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Acht Monate vor der AbgeordnetenhauswahlFührungswechsel rückt näher

Die Linkspartei ist nicht nur stärkste Kraft im linken Lager. Sie könnte bald auch größte Partei Berlins sein. Aktuell sind das erstmals die Grünen.

So wie hier bei ihrer Nominierung zur linken Spitzendidatin könnte Elif Eralp auch nach der Wahl am 20. September jubeln Foto: Jeremy Knowles/Eventpress/imago

Aus Berlin

Stefan Alberti

Achteinhalb Monate vor der Abgeordnetenhauswahl am 20. September wird eine von der Linkspartei geführte Landesregierung zunehmend zu einer realistischen Option. Dafür sprechen der ungebremste Zustrom in die Linkspartei und das viel kritisierte, in jedem Fall aber suboptimale Auftreten von Regierungschef Kai Wegner (CDU), das auf seine Partei zurückfallen dürfte. Ein Ziel wird die Linkspartei dabei aller Voraussicht nach schon Ende Februar erreichen: Dann wird sie höchstwahrscheinlich mitgliederstärkste Partei Berlins sein.

Wie die taz am Donnerstag berichtete, haben zu Jahresbeginn die Grünen die SPD als Landesverband mit den meisten Mitgliedern abgelöst. Die frühere Nischenpartei, die noch 2017 in Berlin gerade mal knapp 6.000 Mitglieder zählte, führt die Parteien-Rangliste erstmals mit nun fast 18.000 Mitgliedern an. Die SPD, die sich als Partei Willy Brandts und Ernst Reuters über Jahrzehnte als die Berlin-Partei verstand, lag nach den offiziellen Zahlen vom Jahreswechsel 180 Mitglieder hinter den Grünen.

Dieser erste Platz wird aber binnen zwei Monaten voraussichtlich wieder wechseln. Denn die Linkspartei auf Rang 3 hat zwar derzeit 772 Mitglieder Rückstand auf die Grünen. Ungefähr so viel Zulauf aber hatte sie im vergangenen Jahr jeden Monat. Setzt sich das fort, wird die Linkspartei die Grünen, die monatlich um rund 200 Mitglieder zulegten, Ende Februar überholt haben. Denn ein Ende des Eintrittsbooms ist derzeit nicht abzusehen. „Allein in den ersten Tagen des neuen Jahres sind über 50 Menschen eingetreten“, äußerte sich bereits Mitte vergangener Woche gegenüber der taz Bjoern Tielebein, der Landesgeschäftsführer der Linkspartei.

In Umfragen in Richtung der Abgeordnetenhauswahl am 20. September liegt die Linkspartei mit 19 Prozent zumindest im linken Lager bereits seit Juni vor Grünen (16) und SPD (13). Ein rot-grün-rotes Bündnis hätte demnach zwar keine Mehrheit der Wählerstimmen hinter sich, aber – weil die Stimmen kleinerer und an der 5-Prozent-Hürde scheiternder Parteien wegfallen – eine Mehrheit der Sitze im Abgeordnetenhaus.

Noch führt die CDU in Umfragen

Ein Ende des Eintrittsbooms in die Linkspartei ist derzeit nicht abzusehen

Auch der Abstand zur insgesamt mit 22 Prozent führenden CDU war in der jüngsten Umfrage von Mitte November mit 3 Prozentpunkten überschaubar. Und selbst dieser Vorsprung könnte einholbar sein. Denn in der nächsten Umfrage dürfte sich auswirken, dass ihr Landesvorsitzender Kai Wegner im Umgang mit dem Blackout in Berlin viel Kritik kassierte. Der Regierungschef hatte den Eindruck erweckt, er habe sich am Samstag nach Bekanntwerden des Stromausfalls durchweg bei sich zu Hause damit beschäftigt, Hilfe und Reparatur auf den Weg zu bringen.

Dass er zwischenzeitlich eine Stunde Tennis spielte, um, wie er sagte, den Kopf für weitere Telefonate frei zu bekommen, räumte Wegner erst später ein. Schnell galt er manchen als Lügner. Es verbreitete sich das Bild, der Regierungschef verlustiere sich beim Elitensport Tennis – schlimmer wäre nur noch Golf gewesen –, während ein Teil Berlins vor sich hin fror. Dass in Zehlendorf weder ein Zug entgleist war noch Verletzte zu beklagen oder Angehörige zu trösten waren und fraglich war, wo ein Regierungschef dort in den ersten Stunden vor Ort hätte hilfreich sein können, blieb dabei außen vor.

Direkt davon profitieren wird mutmaßlich die AfD. Denn die Zahl jener bisherigen CDU-Wähler, die aus Enttäuschung über Wegner nun zur Linkspartei wechseln, dürfte sich in kleinem Rahmen halten. Aber die Verluste der CDU dürften den Abstand zur Linkspartei zumindest verkleinern.

