piwik no script img

Thüringer Neonazi-VersandhandelMein Kampf im Angebot

Ein Versandantiquariat in Eisenach verkauft NS-Literatur, angeblich zu wissenschaftlichen Zwecken. Der Inhaber: ein szenebekannter Neonazi.

Die Exemplare, die der Neonazi vertreibt, sollen der „Aufklärung“ dienen Foto: Arnulf Hettrich/imago

„Mein Kampf im Original kaufen“, empfiehlt eine automatisierte Google-Werbung. Und das ausgerechnet über einem Interview auf der Webseite der Zeitung ND zur verblassenden Erinnerung an den Holocaust. Die Anzeige ist offensichtlich von KI erstellt worden, mit unleserlicher Schrift und nicht erkennbaren Personen versehen. Und sie verweist auf die Website „Militaria Bücher“ mit Sitz im thüringischen Eisenach – hinter der ein szenebekannter militanter Neonazi steckt.

„Militaria“ sind historische Sammlergegenstände und Artefakte, wie der Name suggeriert, eigentlich aus dem militärischen Bereich. Im weiteren Sinne können auch zeitgenössische Druckerzeugnisse wie die angebotene Propagandaschrift „Mein Kampf“ von Adolf Hitler dazuzählen.

Um die begehrten Sammlerstücke rankt sich eine ganze Szene, die wohl weniger aus historischem Interesse, sondern aus ideologischer Überzeugung NS-Relikte sammeln dürfte – das zeigt eine taz-Recherche.

Und die eingangs erwähnte Google-Werbung war keine Ausnahme: Es gibt von Militaria Bücher zahlreiche ähnliche Anzeigen, die laut Googles „Ad Transparency Center“, die für Transparenz sorgen soll, jeweils bis zu 500.000 -mal über die Suchmaschine und die dazugehörige Videoplattform Youtube ausgespielt wurden.

NS-Literatur bis an die Haustür

Im Mittelpunkt der beworbenen Verkaufsseite Militaria Bücher steht Literatur aus den Jahren 1900 bis 1945, insbesondere aus dem Umfeld der Nationalsozialisten. Der Verkäufer hat sich nach eigenen Angaben auf seltene Ausgaben von „Mein Kampf“ spezialisiert, darunter die zu Zeiten des NS-Regimes erschienene „Volksausgabe“ und „Hochzeitsausgabe“. Die Website betont wiederholt, die angebotenen Bücher dienten lediglich dem historischen Interesse und der Dokumentation.

Der Handel mit Militaria ist grundsätzlich erlaubt, kann bei Verwendung von NS-Symbolik jedoch strafbar sein. Der bloße Besitz, Kauf und Verkauf von Originalausgaben oder kommentierten Editionen von „Mein Kampf“ etwa ist in Deutschland nicht strafbar. Im Strafgesetzbuch gibt es für Propagandamittel wie NS-Literatur eine Ausnahmevorschrift. Demnach sind sie ebenfalls nicht strafbar, wenn sie sozialadäquaten Zwecken dienen – zum Beispiel der Aufklärung, Wissenschaft oder Forschung. Verfassungswidrige Kennzeichen wie Hakenkreuze müssen Ver­käu­fe­r*in­nen verdecken.

Bei Interesse am Bücherkauf werden Kunden auf eine andere Website weitergeleitet, „Zeitgenoss“– ebenfalls in Eisenach angemeldet. Dort lassen sich neben verschiedenen Ausgaben von Hitlers ideologischem Vorwerk auch jede Menge andere rechtsextreme und nationalsozialistische Publikationen erwerben: Werke führender NS-Ideologen, offen antisemitische Schriften sowie historische Parteidokumente und SS-Unterlagen werden zu Preisen von bis zu über tausend Euro angeboten. Schriften wie „Die Verbrechernatur der Juden“, „Dienstaltersliste der Schutzstaffel der NSDAP – 1936“, oder „Der Untermensch – Unzensierte Variante“ lassen sich per Versand bis an die Haustür liefern.

Die meisten Bücher auf Zeitgenoss sind an einzelnen Stellen überklebt, wie aus den Bildern ersichtlich wird. Vermutlich, um Hakenkreuze oder sonstige verfassungswidrige Symbole zu verstecken. Vereinzelt umfasst das Angebot auch kommunistische Literatur sowie Werke aus der Zeit des Kaiserreichs, des Ersten Weltkriegs und der Weimarer Republik.

