sie. Er ohrfeigt sie erst, streichelt sie dann.

Entfernt hat Wenders die Szene nicht, den Film jedoch inzwischen zurückgezogen. Er ließ über seine Stiftung bekanntgeben, dass er ihn erst wieder veröffentliche, wenn er gemeinsam mit Kinski zu einer einvernehmlichen Lösung gekommen sei, wie der Film erscheinen solle.

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Beim Deutschen Filmpreis, wo Wenders den Preis für sein Lebenswerk bekam, fragte er: „Darf man? Kann man? Soll man vielleicht eine Szene schneiden, wenn es einer Schauspielerin, die ich sehr verehrt habe und verehre, wehtut?“ Es ist der Versuch, aus der simplen Frage, ob man eine unter fragwürdigen Umständen entstandene kinderpornografische Szene zeigen sollte, eine komplexe zu machen.

Es gibt Stimmen, die, wie Wenders, darin einen Präzedenzfall sehen. Wenn man diesen Film schneidet, dann könnten wir bald in einer Welt leben, in der Filme, die moralisch fragwürdige Inhalte zeigen, beschnitten, zensiert, gelöscht werden. Jeder Film, so beschwören es jene, die diese Position vertreten, müsse dann an die heute geltenden Maßstäbe politischer Korrektheit angepasst werden. Und das wäre nicht nur kompliziert, das wäre fatal.

In diesem Fall ist das nicht so. In „Falsche Bewegung“ geht es nicht um politische Korrektheit, sondern um den Schutz von Minderjährigen.

Kinski war nicht darauf vorbereitet, sich auszuziehen, musste die Szene mehrfach abbrechen, fühlte sich unwohl und wurde von niemandem geschützt. „Taxi Driver“ nennt sie selbst als Beispiel dafür, wie man die Geschichte einer minderjährigen Person erzählt, die von älteren Männern sexualisiert wird, ohne dabei den unverzeihlichen Fehler zu begehen, den die Männer in diesen Geschichten machen.

Passivität und Machtlosigkeit

Das Kind nämlich tatsächlich zum Opfer sexualisierter Gewalt werden zu lassen, und das auch noch filmisch zu verbreiten.

Er würde das heute nicht mehr so drehen, 1975, das war eine andere Zeit, betonte Wenders in seiner Rede. Das stimmt. Zwei Jahre später unterschrieben französische Intellektuelle wie Simone de Beauvoir, Gilles Deleuze, Jean-Paul Sartre oder Roland Barthes einen offenen Brief zur Entkriminalisierung pädophiler Handlungen. Ja, es war eine andere Zeit, und trotzdem: Dieser Brief war falsch. Und falsch war und ist es immer noch, Kinder sexualisiert darzustellen.

Darf man also? Kann man? Sicher. Bloß wollte Wenders bisher offenkundig nicht. Noch 2016 sagte er in einem Brief an Kinski, dass er nicht wisse, was „unter einer Lösung des Problems (das es gar nicht gibt)“ zu verstehen sei. Deshalb muss aus einer ziemlich simplen Frage auch eine komplexe werden, die Revision der gesamten Filmgeschichte bedeuten könnte.

Wenders hätte als Autorenfilmer, der die Macht über seine Werke hat, genauso gut sagen können: „Das ist mein Film, ich entscheide über ihn, hier hat niemand (außer etwa Kinski) mitzureden – und deswegen lösche ich die Szene.“ Die Frage nach außen zu kehren, das ist es doch erst, was den Anschein erwecken lässt, als könnte bald jeder Film zur Zensur offenstehen, wenn nur genug Menschen davon getriggert sind.

Die Passivität, mit der er den Sachverhalt beim Filmpreis schildert, bezeugt diese inszenierte Machtlosigkeit. Er sagt: „Es gibt in dem Film eine Szene mit der 13-jährigen Nastassja Kinski, die mit bloßem Oberkörper gefilmt wurde.“ – Nein, Sie, Wim Wenders, haben eine Nacktszene mit der 13-jährigen Nastassja Kinski in den Film geschrieben, die es in der Buchvorlage nicht so gab, und die Szene aufgenommen.

„Es gibt ein Aufbegehren, dass man eine Szene schneiden möge“, sagt er. Nein, die von ihnen „verehrte“ Nastassja Kinski, bittet Sie, Wim Wenders, die Szene zu löschen. Eine Szene in einem Film, über den Sie entscheiden können.

