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Niedersachsens neuer SloganImmerhin nicht das Land der Frühaufsteher

André Zuschlag

Kommentar von

André Zuschlag

Niedersachsen wirbt für sich jetzt mit dem Spruch „Niedersachsen. Das ist groß“. Das ist ganz großes Kino.

E s kommt doch auf die Größe nicht an, betont eine Bremer taz-Kollegin. Size doesn’t matter! Jaja, das sagt sich so leicht im kleinen Stadtstaat. Da lässt sich mit der eigenen Winzigkeit kokettieren, da gibt es doch eine offenbar alle irgendwie zufriedenstellende Identität als Hansestadt, als armes Bundesland, als linke Hochburg. Und drumherum? Da ist, joa: Niedersachsen.

Als in Niedersachsen Geborener herrscht also doch das kleine bisschen Ratlosigkeit, wenn es heißt, es komme auf die Größe nicht an. Auf was denn sonst? Denn zugegebenermaßen ist da schlicht kein anderes gemeinsames Wesensmerkmal, kein verbindendes Selbstbild der Menschen aus diesem Bundesland. Ästhetisch betrachtet taugt die verbindende Liebe zum Grünkohl leider wirklich nicht. Darum ist das schon ganz richtig von der rot-grünen Landesregierung, dass sie eine neue Standortkampagne des Landes initiiert hat, sich vom lahmen „Niedersachsen. Klar.“ verabschiedet – und mit dem neuen Slogan „Niedersachsen. Das ist groß.“ wirbt.

Groß ist das Land auf jeden Fall in der Künstlichkeit seiner Zusammensetzung. Als es 1946 gegründet wurde, kamen Leute zusammen, die nicht allzu viel miteinander zu tun hatten: Die Küstenbewohner:innen wenig mit den Bergleuten im Harz, das katholische Oldenburger Münsterland wenig – mit allen anderen.

Gleich vier frühere Staaten hatten die alliierten Briten hier fusioniert: das übergroße Land Hannover mit den Freistaaten Braunschweig und Oldenburg sowie Schaumburg-Lippe. Doch selbst nach mittlerweile 80 Jahren kommt kaum jemand aus Niedersachsen auf die Idee, sich irgendwo in Deutschland als Niedersachse vorzustellen. Viel eher pflegen Ostfries:innen ihre regionalen Klischees und träumen Schaumburg-Lipper:innen insgeheim noch immer von der Wiedererrichtung ihres einstigen Mini-Fürstentums – das historisch gewachsene Zugehörigkeitsgefühl bleibt in diesem Bundesland beständig auf die Regionen bezogen.

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Überschätzte Ziele

Auch wenn „Das ist groß“ nun zum einen als Werbung für den Wirtschaftsstandort dienen, Investoren und Fachkräfte anlocken soll und zum anderen „Mut und Selbstvertrauen“ der Bevölkerung fördern will – der Slogan lässt sich von da Geborenen oder da Lebenden auch fernab dieser maßlos überschätzten Ziele nutzen: Was ist denn groß an Niedersachsen?

Das zu diskutieren, läuft schließlich nicht automatisch auf Größenwahn hinaus: Es ist weder das flächengrößte Bundesland (Nummer 2 hinter Bayern) noch das bevölkerungsreichste (immerhin Platz 4!). Auch in Pisa-Studien, Glücksatlanten und den meisten anderen mehr oder minder bedeutenden Rankings landet es fern von Gut und Böse.

Wirklich groß ist Niedersachsen aber, was die Ausbeutung in der Fleischindustrie angeht. Oder den Unwillen zur Veränderung – hallo Wolfsburg, hallo VW! Oder die Hybris „seines“ Altkanzlers Schröder. Oder die völkische Blutrünstigkeit seiner Hymne: „Wo fiel’n die römischen Schergen? Wo versank die welsche Brut? In Niedersachsens Bergen, an Niedersachsens Wut.“

Einige Bundesländer mögen die cooleren Slogans haben: „Der echte Norden“ (Schleswig-Holstein) oder „Wir können alles. Außer Hochdeutsch.“ (Wie konnte Baden-Württemberg das nur durch „The Länd“ ersetzen?) Und andere die peinlicheren – „Rheinland-Pfalz.Gold“ (Hä?) oder „#moderndenken“ (dabei hatte Sachsen-Anhalt doch mal das zeitlos geniale „Land der Frühaufsteher“). Niedersachsen dagegen entzieht sich dieser Logik und ruft seine Bevölkerung zur kritischen Selbstreflexion auf. Das ist wirklich groß – und darauf kommt es doch an!

