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Ressourcenkonflikte im IrankriegDie dritte große Ölkrise

Manfred Kriener

Kommentar von

Manfred Kriener

Der wirtschaftliche Kollateralschaden des Irankriegs hat die Welt erfasst. Trumpf des Mullah-Regimes bleibt die Straße von Hormus. Kommen die autofreien Tage wieder?

Ölkrise 1973, gibt es ein Revival? Polizisten kontrollieren1973 am Autobahnkreuz Köln-Nord die Einhaltung des Fahrverbots Foto: Roland Scheidemann/picture-alliance

W ir erleben „die größte Versorgungskrise in der Geschichte des globalen Ölmarkts“. Die nach den Energiekrisen der 1970er Jahre als Wachhund eingesetzte Internationale Energieagentur hat aus gutem Grund die Alarmtaste gedrückt. Der Angriffskrieg der USA und Israels gegen Iran besitzt inzwischen das Potenzial, eine dritte große Ölkrise auszulösen.

Mit dem Bombardement der Öl-Insel Kharg hat der Krieg eine neue Eskalationsstufe erreicht. Die Insel ist der Knotenpunkt für die Pipelines Irans. Dort wird das Öl auf Tanker gepumpt, dort schlägt die wirtschaftliche Lebensader. Der US-Luftangriff hat zwar „nur“ die militärischen Schutzeinrichtungen ausgeschaltet. Doch jetzt droht der US-Präsident mit einem Angriff auf die Öl-Terminals von Kharg – Trump: „weil es mir Spaß macht“ – falls die Straße von Hormus nicht freigegeben werde.

Iran wird das Quälpotenzial der Meerenge weiter nutzen – sein größter Trumpf im Krieg gegen einen militärisch hoch überlegenen Gegner. Gepaart mit Militärschlägen gegen die Öl-Infrastruktur in den Golfstaaten werden die USA damit an der für Trump empfindlichsten Stelle attackiert: den Märkten. Der heftig gestiegene Öl- und Gaspreis trifft Industrien und Verbraucher und schickt die Börsen auf Talfahrt.

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Mit jedem neuen Kriegstag steigen mit fast naturgesetzlicher Konstanz die Ölpreise. Zeitgleich verlieren Trumps Wähler ihr Geld – an der Börse und an der Zapfsäule. Die USA müssen trotz Frackings beträchtliche Mengen Öl importieren. Auch in den USA ist Benzin teuer geworden, in einem Land, in dem zwei Grundbedürfnisse nicht verhandelbar sind: das günstige, über den Tellerrand wabernde Steak und die billig vollgetankten Großlimousinen und Pick-ups.

400 Millionen Barrel Öl-Notreserven der OECD-Staaten konnten den Markt nicht beruhigen, zumal die Weltgemeinschaft täglich mehr als 100 Millionen Barrel des noch immer wichtigsten Energieträgers verbraucht. Der Tagesverbrauch entspricht dem berühmten Güterzug mit Öl-Waggons von Sizilien bis Norwegen. Mit der Freigabe eines Teils der Notreserve war allen klar, dass eine Notlage entstanden ist. Das treibt den Ölpreis erst recht nach oben.

Jetzt soll die von Trump angekündigte militärische Eskorte die Öltransporte durch die Straße von Hormus absichern. Es scheint fraglich, dass er damit Erfolg hat. Zumal jene Länder wie China, Frankreich, Großbritannien entweder zu Trump auf Distanz gehen oder sich mit den USA in einem absurden Wirtschaftskrieg befinden. Eine noch so große US-Armada wird die Reeder kaum überzeugen. Ihre Schiffe sind nicht mehr versichert. Welcher Eigner riskiert Leib und Leben seiner Crew und den möglichen Totalverlust des Schiffs?

Wegen der Hormus-Blockade wird aus den Golfstaaten immer weniger Öl abtransportiert, die Lager laufen voll. Direkte Folge: Die Förderung muss zurückgefahren werden. Ausweitung und Reduzierung der Ölförderung sind komplizierte Prozesse. Ein Ölfeld ist kein unterirdischer See, in dem nach Belieben mal mehr, mal weniger abgepumpt wird. Die Druckverhältnisse dort sind sensible Größen, die behutsam verändert werden müssen. Wird die Förderung gedrosselt, kann es Wochen dauern, bis sie danach wieder ihr altes Niveau erreicht. Selbst nach einer schnellen Waffenruhe wird Business as usual also noch lange nicht zurückkehren. Zumal die vielen hundert im maritimen Stau stehenden Öltanker nach Kriegsende nur langsam die Meerenge von Hormus passieren können.

