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Wissenschaftler über Bürgergelddebatte„Damit werden Menschen vom Arbeitsmarkt weggedrängt“

Mit dem Bild des „arbeitsunwilligen Arbeitslosen“ wird Politik gemacht. Die strukturellen Ursachen werden dabei nicht benannt, kritisiert René Böhme.

Abgestempelt: Die Erzählung von totaler Arbeitsverweigerung führt zu Stigmatisierung und Scham Foto: Jens Büttner/dpa

Interview von

Johannes Strauch

taz: Herr Böhme, „arbeitsunwillige Arbeitslose“ – gibt es die überhaupt?

René Böhme: Natürlich gibt es die. Historisch betrachtet hat es immer Menschen gegeben, die sich nicht von Erwerbsarbeit angesprochen fühlen. Damit muss meines Erachtens aber eine Gesellschaft zurechtkommen. Die Frage ist, in welcher Größenordnung bewegt sich das Ganze? Sind es kolportierte Zahlen von mehreren Millionen, oder sind es – faktengeprüft – nur sehr wenige?

taz: Was sagen denn die Zahlen?

Böhme: Etwa 16.000 Arbeitsunwillige wurden in den letzten Analysen ermittelt. Das entspricht 0,4 Prozent aller erwerbsfähigen, leistungsberechtigten Personen. Da kann man sich schon fragen: Führen wir die Debatte wegen 0,4 Prozent?

Bild: Christina Kuhaupt
Im Interview: René Böhme

42, ist promovierter Sozialwissenschaftler am Institut Arbeit und Wirtschaft der Universität Bremen. Er forscht zu Armut, sozialer Ungleichheit, Migration und Kindertagesbetreuung.

taz: Warum nimmt die Debatte so viel Raum ein?

Böhme: Wenn wir unseren Sozialstaat anschauen, dann ist dieser sehr stark auf Erwerbsarbeit zentriert, Sozialversicherungen sind an Arbeit gekoppelt. Im Zuge der neoliberalen Debatte, die seit 2000 geführt wird, sehen wir außerdem eine sehr starke Verschiebung der Verantwortung in Richtung des Individuums. Daraus wird abgeleitet: Es braucht mehr Druck, um Menschen wieder in Arbeit zu bringen.

taz: Druck, der häufig gar nicht guttut.

Böhme: Das ist eigentlich das Verheerende an der Debatte. Aus der psychologischen und gesundheitsbezogenen Forschung sehen wir, dass diese Erzählung vom arbeitsunwilligen Arbeitslosen bei vielen zu Stigmatisierung, Scham oder sozialer Abwertung führt. Damit werden Menschen eigentlich vom Arbeitsmarkt weggedrängt. Genau das Gegenteil von dem, was als eigentliches Ziel vorgegeben wird. Das zweite Verheerende ist, dass das untere Einkommensdrittel gegeneinander ausgespielt wird, was eine Spaltung der Gesellschaft fördert.

Da kann man sich schon fragen: Führen wir die Debatte wegen 0,4 Prozent?

René Böhme

taz: Gibt es auch andere Ursachen als Arbeitsunwilligkeit für den Leistungsbezug von Bürgergeld?

Böhme: Ja, beispielsweise fehlende Qualifikationen oder Sprachkenntnisse, zu geringe Löhne oder gesundheitliche Einschränkungen. Wir schleppen auch eine Reihe von Menschen im Bürgergeld durch, die nicht erwerbsfähig sind und in der Erwerbsunfähigkeitsrente besser aufgehoben wären. Um als erwerbsfähig zu gelten, reichen drei Stunden Arbeit pro Tag aus. Diese drei Stunden müssen noch nicht mal am Stück absolviert werden – diese Jobs gibt es aber nirgendwo und beim Sozialen Arbeitsmarkt wurde zuletzt wieder vielerorts gekürzt.

taz: War Arbeitslosigkeit in der BRD schon immer Teil der politischen Debatte?