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André Zuschlag

André Zuschlag Redakteur taz nord

Jahrgang 1991, hat Politik und Geschichte in Göttingen, Bologna und Hamburg studiert. Von 2020 bis August 2022 Volontär der taz nord in Hamburg, seither dort Redakteur und Chef vom Dienst. Schreibt meist über Politik und Soziales in Hamburg und Norddeutschland.
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22 Kommentare

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  • Was ist groß an Niedersachsen. Fläche? Bayern ist größer. Bevölkerung? NRW hat mehr. Wirtschaft? Städte? Sport? Alles nur mittel. Da war "Klar" schon klarer. Und btw: ich fand den Frühaufsteher-Slogan gar nicht so schlecht.

    • @Freundlich:

      Man soll das von links nach rechts lesen ganz normal aber inklusive Wappen was bedeutet das der "Niedersachsen das Pferd ist groß" lautet. Ob Niedersachsen das tatsächlich das größte Pferd hat können sie bei den Verantwortlichen Personen ja gern erfragen und der taz dann einen Leserbrief schreiben.

  • Ich möchte gar nicht wissen, wieviel Steuergeld für diese hochbedeutsame "Parole" an welches höchstkompetente Beratungsunternehmen rausgeschmissen wurde!



    Wir haben keine Einnahmen- sondern ein AUSGABENPROBLEM!

  • „Unwillen zur Veränderung – hallo Wolfsburg, hallo VW!“

    Das trifft nicht zu. Das Unternehmen VW verändert sich radikal, leider ist das Land Niedersachsen Miteigentümer von VW und bremst somit aus politischen Gründen immer wieder richtige unternehmerische Entscheidungen aus.



    Da kann man aber auch anderer Meinung sein

  • Eines ist gewiss: Für derartige komplett sinnfreie Slogans und ihre regelmäßigen Änderungen (es könnte ja im Publikum doch mal ein halbwegs gelungener Spruch haften bleiben) haben Politiker zu allen Zeiten und in allen wirtschaftlichen Lagen stets genügend Geld übrig, das andere erwirtschaften.

  • Der Slogan unserer Familie, der lautet :

    NIEDERSACHSEN BESSER ALS DOOF



    🐎🐎🌻🐏🐑🪻🐓🌻🐄🐄🌻🐖🐖🌻🐕

  • Traurig, dass hier Millionen von Euros verbrannt wurden.



    Innerhalb von 30 Sekunden kann Chatgpt zehn bessere Slogans vorschlagen.

    • @SGouldo:

      Was sie ja sicher gemacht haben um ihre Hypothese zu überprüfen, das präsentieren der besseren Sprüche haben sie uns jetzt aber vorenthalten, da hätte mehr kommen können.

      Aber auf Nachfrage hätte ich den Verantwortlichen Personen den Spruch "Niedersachsen, meistens ist es flach" angeboten. aber Selbstironie und Doppeldeutigkeit werden in der Werbung eher gemieden, einprägsam wäre es aber und ich als in Niedersachsen geborene Person hätte es begrüßt.

    • @SGouldo:

      Ich hoffe mal, die 10 Mio. sind für die Kampagne und nicht für den Spruch!

    • @SGouldo:

      Wir verstehen uns, aber gell, ChatGPT ist auch nicht ganz kostenlos.

  • Es ist echt schade und regt zum Denken an, wenn scheinbar so gute Slogans einfach aus Erneuerungsdrang "verschlimmbessert" werden.

    Niedersachsen. Klar - Niedersachsen

    Land der Frühaufsteher - Sachsen Anhalt

    Wir können alles außer Hochdeutsch - Baden Württemberg

    Alle diese Slogans waren richtig gut, und sind schlechteren gewichen....

  • "Nieder Sachsen!" ist doch ein Ausruf, kein Landesname. Aber zumindest ist es dort tatsächlich Sachsen-Land.



    Tatsächlich sehr groß, zumindest bis zum kommenden Steigen des Meeresspiegels.



    Weitgehend flach, angenehm windmühlenaffin. Und damals genauso künstlich wie _jedes Bundesland zusammengepappt, außer vielleicht Hamburg und Bremen.

  • Bas-Sax - um mal nicht die 🫜🫜🫜 zu mühen!



