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Linke Debatte um FriedenspolitikAuf der Suche nach Antworten auf eine kompliziertere Welt

Die Linke arbeitet an einem neuen Programm. Lin­ken­po­li­ti­ke­r:in­nen versuchen, den Streit um die Außen- und Sicherheitspolitik zu entschärfen.

Ist das links? Ein zerstörter russischer Panzer im Mai 2022 in der Region um Kyjiw Foto: Zohra Bensemra/reuters
Pascal Beucker

Aus Berlin

Pascal Beucker

Die Linke und die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik – das ist von jeher eine komplizierte Beziehungskiste. Sie sei „eine internationalistische Friedenspartei, die für Gewaltfreiheit eintritt, ob im Inneren von Gesellschaften oder zwischen Staaten“, heißt es wohlklingend in ihrem Grundsatzprogramm aus dem Jahr 2011. Daraus leite sie ihr „Engagement gegen Krieg, Völkerrechtsbruch, Menschenrechtsverletzungen und militärische Denklogiken im Umgang mit Konflikten ab“. Doch was heißt das konkret?

Wenn es um die Verurteilung von völkerrechtswidrigen US-Militärinterventionen geht, wie jetzt der im Iran, dann waren und sind sich die Antimilitarist:innen, Pa­zi­fis­t:in­nen und An­ti­im­pe­ria­lis­t:in­nen in der Partei stets schnell einig. Aber nicht erst seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine ist die Welt komplizierter geworden. Die Forderung nach einer „Auflösung der Nato und ihre Ersetzung durch ein kollektives Sicherheitssystem unter Beteiligung Russlands“ wirkt da nicht mehr ganz so zeitgemäß.

Bis zum Herbst 2027 will die Linke ein neues Grundsatzprogramm erarbeiten. Als Sprengsatz gilt dabei das Kapitel zu Krieg und Frieden. Jetzt hat sich ein Au­to­r:in­nen­kreis aus unterschiedlichen Spektren innerhalb der Partei zusammengetan, um zu einer Entschärfung beizutragen.

Mit dabei sind der EU-Linksfraktionschef Martin Schirdewan und das Bremer Landesvorstandsmitglied Christoph Spehr, die dem Re­for­me­r:in­nen­la­ger zugerechnet werden, der bewegungslinke Vize-Parteivorsitzende Ateş Gürpınar, die NRW-Landesvorsitzende und Pazifistin Kathrin Vogler sowie der Bundestagsabgeordnete Ulrich Thoden, der der Kommunistischen Plattform angehört.

„Wir alle haben uns bewegen müssen, um eine gemeinsame Position zu formulieren“, heißt es in der Vorbemerkung ihres 14-seitigen Diskussionsaufschlags, das der taz vorliegt. Aber bei aller Unterschiedlichkeit würden sie glauben, einen „Korridor“ formuliert zu haben, „in dem wir uns gemeinsam bewegen und politisch handlungsfähig sein können“. Herausgekommen ist ein insgesamt nachdenkliches Papier, das auf einfache Antworten verzichtet.

Bedürfnis nach Sicherheit hat einen neuen Stellenwert

Die Multipolarisierung der Welt, der Rechtsruck in zahlreichen Staaten, offen artikulierte Territorialansprüche oder laufende Angriffskriege wie der gegen die Ukraine hätten in der deutschen und vielen anderen Gesellschaften „dem Bedürfnis nach Sicherheit vor Krieg und Angriffen einen neuen Stellenwert gegeben“, konstatieren die Autor:innen, zu denen auch noch der sachsen-anhaltische Landtagsvizepräsident Wulf Gallert und der frühere Berliner Wirtschaftssenator Harald Wolf gehören.

Wie bisher wollen sie die Vereinten Nationen stärken, verteidigen die UN-Charta und „die unbedingte Bindekraft des Völkerrechts“ – und zwar „ohne jeden Doppelstandard“. Doch dabei belassen sie es nicht.

So verweisen die Lin­ken­po­li­ti­ke­r:in­nen vielmehr darauf, dass sich aus der UN-Charta „kein Menschenrechtsnihilismus“ ableiten lasse. Denn in Fällen von Völkermord, ethnischer Säuberung und Verbrechen gegen die Menschlichkeit sehe die UN-Charta unter bestimmten Voraussetzungen auch militärische Interventionsmöglichkeiten vor. Dieser richtige Hinweis fehlt bislang in der Linken-Programmatik.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass die Au­to­r:in­nen eine Reform des UN-Sicherheitsrates hin zu einer Abschaffung oder Einschränkung des Vetorechts seiner ständigen Mitglieder für „unumgänglich“ halten. Auch sprechen sie sich nicht mehr grundsätzlich gegen Sanktionen bei Verstößen gegen UN-Normen aus. Sie müssten allerdings mit einer klaren Zielsetzung, wie der Eindämmung von Angriffskriegen, und einem klar definierten Ende bei Erreichen ihrer Ziele verbunden sein.

