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Suchtprävention im SupermarktAktion trockene Kasse

Die Linke und Volt in Hamburg-Nord fordern, Alkohol aus dem Kassenbereich zu entfernen. Sie wollen Menschen in ihrer Abstinenz unterstützen.

Hier sollte kein Alkohol verkauft werden: Supermarktkasse Foto: Arvid Müller/imago

Aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoll, organisatorisch praktisch, für Eltern ein Albtraum: die Ware im Kassenbereich des Einzelhandels. Diese auf Augenhöhe dort platzierten Produkte verführen zu Impulskäufen. Für Al­ko­ho­li­ke­r*in­nen kann das zum Problem werden – denn zwischen Schokoriegeln und Kaugummis stehen oft auch kleine Schnäpse und Liköre.

Po­li­ti­ke­r*in­nen der Fraktionen Linke und Volt in Hamburg-Nord setzen sich dafür ein, dass Alkohol von den Supermarktkassen verschwindet. Mit einem entsprechenden Antrag in der Bezirksversammlung wollen sie alkoholkranke und freiwillig nüchtern lebende Menschen in ihrer Abstinenz unterstützen.

Denn der Versuchung zu widerstehen, während der Wartezeit an der Kasse, zu Alkoholika zu greifen, die dort zwischen anderer Quengelware billig und in geringen Mengen angeboten werden, sei für suchtkranke Menschen besonders schwer.

Durch die Platzierung und das unvermeidbare in-der-Schlange-stehen an der Kasse werde das Einkaufen für Suchterkrankte und trockene Al­ko­ho­li­ke­r*in­nen zu einer Stress-Situation, in der sie ständig gegen den Impuls kämpfen müssen, rückfällig zu werden. Diese Trigger ließen sich durch eine kleine Änderung in der Produktpräsentation vermeiden.

Gefahr der Normalisierung

Wiebke Fuchs, Bezirksabgeordnete der Linken, sieht das Problem in der Alltäglichkeit und Normalisierung von Alkohol: „Der Supermarkt ist ein Ort, um den man nicht herumkommt“, sagt sie. Gerade an solchen alltäglichen Orten sollte es für Betroffene leichter sein, Alkohol zu meiden.

Die Abgeordnete möchte neben der Verhaltensprävention auch die Verhältnisprävention stärken: „Wir sollten unsere Umgebung so gestalten, dass sie alkoholkranke Menschen nicht in Schwierigkeiten bringt.“ Denn die Verantwortung liege nicht nur beim Individuum. „Sucht ist das Gegenteil von Freiheit“, sagt Fuchs.

Außerdem führe die Platzierung von Alkoholika zwischen Süßigkeiten und Kaugummi zu einer Normalisierung des Rauschmittels. So werde Kindern und Jugendlichen suggeriert, dass der Alkohol, der zwischen der für Kinder dort postierten Quengelware steht, ebenso vergleichsweise wenig gesundheitlich bedenklich sei, wie die anderen dort aufgereihten Produkte.

Nun haben die Fraktionen der Linken und Volt in der Bezirksversammlung beantragt, lokale Lebensmitteleinzelhandelsketten für die Einrichtung alkoholfreier Kassen zu sensibilisieren. Hintergrund des Antrags ist die „Aktion alkoholfreie Kassen“, die sich seit 2024 mithilfe von Petitionen, Vorträgen, Briefen an Supermärkte und auf Social Media für die Umsetzung der Forderung einsetzt.

Wir sollten unsere Umgebung so gestalten, dass sie alkoholkranke Menschen nicht in Schwierigkeiten bringt

Wiebke Fuchs, Die Linke Hamburg-NorD

Dabei ist es sowohl den In­itia­to­r*in­nen der Aktion als auch den Fraktionen Linke und Volt wichtig zu betonen, dass es hier nicht um ein Alkoholverbot, sondern um einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Genussmittel Alkohol gehe.

Doch die Bezirksversammlung lehnte den Antrag am Donnerstagabend mehrheitlich ab. Wiebke Fuchs sieht den Grund dafür in der Brisanz des Themas. „Bei anderen Themen der Verhältnisprävention fällt ein Diskurs oft leichter“, sagt sie. „Das Thema Sucht ist aber moralisch sehr aufgeladen.“ Den Vorstoß, Alkohol aus dem Kassenbereich zu entfernen, wolle sie dennoch weiterverfolgen.

