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Krieg im Libanon„Mit voller Härte ohne Unterbrechung“

Israelische Angriffe im Libanon töten in kürzester Zeit über 250 Menschen. Die Angriffe betreffen auch bislang verschont gebliebene Gebiete des Landes.

Sucharbeiten nach einem israelischen Luftangriff in Beirut auf Rettung, 9. April 2026 Foto: Marwan Naamani/dpa
Julia Neumann

Aus Beirut

Julia Neumann

Nawal Yassine war Deutschlehrerin am Goethe-Institut in Beirut. Nader Khalil hatte 35 Jahre lang für die libanesische Firma Rifai Nüsse geröstet. Said el-Khansa war Sohn eines ehemaligen Bürgermeisters. Ghada Dayekh und Suzan Khalil hatten als Journalistinnen für Al-Manar TV and Al-Nour Radio gearbeitet. Sie sind unter den 254 durch israelischen Beschuss Getöteten im Libanon, die die Behörden gezählt haben.

Nach den jüngsten israelischen Angriffen auf den Libanon hat der iranische Präsident Massud Peseschkian Verhandlungen für eine Feuerpause im Iran-Krieg als „sinnlos“ bezeichnet. „Der Iran wird seine libanesischen Brüder und Schwestern niemals im Stich lassen“, erklärte Peseschkian am Donnerstag im Onlinedienst X.

Bundeskanzler Friedrich Merz kritisierte die israelische Kriegsführung im Libanon. Man sehe die Lage in der gesamten Region mit großer Besorgnis, sagte der CDU-Politiker – aber mit besonderer Besorgnis die Lage im Süden des Libanon.

US-Präsident Donald Trump hingegen warf den Nato-Partnern erneut mangelnde Unterstützung vor. Mit Bezugnahme auf den Streit um Grönland schrieb er auf seiner Plattform Truth Social nach einem Treffen mit Nato-Generalsekretär Mark Rutte: „Die Nato war nicht da, als wir sie brauchten, und sie wird auch nicht da sein, wenn wir sie wieder brauchen.“

Israels Militär hatte am Mittwochmittag mit 50 Kampfjets 160 Bomben im Libanon abgeworfen. In nur 10 Minuten wurden 100 Ziele im Libanon getroffen. Betroffen waren auch 10 dicht besiedelte Viertel im Zentrum der Hauptstadt Beirut. Menschen aßen zu Mittag oder fuhren im Bus, als überall in der Stadt bombardiert wurde. Die Angriffe kamen für die Zivilbevölkerung völlig unerwartet. Neben den 254 Toten wurden 1.165 Menschen verletzt, meldete die Generaldirektion für Zivilschutz. Darunter viele Frauen und Kinder.

Berichte über Szenen in der Hauptstadt am Mittwoch: In einem Burgerrestaurant verstecken sich Mitarbeitende schreiend hinter der Theke, während die Sicherheitskamera aufnimmt, wie sich der Laden mit schwarzem Rauch füllt. Menschen suchen mit einem Neugeborenen auf dem Arm nach dessen Eltern. Eine Frau sitzt in ihrem zerstörten Haus fest und fragt nach ihrem Mann, den sie nicht finden kann. Ein Mädchen nimmt gerade am Online-Unterricht teil, als ein Sprengkörper ihr Gebäude trifft und ihre Mutter tötet – ihre Klassenkameraden werden online Zeugen des Unglücks.

Am Donnerstagmorgen suchten Rettungshelfer weiter nach Vermissten unter den Trümmern. Es ist der massivste Angriff im Libanon seit den Pager-Attacken gegen Hisbollah-Mitglieder im Jahr 2024. Viele der Orte, die nun bombardiert wurden, sind Gebiete, in denen die Hisbollah keine nennenswerte Präsenz hat.

Libanon nicht Teil der Waffenruhe, so Netanjahu

„In der Notaufnahme habe ich ein kleines Mädchen mit Verletzung am Auge getroffen. Sie war ängstlich, verwirrt, wusste nicht, wo ihre Eltern sind“, schreibt der libanesische Arzt Yehya Tlaiss online. Es habe ihn an Bilder aus Gaza erinnert, die er aus den sozialen Medien kannte. „Dieser Moment hat mich für immer verändert.“

Einige Stunden zuvor hatten die USA und Iran eine zweiwöchige Waffenruhe ausgerufen. Die Hisbollah-Miliz im Libanon hatte zugesagt, sich daran halten zu wollen. Laut dem pakistanischen Premierminister Shehbaz Sharif, dessen Land den Deal vermittelt hatte, war der Libanon ins Abkommen einbezogen. Israels Premierminister Benjamin Netanjahu verneinte das jedoch. Er erklärte noch am Morgen, er sehe den Libanon nicht als Teil des Waffenstillstands. US-Präsident Donald Trump sprang ihm bei und erklärte, der Libanon sei eine separate Front.