Zwar gilt für die Au­to­r:in­nen weiterhin „das Primat des Zivilen“, das Militärische könne „nicht der Ausgangspunkt emanzipatorischer Konzeptionen von Sicherheit“ sein. Mit Blick nicht mehr nur auf die USA, sondern gerade auch auf Russland stellen sie aber fest, es sei „zur Kenntnis zur nehmen, dass nicht alle Akteure im Weltsystem sich diesen Standards verpflichten oder sich von zu erwartender ziviler Verteidigung abschrecken lassen“. Daher sei es „eine schwere und doch notwendige Aufgabe aus linker Perspektive, die Frage der Landesverteidigung zu denken, ohne sich dabei zum Teil der gesellschaftlichen Militarisierungstendenz zu machen“.

Au­to­r:in­nen setzen auf die EU

Linke Politik könne „populare Sicherheitsbedürfnisse nicht verneinen oder als Teil eines falschen, medial manipulierten Bewusstseins abtun“. Sie stehe vielmehr in der Verantwortung zu sagen, was militärische Verteidigung für sie bedeute: „Sie meint die Fähigkeit, sich erfolgreich im Falle eines Angriffs verteidigen zu können, nicht aber die Kapazität, erfolgreiche Angriffskriege führen zu können.“

Gleichzeitig wenden sich die Lin­ken­po­li­ti­ke­r:in­nen dagegen, Sicherheit rein nationalstaatlich zu organisieren. Denn das sei der „teuerste und gefährlichste mögliche Rückschritt“. Stattdessen setzen sie hier – und das ist neu – auf die Europäische Union und deren Beistandsverpflichtung, die „eine glaubwürdige Sicherheitsperspektive jenseits der Nato möglich“ mache.

Angesichts der offenen Infragestellung der transatlantischen Sicherheitsversprechen durch die autoritäre Trump-Administration sei es erforderlich, dass Europa seine „strategische Unabhängigkeit gewinnen und seine Rolle in der Welt neu definieren“ müsse. Schon die neue US-Sicherheitsstrategie zwinge dazu. Damit die EU im Weltsystem eine ausgleichende und dem internationalen Recht verpflichtende Rolle spielen kann, müsse sie „Antworten auf Fragen ihrer Energiesouveränität, ihrer digitalen und sicherheitspolitischen Souveränität finden“.

Und was ist mit der alten Idee einer europäischen Sicherheitsarchitektur unter Einbezug Russlands? Diese Vision sollte zwar grundsätzlich nicht aufgeben werden, schreiben die Autor:innen. Aber: „Mit dem jetzigen russischen Regime ist diese nicht zu erreichen.“

Keine programmatische Generalrevision

Es ist keine Generalrevision des Linken-Programms, die die Ver­fas­se­r:in­nen unter dem sperrigen Titel „Probleme, Prinzipien und mögliche Praxen linker Außenpolitik in der multipolaren Welt“ vorgelegt haben. Das würde allerdings auch nicht dem unveränderten Anspruch, „Friedenspartei“ zu sein, entsprechen.

Manchen Konflikt im Konkreten umschiffen sie auch durch die Flucht ins Allgemeine. Was folgt beispielsweise praktisch aus dem postulierten „Eintreten gegen die russische Invasionspolitik“ in der Ukraine und dem Hinweis auf das in Artikel 51 der UN-Charta formulierte Selbstverteidigungsrecht eines angegriffenen Landes? Da fehlt es nach wie vor an einer gemeinsamen Antwort.

Spürbar ist aber das Bemühen, Wege zu finden, anders als zu den destruktiven Wagenknecht-Zeiten mit bestehenden Differenzen nicht spaltend umzugehen. Auffällig ist auch, dass im Gegensatz zur Vergangenheit um die Sache gerungen wird, die Diskussion über Außen- und Sicherheitspolitik also nicht mehr nur als Vehikel für den traditionellen wie unerquicklichen Streit erscheint, die Linke entweder auf fundamentalen Oppositionskurs zu halten oder „regierungsfähig“ zu machen. Ob das auch so bleibt, wird sich noch zeigen. Bis zur anvisierten Verabschiedung des neuen Grundsatzprogramms der Linken ist es noch einige Zeit hin.

