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Der Untergang der „Heimat“Das Ende als bundesweite Partei

Erik Peter

Kommentar von

Erik Peter

Die Aufgabe der Parteizentrale markiert den Höhepunkt des Niedergangs der Ex-NPD. Auch Bemühungen um jugendliche Neonazis erleiden damit einen Rückschlag.

Neonazis bei der Heimat-Demonstration am 1. Mai in Essen Foto: dpa

E s ist fast ein Paradox: Der neuerliche Aufstieg des deutschen Rechtsextremismus, der Anfang der 2010er mit Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ seinen Anfang nahm, drei Jahre später mit Entstehen der AfD seine organisierende Struktur fand und heute von der Übernahme von Regierungsmacht träumen darf, ging einher mit dem Niedergang der ältesten rechtsextremen Partei der Bundesrepublik.

Während der Rassismus und Nationalismus wieder salonfähiger wurde, ging es für die in Die Heimat umbenannte ehemalige Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) im selben Zeitraum nur noch bergab. Dass die Partei nun ihre Bundesparteizentrale in Köpenick verkaufen will, darf dabei fast schon als Kapitulation, womöglich als Ende einer bundesweit agierenden Parteistruktur angesehen werden.

Im Jahr 2000, als die damalige NPD ihr Hauptquartier in der Seelenbinderstraße eröffnete, war sie noch die größte rechtsextreme Organisation des Landes. Nach einem gescheiterten Verbotsverfahren 2003 brachte sie im Folgejahr etwa 2.500 Neonazis zu ihrer 1. Mai-Demonstration in Lichtenberg auf die Straße und erreichte kurz darauf bei der sächsischen Landtagswahl mit 9,2 Prozent das zweitbeste Wahlergebnis ihrer Geschichte.

Als Wahlpartei tritt Die Heimat schon gar nicht mehr in Erscheinung

Doch schon bald blieben die Wahlerfolge aus, erst recht mit dem Erstarken der AfD. Finanziell geriet die Partei immer mehr in Schieflage, vor allem nach dem Ausschluss aus der Parteienfinanzierung Anfang 2024. Heute ist Die Heimat nur noch ein Schatten ihrer selbst: Zu ihren letzten Berliner Demos konnte sie trotz Schulterschluss mit jugendlichen Nachwuchsnazis kaum mehr als 200 Menschen bewegen.

Kein Geld, kein Personal, keine Wahl

Ihr angekündigter Wegzug aus der Hauptstadt steht nicht nur dafür, dass sie finanziell am Ende ist, sondern ebenso dafür, dass sie kaum noch Personal hat, ihre Parteistrukturen aufrechtzuerhalten und als bundesweite Partei in der Versenkung verschwinden wird. Nennenswerte Strukturen und Immobilen gibt es vor allem noch in Sachsen und Nordrhein-Westfalen, wobei der Partei in Essen zuletzt die Nutzung ihrer Landeszentrale verboten wurde.

Als Wahlpartei tritt Die Heimat schon gar nicht mehr in Erscheinung, trat weder bei der letzten Abgeordnetenhauswahl in Berlin, noch bei der sächsischen Landtagswahl oder jüngst in ihrem ehemaligen Stammland Baden-Württemberg an. Und dennoch: Zuletzt bemühte sich die Partei und ihre Jugendorganisation Junge Nationaldemokraten um das aus dem Internet auf die Straßen geschwappte Spektrum jugendlicher Neonazis, um sich als ideologischer Verstärker anzudienen.

Im vergangenen Jahr etwa trafen sich circa ein Dutzend Mitglieder der Deutschen Jugend Voran – am Mittwoch Ziel bundesweiter Razzien im Rahmen einer Ermittlung wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung – in der Köpenicker Parteizentrale zur „Rechtsschulung“ – von einem „Dutzend neuer Mitstreiter“ war die Rede. Ein Wegbrechen der Partei und ihrer festen Örtlichkeit in Berlin wird den Organisationsaufbau für solche eher losen Nazinetzwerke erschweren. Auch für das eine oder andere rechtsextreme Konzert dürfte die Ortssuche demnächst schwieriger werden.

