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Stellenabbau bei Zalando in ErfurtBestellt und nicht abgeholt

Ann-Kathrin Leclere

Kommentar von

Ann-Kathrin Leclere

2.700-Zalando-Mitarbeitende werden wegen kapitalistischer Konzerninteressen gekündigt. Es braucht wieder funktionierende Betriebsräte – und Solidarität.

Gewerkschaftlich organisiert oder nicht: bald gibt es hier gar keine Beschäftigten mehr: Halle im Zalando-Logistikzentrum Erfurt Foto: Marco Schmidt/imago

Z unächst einmal habe es „ewig gedauert“, bis beim Erfurter Standort Zalando ein Betriebsrat aufgebaut war, so der Thüringer Linken-Politiker Julian Degen. Die Belegschaft ging dann letztes Jahr in einen Warnstreik für höhere Tarife. Letzte Woche folgte ein Schlag gegen sie, den man als nichts anderes als ein Spucken auf solidarische Bestrebungen der Mitarbeitenden und Gewerkschaften verstehen kann. Zalando schließt sein Logistikzentrum Ende September 2026. Rund 2.700 Beschäftigte verlieren ihre Jobs, während das Unternehmen parallel ein neues Werk in Gießen eröffnet – das noch keinen Betriebsrat hat.

Das ist mehr als ein schockierender Einzelfall, denn es zeigt, wie einfach Konzerne ihre wirtschaftlichen Interessen über die Belange von Mitarbeitenden stellen können. Sowohl der Zeitpunkt als auch die Art der Ankündigung, dass das Werk schließen wird, sind dabei perfide: Schön durften die Beschäftigten noch das stressige Weihnachtsgeschäft mitmachen. Im neuen Jahr soll dann laut der Gewerkschaft Verdi der Zalando-Vorstand nach Erfurt gereist sein und unter dem Motto „Neujahrsgrüße“ den Mitarbeitenden von der bevorstehenden Kündigung berichtet haben.

Der Erfurter Standort erhielt 2014 22,4 Millionen Euro an Subventionen vom Freistaat Thüringen – für die Schaffung von Arbeitsplätzen, die nun verschwinden. Das Geld floss in den Aufbau eines Niedriglohn-Logistikzentrums, und jetzt bleibt von diesem öffentlich finanzierten Engagement für die Region nur die Kündigung der Beschäftigten. Dass der Konzern sich aus der Verantwortung stiehlt, ist ein klares Signal kapitalistischer Interessen: Profit und Expansion stehen über Menschenleben und regionaler Stabilität.

„Auf allen Betriebsversammlungen der letzten Monate wurde die Zukunftsfähigkeit und das Bekenntnis Zalandos zum Standort Erfurt gepriesen. Kein Verdacht sollte aufkommen, dass die Kolleginnen und Kollegen bereits auf der Abschussliste standen“, sagt Matthias Adorf, Verdi-Gewerkschaftssekretär im Fachbereich Handel. Die Beschäftigten wurden gezielt in Sicherheit gewogen, während die Entscheidung längst gefallen sein muss.

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Welches Mitgefühl?

Zalando spricht inzwischen von einer „schwierigen, aber notwendigen Entscheidung“ und verspricht, die Mitarbeitenden mit „Integrität und Mitgefühl“ zu begleiten. Mitgefühl? Die Realität sieht anders aus: 2.700 Menschen stehen vor der Tür, mit noch unklarer Zukunft. Während gleichzeitig in Gießen eine neue Logistikhalle mit 1.700 Stellen entsteht. Das Mitbestimmungsrecht müssen sich die Mitarbeitenden hier erst aufbauen. Und wird es von Hessen wieder Subventionen für das Unternehmen geben?

Die Schließung ist symptomatisch für ein System, in dem Unternehmen ihre sozialen Verpflichtungen ignorieren können, wenn es wirtschaftlich opportun erscheint. Der Aufbau eines neuen Werks in Gießen zeigt auch: Es geht nicht um wirtschaftliche Notwendigkeit, sondern um strategische Interessen und Subventionslogik. Die Beschäftigten von Erfurt werden zu Kollateralschäden, ihre Jahre der Arbeit und Loyalität sind lediglich Mittel zur Gewinnmaximierung.

Es ist bemerkenswert, wie wenig Öffentlichkeit derartige Entscheidungen erzeugen. Der Verlust von 2.700 Arbeitsplätzen ist eine Dimension, die in anderen Ländern als Skandal gelten würde. In Deutschland berichtet man dagegen darüber, als handele es sich um ein Randereignis.

Gleichzeitig wird die Bedeutung von Betriebsräten und Gewerkschaften klar: Nur Organisation, Solidarität und kollektive Interessenvertretung können verhindern, dass solche Entscheidungen vollständig ungefiltert und unkontrolliert umgesetzt werden. Genau deswegen ist ein weiterer Betriebsrat für das neue Zentrum in Gießen unerlässlich.

Brutale Konzernlogik

Die Konzernlogik hinter Zalando ist brutal: Mitarbeitende werden ausgewechselt, Subventionen abgeschöpft, Standorte verschoben, während der Profit besteht. Wie viele Menschen müssen noch auf der Strecke bleiben, bevor das gesellschaftliche System darauf reagiert?