Revival der autofreien Tage

Angesichts dieser rabenschwarzen Aussichten ist Energiesparen die dringend gebotene Antwort. Ist das mit dieser Regierung zu machen? Notwendig wäre ein Entzug im Autoverkehr, ran an die Herrschaft der Geschwindigkeit. Tempolimits, wie sie bei der ersten Ölkrise 1973 die Regierung Brandt durchgesetzt hatte, sparen Sprit und machen die brenzlige Lage allen bewusst. Oder die Anordnung autofreier Tage. Die waren überraschend populär und mündeten 1973 in unvergessene Happenings auf leergefegten Autobahnen mit spielenden Kindern und johlenden Wandergruppen.

53 Jahre später ist es immerhin erstaunlich, wie schnell sich die schwarz-roten Energiepolitiker bei Benzinpreisen über zwei Euro von der heiligen Marktwirtschaft verabschieden. Schluss mit der Abzocke heißt es jetzt, Übergewinnsteuern werden verlangt und ein Verbot für mehrere Preiserhöhungen an einem Tag. Gleichzeitig gebiert die Krise aktionistische Schrullen, wie den Vorschlag, das Fracking auch in Deutschland anzupacken. Doch bis auch nur ein geeignetes Gebiet ausgewählt, erkundet und eine Genehmigung erteilt wäre, würden schon mal Jahre ins Land gehen. Das Thema Fracking ist genauso wie die Atomkraft aus gutem Grund beerdigt worden. Der Vorstoß zeigt, dass kein Hirngespinst zu abstrus ist.

Hauptsache, man muss nicht anerkennen, dass die erneuerbaren Energien, dass Wärmepumpen und Elektroautos die mehr denn je gebotenen Alternativen sind, um der fossilen Falle zu entkommen. Es wäre das Eingeständnis, dass der grüne Umweltzirkus womöglich recht behalten hat. Wärmepumpen und Elektroautos erleben derzeit einen fulminanten Anschub. Autohändler berichten von starker Nachfrage nach Stromern, und mit jeder weiteren Preiserhöhung an den Tankstellen verstärkt sich dieser Trend. Die Verbraucher sind offenbar weiter als die Politik. Gut möglich, dass sich die fossile Krise nicht nur in Autohäusern, sondern auch auf Wahlzetteln niederschlägt. Parteien, die jetzt noch Verbrenner und Ölheizung als Zukunftsmodell anpreisen, die die Solarförderung eindampfen und in großem Stil Gaskraftwerke bauen wollen, geraten in Erklärungsnot.

Weitere Eskalationen in diesem Krieg, eine sich weiter verschärfende Versorgungslage mit entsprechend tiefer Erschütterung unserer Lebens- und Wirtschaftsweise mag man sich nicht vorstellen. Schon jetzt sind durch Angriffe von Drohnen, Bomben und Raketen zehn Länder direkt betroffen. Der Kollateralschaden hat indes die ganze Welt erfasst.

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Manfred Kriener
Manfred Kriener, Jahrgang 1953, ist Umweltjournalist und Autor in Berlin. Themenschwerpunkte: Klima, Umwelt, Landwirtschaft sowie Essen & Trinken. Kriener war elf Jahre lang taz-Ökologieredakteur, danach Gründungschefredakteur des Slow-Food-Magazins und des Umweltmagazins zeozwei.. Zuletzt erschienen: "Leckerland ist abgebrannt - Ernährungslügen und der rasante Wandel der Esskultur". Das Buch schaffte es in die Spiegel-Bestsellerliste und wurde von Umweltministerin Svenja Schulze in der taz vorgestellt. Kriener arbeitet im Journalistenbüro www.textetage.com in Kreuzberg.
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14 Kommentare

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  • Wer zuletzt lacht, lacht am besten.