Gesamtgesellschaftlich wird das Wegbrechen der Heimat kaum ins Gewicht fallen. Da gibt es am rechten Rand inzwischen ganz andere Probleme.

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Erik Peter
Politik | Berlin
Leiter der Berlin-Redaktion und Redakteur für parlamentarische und außerparlamentarische Politik in Berlin, für Krawall und Remmidemmi. Schreibt über soziale Bewegungen, Innenpolitik, Stadtentwicklung und alles, was sonst polarisiert. War zu hören im Podcast "Lokalrunde".
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10 Kommentare

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  • Die NPD war eine Randpartei. Extrem war sie, damals wie heute: Sie sammelte die extreme Rechte um sich. Alle "gemäßigten" scheuten Sie. Das hat die AfD anders angefangen. Von jeher war sie im Vergleich zur NPD gemäßigter und weniger extrem und ist sie für eine breitere Masse wählbar geworden.



    Ob es nun ein Segen oder Fluch ist, dass sie verschwindet, wird sich erst noch herausstellen. In ihr versammelte sich die extreme Rechte. Diese werden jetzt versuchen, anderswo unterzukommen. Und das könnte auch für die AfD zum Problem werden, wenn sie nicht gegensteuert. Die AfD muss sich bald entscheiden, was sie sein will. Eine Protestpartei, die nur dagegen ist. Dann können sie die alten NPDler durchaus auch aufnehmen. Oder wollen sie wirklich Verantwortung in der Politik übernehmen und mitgestalten? Dann sollten sie diese Kräfte von sich fernhalten. Da sie sonst für einen Teil ihrer noch Wählerschaft nicht mehr wählbar wären.



    Aber solange die Altparteien keinen wirklich Weg gefunden haben, was sie eigentlich wollen, können sie der AfD wenig entgegensetzen. Einfach nur zu sagen „Die AFD ist böse“ zieht nicht mehr.

  • Die Nachwuchsnazis höcken doch schon lange bundesweit in der Neuen Heimat ihres Thüringer Volksgenossen. Wahrscheinlich ärgert sich der ein- oder andere altgediente „Nationaldämokrat“ nicht frühzeitiger gewechselt zu haben. Aber diese Entwicklung jetzt auf Sarrazin zurückzuführen ist ungefähr so irrlichternd wie den sozialen Medienhype der „Linken“ mit der Talking Showqueen Sahra zu begründen.

  • Sorry, aber das ist kein Kommentar, sondern ein Kurzbericht. Wo ist die Analyse, wo die Bewertung, wo die Zuspitzung?

  • Natürlich ist jeder Verlust einer rechtsextremen Organisation zu feiern. Die angeführten Gründe für den insgesamten Aufstieg sind aber leider im Kern und in der Folgerung falsch, wie schon Samvim erklärt hat. Ich sehe hier allerdings nicht 2015, da war ich in Ihren Ausführungen auch eindeutig im "Team Merkel".



    Nur wurde sich dann den Probleme nicht angenommen, die diese an sich gute Politik ausgelöst hat. Dazu kamen viele Fehlenscheidungen und Verschleppungen der Ära Merkel, vor allem in ihren letzten acht Jahren, als es nur ein "weiter so" gab.







    Das zuschauen der politischen Mitte, wie der Standort Deutschland immer mehr an Gewicht und Technologie verliert (Energie, Solar, Intel, etc.) weil nur noch kurzfristig gedacht wird, erzeugt eine massive Unzufriedenheit und gefühlte Machtlosigkeit.

    Und dann läuft so wie es manchmal läuft, wenn auch zu Hause etwas nicht funktioniert: Gerät verfluchen und erstmal draufschlagen. Menschlich. Man kann nur hoffen, daß genau wie zu Hause danach das Hirn wieder übernimmt. Wenn es dann noch reparierbar ist....