Die Mentalität des Konzerns wird noch einmal deutlich, wenn man sich die Worte des Co-Chefs David Schröder anhört, der im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagt, dass „relativ viele Jobs zumindest im Nachbarbundesland“ angeboten werden könnten und Zalando die Mitarbeitenden bei einem Umzug unterstütze. Wie lebensfern diese Vorstellung ist, und dass selbst im besten Fall 1.000 Menschen ohne Job dastünden, zeigt, wie skrupellos die Entscheidung ist.

Zalando zeigt, dass die Strukturen von Macht und Kapital stärker sind als individuelle Sicherheit, lokale Bindungen und soziale Verantwortung. Wer auf die Beschäftigten schaut, sieht nicht nur die 2.700 Menschen in Erfurt, sondern die gesamten Mechanismen, die solche Massenkündigungen ermöglichen – und die zwingend kritische Öffentlichkeit, Solidarität und organisationale Gegenmacht erfordern.

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Ann-Kathrin Leclere
Aus Kassel, lange Zeit in Erfurt gelebt und Kommunikationswissenschaft studiert. Dort hat sie ein Lokalmagazin gegründet. Danach Masterstudium Journalismus in Leipzig. Bis Oktober 2023 Volontärin bei der taz. Jetzt Redakteurin für Medien (& manchmal Witziges).
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7 Kommentare

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  • Sowas nennt man betriebswirtschaftliches Handeln. Ich bin auch kein Fan von Zalando, aber ich kann die Entscheidung durchaus nachvollziehen. Das Unternehmen muss nicht nur an die Betroffenen Mitarbeiter denken, sondern an alle Mitarbeiter.



    Hilft nämlich nix, wenn ich dieses Jahr zwar keine, in zwei Jahren aber 6.000 Menschen entlassen muss.



    Dass da natürlich auch Gewinnmaximierung,- Erhöhung dahinter



    steckt, ist klar. Aber das kann zumindest ich keinem Unternehmen verdenken.

  • Ich halte es für denkbar, aber nicht sicher, dass die Existenz eines Betriebsrates bei der Standortentscheidung eine Rolle spielt. Die Konzernführung weiß, dass die Zeit bis zur Gründung des nächsten Betriebsrats kurz ist.



    Den alten Standort zu modernisieren hätte Vorteile gehabt, wie alte eingespielte Belegschaft behalten, Sozialpläne sparen, schrittweise umbauen, Teile der alten Investitionen weiter nutzen...



    Die Entscheidung dagegen, also auf der Grünen Wiese neu bauen, kann auch viele technische Vorteile haben. Dazu vielleicht auch eine zentralere Lage zu den Kunden oder ein besseres Straßennetz.



    Diese technischen und betriebswirtschaftlichen Themen sind doch viel wichtiger zu wissen.



    In einer sozialistischen Zentralverwaltungswirtschaft wie in der DDR wären diese Themen auch wichtig. Ineffizient zu wirtschaften kann sich keiner leisten!

  • Die Subventionen haben in der Regel eine Bindung von 10 Jahren, demnach hätte Zalando seine Verpflichtungen wohl erfüllt.

    Und das neue Zentrallager in Gießen wird wohl deutlich moderner und wirtschaftlicher sein als das Alte, vor allem mut weniger Arbeitsplätzen auskommen.

    Insoweit ist die Entscheidung nachvollziehbar.

  • Ich glaube nicht, dass "funktionierende Betriebsräte" geholfen hätten. Wir haben ein politisches System, in dem Wirtschaftsunternehmen mehr oder weniger tun können, was sie wollen. Betriebsräte haben nur ein Mitspracherecht, aber sicher nicht wenn es um die Schließung eines betriebs geht. Sie können dann darauf achten, dass es sowas wie Sozialpläne gibt.



    Aber wenn eine Firma im Ausland billiger produzieren kann (niedrige Löhne, (noch) weniger Arbeitnehmerrechte, niedrigere Umweltauflagen), dann können sie das tun. Der Gesetzgeber gibt keine Jobgarantien, wenn es der profitmaximierende Betrieb nicht will.



    Das ganze dysfunktionale Wirtschaftssystem ist hier das Problem. Das wird man nicht einfach beheben können. Nicht mal ein schafer Blick der Politik auf Gewinnmargen und Dividenden würde helfen. Und den kann man vom Club Deutscher Unternehmer (CDU) eh nicht erwarten.

  • Laut gültigen Gesetzen darf die Bildung eines Betriebsrats nicht verhindert werden. Auch darf ein Betriebsrat nicht einfach so aufgelöst werden.

    Doch dank des Neoliberalismus kann darauf gepfiffen werden. Schließt man halt Standorte.m

  • Kritische Öffentlichkeit, Solidarität und organisationale Gegenmacht? Wie genau soll das aussehen? Soll die Firma boykottiert werden? Sollen neue Arbeitsplätze vor Ort geschaffen werden? Von wem und wie fiananziert? In erster Linie haben sich die Arbeitnehmer entsolidarisiert - Gewerkschaften und ehemals sozial ausgerichtete Parteien haben sich dem angepasst. Es gibt keine "Arbeiterbewegung" mehr.

  • „dass ,relativ viele Jobs zumindest im Nachbarbundesland' angeboten werden"



    Gut, dass die PendlerInnen-Pauschale angehoben wurde. [/sarkasmus off]