Zu der näher rückenden Möglichkeit einer von der Linkspartei geführten Koalition mit deren Spitzenkandidatin Elif Eralp als Regierungschefin hatten sich am Donnerstag führende Wirtschaftsvertreter skeptisch bis warnend geäußert. Der Chef der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg, Alexander Schirp, ordnete allein das daraus resultierende Signal als nicht förderlich für die Region ein. Wohnungsverbandschefin BBU Maren Kern sagte zur Möglichkeit der Linkspartei im Roten Rathaus: „Investoren würde das abschrecken.“

Präsidiale Stellungnahme von Eralp

Eine Stellungnahme von Spitzenkandidatin Eralp zum Blackout und dem dahinter stehenden Anschlag passt allerdings nicht zu derartigen Befürchtungen. Denn die klang präsidial statt extrem oder revolutionär: „Ich verurteile diesen Anschlag auf die Stromversorgung aufs Schärfste“, sagte sie. „Wer Menschen mitten im Winter derart in Gefahr bringt, handelt einfach nur kriminell.“ Das hätte auch ein führender CDU-Politiker so formulieren können – nur dass Eralp anders als Wegner nicht von Terrorismus sprach.

In einem Bekennerschreiben, das Landes- und Bundeskriminalamt als glaubwürdigt einstuften, hatte es in einer Mischung aus links-ökologischem Vokabular geheißen, der Anschlag sei „ein Akt der Notwehr und der internationalen Solidarität mit allen, die die Erde und das Leben schützen.“ Eralp hingegen formulierte: „Eine solche Tat ist durch nichts zu rechtfertigen.“

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11 Kommentare

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  • "Wohnungsverbandschefin BBU Maren Kern sagte zur Möglichkeit der Linkspartei im Roten Rathaus: 'Investoren würde das abschrecken.'"

    Die Frage ist allerdings, ob die Abschreckung gewisser Investoren– gerade im Kontext Immobilien– gut oder schlecht für Berlin wäre.

    • @Kaboom:

      Und was ist mit den anderen Investoren?

    • @Kaboom:

      Klar Schlecht!



      Ohne Investoren keine Wohnungen -> Wohnungsknappheit und Mieten steigen weiter.

  • 8 Monate Harmonie bei der Berliner Linken? Kaum vorstellbar.

  • „Investoren würde das abschrecken.“

    Endlich.

  • Berlin ist eh eine verlorene Stadt. Da ist es auch egal, wer mehr Mitglieder hat, die Linken oder die Grünen. Besser wird's auf keinen Fall....

    • @Die_Mitte_machts:

      Wahrscheinlich haben Sie sogar recht. Denn um irgendetwas umzusetzen benötigt auch eine Linkspartei nicht nur eine politische Mehrheit, sondern auch die entsprechenden Finanzmittel. Und gerade bei diesen sieht es doch eher mau aus. Mit ideologischem Geschwafel kann man nun mal leider nichts innovatives bezahlen. Aber wahrscheinlich sollen dann wieder die anderen Bundesländer über den Länderfinanzausgleich für die Berliner Unfähigkeit zahlen.

  • Anders als vielfach dargestellt sehe ich die Linkspartei nicht als linksextrem, sondern in der Tradition einer ursprünglich linken Sozialdemokratie. Die Linkspartei besetzt den Platz, den die SPD spätestens mit der Agenda 2010 (wenn nicht schon 1959 mit dem Godesberger Programm) geräumt hat.



    Insofern ist das eine logische Entwicklung, die, wie man an den wachsenden Mitgliederzahlen sieht, jede Menge Zuspruch findet. Ob Die Linke die hohen Erwartungen erfüllen kann? Zumindest kehrt mit ihr die Frage sozialer Gerechtigkeit und Teilhabe wieder als Thema in die politische Diskussion zurück, und allein das war es schon wert.

    • @Klabauta:

      **... sondern in der Tradition einer ursprünglich linken Sozialdemokratie.**

      Vollkommen richtig, denn die schröder'sche SPD wird sich nicht mehr zur sozialen Willy-Brandt-SPD zurück verwandeln. Die heutige SPD ist doch nur noch der Steigbügelhalter für die Merz/Söder-"BlackRock"-Union, deshalb brauchen wir ganz dringend 'Die Linke'.

    • @Klabauta:

      In Berlin ist die Frage sozialer Gerechtigkeit und Teilhabe doch zu jeder Wahl in der Diskussion.

      Das war bei Rot-Rot-Grün so, bei Rot-Grün-Rot und auch bei Schwarz- Rot so.

      Nur geliefert wurde nicht.

      Ja, Mitgliederzahlen sind keine Wahlergebnisse.

  • Bis September sind es noch 9 Monate. Nicht die Haut des Wildschweins verkaufen bevor es erlegt wurde.