Böhme: Den ersten Hinweis in der Nachkriegs-BRD findet man 1975. Da hat ein sozialdemokratischer Arbeitsminister gesagt, wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es auch einen gewissen Schwund an Arbeitsmoral gibt. Später waren es die Hartz-Gesetze, die auch von der SPD kamen. Vielfach ist festzustellen, dass diese Debatten in Wahlkampfzeiten auftauchen, wobei die Hintergründe von Arbeitslosigkeit verschleiert werden.

Der Vortrag

Vortrag über den Mythos des „arbeitsunwilligen Arbeitslosen“ von René Böhm und Irene Dingeldey: Do, 26. Februar, 16 bis 18 Uhr, Kassenhalle im Forum am Domshof, Domshof 26, Bremen. Der Vortrag ist Teil der Colloquiumsreihe

Arbeit/Arbeitsmarkt – Solidarität in der Arbeitsgesellschaft" des Instituts Arbeit und Wirtschaft der Uni Bremen

taz: Warum ausgerechnet die SPD?

Böhme: Die Sozialdemokraten waren sehr stark im Arbeitermilieu verwurzelt. Gerade bei den unteren Mittelschichten hat man sich versprochen, dass diese Dialektik belohnt wird. Der hart Arbeitende, der frühmorgens aufsteht, gegen denjenigen, der das nicht tut. Gerade in den vergangenen Jahren ist diese Debatte aber sehr stark von Union, FDP, oder auch AfD geprägt. Einerseits als Begründung für eine restriktivere Migrationspolitik, andererseits als Argument, warum im Sozialbereich Einsparungen notwendig sein sollen.

taz: Was ist die große Herausforderung in dieser Debatte?

Böhme: Das Bild des arbeitsunwilligen Arbeitslosen ist leicht zu zeichnen. Wenn wir uns allerdings an die wirklichen strukturellen Ursachen von Arbeitslosigkeit heranwagen, dann sind das verschiedene Ursachen, die häufig miteinander verwoben sind. Das zu vermitteln, ist die große Herausforderung.

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29 Kommentare

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  • Nach einem knappen Jahr Arbeitslosigkeit verzichte ich inzwischen auf staatliche Hilfe und lebe von meinen Kapitalerträgen. Mir war leider nicht zu helfen. Mit anderen Worten ich war nicht zu vermitteln.

    Wobei ich ohnehin den Eindruck habe das ich mir "Arbeiten" gar nicht mehr leisten kann! Wer in den letzten Tagen mal eine Werkstatt beauftragt hat ein Auto zu reparieren, der kann nachvollziehen wovon ich rede.

    Mit 55 bin ich tatsächlich schwer zu vermitteln, insbesondere weil ich auch noch eine ziemlich unschöne Krankheitsgeschichte hinter mir habe... und mit Einschränkungen klar kommen muss.



    Mich mit einem Finanzbilungsprogramm selbstständig zu machen fand das Arbeitsamt dann leider nicht förderungswürdig und so bin ich auf mich alleine gestellt.

    35 Jahre Rente, Krankenkassen, Arbeitslosenversicherung und direkte Steuern und Soli haben mich in meinem Arbeitsleben fast eine Million € gekostet. Dann noch ein Haus finanzieren, Kinder groß ziehen und so nebenbei nochmal privat fürs Alter vorsorgen...

    Offen gesagt, meiner Ansicht nach hat mich dieser Staat viel zu viel Geld gekostet und ich bin es wirklich Leid von Berufspolitikern vollgenörgelt zu werden.

  • Es ist erschreckend wie viele hier das Märchen von den 16000 Arbeitsunwilligen glauben. Das sind vielleicht die, die ganz offen Jobs und Fortbildungsmaßnahmen ablehnen, aber sicher nicht die, die sich gekonnt drücken. Der Herr Böhme hat diese Zahl übrigens auch nicht selbst ermittelt, sondern ungeprüft nachgeplappert. Ich empfehle ihm einen Besuch in den Bürgerämtern in Bremen (dort kommt er her). Er möge dort mal mit Mitarbeiter/innen reden. Die werden ihm pro Stadtteil locker 200-300 Namen nennen können, bei denen es offensichtlich ist, dass kein Arbeitswille da ist.