Auf eine Anfrage bei den vier großen Lebensmittelkonzernen Aldi-Nord, Lidl, Rewe und Edeka wollte sich nur Rewe zu der Forderung äußern. Der Konzern sieht keinen Handlungsbedarf. „Alkohol als Impulskaufartikel spielt im Angebot der Vorkassenzonen mittlerweile keine oder nur noch eine sehr geringe Rolle“, teilte Rewe mit. „Dies kann innerhalb unserer genossenschaftlichen Struktur von Markt zu Markt variieren.“ Die Platzierung dort habe praktische Gründe: „Da die dort angebotenen Artikel alle so klein sind, passen sie zum Beispiel nicht ins Ordnungssystem der klassischen Marktregale.“

Auch auf die Bitte der Parteien, die Konzerne sollten die Schnäpse freiwillig aus den Regalen entfernen, reagierte nur Rewe und bot ein weiteres Argument auf: Die Entfernung der Fläschchen aus dem Bereich der Kasse erhöhe die Gefahr von Taschendiebstählen – ebenfalls ein Problem, das sich laut Wiebke Fuchs anders lösen ließe.

Außerdem seien die In­itia­to­r*in­nen durchaus kompromissbereit: So wäre es bereits ein Schritt in die richtige Richtung, eine Kasse ohne Quengelware pro Supermarkt einzurichten, auf die Kun­d*in­nen ausweichen könnten. Eine weitere Möglichkeit wäre zudem, Alkoholika hinter der Kasse, in den abgesperrten Bereichen aufzubewahren, in denen auch Zigaretten und Tabakwaren verstaut sind.

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13 Kommentare

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  • Und wenn wir schon dabei sind:

    Was hat Alkohol in Tankstellen zu suchen? Wer das zur Wiederherstellung der Fahrtüchtigkeit braucht, ist klar Alkoholiker m/w/d.

    Und auch viele Kleinläden und Kioske scheinen sich (nach dem Wegfall der Papier-taz ; ) ) auf Rauchen, Saufen, Zuckerzeugs und vielleicht noch Lotto reduziert zu haben. Was manche darunter evtl. sonst noch verkaufen, will ich nicht wissen.

    • @Janix:

      Da geht es doch üblicherweise um die Öffnungszeiten. Tankstellen haben ja entweder bis 22 oder 0 Uhr offen, oder 24h auf.



      Unsere hier ist ein kleiner (teurer) Supermarkt mit Tiefkühlpizzen und was man alles so braucht.



      Arbeitende Menschen müssen manchmal darauf ausweichen weil sie es nicht immer in den Supermarkt schaffen.

      • @Rikard Dobos:

        Tiefkühlpizzen kamen in der Aufzählung von Jannix nicht vor.



        Wenn ich den Artikel und die meisten Kommentare richtig verstehe, geht es um etwas ganz anderes.

      • @Rikard Dobos:

        Naja, die offizielle Ausrede für solche Öffnungszeiten ist ja, dass die armen Autofahrers ja noch nach Hause kommen müssten, auch bei Essen und Trinken.



        Das sehe ich bei Bier und Schnaps irgendwie nicht.



        Da lässt mensch lieber Nachtlizenzen unanbhängig von Benzin zu oder liberalisiert die allgemeinen Zeiten. Denn den Bedarf gibt es sicher auch, wenn etwa Bayern um 20h schließen lässt und jemand noch bis 20h durchrobotet.

  • Ich bin gerührt, wie sehr sich Die Linke um unserer Gesundheit, und um die Gefahren, die von Suchtmitteln ausgehen, sorgt.

    Aber halt - wie stand Die Linke noch mal zur Legalisierung einer Droge namens Cannabis? Und welche Äußerungen konnte man noch gleich von Vertretern der Linken betr. Legalisierung anderer, harter Drogen in dieser Zeitung lesen?

    Vermutlich ging es der Linken auch hierbei darum einen "verantwortungsvollen Umgang" mit Meth, Koks, H, etc. Zu erleichtern.

