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Die WahrheitAbsteigen, sonst Beule

Für Radfahrer ändert sich nie etwas: Autofahrer mit ihren Blechbüchsen sitzen in ihrem jahrzehntelang gehegten, automobilen Weltbild fest.

D ie Verkehrsregeln hierzulande regeln bekanntlich in erster Linie die Vorrangstellung des Kfz. Autofahrende verfügen daher seit jeher über eine eingebaute Vorfahrt, während alle anderen ständig anhalten, absteigen, schieben, fürs Queren von Fahrbahnen weite Umwege in Kauf nehmen, an Bettelampeln stumpf warten, sich zwischen parkenden Autos durchquetschen, sich zu dicht überholen lassen müssen und so weiter. Wer da als Radler einigermaßen sinnvoll und sicher vorankommen möchte, muss lernen, diese Regeln bestmöglich zu umgehen.

So jedenfalls habe ich das bereits als Schüler in Bielefeld gemacht, so mache ich das heute noch in meiner jetzigen Gegend. Viele Autler indes zeigen sich davon zusehends irritiert, wirken geradezu überfordert: Ein Radler, der nicht nur überleben, sondern auch zügig sein Ziel erreichen will! Das passt einfach nicht in ihr jahrzehntelang gehegtes automobiles Weltbild mit dem darin fest asphaltierten Mobilitätskonzept von der am besten auch noch verbrennermotorisierten Individualität. Entsprechend kürzer werden neuerdings die Lunten.

Zweimal in letzter Zeit bin ich von Autofahrern durchs offene Seitenfenster angebrüllt, dann quietschend ausgebremst und, nachdem sie ausgestiegen waren, mit allerlei sprachlichem Unflat überkübelt worden. Dass sie nicht handgreiflich wurden, lag einzig daran, dass ich beide Male sofort abgestiegen war, mein Rad blitzschnell aufgeständert und mich dahinter in Kampfposition gebracht hatte – mit meinem schweren Fahrradschloss in der drohend erhobenen Faust.

Zeternde Fahrer

Schade eigentlich, dass ich das nicht als Unbeteiligter mit ansehen konnte: Ein mitten auf der Straße mit laufendem Motor quer gestelltes Kfz, davor sein zeternder Fahrer. Ihm gegenüber hinter seinem E-Bike verschanzt: ein angedickter Boomer mit „Debilenhelm“, so der Autler geifernd, und „blöder Signalweste“. Mit dem schwarzen Trumm in der Hand steht der Opa einfach nur wortlos da, signalisiert so dem Kfzler: Komm bloß nicht näher. Sonst Beule.

Ein Irrtum ist, dass es solche Rohheiten früher nicht gab. Tatsächlich bin ich schon als Schüler viel gröber gestellt worden. Es passierte auf dem Radweg zum Bolbrinker, einem Bielefelder Bolzplatz, als ein Auto, das mir eben fast die Vorfahrt genommen hatte, auf der stark befahrenen Arthur-Ladebeck-Straße neben mir hielt. Okay, ich hatte dem Fahrer einen Vogel gezeigt, und das war wohl der Grund, warum er sich jetzt mir in den Weg stellte und mir ein paar Ohrfeigen verpasste. Ich aber stand nur hilflos da, mit dem Rad zwischen den Beinen und war so außerstande, wegzulaufen oder mich zu wehren.

Wie gesagt, ich musste schon früh lernen, mit den deutschen Verkehrsregeln umzugehen. Die Vorschrift „Absteigen bitte“ ist das beste Beispiel. Normal die reine Radlerschikane. Steigt aber mal einer dieser Problem-Kfzler in eindeutiger Absicht aus, sollte man sie unbedingt befolgen.

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Fritz Tietz
Autor & Spezialist
Seit zig Jahren Wahrheit-Autor, schreibt, filmt und macht Radio für verschiedene Medien.
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11 Kommentare

 / 
  • Ist das Satire oder beschwert sich da wirklich jemand, dass er von anderen Verkehrsteilnehmern angegangen wird, weil er die Verkehrsregeln "umgeht" und damit nicht nur sich, was ja nicht so schlimm wäre, sondern vor allem Andere gefährdet



    Egozentrischer und egoistischer geht es ja kaum noch.

  • Viel Kenntnis und viel Akribie,



    Hier "Wahrheit" trifft auf Ironie,



    Blechkisten im Auge ein Dorn,



    Das stand im Forum oft ganz vorn.



    /



    www.tagesspiegel.d...chen-14168804.html



    /



    Das "Dooring" ist eine Gefahr,



    Wie ich das jährlich mehrmals sah,



    Hinzu mangelnde Disziplin,



    Die steckt in manchem Fahr_er drin.

  • "Absteigen bitte" ist nur von Hertha BSC etc. zu befolgen.



