Stellenabbau bei Zalando in Erfurt: Bestellt und nicht abgeholt
2.700-Zalando-Mitarbeitende werden wegen kapitalistischer Konzerninteressen gekündigt. Es braucht wieder funktionierende Betriebsräte – und Solidarität.
Z unächst einmal habe es „ewig gedauert“, bis beim Erfurter Standort Zalando ein Betriebsrat aufgebaut war, so der Thüringer Linken-Politiker Julian Degen. Die Belegschaft ging dann letztes Jahr in einen Warnstreik für höhere Tarife. Letzte Woche folgte ein Schlag gegen sie, den man als nichts anderes als ein Spucken auf solidarische Bestrebungen der Mitarbeitenden und Gewerkschaften verstehen kann. Zalando schließt sein Logistikzentrum Ende September 2026. Rund 2.700 Beschäftigte verlieren ihre Jobs, während das Unternehmen parallel ein neues Werk in Gießen eröffnet – das noch keinen Betriebsrat hat.
Das ist mehr als ein schockierender Einzelfall, denn es zeigt, wie einfach Konzerne ihre wirtschaftlichen Interessen über die Belange von Mitarbeitenden stellen können. Sowohl der Zeitpunkt als auch die Art der Ankündigung, dass das Werk schließen wird, sind dabei perfide: Schön durften die Beschäftigten noch das stressige Weihnachtsgeschäft mitmachen. Im neuen Jahr soll dann laut der Gewerkschaft Verdi der Zalando-Vorstand nach Erfurt gereist sein und unter dem Motto „Neujahrsgrüße“ den Mitarbeitenden von der bevorstehenden Kündigung berichtet haben.
Der Erfurter Standort erhielt 2014 22,4 Millionen Euro an Subventionen vom Freistaat Thüringen – für die Schaffung von Arbeitsplätzen, die nun verschwinden. Das Geld floss in den Aufbau eines Niedriglohn-Logistikzentrums, und jetzt bleibt von diesem öffentlich finanzierten Engagement für die Region nur die Kündigung der Beschäftigten. Dass der Konzern sich aus der Verantwortung stiehlt, ist ein klares Signal kapitalistischer Interessen: Profit und Expansion stehen über Menschenleben und regionaler Stabilität.
„Auf allen Betriebsversammlungen der letzten Monate wurde die Zukunftsfähigkeit und das Bekenntnis Zalandos zum Standort Erfurt gepriesen. Kein Verdacht sollte aufkommen, dass die Kolleginnen und Kollegen bereits auf der Abschussliste standen“, sagt Matthias Adorf, Verdi-Gewerkschaftssekretär im Fachbereich Handel. Die Beschäftigten wurden gezielt in Sicherheit gewogen, während die Entscheidung längst gefallen sein muss.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.
Welches Mitgefühl?
Zalando spricht inzwischen von einer „schwierigen, aber notwendigen Entscheidung“ und verspricht, die Mitarbeitenden mit „Integrität und Mitgefühl“ zu begleiten. Mitgefühl? Die Realität sieht anders aus: 2.700 Menschen stehen vor der Tür, mit noch unklarer Zukunft. Während gleichzeitig in Gießen eine neue Logistikhalle mit 1.700 Stellen entsteht. Das Mitbestimmungsrecht müssen sich die Mitarbeitenden hier erst aufbauen. Und wird es von Hessen wieder Subventionen für das Unternehmen geben?
Die Schließung ist symptomatisch für ein System, in dem Unternehmen ihre sozialen Verpflichtungen ignorieren können, wenn es wirtschaftlich opportun erscheint. Der Aufbau eines neuen Werks in Gießen zeigt auch: Es geht nicht um wirtschaftliche Notwendigkeit, sondern um strategische Interessen und Subventionslogik. Die Beschäftigten von Erfurt werden zu Kollateralschäden, ihre Jahre der Arbeit und Loyalität sind lediglich Mittel zur Gewinnmaximierung.
Es ist bemerkenswert, wie wenig Öffentlichkeit derartige Entscheidungen erzeugen. Der Verlust von 2.700 Arbeitsplätzen ist eine Dimension, die in anderen Ländern als Skandal gelten würde. In Deutschland berichtet man dagegen darüber, als handele es sich um ein Randereignis.
Gleichzeitig wird die Bedeutung von Betriebsräten und Gewerkschaften klar: Nur Organisation, Solidarität und kollektive Interessenvertretung können verhindern, dass solche Entscheidungen vollständig ungefiltert und unkontrolliert umgesetzt werden. Genau deswegen ist ein weiterer Betriebsrat für das neue Zentrum in Gießen unerlässlich.
Brutale Konzernlogik
Die Konzernlogik hinter Zalando ist brutal: Mitarbeitende werden ausgewechselt, Subventionen abgeschöpft, Standorte verschoben, während der Profit besteht. Wie viele Menschen müssen noch auf der Strecke bleiben, bevor das gesellschaftliche System darauf reagiert?
Die Mentalität des Konzerns wird noch einmal deutlich, wenn man sich die Worte des Co-Chefs David Schröder anhört, der im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagt, dass „relativ viele Jobs zumindest im Nachbarbundesland“ angeboten werden könnten und Zalando die Mitarbeitenden bei einem Umzug unterstütze. Wie lebensfern diese Vorstellung ist, und dass selbst im besten Fall 1.000 Menschen ohne Job dastünden, zeigt, wie skrupellos die Entscheidung ist.
Zalando zeigt, dass die Strukturen von Macht und Kapital stärker sind als individuelle Sicherheit, lokale Bindungen und soziale Verantwortung. Wer auf die Beschäftigten schaut, sieht nicht nur die 2.700 Menschen in Erfurt, sondern die gesamten Mechanismen, die solche Massenkündigungen ermöglichen – und die zwingend kritische Öffentlichkeit, Solidarität und organisationale Gegenmacht erfordern.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert