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Verdeckter Ermittler in Bremen enttarntDer Spitzel, der nichts zu melden hatte

Kommentar von

Amanda Böhm

Die Bremer Interventionistische Linke wurde jahrelang von einem V-Mann bespitzelt. Nur warum? Hinweise auf Gewaltbereitschaft fehlen.

Demonstration gegen den Bundesparteitag der AfD in Riesa: der Gipfel der Gewalttätigkeit?! Foto: Jan Woitas/dpa

D ie Interventionistische Linke (IL) in Bremen hat nach eigenen Angaben einen Spitzel des Verfassungsschutzes enttarnt. Der soll sich seit 2017 alle zwei bis vier Wochen mit dem Bremer Verfassungsschutz getroffen haben. Zuerst hatte „buten und binnen“ berichtet.

Aufgabe des Verfassungsschutzes sollte sein, die Verfassung und die demokratische freiheitliche Grundordnung zu schützen. Die Sicherheit und Freiheit aller Bür­ge­r*in­nen „unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung, Hautfarbe, Abstammung, Sprache, Heimat und Herkunft, Glauben, religiösen oder politischen Anschauungen oder einer etwaigen Behinderung“: so steht es im Verfassungsschutzbericht.

Wenn man, wie die IL, vom Verfassungsschutz beobachtet wird, dann, weil man ihm als Gefahr für die demokratische freiheitliche Grundordnung gilt. Die IL kommt jedes Jahr im Bremer Verfassungsschutzbericht vor. Dort wird sie als „gewaltorientiert“ bezeichnet. Bloß: Wodurch hat sie sich das verdient?

Der VS hat trotz seines Inside-Man wenig über die Aktivitäten der IL zu vermelden. Dabei war die keineswegs untätig: Das revolutionäre Jahr begann Anfang Januar, als die Gruppe nach Riesa fuhr. Dort hat sie mit 15.000 anderen Menschen gegen den AfD-Parteitag protestiert.

In Brake unternahm die Interventionistische Linke, Gipfel der Gewalt, eine gemeinsame Hafenrundfahrt

Die taz war vor Ort und hat berichtet: Ein Landtagsabgeordneter wurde während der Proteste bewusstlos geschlagen. Gewalt gab es also. Bloß: Die ging von Polizeibeamten aus und nicht von der angeblich gewaltorientierten IL. Seitens der De­mons­tran­t*in­nen wurde der taz kein Fall von proaktiver, körperlicher Gewalthandlungen bekannt? Hm, Mist. Wir gucken mal weiter.

Im Mai hat die IL zusammen mit Gruppen wie „Ende Gelände“ ein Aktionscamp gegen die Weservertiefung in Brake organisiert. Dort wurde – Triggerwarnung: Gewalt – diskutiert. Im Plenum! Vermutlich sogar mit Redeliste! Als besonders gewaltorientiert hervorzuheben war zudem die gemeinsame Hafenrundfahrt im Braker Hafen.

Im August wurde es dann richtig gefährlich, als bei mehreren Hausdurchsuchungen Macheten, Messer, Teleskopschlagstöcke, Hakenkreuzflaggen und Ausgaben von „Mein Kampf“ gefunden wurden – huch, Entschuldigung, Fehlalarm!, das waren doch nur die Nazis von der Weser Ems Aktion.

Wieder zurück zu den wahren Feinden: Im Oktober ging die IL zusammen mit Gruppen wie dem BUND im Neustadtspark campen. Küfa, Vorträge zum Mercosur-EU-Abkommen, gemeinsame Radtouren und ähnliche Gewaltexzesse ließen die Nachbarschaft unruhig schlafen.

Gestörte Parteijugend

Ende November hatte die Gruppe aufgerufen nach Gießen zu fahren, um die Gründung der AfD-Parteijugend zu stören. Dort wurden Menschen mit Schlagstöcken und Knüppeln attackiert, ein Demonstrant wurde bewusstlos geprügelt. Oh, Verzeihung, auch da waren wieder nur verfassungsschützende Polizeibeamte und nicht die gewaltorientierten Linken am Werk. Da hat die demokratische freiheitliche Grundordnung ja noch mal Glück gehabt!

Im Dezember kamen die wahren Gewaltfantasien der IL ans Licht, als man ankündigte, politisch Andersdenkende mit Dachlatten verprügeln zu wollen. Oh nein: Das war ja schon wieder die Polizei und gar nicht die gewaltorientierte IL!

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Man könnte das jetzt noch weiter spinnen und über Neonazi-Kampfsporttreffen, über den Polizeibeamten, der Lorenz erschossen hat, über den Brandanschlag auf ein Jugendzentrum, der nur dank antifaschistischer Recherchen aufgeklärt werden konnte, über NS-verharmlosende und rechtsextreme Chatgruppen bei der Bremer Feuerwehr oder den rasanten Anstieg an queerfeindlicher Gewalt schreiben.

Oder man macht es kurz: Die als „linksextrem“ kriminalisierten Proteste der IL, die bespitzelt, überwacht und damit auch delegitimiert werden, sind nicht extrem, sondern notwendig. Sie richten sich gegen die AfD, gegen die Zerstörung von Umwelt- und Lebensräumen, gegen Abschiebungen, Zwangsräumungen, Militarisierung. Manch ei­ne*r würde sogar sagen: Sie richten sich gegen ein gewaltorientiertes System.

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14 Kommentare

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  • Warum die IL bespitzelt wurde/wird? Na eben WEIL sie links ist. Bei rechten Orgas ist der Staat da deutlich zurückhaltender.

  • Bei solch sarkastischem Text stellt sich mir die Frage, was eine KI daraus macht.



    Wenn sie das "liest", wird dann bei Anfragen zur IL diese als sogar von der TAZ bestätigt als gewalttätig diffamiert, oder können die KI sowas differenzieren?