Der belgische Außenminister Maxime Prévot war gerade in Beirut, um mit libanesischen Politikern über einen Waffenstillstand zu sprechen. Kurz bevor er Präsident Joseph Aoun für sein Angebot loben wollte, Verhandlungen mit Israel über einen Waffenstillstand aufnehmen zu wollen, begann Israel den massiven Angriff ohne Vorwarnung. „Wir befanden uns mit meiner Delegation in der Botschaft, nur wenige hundert Meter von dem Ort entfernt, wo die Raketen einschlugen. Das muss aufhören“, schreibt Prévot online.

„Ich hege den starken Verdacht, dass die Israelis diese jüngsten Gräuel im Libanon begangen haben, um die Iraner zum Rückzug aus dem Waffenstillstandsabkommen zu bewegen“, sagt Michael Young, Analyst am US-amerikanischen Carnegie Middle East Center in Beirut.

Mehrere Rauchsäulen über Beirut nach den israelischen Luftangriffen am 8. April Foto: Hassan Ammar/ap

Bald neue Angriffe seitens Iran?

Israels Regierung und Diplomaten waren offenbar nicht an den Verhandlungen beteiligt, die zur Vereinbarung des Waffenstillstands geführt hatten. Israels Oppositionsführer Jair Lapid bezeichnete den Waffenstillstand sogar als eine der größten „politischen Katastrophen unserer Geschichte“. Womöglich reagierte Netanjahu mit dieser Demonstration der Gewalt im Libanon auf diese Vorwürfe. Die rechtsextremen Minister seiner Regierung sowie Netanjahu selbst hatten erklärt, nicht nur das iranische Regime, sondern auch die mit der Islamischen Republik verbündete Hisbollah „auslöschen“ zu wollen.

Der Iran reagierte und hielt die Straße von Hormus für den Schiffsverkehr geschlossen. Es könnte sogar neue Angriffe geben, als Reaktion auf die „Verletzung der vorübergehenden Waffenruhe im Libanon“, berichtet die iranische Nachrichtenagentur Fars. Am frühen Donnerstagmorgen schoss die Hisbollah erneut Raketen auf Israel.

Israels Militär hat angekündigt, der Krieg im Libanon gehe „mit voller Härte ohne Unterbrechung“ weiter. Ein israelischer Militärsprecher behauptete, die Hisbollah würde quasi umziehen nach Nord-Beirut in religiös „gemischte Wohngebiete“. Der Sprecher drohte der Bevölkerung: „Die Zerstörung, die die Hisbollah in Dahieh [Süd-Beirut] angerichtet hat, wird mit ihnen weiterziehen.“

Israel missachtet völlig die Grundsätze des Völkerrechts, die es nie respektiert hat

Nawaf Salam, libanesischer Premierminister

Lemkin-Institut: „Sabotage des Friedens“

Am Abend und in der Nacht zum Donnerstag gingen die israelischen Angriffe weiter. In Beirut traf eine Rakete ein neunstöckiges Wohnhaus in Tallet al-Khayyat, einer reichen, sunnitisch geprägten Wohngegend. Ein Teil des Hauses fiel in sich zusammen, einige Be­woh­ne­r*in­nen waren in dem Gebäude gefangen. Der Zivilschutz versuchte, sie zu retten.

Im Südlibanon bombardierte Israel die Brücke Al-Qasmiya – eine der letzten befahrbaren Straßen zwischen Nord- und Südlibanon. Damit ist der Süden des Landes von Hilfslieferungen faktisch abgeschnitten. Zuvor hatte Israel bereits sechs andere Brücken entlang des Flusses Litani bombardiert und angekündigt, das Gebiet militärisch zu besetzen.

„Israel missachtet völlig die Grundsätze des Völkerrechts, die es nie respektiert hat“, sagte Libanons Premierminister Nawaf Salam, der zuvor Präsident des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag war. Er rief am Mittwoch „alle Freunde des Libanon auf, Israel mit allen verfügbaren Mitteln dabei zu unterstützen, diese Aggressionen zu beenden“. Der libanesische Präsident Aoun bezeichnete die Angriffe als Massaker.

Das Lemkin-Institut für Genozidprävention sprach von „Sabotage des Friedens“ und warnte davor, dass „Israel den gesamten Libanon zerstört, wie es den Gazastreifen zerstört hat“. Die Behauptung, das „Blutbad“ habe der Hisbollah gegolten, verhöhne „nicht nur das humanitäre Völkerrecht, sondern auch Moral, Ethik und Menschlichkeit“. Westliche Staaten, insbesondere die USA, sollten Israel militärisch und diplomatisch isolieren, um das Land zur Vernunft zu bringen, rät das Institut.

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13 Kommentare

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  • Währenddessen kriecht der Nato-Generalsekretär der Orange hinten rein. Dabei gibt es sooo viele Beispiele (z.B. Pam Bondi), die zeigen, dass das überhaupt nichts bringt.

  • Ich bin wirklich sprachlos.