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Wenn der Fall „Falsche Bewegung“ bedeutet, dass Szenen, in denen schutzlose Kinder sexualisiert dargestellt werden, aus Filmen entfernt werden, dann sollen die Tore dafür weit offenstehen. Das ist nämlich keine Kunst, kein ästhetisches Gut und auch kein Mahnmal.

Das sind Ausdrücke patriarchaler Perversion, die keine Denkmäler verdienen. Wir werden nicht verlernen, dass Pädophilie falsch ist oder dass Frauen Männern am Set ausgeliefert sind und waren, weil wir die 13-jährige Kinski nicht mehr nackt betrachten können.

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Valérie Catil

Valérie Catil Gesellschaftsredakteurin

Redakteurin bei taz zwei, dem Ressort für Gesellschaft und Medien. Studierte Philosophie und Französisch in Berlin. Seit 2023 bei der taz.
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12 Kommentare

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  • Ich habe den Eindruck, dass bei dem Thema unterschiedliche Ebenen in einen Topf geworfen werden.

    Da ist zum einen die Hybris des Herrn Wenders, der offenbar jeden seiner Filme für so genial hält, dass durch die nachträglich gewünschte Änderung sein gesamtes Lebenswerk zerstört würde.



    Er hätte dem Wunsch von Frau Kinski einfach nachkommen sollen, ob er sie nun verehrt oder nicht. Basta.

    Eine andere Ebene ist der damalige Umgang mit einer jugendlichen Schauspielerin, um deren Befindlichkeit oder Schamgrenze sich offenbar beim Drehen niemand kümmerte.



    Das war auch 1975 absolut falsch und Rücksichtslos.

    Eine ganz andere Frage ist, wie mit sich wandelnder Sexualmoral im künstlerischen Zusammenhang umzugehen ist.



    Wie sehr sich gesellschaftliche Tabus oder Wertvorstellungen über die Darstellung nackter Körper oder Sexualität ändern, ist sowohl beim Betrachten von Kunst in Museen als auch an Badestränden festzustellen. An deutschen Stränden war "oben ohne" für Frauen und Männer lange Zeit ganz normal.

    Die umstrittene Filmszene mit Kinderpornografischen Darstellungen gleichzusetzen halte ich für falsch. Die Traumatisierung sexuell missbrauchter Kinder ist damit nicht vergleichbar.

  • Der Schauspieler David Bennent sollte sich ein Beispiel an der tapferen, beharrlichen und keuschen Kinski nehmen und sich endlich bei Schlöndorff melden, damit die Szene im Film „Die Blechtrommel“ rausgeschnitten wird, in der er als 11-Jähriger gezwungen wurde, in der Umkleidekabine Oralsex mit der erwachsenen Katharina Thalbach zu verüben: widerlich! Die literarischen Kopfgeburten der pädophilen Franzosen – von De Beauvoir bis Deleuze – sollten alle aus dem Verkehr gezogen und verbrannt werden, ebenso Goethes von Wenders verfilmter, obszöner “Roman“ mit der/dem androgynen, 12-jährigen Mignon (könnte auch ein Junge sein!). Und die Bibel gleich mit, wie es in den USA bereits geschieht: Die hl. Jesus-Mutter Maria war schliesslich auch gerade erst 13, als sie vom hl. Geist geschwängert wurde!

  • Ich habe mir die Mühe gemacht, den Film anzuschauen, allerdings aus Zeitgründen auf 8x Geschwindigkeit. Ich kann da keine Nacktszenen, geschweige denn etwas pornografisches entdecken. Das einzige war eine halbnackt Szene. Just my 2 cents.

    • @Lumlum Hofstetter:

      Ist ja nicht so, als ob das nicht genau so im Artikel stehen würde.



      "Man sieht die damals 13-Jährige in der Rolle der Mignon nur in Unterhose."

    • @Lumlum Hofstetter:

      Da nützen die 2 cents offenbar auch nicht. Halb-Nacktszene mit einem 13 jährigen Kind. Was ist daran normal in einem Kinofilm? Das war prinzipiell übrigens schon damals einigen Leuten aufgefallen, ich denke mal an das Plattencover von Blind Faith 1969. Die Diskussion müsste auch der junge Win Wenders mitbekommen haben.