    Trotzdem sollen solche Texte auf jeden Fall weiterhin erscheinen!

  • War das nun ein V-Mann oder ein verdeckter Ermittler?

    Da ist sich ja schon die Überschrift nicht einig.

  • Seltsam: Wenn es gegen die AfD geht, wird dem Verfassungsschutz nahezu päpstliche Unfehlbarkeit zugesprochen. Geht es gegen Linke, sind die plötzlich alle Deppen. Ein schönes Beispiel für gewollt selektive Wahrnehmung. Und manche Kommentare und Artikel über die extreme Linke hier kommen wie Fanzine-Schreibe daher.

    • @mumba:

      Ganz ehrlich. Mehr als ein linkes Fanzine ist das auch nicht mehr, wenn es hier um das rechts/links Thema geht. Es wirkt wie ein einziger Beißreflex junger Autoren. Witzigerweise wird immer auf rechte Gewalt dabei hingewiesen. Von der liest man leider ziemlich wenig.

  • Jo mei. Ihr hobt's des net verstanden - würde Dobrindt sagen. Darum müssen ja jetzt die Befugnisse von Polizei und Staatsanwaltschaft erweitert und die Gesetze verschärft werden. Damit man dieses ordentliche rechtsstaatliche demokratische Verhalten als kriminell definieren kann. Denn nach der csU ist das Grundgesetz ein linksradikales Machwerk und wer danach agiert, gehört auf den Scheiterhaufen.



    Ganz rechts ist die neue "Mitte". Es gibt so unsagbar viele Beispiele, wie Polizei, Staatsanwaltschaft, Gerichte schon lange agieren: rechts ist alles gut, man stochert mal ein bisschen wenn das Volk zu sehr nervt. Links muss er sein, der Feind. Und links ist schon wenn man nicht rassistisch ist, die Regierung freundlich an das Grundgesetz erinnert, und dann womöglich auch noch auf der Straße dafür demonstriert.



    Man erinnere sich nur an den Fall des "Jungen Alternative" Cassel, der absichtlich in eine Demo fuhr und Menschen schwer verletzte. Wäre er syrischer Asylant, wäre das Urteil klar gewesen: Kopp ab und in den Knast! Terrorismus.



    Aber nein, im Fall von Cassel lautete das Gerichtsurteil: schwere Körperverletzung und Fehlverhalten im Straßenverkehr! Noch Fragen?

    • @Jalella:

      Nein. Leider keine weiteren Fragen....

  • "Dort wird sie als „gewaltorientiert“ bezeichnet. Bloß: Wodurch hat sie sich das verdient?"

    Das steht doch genau vor dem zitierten Satz im Verfassungsschutzbericht Bremen:

    " Das Verhältnis der Gruppierung



    zu Gewalt kann somit als taktisch beschrieben werden: Einerseits arbeitet sie eng mit gewalttätigen Akteur:innen zusammen, nimmt ihre Gewalttätigkeiten bei Protesten in Kauf und bietet ihnen sogar einen Rahmen dafür. Andererseits vermeidet sie ein offe-



    nes Bekenntnis oder Aufrufe zur Anwendung von Gewalt, weil sie damit ihre als notwendig erachtete Zusammenarbeit mit Nichtextremist:innen aufgeben müsste, die Gewalt ablehnen und häufig auch die Zusammenarbeit mit Straf- und Gewalttäter:in-



    nen. "

    www.verfassungssch...bericht%202024.pdf

    • @Rudolf Fissner:

      Mit der Argumenation können Sie alle Akteure links der SPD als verfassungsfeindlich einstufen. Auf den meisten Anti-AFD-Demos sind auch Antifa-Gruppen dabei. Und oft findet man darunter auch irgendwen, der schon einmal irgendwo Ärger mit der Polizei hatte -- was, wenn man sich das Agieren der Polzei auf solchen Demos anschaut, ja auch nicht sonderlich schwer ist.



      Und jemandem irgendwelche unlauteren Motive unterstellen, wenn er nicht zu Gewalt aufruft, ist auch kein Hexenwerk.

    • @Rudolf Fissner:

      Jede/r hat eine „taktisches" Verhältnis zu Gewalt, denn die allermeisten Leute d e n k e n in Ihrem Leben mal daran. Allerdings: Die allermeisten Leute wenden Gewalt nicht an sondern entscheiden sich für besonnenes oder versöhnliches Handeln. Damit fährt man einfach besser und gesünder im Leben. Ist das eine Grund in einem Verfassungsschutzbericht erwähnt zu werden?

      • @maria2:

        Ich habe kein taktisches Verhältnis zur Gewalt und auch die Leute in meinem Umfeld nicht. Insofern ist das durchaus ein Grund, im Verfassungsbereicht erwähnt zu werden.

      • @maria2:

        Na solange man keinen Verein gründet, der ein "taktisches Verhältnis zur Gewalt" hat und nicht "eng mit gewalttätigen Akteur:innen zusammen(arbeitet)" sicher nicht. Politisch radikale Akteure, die glauben je nach eigenem Gusto Gewalt als legitmes Mittel anzusehen, stellen sich gegen das Grundsetz und sind damit auch nicht zu Unrecht im Visier des Verfassungschutzes.

    • @Rudolf Fissner:

      Klar. Das kann man einfach mal ins Blaue behaupten.



      Belege bleibt der VS natürlich wie immer schuldig.

      • @TeeTS:

        Das erste einschlägige Beispiel findet sich gleich auf der nächsten Seite des VS-Berichts.

        Es ist amüsant, wie erst die Artikelautorin den ganzen Absatz davor zum Zitat ausläßt und Sie nun den ganzen Rest. Hat das irgendwie Methode? 🤓