  • In dieser hochtechnisierten Welt voller Maschinen, Computer, Regelungstechnik und Automaten - und demnächst Künstlicher Intelligenz (KI) und durch KI gesteuerte humanoide Roboter - gibt es in naher Zukunft immer weniger Jobs von denen man auch leben kann, aber darüber möchte man nicht so gerne reden.

    Wenn man sich auch einmal die neuesten humanoiden G1-Roboter Modelle von Unitree Robotics anschaut, die chinesische Ingenieure entwickelt haben, dann fragt man sich, wie lange man eigentlich noch über "arbeitsunwillige Arbeitslose" diskutieren - bzw. herziehen - möchte. Auch die Auswirkungen von KI auf den Arbeitsmarkt werden tiefgreifend; aber darum geht es ja eigentlich gar nicht bei dem Bashing gegen "arbeitsunwillige Arbeitslose".

    Es ging auch damals nie um die Hartz4-Bezieher und heute geht es auch nicht um Bürgergeldempfänger, sondern in Wahrheit ging/geht es immer nur um die (Noch)Arbeitnehmer, denn wenn man Hartz4/Bürgergeldbezieher schlecht behandelt, dann wird der kleine Arbeitnehmer es sich nicht wagen eine Lohnerhöhung oder bessere Arbeitsbedingungen zu fordern – und genau dafür brauchen die Reichen 'momentan' noch dieses Bashing gegen "arbeitsunwillige Arbeitslose".

  • "Wenn wir uns allerdings an die wirklichen strukturellen Ursachen von Arbeitslosigkeit heranwagen, dann sind das verschiedene Ursachen, die häufig miteinander verwoben sind. Das zu vermitteln, ist die große Herausforderung."

    Dazu wäre hier Platz gewesen.

    • @Justus Niebur:

      @ Justus Niebur



      GENAU 👍👍



      Aber auch ein paar mehr Zahlen wären schon von einem Statistiker zu erwarten gewesen...

  • Die von Herrn Böhme genannte Zahl von "16.000" kann sich nur auf "Totalverweigerer" beziehen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, das Jobcenter bei vielen Bürgergeldbezieher*innen über längere Zeit die Entwicklung schlicht nicht nachhalten (können; Kapazitäts- und Arbeitsorganisationsproblem). Der länger nicht kontaktierte Personenkreis ist bei Weitem höher als der der Totalverweigerer - und ist es wert, diskutiert zu werden.



    Aber: Es gibt nicht nur EIN Handlungsfeld, die öffentliche Diskussion ist viel zu verengt



    1: Beseitigung der Kapazitätsprobleme bei Jobcentern, u.a. durch durchgängige Digitalisierung und bessere Personalausstattung: Als Voraussetzung für 2.



    2: Anwendung der bereits bestehenden Regelungen: Regelmäßige (!) Kontaktierung und Aktualisierung der Gründe für die Arbeitslosigkeit. Dies ist der bei weitem notwendigste Schritt (aber: Siehe 1). Da es sehr oft handfeste Gründe für die Arbeitslosigkeit gibt; solche, die eine aktive Unterstützung notwendig machen.



    3: Zielgenaue Hilfen bei handfesten Vermittlungshemmnissen organisieren.



    4: Leistungskürzungen müssen auch angewendet werden, aber erst nach Schritten 1-3. So war es Intention bei Einführg. der "Harz-Gesetze.

    • @Ansgar Schröder-Imagawa:

      Die öffentlichte Diskussion ist in der Tat viel zu verengt.

      1. Erwerbslosigkeit bedeutet keineswegs, dass die Leute nicht was Sinnvolles zu tun haben.

      2. Aus menschenrechtlicher Sicht (GG Recht auf Leben, Menschenwürde) ist jede Kürzung unter das gesetzlich festgelegte Existenzminimum absolut inaktzeptabel.

