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Neues Drama von Caren Jeß in BerlinLachen auch mit durchgeglühtem Hirn

Schräge Vögel und Dialoge, die Verwirrung stiften im System der Überzeugungen: In Berlin wurde Caren Jeß’ Stück „Bookpink New Arrivals“ uraufgeführt.

Auch in der poppig-bunten Klinik für Sterilisation wird das Vokabular akademisch, wenn Fehler verschleiert werden sollen Foto: Jasmin Schuller

Zuletzt war es eine Katze, „Die Katze Eleonore“, mit der die Dramatikerin Caren Jeß vor drei Jahren Dramatiker- und Publikumspreise einheimste. Uraufgeführt 2023 in Dresden, sah man einer Frau bei ihren genussvollen Verwandlung in eine Katze zu. Mit der ließ sie allen Ehrgeiz, der sie vorher als Immobilienmanagerin getrieben hatte, alle Verantwortung und allen Rant hinter sich: das Tier als Traumfigur für den Ausstieg aus allen systematischen Zwängen.

In ihrem neuen Stück „Bookpink New Arrivals“, dessen Uraufführung Jorinde Dröse am Deutschen Theater in Berlin inszeniert hat, sind die Tiere alles andere als frei. Der Kanarienvogel Nikki sitzt in einem Käfig. Das Kolibriweibchen Frau Pétain wird in einer Klinik für Sterilisation um den Verstand und ihre freie Entscheidungsfähigkeit gebracht.

Der Schäferhund Success leidet nach seiner Anstellung als Polizeihund unter den Launen seiner neuen Herrin namens die Adler. Und Renz, Sohn von die Adler, versucht sich als Looser mit Undercut erfolglos gegen seine Mutter und den Mythos vom Adler als Symbol der Stärke und der Freiheit zu wehren.

Doch bevor es mit diesem kuriosen Personal losgeht, das trotz Fell, Gefieder und Krallen dem Menschen an Fehlern, Boshaftigkeit, Ehrgeiz und Größenwahn nur wenig nachsteht, gibt es einen kurzen Prolog.

Die Dialoge sind gespickt mit ideologischen Versatzstücken aus Sozialdarwinismus und Biologismus, mit Mythen von Rassen und Stärke, aber auch mit Kapitalismus- und Kolonialismuskritik

Die Autorin Caren Jeß erinnert in ihm an ihre Großmutter Erdmuth: Daran, wie sie viele Vögel an den Stimmen erkannte und beim Namen nannte. Daran, wie sie seit ihrer Kindheit in der NS-Zeit auf Bauerhöfe ein Leben hatte, dass ihr in vielen Dingen keine große Wahl zu lassen schien. Doch ohne großes Drama entschied sie sich für Unterscheidungen, auf eine leise Art, die ihre Enkelin beeindruckt.

Anpassungsdruck und strukturelle Gewalt könnte man in der Erzählung von Erdmuth als Themen ausmachen, die in den drei Dramoletten von „Bookpink New Arrivals“ wiederkehren. Man hört den Nationalismus, den alten und den neuen, seine Krallen wetzen im ersten Dramolett in der Adler-Familie.

Das Stück

„Bookpink: New Arrivals“ von Caren Jeß, Deutsches Theater Berlin, Kammer, wieder am 24. und 27.4. sowie 23.5., 20 Uhr, am 1.5., 19 Uhr und am 4. und 10.5., 19.30 Uhr

Die Dialoge sind gespickt mit ideologischen Versatzstücken aus Sozialdarwinismus und Biologismus, mit Mythen von Rassen und Stärke, aber auch mit Kapitalismus- und Kolonialismuskritik. Ein heißer, oft pointenreicher, nicht leicht verdaulicher Cocktail. Mit Überzeugung wird überspielt, was an Logik fehlt.

Das geht sehr schnell, ist witzig durch den Sarkasmus und die Abgeklärtheit des ehemaligen Polizeihunds Success. Die Fell- und Federkostüme sind prächtig. Ein verlorenes Hundeohr sorgt für noch etwas mehr Komik.

Aber die Regisseurin lässt kaum Zeit, das oft Ungeheuerliche der rausgehauenen Sätze wirken zu lassen, ihre Vibrationen in der Gegenwart und im politischen Klima aufzuspüren. Die Schauspielerinnen Daria von Loewenich, Natali Seelig und Bernd Moss spielen alle Rollen mit komödiantischem Furor.

Unglück bei der OP

Im zweiten Akt ist Daria von Loewenich ein bunt schillerndes Kolibri-Weibchen und feministische Influencerin, die sich nicht reproduzieren will. Allein, die Operation der Sterilisation läuft schief: Sauerstoff-Mangel hat ihr Hirn geschädigt, Klinikleiterin und ihr Assistenz Herr Titsch sind uneins über die weitere Behandlung.

Reproduktive Normen werden dabei verhandelt, das Vokabular wird akademisch, wo Fehler verschleiert werden sollen. Es geht um Lebens- und Karriere-Planung. Die Kolibri-Frau und die Klinikleiterin überbieten sich in Shows und Podcasts, auch als die Hirnleitungen schon durchgeglüht sind.

Der Text taucht damit in eine Welt, die sich dem Argumentativen und dem Zweifel immer mehr verschließt zugunsten der Positionierung. Die Demarkationslinie zwischen konservativen Strategien und aktivistischen Kämpfen verwischt in der Sprache von „Bookpink New Arrival“. Übliche Sortierungen geraten ins Wackeln. Behauptungen explodieren hier wie dort. Das macht den Text zu einer glatten Bahn.

Kostüme mit poppigem Flair

Die Kostüme von Kathrin Frosch, die mit der Farbenfrohheit eines Filzstiftkastens Fransenflügel und Kopfgefieder ausstatten, und die Bühne von Kathrin Frosch in einem satten Pink, von orangenen Flammen konterkariert, sorgen für poppiges Flair.

Alles ist so lustig. Die Grausamkeit dahinter wird weggespült mit der nächsten Nummer, einem Training in Mnemotechnik. Nützt Frau Pétain, die ihr Gedächtnis verliert, auch nichts mehr.

In der Tradition der Fabel agieren Tiere listig und mitunter betrügerisch. Eine solche Geschichte erzählt der dritte Teil: Ein Zilpzalp befreit einen Kanarienvogel aus einem Käfig mit unguten Absichten. Zugleich tritt hier ein Mensch auf, ein alter Mann und Sonderling, der sich auf eine Hallig aus der Gesellschaft der Menschen zurückgezogen hat und stirbt. Aber auch seine selbstgewählte Einsamkeit war keine Befreiung. Mit Trauer und Schock enden die Dramolette.

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