Verleihung Deutscher Filmpreis: Die Moral hat sich nicht groß geändert
Bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises ging die Goldene Lola an Mascha Schilinski für „In die Sonne schauen“. Der Abend gehörte aber den weißen alten Männern.
Natürlich ging es um Filme bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises „Lola“ am Freitag. Doch man müsste vielleicht sagen: Es ging auch um Filme. Denn was auf der Bühne des Palais am Funkturm zu sehen war, das war etwas anderes als die übliche, von der klassischen Laudatio-Preisträgerenthüllung-Übergabe-Dankesrede-ab-Dramaturgie geprägte Erfahrung, bei der man sich mal mehr und mal weniger über die Entscheidungen der über 2.400 Filmakademie-Mitglieder freut, die Dankes- und Ehrenreden mal mehr, mal weniger gelungen findet, und auf Politisches, vielleicht sogar auf Patzer lauert, damit ein wenig Schwung in die Bude kommt.
Neben dem eh vorhandenen, vom Moderator, Schauspieler und Sänger Christian Friedel eifrig verbreiteten Schwung bekam man nämlich die verblüffende Gelegenheit, die Bandbreite des alten weißen Mannes in all seinen Spielarten live auf der Bühne zu erleben – und zu verstehen, wie er, der alte weiße Mann, der als abstrakter Typus so etabliert ist, dass sich niemand auf den Schlips getreten fühlen muss (auch junge Schwarze Frauen können „alte weiße Männer“ sein), wie er also mit dem Film, der Branche, der Politik, der Gesellschaft zusammenhängt.
Die vielen beeindruckenden Reden und Aussagen, die gewinnende oder laudatierende Frauen an dem Abend getätigt hatten, werden in diesem Bericht nicht vorkommen – was nicht Ignoranz oder Desinteresse bedeutet, sondern nur, dass es an ihnen größtenteils nichts auszusetzen gab.
Die Arbeit des Kulturstaatsministers kritisieren
Und auch nicht an sämtlichen Männeräußerungen. Um mit einem ausschließlich semantisch, wegen passendem Lebensalter und Hautfarbe in die Kategorie fallenden Mann anzufangen: Der Produzent Ingo Fliess hielt eine mitreißende und aktuelle Rede über die Relevanz der künstlerischen Freiheit in einer Demokratie, die mit den diplomatischen Worten begann, er sei glücklich darüber, in einem Land leben zu können, in dem nicht nur die Förderstruktur diese Freiheit garantiert und ein A-Festival vorhanden ist, sondern man die Arbeit eines Kulturstaatsministers kritisieren und seine Befremdung über dessen Umgang mit dem Buchhandelspreis ausdrücken könne, ohne Restriktionen erwarten zu müssen.
Selbstverständlich war diese Rede politisch – der von Fliess produzierte und von İlker Çatak so großartig inszenierte Film „Gelbe Briefe“, der mit zwei Lolas geehrt wurde, darunter die silberne für den „Besten Film“, und der sich auch schon auf der Berlinale über den verdienten Goldenen Bären gefreut hatte, ist ein politisches Werk, in dem es um die Einflussnahme der Politik auf die Kunst geht. Ebendas, was Weimer immer wieder vorgeworfen wird.
Vorher hatten bereits jede Menge anderer Menschen Weimer und sein Verhalten direkt oder indirekt kritisiert – Friedel hatte etwa die Filmpreis-Laudatorin Tricia Tuttle mit den Worten vorgestellt, er wünsche sich, dass diese Frau ihren Job noch sehr, sehr lange ausübe, und damit auf die Abberufungspläne der Berlinale-Chefin von Seiten des Ministeriums angespielt, in deren Entwicklung Weimer am Ende sogar behauptet hatte, Tuttle hätte ihn selbst um die Befreiung von ihrem Posten gebeten.
Wenders über Nacktszene mit 13-jähriger Nastassja Kinski
Zusätzlich zur durch Agenden geprägten Personalpolitik ging es am Freitag auch um Genderpolitik. Mehr noch als weitere Sprecher:innen, die sich – anders als die Dokumentarfilm-Laudatorin Collien Fernandes – ebenfalls dazu äußerten, war es der Ehrenpreisträger und alte weiße Mann Wim Wenders, der aufhorchen ließ: Vielleicht aufgrund des Drucks der Berichte über Nastassja Kinskis langjährige Bemühungen, eine von ihr mit 13 gespielte Nacktszene aus einem Wenders-Film herausschneiden zu lassen; vielleicht auch wegen seiner Erfahrung auf der diesjährigen Berlinale mit einer vielkritisierten Formulierung über „politische Filme“ brachte der Regisseur das Thema in seiner Dankesrede jedenfalls eigenmächtig aufs Tapet.