    Als ich ein E-Auto gekauft habe, wurde ich belächelt. "Das lohnt ich doch nie" war eines von vielen Argumenten. Dann habe ich eine 15kW Photovoltaik-Anlage "Eigenverbrauch" installiert, kalkulatorische Vollkosten über 20 Jahre pro kWh 9.5 Cent.



    Nun fahre ich für 2€ pro 100km mein E-Auto und ich läche über die Treibstoffpreise, denn "So ein Benziner rechnet sich doch nie mehr".

    • @Hans Dampf:

      Aber trotzdem ist doch nett von denen, die sich kein neues E-Auto (bis 6.000 € förderung) leisten können und keine 15 kWp Photovoltaik (Steuerbefreiung bei Anschaffung), dass sie denen, die sich eins als Zweit- oder Drittgehhilfe gönnen, mit ihren Steuern (Klima- und Transformationsfond) unter die Arme greifen.

      • @Thomas Böttcher:

        Stimmt zwar was sie schreiben, aber ich hätte dies auch ohne Förderung gemacht. Und es hat Arbeitsplätze in Herstellung und Handwerk unterstützt. Ich könnte jetzt aber auch schreiben, dass ich meiner Progression wegen (zu Recht) ein Vielfaches an Steuern bezahlt habe, was den "Armen" zu Gute kommt.

  • Tempolimit und Autofreie Wochenenden plus Übergewinnsteuer für die Mineralölkonzerne wären gute Ideen.

    • @pesetenpaule:

      Übergewinnsteuer



      Internationale Konzerne können legal Gewinne in Deutschland auf 0 rechnen, indem sie das Öl vom Ausland teuer nach Deutschalnd verkaufen und somit gar kein "Übergewinn" mehr anfallen kann.



      Eine "Übergewinnsteuer" wäre also nur ein weiteres Bürokratiemonster ohne Effekt.

  • Es gab da mal nen Kompromiss in Hessen, erfunden von Landesumweltminister Joschka Fischer: Ozon-Alarm im Sommer: Tempolimit auf allen außerörtlichen Straßen. Ich fand's klasse - endlich mal gemütliches Fahren auf hessischen Autobahnen. Und es machte Sinn, wurde aber wohl genau deshalb nicht wiederholt



    :-(

  • Sehe das zwar nirgends mit der Ölkrise, aber klar, "bad news are good news", in medialen Krisenzeiten muss man halt so ein Ding raushauen.



    Vielleicht steigen jetzt die Verkaufszahlen für E-Autos und Wärmepumpen? Wie immer gilt: Nix ist so schlecht, dass nicht auch irgendein guter Punkt dabei rauskommt.

  • Unser Nachbarland Dänemark hat bei der letzten Ölkrise beschlossen, die Abhängigkeit von Gas und Öl auf Null zu reduzieren, um nie wieder von so einer Krise hart getroffen zu werden.



    Seitdem verfolgen alle Regierungen dort dieses Ziel mit maximaler Konsequenz.



    Im Wärmebereich werden inzwischen über 70% aller Gebäude von Fern- oder Nahwärmenetzen versorgt, in kleinerer Teil von stromgetriebenen Wärmepumpen.



    Die Stromversorgung wurde auf Windkraft umgestellt, Dänemark ist hier inzwischen Technologieführer.

    Anders in Deutschland:



    Erst haben wir uns im ganzen Land von russischen Gas- und Ölimporten abhängig gemacht.



    Nach dem Überfall haben wir Russland gegen die unberechenbaren USA ausgetauscht.



    Union und SPD haben die Technologieführerschaft und Industrie im Bereich PV und Windkraft vorsätzlich beschädigt, Hunderttausende von Jobs vernichtet und uns systematisch von China abhängig gemacht.

    Von Energie- und klimapolitischer Kontinuität kann angesichts des fossilen Rollbacks von Schwarz-Rot nicht die Rede sein.



    Gerade werden das EEG und das Gebäudeenergiegesetz zugunsten der Fossilen rückabgewickelt.

    So sieht eine gescheiterte Energiepolitik aus. Made in Germany.