Lediglich ein Vorwand

Auch Zeitgenoss betont, die Literatur diene ausschließlich dem „Zwecke der staatsbürgerlichen Aufklärung“. Dieselbe Formulierung ist in besagter Ausnahmevorschrift des Strafgesetzbuches zu finden. Weiter behauptet die Seite, einen Beitrag zur „Abwehr verfassungswidriger und verfassungsfeindlicher Bestrebungen, der wissenschaftlichen und kunsthistorischen Forschung und der Aufklärung und Berichterstattung über die Vorgänge des Zeitgeschehens“ zu leisten.

Lotta Kampmann von der antifaschistischen Dokumentationsplattform Recherche Nord sieht darin lediglich einen Vorwand: „Neonazis stellen den Vertrieb nationalsozialistischer Literatur häufig als ‚Aufklärung‘ oder ‚Dokumentation‘ dar, um sich rechtlich abzusichern“, erklärt sie der taz.

Ein Blick auf das Impressum sowie den Betreiber beider An- und Verkaufsplattformen lässt erhebliche Zweifel an den genannten Motiven aufkommen. Das Antiquariat, im Juli 2024 ins Handelsregister eingetragen, gibt als Standort eine berüchtigte Adresse in Eisenach an: die des „Flieder Volkshaus“, ein wichtiger Treffpunkt der gewaltbereiten Neonaziszene und die thüringische Landesgeschäftsstelle der rechtsextremen Partei Die Heimat, früher NPD.

Als Betreiber ist Patrick Wieschke aufgeführt, ein jahrzehntelang aktiver Neonazi. Wieschke ist seit fast zwanzig Jahren bei Die Heimat aktiv und zurzeit Landesvorsitzender in Thüringen. Sein Name tauchte in einer geheimen Liste der Sicherheitsbehörden zum Umfeld der rechtsterroristischen Gruppe NSU auf, wie die taz berichtete.

Wieschke wurde nach damaligen Medienberichten 2002 wegen eines Anschlags zu zwei Jahren Freiheitsstrafe, 2016 wegen Volksverhetzung zu vier Monaten auf Bewährung verurteilt. Im April dieses Jahres verurteilte ihn das Thüringer Oberlandesgericht im Knockout-51-Verfahren zu einem Jahr und fünf Monaten auf Bewährung; dieses Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Waffenraum neben Versandhandel

Die militante Kampfsportgruppe Knockout 51 soll sich im Flieder Volkshaus körperlich auf Angriffe gegen politische Geg­ne­r*in­nen vorbereitet haben. Wieschke habe laut Generalbundesanwaltschaft der Gruppe einen eigenen Waffenraum zur Verfügung gestellt und geplant, diese in Die Heimat einzugliedern. Und an derselben Adresse befindet sich auch Wieschkes Militaria-Versandhandel.

Auf taz-Anfrage schreibt Wieschke, eine inhaltliche Identifikation mit den Positionen der Werke im Sortiment bestehe „ausdrücklich nicht“. Rückschlüsse auf seine persönliche politische Einstellung seien unzutreffend. Er biete „die gesamte Bandbreite zeitgeschichtlicher Literatur“ an, „einschließlich gegensätzlicher politischer und ideologischer Perspektiven“. Zu laufenden Verfahren äußere er sich nicht. Wieschke sagt, pauschale Darstellungen seiner Person oder seines Umfeldes seien „verkürzt“ und würden seiner „tatsächlichen Situation nicht gerecht“.

Google war für eine Stellungnahme zu den geschalteten Werbeanzeigen nicht zu erreichen – bei dem Unternehmen ist Wieschke verifizierter Anzeigenkunde.

Katharina König-Preuss, Thüringer Landtagsabgeordnete für die Linkspartei und langjährige Beobachterin der Neonaziszene, sieht in Wieschkes Versandhandel eine Gefahr: „Über das Antiquariat stellt Wieschke eine Versorgung für die neonazistische Szene mit NS-Devotionalien und ideologischer Unterfütterung sicher.“

Nur noch 440 – dann sind wir 50.000

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 440 Freiwillge, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

0 Kommentare