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9 Kommentare

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  • Gestern bei Miosga wurde von der iranisch-deutschen Journalistin (Name vergessen) klargestellt, dass das aktuelle Völkerrecht mit der Maxime der Nichteinmischung in Innere Verhältnisse der Staaten eine offene Wunde enthält und Massenerschießungen von Demonstranten - wie im Januar im Iran geschehen - nicht addressiert. Entsprechung hat sich die UNO nicht dazu verhalten. De facto werden also terroristische und menschenfeindliche Regierungen durch das Völkerrecht geschützt. Also dringende Reformen des Völkerrechts, das erstens das zwischenstaatliche Gewaltverbot auf das innerstaatliche Verhalten ausdehnt. Zweitens muss die Zusammensetzung und das Veto-Recht der Mitglieder des Sicherheitsrates geändert werden; alle 5 Kontinente müssen gleichberechtigt vertreten sein und nur verschiedene Mehrheits-Quoren zur Entscheidung stehen, kein Veto, aber auch keine Einstimmigkeit - wie im EU-Rat. Die Entscheidungen müssen dann wirklich von allen Ländern mitgetragen werden, auch von denen, die in der Abstimmung unterlegen sind.

  • Im Grunde ist die Welt nicht so kompliziert, wenn man einen Ausgleoch von Interwssen anstrebt.



    Dies war aber scgon die letzte 30 Jahre schwer mit der indiapwnaable Nation und mit dem Erpresser Trump ist es leider garnicht mehr möglich.



    Er brüllt heraus was er will, startet Scheinveehandlibgen und nimmt es sich einfach.



    Carney hat recht, die Welt miss sich gegen diesen Terroristen znd Tyrannen erheben.

  • Klingt ja alles gut. Ich verstehe aber nicht, warum eine Beistandsverpflichtung in der EU gut sein soll, eine in der NATO aber nicht (das hat nichts mit der Möglichkeit oder der Glaubwürdigkeit dank Donald Trump zu tun). Die vier Buchstaben NATO sind in der Linken synonym des Teufels, wenn das gleiche in der EU stattfindet, ist es was anderes? Glaubwürdig ist das für mich nicht, es ist blos eine andere Variante des alten Antiamerikanismus.

  • Eine vernünftige Variante von Pazifismus muss Selbstverteidigung akzeptieren. Gleichzeitig müssen die mit der Militarisierung verknüpften Probleme beachtet werden:

    Propaganda, potenziert von sozialen Medien, macht es teilweise unmöglich, "Gut" und "Böse" klar zu trennen. Menschenrechte werden all zu leicht herangezogen, um imperialer Geopolitik einen Anschein von Gerechtigkeit zu verleihen. Und diejenigen, die in Schützengraben sterben, sind nicht dieselben, die von den Systemen, die sie mutmaßlich verteidigen, profitieren. Vom Profit, der sich industriell aus kriegerischem Leid schlagen lässt, ganz zu schweigen.

    Folgende Grundsätze eines vernünftigen Pazifismus bieten sich darum an:

    (1) Alle Soldaten müssen freiwillig dienen, so dass niemand gezwungen wird, ein System zu verteidigen, das ihn nur ausbeutet.

    (2) Verteidigung geht nur im Inland; sobald man anfängt "die Freiheit am Hindukusch" zu verteidigen, ist man inmitten imperialer Geopolitik.

    (3) Oberste Maxime muss die Vermeidung ziviler Opfer sein; Massenvernichtungswaffen sind kategorisch abzulehnen.

    (4) Sonstige Interventionen (bspw. Verhinderung eines Genozids) nur mit UN-Mandat.

    • @Dr. M.:

      Zu:



      (1)



      Soldaten die freiwillig dienen, finde ich eine gute Idee. Es wird aber schwierig sein das alle mit dem System komplett einverstanden sind



      (2)



      Dann macht es für kleinere Nationen wie Österreich oder Schweiz kein Sinn eine eigene Armee zu unterhalten. Sie wären im Verteidigungsfall immer auf Hilfe anderer Nationen angewiesen. Diese dürften dann jedoch nicht zu Hilfe kommen.



      (3)



      Da müsste die ganze Welt mitspielen. Wird nie gelingen.

