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Wahl von Cem Özdemir zum RegierungschefEin hartes Stück Arbeit

Benno Stieber

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Benno Stieber

Auch wenn das Ergebnis des neuen Regierungschefs eher mau ist – von der neuen Koalition in Stuttgart könnte ein Signal der Stabilität ausgehen.

Hoffnungsträger Cem Özdemir Foto: Frank Hoermann/Sven Simon/imago

E s ist ein Satz, den man sich in der Union für die nächsten Monate merken sollte. Als die AfD als Störmanöver Manuel Hagel als Gegenkandidat von Cem Özdemir vorschlägt, weil das Land angeblich rechtskonservativ gewählt habe, steht CDU-Chef Hagel kerzengerade und entgegnet: „Ich stehe für diesen Vorschlag nicht zur Verfügung.“ Seine Partei stehe für Verlässlichkeit. Man mache, was man vor der Wahl gesagt habe.

Man würde jetzt gerne schreiben, dass die CDU in Baden-Württemberg gegen rechte Versuchungen wie ein Mann hinter ihrem Parteichef und Vize-Ministerpräsidenten steht. Leider dementiert das eher maue Wahlergebnis für Cem Özdemir (93 Ja-Stimmen bei einer Koalitionsmehrheit von 112) Hagels forsche Ansage. Zwar ist es wenig wahrscheinlich, dass eine relevante Zahl an CDU-Abgeordneten der Spaltungsstrategie der AfD auf den Leim gegangen wäre. Aber bis zu 19 Nein-Stimmen aus den eigenen Reihen sind nicht wenig – der weitaus größte Teil dürfte aus der CDU-Fraktion gekommen sein.

Es ist der Union nicht leicht gefallen, erneut als Juniorpartner in die Koalition mit den Grünen zu gehen, zumal sie sich im Wahlkampf schon als Gewinner gefühlt hatte. Sie war danach strategisch, aber wohl auch tatsächlich gekränkt über eine vermeintliche Schmutzkampagne. Es hat viel Geduld gebraucht, zwischen Özdemir und Hagel ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Jetzt duzt man sich.

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Während die große Koalition in Berlin in wilden Gewässern ist, könnte von der Koalition in Stuttgart also ein Signal der Stabilität ausgehen. Von Seiten der CDU ist das an der Personalie Andreas Jung festzumachen. Der auch bei Grünen geachtete Klimapolitiker wechselt aus der Bundestagsfraktion ins baden-württembergische Kultusministerium. Wohl weniger aus Begeisterung für dieses schwierige Amt, sondern erklärtermaßen, um Brücken zum Koalitionspartner zu bauen. Ideologische Quertreiber wie der frühere Landwirtschaftsminister Peter Hauk stehen dagegen nicht mehr auf der Kabinettsliste. Özdemir setzt zum großen Teil auf bewährte Minister aus der Ära Kretschmann. Das ist sicher klug als Neuling in der Landespolitik.

Doch das Abstimmungsverhalten der „Abweichler“ zeigt: Es wird ein hartes Stück Arbeit bleiben, Schwarz und Grün auch im Südwesten zusammenzuhalten. Cem Özdemir bekam vom neuen Landtagspräsidenten Thomas Strobl, einem bekennenden Fan von Schwarz-Grün, noch vor der Vereidigung ein Marathon-Trikot geschenkt. Die Botschaft: Er muss bis zum Schluss durchhalten.

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Benno Stieber
taz-Korrespondent BaWü
Benno Stieber ist seit 2015 Landeskorrespondent der taz in Baden-Württemberg. In Freiburg als Österreicher geboren, lebt er heute als eingefleischter Freiberufler wieder im badischen Landesteil. Er ist Absolvent der "Deutschen Journalistenschule" in München und hat dort auch Geschichte und Politik studiert. Er schrieb unter anderem für die "Financial Times Deutschland", hat einen erfolgreichen Berufsverband gegründet und zwei Bücher geschrieben. Eins über Migranten nach der Sarrazin-Debatte und eins über einen Freizeitunternehmer aus dem Südwesten.
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17 Kommentare

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  • Kretschmer ein extrem pragmatischer Poltiker mit Gefühl. In dem Sinne viel Glück für den neuen MP Özdemir.

  • Özdemir-SWR-Doku mit der superglattgebügelten bürgerlichen Grünen Parteijugend in BW, die in trauter Runde beim Wahlkampf für Özdemir zusammensitzt. Einzige Irritation, die Perlenkette eines jungen Mannes.



    Die JU, äh Vorsitzende der Grünen Jugend, zur vergangenen grünen Politik in BW: "Wir waren nicht immer happy wie das früher gelaufen ist. Da wurde zu wenig parteipolitisch gehandelt und da haben wir schon den Auftrag, dass sich das jetzt ändern wird".

    • @Lindenberg:

      Kopf voran gegen die Wand der Realität:

      Wäre der Wahlkampf parteipolitisch mehr nach den Ansichten der Grünen Jugend verlaufen, natürlich auch ohne Palmer, gäbe es jetzt einen anderen Ministerpräsidenten.

  • Es wäre interessant wo die Abweichler tatsächlich herkommen.

    Man darf sich auch ruhig mal an die Ereignisse direkt nach der Wahl erinnern, als Özdemir von Mitgliedern der Grünen gestellt wurde und es seinen Freund und Wahlhelfer Palmer auch nicht gut erging, als er auf die Wahlparty wollte.