  • Die aktuelle Ölkrise durch den Krieg im Nahen Osten ist die finale Quittung für Jahrzehnte politischer Ignoranz. Wer heute noch behauptet, fossile Energien stünden für Stabilität, betreibt Realitätsverweigerung auf Kosten unserer Sicherheit. Jeder Liter Öl, den wir aus den Händen von Despoten und religiösen Fanatikern kaufen, finanziert direkt die Instabilität, die wir nun beklagen. Die Geschichte von Hitler bis Putin zeigt: Wer Energieressourcen als Waffe nutzt, beendet sein Spiel erst im Ruin der anderen.



    ​Die schnellstmögliche Umstellung auf regenerative Energien ist daher keine ideologische Träumerei, sondern knallharte nationale Sicherheitsstrategie. Wind und Sonne führen keine Kriege. Wer wie die AfD gegen den Ausbau der Erneuerbaren hetzt, macht sich zum Handlanger ausländischer Erpresser und zementiert unsere Unterwerfung unter die Öldiktaturen dieser Welt. Der Ausstieg aus dem Öl ist die einzige echte Freiheitsbewegung unserer Zeit. Wer die Energiewende jetzt noch bremst, unterschreibt die nächste Tankrechnung mit dem Blut Unschuldiger. Es gibt keine nationale Souveränität ohne energetische Unabhängigkeit!

  • Was mittel- und langfristig die Folgen sein werden, lässt sich wohl kaum prognostizieren. Kurzfristig auf eine Wiederholung des Fukushima-Effekts zu hoffen, scheint mir aber unrealistisch. Ich würde eher annehmen, dass ein mögliches Ansteigen der Inflation auf 6% (Negativszenario des RWI) eine absolute Mehrheit der AfD im Magdeburger Landtag näherrücken lässt. Wobei das im globalen Maßstab sicher einer der geringeren Kollateralschäden wäre.

  • Trump ist einfach sehr naiv und nicht wirklich ein Stratege, das flliegt ihm jetzt um die Ohren.



    Und es betrifft alle Staaten, die über eine entwickelte Wirtschaft verfügen, denn die benötigen Öl. Und das gäbe es, aber es kommt nicht raus.



    Kürzlich hat Trump NATO-Partner um Unterstützung gebeten, weil die Straße von Hormuz derart wichtig ist und er die nicht frei bekommt. Dahinter steckt aber auch, dass Trump mit Special Forces und anderen keine Abentuer macht. Eventuell könnte Trump die Straße frei kriegen, aber dann muss er viel risikieren.



    Der Öl-Preis wird in den nächsten Wochen hoch bleiben und damit steigt die Gefahr der Inflation und eines deutlich niedrigeren BIPs für Deutschland und die EU. Anscheinend hat Trump bei seinen Bombardements keinen echten Plan gehabt. Die Wirtschaft zahlt und das bedeutet eben mehr Arbeitslosigkeit und mehr Armut.



    Das Problem am Erdöl ist, dass durch E-Autos viele Produzenten nicht so viel mehr investieren wollen, weil sie Angst haben auf einer teuren Infrastruktur sitzen zu bleiben. Algerien könnte noch erhebliche Anstrengungen unternehmen, aber dann müssten sie viel Geld in die Hand nehmen.



    Kurzfristig gibt es keine Lösung.

    • @Andreas_2020:

      Ob Trump ein Stratege ist kommt auf seine Ziele an. Bei den Zielen von Trump kommt zuerst Trump selber, dann sein (Familien) Clan, Bekannte und Getreue, irgendwann Amerika und am Schluss der Rest der Welt. Das durch den Angriff auf den Iran die Ölpreise steigen war logisch und gewollt, da er und sein Umfeld hier sicherlich Beteiligungen haben und jetzt abkassieren. Guten Freunden wie Putin kann er so auch helfen ohne es direkt zu tun, liegt halt immer daran welches Ziel verfolgt wird !

  • Prima - an den möglichen autofreien Wochentagen kann sich die Natur wunderbar erholen.

  • Die autofreien Tage waren ein Misserfolg, warum sollten siese also wieder kommen?

    Siehe: de.wikipedia.org/wiki/%C3%96lpreiskrise. Darin heißt es ausdrücklich: Der Spareffekt der autofreien Sonntage war tatsächlich nur gering. Es ist kein Grund ersichtlich, weshalb es dieses mal mehr bringen sollte.