    • @Hector Savage:

      "Vermut"en können Sie viel. Hätten Sie die taz-Artikel hier doch auch mal gelesen, dann hätten Sie die Argumente auch mitbekommen, und auch arg wohlfeile Verallgemeinerungen wären unterblieben.



      Ist schon okay, fürs nächste Mal!

      • @Janix:

        Vielen Dank, dass Sie mich noch vermuten lassen.



        Hätten Sie den Kommentar hier verstanden, dann hätten Sie die Intention auch mitbekommen, und auch arg blasierte Belehrungen wären unterblieben.

        Ist schon okay, aber fürs nächste Mal habe ich wenig Hoffnung!

        Sagen Sie doch stattdessen mal was zur Drogenpolitik der Linken.

        • @Hector Savage:

          Das Wort Vermutlich kam von Ihnen.



          Der letzte Absatz leider auch.



          Bei dem mittleren Teil bin ich ziemlich bei Ihnen, die Frage ist ja erlaubt.

          Auch wenn bekannt ist und hier immer wieder zu lesen, dass Cannabis, das ich nie konsumierte oder konsumieren würde, deutlich weniger Leben und Gesundheit kostet als Nikotin und Alkohol. Und dies im Gegensatz den zweien auch nicht offen auf Plakaten oder in Läden beworben und sonstwie aufgedrängt wird. Zitat oben, dass es nicht um Alk-Totalverbot geht.



          ... Verstehen Sie ein bisschen, warum ich das oben als polemisch mit Ansage empfand?

  • Das greift etwas zu kurz. Drogen wie Alkohol und Zigaretten haben im Supermarkt nichts verloren. Die Abgabe sollte, ähnlich wie in Schweden oder Norwegen nur in Monopolgeschäften erfolgen.

    • @Flix:

      In Schweden gibt es das Leichtbier (Lättöl 2-2,8% alc) aber auch in normalen Läden.



      Realistischer wäre da vielleicht die Bedientheke. Wenn es im Ort nur noch eine Kneipe mit eingeschränkten Öffnungszeiten und einen Supermarkt gibt und ich dann noch 20km zum nächsten Systembolaget fahren müsste, könnte ich damit umgehen, aber Leute ohne Auto wären da z.b. eingeschränkt und müssten höhere Kosten in Kauf nehmen. Die Frage ist ob das Suchtabhängigen hilft, da müsste aber dann auch eine Hilfe angeboten/aufgedrängt werden, wenn man öfters dort einkauft.

    • @Flix:

      Konsequent rational gedacht sollten alle Sucht- und Rauschmittel, deren individuelle und gesellschaftliche Gefähgrlichkeit unter der von Alkohol liegt nur in ´Drugstores´ verkauft werden, Gefährlichere mit Ausnahme vom etablierten Tabak weiterhin verboten bleiben, da kein selbstkontrolle behaltender Konsum z.B, von Opiaten möglich ist oder dieser gesellschaftszerstörend ist - wie bei Koks (in den Herstellerländern).



      Alles ´härtere´ als Bier und Wein, als Alk ab 12 Prozent, Gras, MDMA, LSD ect, aber auch alles umsatzfähigere Glückspiel als 50 Cent Rubbellose sollte nur in ab-18-Lokalen verkauft werden können, bei denen nur Kartenzahlung möglich ist - damit jeder der will, sich in ein ´Abstinenzlerregister´ eintragen lassen kann, dass den Verkäufer verpflichtet, bei Verstoß die Kaufsumme abzüglich Steuer, bez eventuell ausbezahlter Gewinne (bei Glückspiel) und Pfandbeträge (Dosen, Flaschen, Tetrapaks und Zigarettenfilter je 50 Cent) zurück zu zahlen.



      Damit tasächlich nur ´Genießer´ beglückt werden, wie die einschlägigen Gewerbetreibenden gern behaupten.

      • @Euromeyer:

        "Konsequent rational gedacht..."



        Das trifft wohl am ehesten auf die zu, die vom Handel mit dem ganzen destruktiven Kram profitieren. Und den Bogen kann man wohl leider weiter spannen, als es auf den ersten Blick erscheint.

    • @Flix:

      Ganz meine Meinung.