      3. Es kann nicht Aufgabe des Staates sein, Menschen zu "beschäftigen", nur damit die auf keine eigenen Gedanken kommen können. Jedenfalls nicht in einer Demokratie.

  • Ich arbeite in der Vermittlung von Arbeitslosen, die zunehmend auch Betreuung bedeutet. Der Arbeitsmarkt hat sich vom Arbeitgeber- zum Arbeitnehmermarkt gewandelt; viele der übrig Gebliebenen sind ein schwierigeres Klientel.

    „Arbeitswillig“ und „arbeitsunwillig“ sind keine zwei Schubladen, sondern eine. In der einen Ecke liegt ein kleiner Zettel mit „arbeitswillig“ – dort sind die, die jeden Job annehmen würden.



    In der gegenüberliegenden Ecke liegt „arbeitsunwillig“ – Menschen, die zwar könnten, aber nichts tun und Ausreden finden.

    Der größte Teil liegt dazwischen. Die meisten sind weder zu allem bereit noch völlig verweigernd.



    Die Übergänge sind fließend – deshalb muss man jeden individuell betrachten, um fair zu urteilen und wirklich helfen zu können.

    Das ist aufwendig, aber nachhaltig.



    Druck und Härte kann im Einzelfall helfen. Nicht alles ist ein Nagel und braucht einen Hammer.

    • @Monika Jäger:

      "Zu allem bereit" sind generell die wenigsten Menschen. Das sollte auch kein Maßstab sein.

    • @Monika Jäger:

      Können Sie Zahlen aus dem Bauch heraus nennen?



      Vielen Dank.

  • Durch die Errungenschaften der Industrialisierung fallen viele Arbeitsplätze weg. Also die damit gewünschten und gewollten Erleichterungen für die Menschen, jetzt den Freigestellten Arbeitskräften zum Vorwurf machen zu wollen & diese ehemaligen Mitarbeiter auch noch eine Arbeitsunwilligkeit zu unterstellen geht gar nicht.

  • "Die strukturellen Ursachen werden dabei nicht benannt, kritisiert René Böhme."

    Zu unrecht übt er Kritik, da er selber keinen Überblick bietet. Wirkt doch etwas zurechtgestutzt, das Interview...

  • "Etwa 16.000 Arbeitsunwillige wurden in den letzten Analysen ermittelt. Das entspricht 0,4 Prozent aller erwerbsfähigen, leistungsberechtigten Personen."



    0,4% von 64Mio sind 16Tsd. Also sind mit "aller erwerbsfähigen, leistungsberechtigten Personen" auch die in Arbeit stehenden Personen mitgezählt. Interessant für diesen Artikel wäre aber das Verhältnis zu den arbeitslosen(!), erwerbsfähigen und leistungsberechtigten Personen.



    Ich lasse mich gerne korrigieren. Aber wenn ich nicht falsch liege, wüsste ich gerne, warum so formuliert wurde.

    • @anton3:

      0,4% von 64 Millionen sind 256000. Die Prozentzahl ist auf die Menschen bezogen, die tatsächlich auch Leistungen beziehen und arbeitsfähig sind, also 16000 von 4 Millionen.

      • @Wurstfinger Joe:

        Sorry, habe Dividieren mit Multiplizieren verwechselt. Unangenehm und ich hoffe, es kommt nicht wieder vor.

        • @anton3:

          Halb so wild, kommt in den besten Familien vor.

  • Tja, was sind denn die "strukturellen Ursachen"?



    Man hält sich da wohl lieber bedeckt.

    Was auf jeden Fall fehlt, ist eine Reflexion über die Frage, ob Erwerbsarbeit eigentlich immer per sinnvoll ist und ob sinnvolle Arbeit immer per se Erwerbsarbeit ist...

  • Koitus interruptus

    Der Artikel endete dann doch sehr apprupt. Nach der Antwort von Herrn Böhme:

    "Wenn wir uns allerdings an die wirklichen strukturellen Ursachen von Arbeitslosigkeit heranwagen, dann sind das verschiedene Ursachen, die häufig miteinander verwoben sind. Das zu vermitteln, ist die große Herausforderung".

    hätte man sich ein paar konkrete Beispiele gewünscht, die leider ausgeblieben sind.