      • @Sole Mio:

        Zu deiner Replik (2): Die Schweiz ist geradezu das Paradebeispiel einer kleinen Nation, wo das seit Jahrhunderten gut funktioniert. Die Nazis hatten bspw. Eroberungspläne, die sie nicht umgesetzt haben, weil es zu kostspielig gewesen wäre. Das Dilemma ist trotzdem deutlich. Letztlich, wenn man überhaupt mit moralischen Anspruch draufschaut, ist Bündnispolitik in Verbindung mit Propaganda leider immer ein Einfallstor für imperiale Geopolitik. Das zu vermeiden muss Vorrang haben.

        Zu (3): Auch hier, entweder du willst moralisch, humanistisch argumentieren, oder nicht. Du kannst nicht in Kauf nehmen zig Unschuldige zu massakrieren und zugleich human agieren. Das geht einfach nicht zusammen. Abgesehen davon, es macht auch gar keinen Sinn (und ist in keiner der bekannten Einsatzdoktrinen vorgesehen), ein Land bspw. zu nuken um es zu erobern. Niemand wird Deutschland mit Atomwaffen angreifen, um es einzunehmen. Deutschland ist nur dann in Gefahr, eine Kernwaffe abzukriegen, wenn es andere Länder (bspw. Russland) von seinem Territorium aus nuklear bedroht, bzw. zulässt, dass die USA das von hier aus tun. UND: Man muss halt mal anfangen, dann können andere auch mitmachen.

  • Ich bin froh, dass das leidige Thema anscheinend jetzt konstruktiv angegangen wird. Es ist zwar absurd, dass viele Menschen (eigene Erfahrung) die Linken quasi voll unterstützen bis auf den Punkt "Hilfe für die Ukraine", dann aber statt einer Partei, mit der sie in nur einem Punkt nicht einig sind, lieber Parteien wählen, bei denen sie in N Punkten nicht ihrer Meinung sind. Aber das ist der jahrzehntelangen massiven Hetze gegen die Linke zu verdanken.

    Angesichts der momentanen Zustände im Iran muss man sagen, dass die Linke offenbar die einzige Partei in Deutschland ist, die noch das Völkerrecht verteidigt. AfD, cdU/csU natürlich sowieso nicht, aber auch Nouripour gestern bei Miosga hat das Wort nicht mal in den Mund genommen.

    Wenn die Bundesregierung ihre Ansichten zum Völkerrecht auf die nationale Variante davon ausweiten, nämlich das Rechtsstaatsprinzip, dann wird sich die Polizei auch bei der Verbrecherjagd nicht mehr an Gesetze halten. Ok, da gibt es ja sowieso schon starke Defizite.

    Aber heute in der BPK sagte Kornelius, dass der Iran ja auch Völkerrecht verletzt hätte und leitete daraus die Rechtmäßigkeit des Angriffskriegs von USA und Israel ab.

  • Das klingt doch sehr vernünftig und verheißungsvoll.



    Die Linke ist mit diesen pazifistischen Positionen, die im Gegensatz zu anderen ehemals links-geschriebenen Parteien ja aktuell auch gelebt werden, völlig alternativlos.



    Genauso wie beim Klimaschutz, bei der Sozialpolitik und der Migrationspolitik.



    Und beim Widerstand gegen den Rechtsruck im Lande sowieso.

    Wenn innerparteiischen Streitereien durch solche Kompromisspapiere auch nach außen hin sichtbar reduziert werden können, ist das bestimmt auch eine gute Motivation für sich heimatlos fühlende linke WählerInnen.

    • @hsqmyp:

      Was ist daran verheißungsvoll?

      Es ist unkonkretes Blabla.

      "schwere und doch notwendige Aufgabe aus linker Perspektive, die Frage der Landesverteidigung zu denken, ohne sich dabei zum Teil der gesellschaftlichen Militarisierungstendenz zu machen“

      Klar ist es schwer, wenn man jegliche Gedanken dazu als Militarismus geframed hat, dann eben doch dasselbe Denken zu müssen, weil man sonst die Fragen der Zeit überhaupt nicht beantworten kann.

      „populare Sicherheitsbedürfnisse"



      Um das böse n-Wort und das böse V-Wort, dass mal typisch links war, vermeiden zu können, erfindet man einen Begriff, von dem niemand so genau wissen kann, was er meint.

      Besser kann man Realitätsverweigerung nicht ausdrücken.

      Der Duden kennt dieses "popular" nicht.

      Die Illusionen zur EU- Verteidigung wirken dagegen fast vernünftig, stimmt.

      Wer nicht mit einer Kapitulation gegenüber einem russischen Angriff einverstanden, kann die Linke nicht wählen.

      Die Kapitulation würde die Linke vermutlich gut abwickeln.