piwik no script img

Ende der Orban-ÄraJetzt packt er die Koffer

Florian Bayer

Kommentar von

Florian Bayer

Der scheidende Ministerpräsident gibt auch sein parlamentarisches Mandat ab. Bald flüchtet er nach New York und vor seiner bröckelnden Partei.

Orban ist weg, und kommt auch hoffentlich nicht wieder Foto: Denes Erdos/AP Photo

I n Ungarn geht es jetzt Schlag auf Schlag: Zwei Wochen nach seiner Niederlage kündigte Viktor Orbán am Wochenende an, auch seinen Sitz im Parlament aufzugeben. „Jetzt werden wir nicht im Parlament, sondern bei der Neuorganisation des nationalen Lagers gebraucht“, sagte der scheidende Ministerpräsident, offenbar Freund des majestätischen Plurals, in einer Videobotschaft. Damit ist Orbán erstmals seit 1990 nicht mehr Teil der Nationalversammlung.

In fast vier Jahrzehnten habe die von ihm gegründete Fidesz Erfolge und Niederlagen erlebt. Eines jedoch habe sich nicht verändert, so Orbán: „Dieses Lager war stets die geeinteste und am besten zusammenhaltende politische Gemeinschaft Ungarns.“

Ist das Wunschdenken oder Realitätsflucht? Der innerparteiliche Zusammenhalt ist längst brüchig geworden. Die Risse entstanden nicht erst in der Wahlnacht, sondern über Jahre. Bestes Beispiel ist Péter Magyar, der Wahlsieger und künftige Regierungschef. Er war Bestandteil des Orbán-Systems, bis er vor zwei Jahren öffentlich mit seiner Partei brach. Es war der Anfang von Orbáns Ende.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

In den Wochen vor der Wahl traten zudem immer mehr Fidesz-Insider ans Licht der Öffentlichkeit. Am folgenreichsten: Bence Szabó, leitender Cybercrime-Ermittler. Er beschrieb, wie seine Einheit unter politischem Druck stand, Ermittlungen gegen die Tisza-Partei in eine regierungskonforme Richtung zu lenken. Wenn ein hoher Staatsbeamter auspackt, markiert das ganz klar eine neue Qualität des Vertrauensverlusts.

Unterstützer wechseln die Seite

Noch größere Risse zeigten sich unmittelbar nach der Wahl. Zwei Beispiele: András Cser-Palkovics, Bürgermeister der Großstadt Székesfehérvár, kritisierte die Partei als zu aggressiv und forderte einen völlig neuen Führungsstil. Das Nachrichtenportal Telex berichtete von einem Fidesz-Bürgermeister, der zugegeben hatte, Magyars Tisza gewählt zu haben.

Der Mann, der den Wahlkampf dominiert hatte, muss nun auch die Niederlage tragen. Dazu passt es, erstmals aus dem Parlament auszutreten. Ohnehin ist Orbán, nach 16 Jahren an der Macht, kaum als Oppositioneller im drögen parlamentarischen Tagesgeschäft vorstellbar. Neuer Fraktionsvorsitzender wird Gergely Gulyás, der unter Orbán zuletzt die Staatskanzlei leitete.

Orbán dürfte schon bald Zuflucht in den USA suchen, zumindest für einige Tage. Das hat der ungarische Journalist Panyi Szabolcs von Insidern erfahren. Auf dem Programm des bekennenden Fußballfans Orbán steht unter anderem der Besuch der Fußball-WM. Dass Tochter Ráhel, Schwiegersohn István Tiborcz und die gemeinsamen Enkel seit letztem Jahr in New York leben, macht es für Orbán bequemer. So reist er nicht als Flüchtling, sondern als Großvater.

Sollte der neue Tisza-geführte Staatsapparat in Budapest beginnen, unangenehme Fragen zu stellen, könnte sich Orbán in den USA als verfolgter Patriot inszenieren. Er hätte viel erzkonservative Gesellschaft: Die Heritage Foundation, die CPAC und weitere Think-Tanks, die über Jahre mit ungarischen Steuergeldern gepflegt wurden, könnten sich anbieten. Als Bühne und Auffanglager für eine politische Bewegung, die in der Heimat gerade ihre Koffer packt.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Florian Bayer
Korrespondent Wien
Mehr zum Thema

4 Kommentare

 / 
  • Es wäre von großer Bedeutung, wenn Orban der erste fallende Dominostein in einer Reihe rechtspopulistischer Potentaten in Europa und auch weltweit wäre. Denkbar wären auch Fico in der Slowakei oder Babis in der Tschechei oder natürlich auch Trump in den USA. Am Beispiel Orban und der Fidez kann man erkennen was Korruption, Unvermögen und hemmungslose Selbstbereicherung



    in einer Volkswirtschaft an Schaden und Niedergang anrichten können. Der Wiederaufbau in Ungarn ist eine wahrhaft herkulische Aufgabe. Auch die Nach-Johnson -Ära mit dem Brexit in UK zeigt deutlich, dass Populismus das Volk verarmen lässt und den Nachfolgern, hier der unglücklich agierende Stahmer, fast vor unlösbare Aufgaben stellt. Wenigstens sollte als Konsequenz in der EU das Vetorecht einzelner Staaten durch Mehrheitsrecht abgelöst werden. Kein Appeasement den Putinfreunden gegenüber!

  • Das Geheimnis der Wahl in Ungarn ist möglicherweise, dass Orban zum einen sechzehn Jahre lang die Zeit hatte, um ein ideologisch festes System aufzubauen, was auf Abbau demokratischer Grundlagen setzte, wie die Pressefreiheit und Jurisdiktion, aber im Laufe der Jahre deutlich wurde, wie sehr dieser Umbau erkauft wurde. Die daraus erwachsene Korruption brachte das Land auf den letzten Platz im Europavergleich der Kaufkraft der Bürger, den es sich mit Bulgarien teilt. Die hohen Preise trieben die Bürger auf die Straße.



    Und zu dem Geheimnis gehört auch, dass Orban die Niederlage tatsächlich bestätigte und abtrat.

    Für Deutschland wünsche ich mir echt einen anderen Weg, um die AfD wieder kleinzukriegen.

  • Schön, dass die ersten Ratten ...



    Warum Orbán nicht bei Putin in der Villa leben darf, ach, der Ärmste.



    Hat die USA eigentlich kein Auslieferungsabkommen mit Ungarn, das eine oder andere von Orbán könnte ja nachweisbar sein?

  • Wenn die Fidesz-Leute ihre eigene Partei kritisieren, sie wäre zu agressiv geworden, dann scheint deren Niederlage ja ein langes Vorspiel gehabt zu haben. Zumindest in der letzten Legislaturperiode schien Orban sich zunehmend unter Druck gefühlt zu haben. Da würden mich die Ursachen interessieren, u.a. als Anleitung, "Wie werde ich meinen Rechts-Populisten los" ...