    Leider wird bei der ganzen Diskussion über Arbeitslosigkeit und Sozialleistungen die Perspektive der Betroffenen meist ausgeblendet, ebenso wie die Fakten über Arbeitslosigkeit und Armut.

    Die Diskussion wird vielmehr von Gutverdienern dominiert, die zwar meist keine eigenen Erfahrungen mit Armut und Arbeitslosigkeit gemacht haben, auch die Fakten nicht kennen, dafür aber ganz viele Vorurteile und Emotionen haben, die sie in den Raum werfen.

    Die Kernaussage ist immer dieselbe: wer arbeitslos ist, will nicht arbeiten, ist also selbst schuld an seiner Arbeitslosigkeit und Armut.

    Und so verschiebt man die Schuld auf die Betroffenen, Staat und Gesellschaft sind fein raus aus der Verantwortung, Neoliberalismus halt.

  • Um mal etwas mit Zahlen zu jonglieren:

    Man rechnet mit 16 000 "Arbeitsunwilligen".

    Wenn die jeweils 1500 € im Monat bekommen sind das 288 Millionen € pro Jahr.



    Das klingt nach viel Geld.

    Aber tatsächlich sind das Peanuts.

    Durch Steuerhinterziehung entsteht Jahr für Jahr ein geschätzter Schaden von Sage und Schreibe 100 Milliarden €.

    So schätzt u.a. der DLF.



    Normale Arbeitnehmer können im Grunde kaum ja Steuern hinterziehen. Also wo sind diese Steuerlöcher ?



    Blackrock weiß da sicher mehr, nicht wahr ?

    Um's nochmal den Unterschied zu zeigen:



    288 000 000 €



    100 000 000 000 €

    • @Bolzkopf:

      Also ... ich zerstöre jetzt mal kurz das linke Weltbild. Die 100 Milliarden sind mal so eine grobe Schätzung. Nichts genaues weiß man nicht. Wenn man es wüsste, würde man es ja verhindern. Ziemlich sicher ist man sich hinsichtlich der Verursacher. Das sind nämlich im wesentlichen die Schwarzarbeiter. Also Putzfrauen, Studenten, Rentner, Gastronomie, etc. Hier vermutet man irgendwas > 50 Milliarden €. Dann kommen die vielen kleinen schwarzen Schafe, getreu dem Motto "ich gebe mal 2 Entfernungskilometer zu viel an" oder "für mein neues Abendkleid lasse ich auf die Quittung mal Arbeitskleid schreiben". Und erst dann irgendwann kommen die Menschen mit den angeblichen Steuerschlupflöchern. Weil ein Schlupfloch ist nämlich nicht illegal und damit keine Steuerhinterziehung. Wohl aber vielleicht CumEx. Das sind aber Peanuts. Langer Rede kurzer Sinn: Viele Kleinigkeiten geben am Ende zwar eine große Summe, die kann man aber kaum eintreiben weil der Aufwand größer ist als der Nutzen.

      • @Peter P.:

        @Peter P.



        "Die 100 Milliarden sind mal so eine grobe Schätzung. Nichts genaues weiß man nicht. Wenn man es wüsste, würde man es ja verhindern. "

        Kann jemand wirklich so naiv-unwissend sein?



        Ich vermute eher bewußte Propaganda.

        Siehe als 'pars pro toto' die Psychiatrisierung der Steuerfahnder in Hessen, als sie sozusagen dreisterweise auf Verfolgung der Steuerhinterziehung von Millionären bestanden.



        de.wikipedia.org/w...ahnder-Aff%C3%A4re



        Oder siehe auch die Statements von Anne Brorhilker (Cum-Ex etc.).



        Steuerhinterziehung von Reichen und Superreichen wird längst von den politischen und administrativen Chefetagen systematisch ermöglicht und gedeckt. Sowohl in der Legislative (bewußte Konstruktion von 'Schlupflöchern'), als auch in der Exekutive.