    Die Vermutung, dass dort auch noch was im Argen liegt ist schon reell

    • @Sole Mio:

      Im baden-württembergischen Landtag sitzen keine 19 Leute von der bundesgrünen Jugend. Sonst hätten die Grünen dort noch nicht einmal 15% geholt.

      • @Carsten S.:

        Sicher jedoch auch einige, die den Ansichten der Grünen Jugend nahe stehen oder das Mitwirken von Palmer missbilligen.

    • @Sole Mio:

      ich schätze eher dass die Abweichler von der DCU kommen. Deren Abgeordnete müssen sich nämlich wenn sie in ihre Wahlkreise kommen immer anhören dass wer schwarz wählt, am Ende grün bekommt. Man will Özdemir sagen dass er auch auf die CDU Rücksicht nehmen muss. Wird er natürlich nicht machen, der CDUler Hagel oder Nagel oder wie der heisst wird sich über den Tisch ziehen lassen, wie immer halt. Schlecht für die CDU, gut für die AfD.

      • @Gerald Müller:

        Da bin ich schon anderer Meinung und mir auch recht sicher.



        Einige werden ihm auch Palmer nicht verzeihen.

        Generell eine harte Nummer, wenn man das Ganze Revue passieren lässt:

        Özdemir verzichtet weitgehend auf klassische Grüne Ideologie. Nimmt den Parteinamen vom Wahlplakat und holt noch einen im anderen Wählerkreisen sehr beliebten und von vielen Grünen verabscheuten Palmer ins Boot. Das alles trägt sehr zur Aufholjagd bei.



        Diese Gemengenlage hat sicherlich auch einigen Abgeordneten nicht gefallen.

  • Licht und Schatten



    Ich mag den Mensch Cem Özdemir und halte ihn für ehrlich und fleißig. Leider aber meine ich, dass es ihm an Durchsetzungsvermögen für dieses schwere Amt fehlt. Schon als Landwirtschaftsminister hatte er genau damit gewaltige Schwächen. Trotzdem wünsche ich ihm und dem Land Baden-Württemberg viel Erfolg bei den schweren anstehenden Aufgaben.

    • @Hans Dampf:

      Ich fand ja genau, dass er sich als Landwirtschaftsminister, was nicht sein Terrain ist, gut geschlagen hat.

      Er ist nicht der Charismatiker, der durchregiert.



      Das scheint man sich gerade nicht nur rechts, sondern auch links zu wünschen.

      Dafür kommt er als authentisch und auf eine angenehme Weise engagiert rüber - Sie nennen das fleißig und ehrlich.

      Außdem kann er den Leuten zuhören und geht mit ihnen in die Diskussion.

      Ist andererseits um Kompromisse bemüht.

      Langfristig, denke ich, bringt das mehr.

    • @Hans Dampf:

      Wenn er seinen Weg, für welchen er im Wahlkampf stand, konsequent weiter geht und sich mehr um die Menschen sowie das Land, als um Parteivorgaben kümmert wird er erfolgreich sein können.

  • Besser ein schlechter Start, als eine Vollbremsung. In Zeiten wie diesen, gibt es nicht viel zu verteilen. Es braucht Visionäre, es braucht politisch Verantwortliche die es schaffen die Menschen zu begeistern und jene mehr zu belasten die eben mehr abgeben können. Ob die CDU dazu bereit ist, bezweifle ich.

  • Als Schwabe repräsentiert Cem Özdemir so eine Art logische Kontraposition zu meiner Person (Badener): er spricht eine ganz andere Sprache, er wurde in einem ganz anderen Kulturkreis sozialisiert, er unterstützt einen ganz anderen Fußballverein und wählt eine ganz andere Partei, kurz gesagt, er ist ein ganz anderer Mensch! Wir haben eigentlich nichts gemeinsam. Und er bringt alle Voraussetzungen mit, um ein guter Ministerpräsident zu werden! Im Vergleich zu Fritze Merz traue ich ihm auch zu, die AfD auf Abstand halten zu können. 'Auf geht's Cem, numme net huddle, viel Erfolg und zeig's der AfD mal so richtig wie's besser geht!'

    • @Magic Theo:

      Fritze Merz hält also die AfD nicht auf Abstand. Während der Regierungzeit von Scholz, also SPD/Grüne/FDP hat sich die AfD von 10,8 % auf 20,6 % fast verdoppelt.

      Im Dez. 2014 hatte die AfD in Umfragen noch 6 %. Mit der Groko Union/SPD ging es dann ab 2016 steil aufwärts.

      www.wahlrecht.de/umfragen/forsa.htm

      • @Martin Sauer:

        Fritze Merz hat mehrfach öffentlich zu Protokoll gegeben, er könne die Umfragewerte der AfD halbieren. Wenn er doch nur mal damit anfinge! Seit über einem Jahr ist er im Amt ... und liefert einfach nicht, die AfD steht augenblicklich sogar vor der Union. Einem Cem Özdemir in Ba-Wü traue ich in diesem Kontext schlichtweg mehr zu und wünsche ihm viel Erfolg!

        • @Magic Theo:

          Genau so isses... Angeblich sollten die Afd-Wähler sogar irgendwann auf einen Bierdeckel passen!



          Oder so ähnlich...

          • @Der olle Onn:

            Das geschieht nun tendenziell eher mit der SPD.



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