    Wir hacken immer auf Netanyahu rum, schieben die Schuld auf seine rechtsextremen Koalitionspartner. Dabei ist die Opposition anscheinend kein Deut besser. Mittlerweile vergleiche ich Israel mit Japan während des zweiten Weltkriegs. Völlig durchgedreht. Paranoid. Um Himmels Willen keinen Frieden. "Wir sind von Feinden umzingelt, und müssen uns wehren, indem wir unsere Feinde auslöschen!" So ein absurd zerstörerischer Gemütszustand, und wir lassen das zu. Ist unsere Regierung so korrupt? So gewissenlos? Hatte Epstein eine zweite Insel, von der wir bloß nichts erfahren dürfen? Glauben Merz und Co. vielleicht sogar wirklich den apokalyptischen Quatsch, den evangelikale Endzeitprediger und Peter Thiel verbreiten? Wie kann man so Vasall sein?

    In Zeiten großer Not, wo eigentlich alle Staaten zusammen arbeiten und den ansonsten sicheren Weltuntergang durch Klimazerstörung und unregulierte KI verhindern müssten, reiten die Regierungen blindwütig in einen dritten Weltkrieg rein.

    Ich versteh's nicht.

  • Das libanesische Kabinett hat die Sicherheitskräfte angewiesen, den Waffenbesitz in Beirut ausschließlich staatlichen Institutionen zu überlassen. Dies geschah einen Tag nach israelischen Angriffen im ganzen Land, darunter auch im Herzen der Hauptstadt.



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    „Armee und Sicherheitskräfte werden aufgefordert, unverzüglich die uneingeschränkte Durchsetzung der staatlichen Autorität im Gouvernement Beirut zu verstärken und sicherzustellen, dass Waffen ausschließlich den legitimen Behörden vorbehalten bleiben“, erklärte Premierminister Nawaf Salam am Ende einer Kabinettssitzung.



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    Die libanesische Regierung hatte Anfang März, kurz nach Kriegsbeginn mit Israel, die militärischen Aktivitäten der Hisbollah verboten. Dieses Verbot hat die Terrorgruppe jedoch nicht von weiteren Militäroperationen abgehalten.



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    Neue Raketenangriffe aus dem Libanon auf Israels Norden



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    Israels Norden ist heute Morgen erneut vom Libanon aus mit Raketen angegriffen worden. In der israelischen Grenzstadt Kiriat Schmona, die seit mehr als einem Monat unter Dauerbeschuss durch die aus dem Iran gesteuerte Hisbollah steht, heulten erneut die Warnsirenen.

  • Dann aber bitte auch erwähnen, warum es zu diesen simultanen Angriffen auf gut einhundert verschiedene Ziele gekommen ist: weil es dem israelische Geheimdienst gelungen war, die Standorte von einhundert Teilnehmern einer online-Konferenz der Hizbollah zu bestimmen. Die Teilnehmer dieser Konferenz, d.h. Terroristen der Hizbollah, waren das Ziel der Angriffe, die innerhalb von wenigen Minuten quasi synchron erfolgten. Ein beeindruckendes Beispiel sowohl für die Fähigkeiten des israelischen Geheimdienstes, als auch für die der israelischen Luftwaffe!

  • Wer an dieser Front Frieden will, sollte sich vertrauensvoll an Iran wenden, die Hisbollah zurückzupfeifen, statt Israel dafür zu kritisieren, seine Bürger zu schützen.

    • @PeterArt:

      Man kann Gewissensbissen auch ausweichen, indem man die Schuld dem Typen gibt, den man treffen wollte. Das ist ziemlich praktisch, weil man ihn ja sowieso schon hasst. Darauf, dass er einen dazu verleitet hat zuzuschlagen, ist glaube ich noch eine Runde fällig, oder? /s

  • Terror.



    Vor allem Nethanjahus Weg, den Friedens(?)prozess zwischen den USA und dem Iran zu sabotieren. Überhaupt kein Versuch, das noch irgendwie hinter irgendwelchen Sicherheitserfordernissen zu verstecken, reine Hybris der Atommacht Israel. Fast schon zu Lachen, dass der vorgeschobene casus belli das Verhindern einer Atommacht Iran war - würde einem nicht das Grinsen im Halse stecken bleiben.

  • Der ehemalige verstorbene Außenminister Genscher (FDP) wäre wie sein belgischer Kollege längst vor Ort im Libanon. Die deutsche CDU geführte Außenpolitik zum Libanon taucht stattdessen ab.

  • Es wird Zeit für Sanktionen.

  • Israel ist genauso faschistisch wie die USA. Einfach nur erbärmlich und gruselig.

  • "Im Südlibanon bombardierte Israel die Al-Qasmiya Brücke ... Zuvor hatte Israel bereits sechs andere Brücken entlang des Litani-Flusses bombardiert..."



    Wie war das, als Trump ankündigte, Brücken und andere zivile Infrastruktur im Iran bombardieren zu wollen?



    Kriegsverbrechen, schlimm.



    Und hier?

  • Klingt doch alles nach Selbstverteidigung /s.

  • Israel reiht Kriegsverbrechen an Kriegsverbrechen. Und die deutsche Staatsraison ist daran aktiv beteiligt.