    • @Bolzkopf:

      Ein Bürgergeld Anfänger bekommt niemals 1500 € egal wie er aufgestellt ist. Bürgergeld sind rund 560 € Lebensunterhalt plus angemessene Wohnkosten. Es wird sich kein Jobcenter in Deutschland finden lassen, dass knapp 1000 Miete für eine Person als angemessene Wohnkosten betrachtet. Einer Person stehen maximal 50 m² Wohnraum zu, der je nach Ort aber sagen wir ganz grob mit circa 5-9 Euro pro Quadratmeter übernahmefähig ist. Macht also maximal rund 1000 € im Monat insgesamtpro Bürgergeld-Empfänger. Kinder, ungefähr die Hälfte.

      Anders sieht es nur bei Alleinerziehenden aus. Da gibt es noch einen kleinen Zuschlag (zweistelliger Bereich bei einem Kind über sieben Jahren) oder bei Menschen, die einen besonderen Bedarf haben, z.B. ärztliche attestierte medizinischen notwendige Ernährung mit höhere Kosten als das, was einem "normal Armen" täglich ein Brot und Wasser zugestanden wird.



      Aber auch das ist gar nicht so einfach und muss gut beantragt, argumentiert und ärztlich bestätigt, beziehungsweise wie gesagt, attestiert sein. Allein Diabetes Recht zum Beispiel nicht aus als Begründung.

      • @Edda:

        5-9 € pro m² - wo soll denn das sein? Hier bei uns bekommen Sie dafür gerade mal einen Garagenstellplatz. Standard ist wohl eher, je nach Lage der Wohnung und Alter des Mietvertrages, 15-25 € pro m² (teurer geht natürlich auch, aber das betrifft dann in der Regel keine Bürgergeldempfänger). Wenn "kein Jobcenter in Deutschland" das zahlen würde, dann gäbe es in München ziemlich viele, die im Pappkarton auf der Straße leben müssten.



        Ich gehe davon aus, dass es hinsichtlich der übernommenen Mietkosten durchaus Anpassungen an den örtlichen Mietmarkt gibt. Vielleicht kann hier jemand Kompetentes etwas dazu beitragen?

        • @Rübezahl:

          Natürlich gibt es lokale Anpassungen. Allerdings ist der Mietspiegel ausschlaggebend und außer temporär bei ukrainischen. Geflüchteten werden keine horrende Mieten übernommen und schon gar nicht von 15-25 €. Sie haben Recht, dass die Realität mit dem Mietspiegel selten übereinstimmt und gerade in Berlin bekommt man tatsächlich nichts unter 15 €. Aber genau deswegen ist ja auch die Lage vieler Bürgergeld-Empfänger bzgl der Wohnsituation hier prekär. Das Jobcenter passt sich nicht dem kapitalistischen Markt an und bedient diesen auch nicht. Daher heißt es ja auch "angemessene Wohnkosten".

          Im übrigen behaupte ich mal, dass ich kompetent bin bezüglich des Themas, da ich seit 20 Jahren Menschen im Bürgergeld-Bezug betreue und ihre Angelegenheiten teils erledige. Leute, die keinen Bezug zu Bürgergeld oder Bürgergeld-Empfängern haben, glauben anscheinend, dass das Jobcenter sich einfach dem Markt anpasst und alles bewilligt, was der Markt verlangt. Wenn dem so wäre, dann hätten Bürgergeld-Empfänger keine existenziellen Sorgen.

          Es ist traurig, dass die menschenfeindliche Polemik entgegen der Realität, sich bei Menschen wie auch scheinbar bei Ihnen verfängt.

  • Ein guter Artikel mit ewigen aber tragfähigen Fakten. Danke dafür.