    Schade, daß die Politik links der Rechten das nicht verstehen will.

  • Der Aufstieg der Rechten hat weder mit Sarrazin zu tun, noch mit der Gründung der Afd, die zu Beginn eine monothematische Partei (Euro-Ausstieg) um den sauertöpfischen aber sicher nicht rechtsextremen Lucke war. Wenn man unbedingt einen Startpunkt festlegen will, dann war es doch 2015, als eine Kanzlerin in den Medien eine unüberlegte Äusserung machte, die eine ganze Reihe von Dominosteinen zum Fallen brachte.



    Unabhängig davon ist der Niedergang dieser Partei durchaus ein Segen.

    • @Samvim:

      Das Sarrazin-Buch hat die Thesen vorgelegt, die dann spätestens ab Neujahr 2016 so richtig an Fahrt gewonnen haben. Zum Zeitpunkt der besagten Kanzlerinnen-Aussagen war Lucke auch bereits als AfD-Vorsitzender abgesägt worden, u.a. von einem gewissen thüringischen Landesvorsitzenden.

      Monothematisch ist wohl eher die Fixierung auf "Merkels Grenzöffnung" als Wurzel allen Übels.

      • @nihilist:

        Es ging um die Gründung 2013.

    • @Samvim:

      Du übernimmst mit der 2015-Erzählung doch eins zu eins ein Narrativ der Rechtsextremen.

      1. Die AfD hatte auch zu ihren Gründungszeiten schon auffällig viele Rechtsextreme in der Partei und hat diese gezielt angezogen. Allein die Tatsache, dass jedes Vorstandsduo extremer wurde, zeigt das doch.



      2. Allein die Behauptung, eine einzelne Aussage oder ein einzelnes Ereignis könne heute fast 20 % der Wahlberechtigten dazu bringen, eine rechtsextreme Partei zu wählen, ist freundlich gesagt naiv. In Deutschland gab es stets ein rechtsextremes Potenzial - die AfD hat es lediglich salonfähig gemacht. Die Entnazifizierung und generell die Aufarbeitung der NS-Zeit haben weder in West- noch in Ostdeutschland konsequent funktioniert.



      3. Wo wir schon beim Thema sind: Auch der Umgang der BRD mit den ostdeutschen Bundesländern hat ein enormes Potenzial an unzufriedenen Wählenden geschaffen.

      man könnte noch viele weitere Gründe finden, Merkels Aussage war es ganz sicher nicht

    • @Samvim:

      Der Beginn der AfD war 2013, als im Bundestag eine linke Mehrheit war, dennoch Merkel Kanzlerin blieb und führungsschwach von Alternativlosigkeiten schwadronierte. Die Duftmarken AKW oder unappetitliches Griechenbashing klappten auch nicht (mehr). Wenn Merkel über links nicht fortzubekommen war, dann war Platz über rechts. Die Alternative wechselte die Seite.

      2015 ließ Merkel die MGs im Depot (richtig), registrierte die Hineinkommenden nicht (wohl falsch), aber es war die Kampagne für das Große Geld und Fossil und gegen Irgendwen zur Ablenkung, die in Flüchtlingen ihr Ziel fand und Ängste schürte. Es war der Silvestermythos der gesch'ndeten blonden deutschen Frau aus unseligen Zeiten.

      Alternative muss ansonsten wieder ein linker Begriff werden, denn das Bestehende ist schon arg rechts wie dysfunktional.

    • @Samvim:

      Die Rechtsradikalen haben immer daran gearbeitet ihre faschistischen Ideen in der Gesellschaft zu verankern und provokativ die Grenzen des Sagbaren zu verschieben, dabei haben die sog. sozialen Medien der Verbreitung der Ideen ungehemmt Vorschub geleistet.