  • Ist das ein Boomer Ding das so kompliziert zu machen und den Quatsch mit der Kunst als Ausrede zu beachten?



    Die Sache ist doch ganz Simpel, wer sexualisierte Darstellungen von Kindern erstellt ist ein Pedo. Ausreden wie Kunst usw zählen 0, die selbe Ausrede benutzen nämlich auch die die Aufnahmen von Kindern in Aufreizenden Posen in Unterwäsche oder Badekleidung machen.

    Und das er sich weigert das zu entfernen, bzw jetzt nach öffentlichen Druck den Film zurück hält (nicht aber die Scene) sehe ich als möglichen Teil seiner Perversion, so wie Serienmörder manchmal eine Obsession dazu haben Kontakt zu der Familie des Opfers aufzunehmen, oder wie mit ihren Trophäen.



    Das ist seine Trophäe und sein Verhalten in der Sache ist Teil seiner Perversion.

    Normal ist daran jedenfalls gar nichts, und ich würde empfehlen, Kinder nicht in seine Nähe zu lassen!

  • Gut gesagt! Vielleicht hülfe eine Petition ? Die mächtigen patriarchalen Personen, die sich auch noch fortschrittlich sehen, die Maske vom Gesicht zu nehmen, das machen sie schon selber! Leider ist das mit der Emanzipations Verirrung hin zu pädophillen Anteilen nie wirklich aufgearbeitet worden und so ist die Propaganda von Rechts , dass dies in der LGBTI Bewegung inhärent wäre leider nicht wirklich emanzipativ beantwortet worden. Dies ginge nur durch eine feministische tiefen-analytische Beschreibung des Zusammenhangs von der Gewalt, die sich Menschen, die mit Penis geboren wurden antun sollen, um als Erben im Patriarchat der Männer-Rollenerwartung gerecht zu werden: als erstes sollen, sie ihre eigene Weiblichkeit negieren und abwerten, als Kinder schon, also oft ihre kindliche Offenheit für Gefühle und Empathy allgemein, als zweites sollen sie dies nach Aussen agieren und sich darin beweisen. Frauen zu dominieren. Dass die geil werden davon betäubteFrauen zu vergewaltingen, oder Kinder hat mit ihrer Sozialisation zu tun, was sie zuerst sich selbst antun sollen, als Erben in der Geschlechterhierarchie: End patriarchal rule ! Selbstanziege wäre das einzig linke, was er tun könnte

    • @R.L.:

      Gab es in den 1980er Jahren nicht sogar von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Forderung nach Straffreiheit für pädophile Beziehungen?

  • Es war keine „richtige“ Nacktszene sondern „nur“ „oben ohne“, was in den Siebzigern auch bei Frauen eigentlich keine große Sache war. Außerdem finde ich es problematisch Nacktheit (von wem auch immer) vorschnell zu sexualisieren, denn: Nackt zu sein ist eigentlich etwas völlig natürliches.

    • @Saile:

      Ich glaube, das sich bestimmte gesellschaftliche Kreise verrennen, egal ob "rechts" oder "links". Das zeigt sich auch beim Thema Sexualität imho.

    • @Saile:

      Bei einer erwachsenen Frau vielleicht, aber nicht bei einer 13-jährigen Schauspielerin, auf die sich ein 30-jähriger erwachsener Mann legt, und die nicht auf die Szene vorbereitet war. Ganz natürlich, soso

    • @Saile:

      Können wir vielleicht jeden selber entscheiden lasse, ob eine



      Nacktszene, unabhängig davon, wie viel Haut man sieht, eine große sache ist oder nicht?

      Unabhängig davon: "Der 30-jährige Hauptdarsteller Rüdiger Vogler legt sich, ebenfalls Unterhose tragend, auf sie. Er ohrfeigt sie erst, streichelt sie dann."



      Sehe nicht ganz, wie das konkret nicht sexualisiert ist.

      -> "Nackt zu sein ist eigentlich etwas völlig natürliches".



      Nur weil etwas "völlig [natürlich]" ist, heißt es nicht, dass es heute oder überhaupt gut ist. In deiner "völlig [natürlichen]" Gesellschaft, wo der Mensch noch nicht über die Natur herschte, ist man bei schweren Wunden i.d.r. verbluted, weil entsprechende es entsprechende behandlungen nicht gab/sie nicht gut genug waren. Sehe nicht, wie dieses "völlig [natürliche]" etwas gutes ist.