    Das diese Sozialneid-Debatte durch dei politische Mitte geführt wird, dient allein der Ablenkung auf das Thema der Besteuerung des leistungslosen Einkommens, wie z.B. Aktien, Erbschaften, Mieten, etc. Die unterste Einkommensschicht leistungslos oder leistungsbelegt wird hier gegeneinander ausgespielt, um die Unterstützer (Lobbyisten, Spender, etc.) der politischen Klasse zu gefallen und wie die Made im Speck weiterhin die Macht und die politische Stelle zu behalten. Also reine Klientelpolitik. Dabei werden die damit verbundenen politischen Fehler noch nicht einmal bei den Verursachern verantwortet und per Schadensersatz eingefordert; siehe cumex, Maut, etc.

    • @Sonnenhaus:

      Leistungsloses Einkommen? Nach 30 Jahren harter Arbeit verfüge ich über ein ansehnliches Aktienpaket. Das ist meine Altersvorsorge. Nach Abzug von Steuern und Inflation gelingt mir mit Mühe und Not der Bestandserhalt. Illusionen von Großaktionären wie Klatten , etc. besitzen in der Praxis bestenfalls eine anekdotische Evidenz.

      Wäre ich Beamter hätte ich dieses Problem nicht. So eine durchschnittliche Beamtenpension entspricht in etwa einem Barvermögen von etwa 2 Mio. €. Ich bin für 5 % Steuern pro Jahr. Das sind dann 100 T€/a. Das sollte doch wohl möglich sein.

  • Wir haben seit mehreren Jahren Rezession. Würde jetzt nicht hart nach unten getreten werden, müssten sie ja zugeben, keine Lösung zu haben.

    • @Paul Anther:

      Tatsächlich stimmt das nicht so ganz. Wir hatten lediglich 2023 und 2024 eine schwache Rezession, 2025 schon nicht mehr. Das BIP ist die letzten Male 2020 und davor 2009 leicht zurückgegangen, sonst seit dem Jahr 2000 in jedem Jahr deutlich gestiegen, nämlich im Schnitt um rund 3% pro Jahr.



      Natürlich hat die Bundespolitik keine Lösung. Die Lösung müsste vor allem aus der Wirtschaft und der Landespolitik kommen. Die Hauptthemen sind: Innovation, Produktivität, Bildung und Ausbildung.



      Wer z. B. Bürokratieabbau fordert, sollte sich zuallererst den Landesbauordnungen widmen, sie vereinheitlichen und entschlacken. Warum ausgerechnet die Bauordnungen? Weil beim Bauen sehr viel Geld im Spiel ist. Bauordnungen, Bebauungspläne etc. sind aber Angelegenheiten der Länder, Landkreise und Kommunen.



      Wer über Bildung redet, muss Schulen und Hochschulen deutlich besser finanzieren. Schulen und Hochschulen liegen ebenfalls im Verantwortungsbereich von Ländern, Landkreisen und Kommunen.

  • Es wird überhaupt nicht mehr von den Gefahren der Ki mit Bezug zum Klassenkampf von Oben gesprochen, warum eigentlich ? Diass in Deutschland stets autoritäre Reflexe mit dem Klassenkampf der Herrschenden gegen einen emanzipativen Sozialstaat gestellt werden und vergessen lassen, was im NS passierte, das ist fatal. Es bräuchte mehr Demokratie in die Ökonomie und das zu argumentieren könnten auch Förderung von Wir Ags mit öko-sozialem Modell eingefordert werden, was menschlich-emanzipativ ist, dafür sollten 20 Std. Arbeitszeit pro Woche mit in kollegial-solidarischen Unternehmensformen kombinierbar sein, die den sozialen Fortschritt als Definition von Gewinn vor Profit festschreiben, auch damit noch Zeit übrig bleibt für care-share und politische Transformations Debatte, die wir für ein Überleben auf dem Planeten brauchen, sowieso. Gegen Ich allein AG und den Frust der autoritären Konkurrenzzwänge, die uns ins Unglück zwingen! Dazu dann massiv die CUM CUM und CUM Ex Rückholung einfordern und die Korruptivität des herrschenden Kapitalismus offen legen, das wäre eingentlich linke und Sozialdemokratische Politik, wenn es denn eine solidarische Moderne sein soll for future !