    Gleiches Recht auch mal für die vielen Fußgängers und Radfahrers ist überfällig. Kampfautofahrers brauchen womöglich einfach mal ein paar Monate Perspektivwechsel ohne Lappen.



    Welche hilfreichen Hinweise sollte mensch da Hans-Dieter, Stephan und Leon-Max geben?



    Ausreichend Abstand beim Überholen, welches auch mal eine Weile nicht gehen kann.



    Tempo einhalten.



    Lachen.



    Und auch mal etwas anderes können als autofahren.



    ; )

  • Ein Irrtum ist, dass es solche Rohheiten früher nicht gab. Tatsächlich bin ich schon als Schüler viel gröber gestellt worden.



    ----



    Wie WAHR! Nur "früher" habe ich solche "Angriffe" weit weniger "kontern können" als HEUTE!



    Btw. Ein kurzer Trip in die Stadt ohne die "Begegnung mit der 3. Art". Blechdosen, die nach dem Leben greifen, ist mir seit Jahren nicht mehr begegnet! Nur, das Schloss als Waffe? Auf die Idee bin ich bis jetzt nicht gekommen!



    Und, da stimme ich bei, die "Lunte der PS-Fans" wird immer kürzer!



    Doch, wie ging der alte Spruch:



    "Wer als 1. bremst hat verloren!" :-) (1)



    .



    (1) Aber vorher absteigen und das Rad werfen! :-)

  • Das Problem ist virulent.



    "Wenn die Wut das Steuer übernimmt"



    Bei deutschlandfunk.de a 2025



    Weiter dort:



    "In einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des DVR haben 2024 über ein Drittel der Autofahrer berichtet, gelegentlich selbst aggressives Verhalten zu zeigen: Kurz auf die Bremse treten, wenn der Hintermann drängelt oder dicht auffahren, um an einem bummelnden Auto vorbeizukommen.



    Auch Rad- und Pedelecfahrer äußerten in der Umfrage selbst aggressives Verhalten: Mehr als ein Drittel ist bereit, zu drängeln und sehr dicht vorbeizufahren, wenn andere auf dem Radweg bummeln. Ein Viertel überfährt Zebrastreifen ohne Anhalten oder schlängelt sich an Fußgängern vorbei."



    Aus der Sicht der E-Rollerfahr_er und der Fußgäng_er sieht die Welt des Gehsteiges schon ganz anders aus, wenn auch Radfahr_er diesen benutzen. Diese Alternative ist aber offenbar en vogue und in der Vorwärtsbewegung, mit Speed.



    Gelassenheit ist ein echtes Defizit in unserer Kultur der Nutzung des öffentlichen Raumes.

  • "Die Verkehrsregeln hierzulande regeln bekanntlich in erster Linie die Vorrangstellung des Kfz."

    Steile Behauptung. Könnte der Autor des Artikels bitte beispielhaft drei Regeln benennen, um diese These auch nur im Ansatz zu belegen.

    • @DiMa:

      Verkehrsplanungs-Ziel war jahrzehntelang der flüssige (Auto-)Verkehr. Werch ein Illtum!



      Bei manchen Autobahnen würde ich gerne zumindest den Standstreifen beradeln dürfen, ohne dass die grüne Minna vorbeikommt. Auch manche Bundesstraßen sind nicht legal befahrbar, was zu ätzenden Umwegekaskaden führen kann.



      Das Auto darf gratis und ungestraft öffentlichen Raum in rauen Mengen in Anspruch nehmen, fahrend wie vor allem parkend.

    • @DiMa:

      Es gibt blaue GEBOTSSCHILDER, nur das für Radler bzw. Radwege ist mit einem VERBOT belegt, nämlich die Straße zu benutzen! Fußgänger und Autofahrer haben trotzdem die freie Wahl ...

    • @DiMa:

      Es gäbe kaum ein Verkehrsschild, keine Ampel und kein Stoppschild wenn die Welt nur ohne KfZ auskäme.

      • @Thomas Koll:

        Nur regeln die meisten Schilder gerade nicht den Vorrang des KFZ. Zu denken wäre da an die Zeichen 242.1 (Fussgängerzone): 244.1 (Fahrradstraße) oder 350 (Zebrastreifen).

    • @DiMa:

      Verlaufen? Hier ist „Die Wahrheit."



      Aber zur Vorrangstellung trotzdem: „fürs Queren von Fahrbahnen weite Umwege in Kauf nehmen..."



      --



      Als langjähriger Fahrradfahrer hatte kann ich aber ein positives Erlebnis schildern. Der Fahrer, der mit seinem Lieferwagen beim Abbiegen mich auf dem Radweg touchierte, hat sich ausgiebig entschuldigt.