Er sagte, dass er solche Szenen heute so nicht mehr drehen würde, und rief explizit auch jüngere Filmschaffende zu einer Diskussion darüber auf, wie mit sich wandelnden „Moralfragen“ und Forderungen nach Umschnitten oder Änderungen an künstlerischen Werken umzugehen sei. Seinem jüngeren Ich würde er allerdings „keinen Vorwurf machen“. Mit diesen Aussagen war ein wichtiger Schritt getan: Wenders öffnete öffentlich und selbstständig die Tür zum notwendigen Diskurs. Gleichzeitig machte er fast den gesamten Schritt wieder zurück.
Denn es geht eben nicht um sich wandelnde Fragen nach Moral, nicht um „was einst okay war, ist heute verboten“ – das Sexualisieren von Kindern war noch nie okay oder moralisch einwandfrei. Und auch der junge Wenders, er war damals 29, hätte die Unversehrtheit vor allem kindlicher Cast- oder Crewmitglieder als absolute Priorität begreifen müssen. Das hat Wenders anscheinend nicht verstanden: Seinem jüngeren Ich ist absolut ein Vorwurf zu machen. Die Frage des Umgangs, ob man Filme umschneiden und verändern oder sie nicht lieber bei Vorführungen kontextualisieren und damit in ihre Zeit einordnen sollte, ist eine völlig andere.
Hatte der Ladator einen sitzen?
Der dritte alte weiße Mann hatte dem langen, durch eine aufgrund eines Technikabsturzes erzwungene Unterbrechung sogar noch längeren Abend kurz zuvor einen bahnbrechenden Fremdschämmoment geschenkt, der das Publikum ratlos zurückließ: Regisseur Leander Haußmann, der Laudator für die drei „Beste männliche Hauptrolle“-Kandidaten, mäanderte nicht nur minutenlang unzusammenhängend durch die Rabatten und kreiste eigentlich in jeder Ausführung immer nur um sich selbst, sondern sprach İlker Çataks Namen mehrfach falsch aus und patzte bei der Entschuldigung dafür ebenso.
Vielleicht war er schlecht vorbereitet, vielleicht wurde er erst spät als Laudator verpflichtet. Vielleicht, man weiß es nicht, aber gönnt es ihm ja, hatte er auch einfach einen sitzen. Aber wie kann es sein, dass ein Regisseur, dessen eigene Filme so eng mit der Geschichte Deutschlands und der Filmindustrie verbunden sind, den Namen Çatak anscheinend noch nie ausgesprochen hat?
Der Schluss der Show, kurz bevor Mascha Schilinskis in jeglicher Hinsicht außergewöhnlicher feministischer Generationenfilm „In die Sonne schauen“ seinen Triumphzug mit zehn Lolas, darunter auch der Hauptpreis, beendet hatte, gehörte dem letzten alten weißen Mann. Und dessen Verhalten war das unbegreiflichste und dabei bezeichnendste des einprägsamen Abends: Wolfram Weimer brachte es fertig, bei seiner kurzen, allgemein gehaltenen Rede zur Bedeutung des Kinos und der Filmakademie nicht mit einem einzigen Wörtchen die Kritik an sich selbst zu thematisieren.
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Er tat so, als ob nichts gewesen wäre. Kein entwaffnendes „Sie können sich vorstellen, dass es jetzt gar nicht so einfach ist, hier zu stehen“, kein vermittelndes „Ich habe Sie alle wahrgenommen und mache mir Gedanken“, nicht mal ein joviales „Ganz schön was los hier heute!“. Weimer machte nur weiter. Und beschwerte sich, so wurde kolportiert, später unter anderem beim Akademie-Präsidenten Florian Gallenberger über Fliess. Was den Eindruck verstärkt, dass der Kulturstaatsminister der Kultur und den Menschen, die sie produzieren und leidenschaftlich konsumieren, weder zuhört noch sieht er kulturelle Freiheit und Unabhängigkeit als elementar an. Ein bedrückendes Fazit.
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