    & BVM Boris Tarnfleck 😳🤣



    Hat‘s ja mal mit klein-klein probiert - wa



    “Marketing der besonderen Art



    Willkommen im Weltstädtchen



    17. Mai 2010, 21:46 Uhr



    Die Stadt Osnabrück hat ein Imageproblem. Dem will sie mit einer Verniedlichungskampagne entgegen treten - und wirbt nun mit dem Petersdömchen und dem Hexenkesselchen. Ein Anruf bei Oberbürgermeisterchen Boris Pistorius.“🤔🤣



    www.sueddeutsche.d...taedtchen-1.670221



    But



    “Wirklich groß ist Niedersachsen aber, was die Ausbeutung in der Fleischindustrie angeht. Oder den Unwillen zur Veränderung – hallo Wolfsburg, hallo VW! Oder die Hybris „seines“ Altkanzlers Schröder. Oder die völkische Blutrünstigkeit seiner Hymne: „Wo fiel’n die römischen Schergen? Wo versank die welsche Brut? In Niedersachsens Bergen, an Niedersachsens Wut.“



    Daher - ich helfe gern Andreas Rebers



    “Ein Lied für Christian Wulf“



    www.youtube.com/re...Cr+christian+wulff

    unterm—- wie passend



    “Der zieht echt keinen müden Hering vom Teller!“ ein Kanzlei-Kollege in OS über den



    CDU-Reingeschmeckten! 🙀👎

    • @Lowandorder:

      Rüben oder Radieschen das ist hier die Frage.

      Das Rebers Lied für Wulf ist auf jeden Fall gelungen, kannte ich tatsächlich auch nicht, Danke dafür.

  • Es gehört zu den positiven Entwicklungen, dass nach dem zweiten Weltkrieg Bundesländer entstanden.



    Bedingt durch die unterschiedlichen Besatzungsmächte wurden alte Strukturen somit doppelt zerschlagen.



    Man und Frau waren gezwungen, wirklich Neues zu schaffen. Das war nach dem ersten Weltkrieg ja nicht wirklich gelungen,



    die Geschichte der Kleinstaaterei in deutschen Landen war ja auch immer die Geschichte kleiner oder größerer Kriege.



    Hier gezwungenermaßen die Hand über den Nachbarzaun zu reichen, hat sich bewährt.



    Ich wohne in NRW, von dem ich glücklicherweise keinen Werbeslogan kenne.



    Die Geschichte ist aber ähnlich.



    Schon von 20 Jahren gab es ein Kabarettprogramm, in dem Jürgen Becker, verkündete:“ Ihr Völker der Welt, schaut auf dieses Land, hier wohnen Westfalen und Rheinländer zusammen- das ist nicht schön, aber es geht!“

    • @Philippo1000:

      NRW war zuletzt Preußen (Rheinprovinz Nord wie Westfalen), aber auch Lippe-Detmold als ostwestfälischer Sonderfall kurz vor Hannover! Da treffen sich u.a. Ruhrgebiet, stumpfblonde Mittelgebirge mit dem Niederrhein und den Eifelrändern. Leider stützt sich Wüsts regierende CDU fast nur auf die "schwarzen" Ecken, da wäre dem _sozial-katholischen Jochen Ott von der SPD und den Grünen bei den kommenden Wahlen Glück zu wünschen.

      NRW hat wohl: „Europe’s Heartbeat“ - autsch. Ja, natürlich liegt es sehr gut zu Brüssel, Amsterdam, Luxemburg und Paris, aber auf englisch?

  • Alles ist besser als „Arm aber sexy“.

    • @MK:

      "Arm" stimmt aber noch!

  • Mag garnicht wissen, wieviel Millionen fuer diesen peinlichen Nachilfeversuch in Geographie ausgegeben werden. Braucht man das wirklich?

    • @elektrozwerg:

      Es waren 10 Mio.€

  • "Lower Saxony is gross" = bedeutet ungefähr so: Niedersachsen ist "unfein", "grob" oder "roh".



    Das passt doch schon ganz gut..



    :-)))



    Im Gegensatz zu Emsland vs. Oberharz vs, Lüchow-Dannenberg vs. Altes Land...



    Da passt- auch landschaftlich- nix zusammen.



    Wir sind zusammengewürfelt, aber da es hier auch ganz nette Ecken gibt..ganz gut dass niemand das weiss-



    der Niedersachse geniesst und schweigt.

    • @So,so:

      „der Niedersachse geniesst und schweigt." q.e.d.