Warum schreibt niemand mehr Verrisse?: Schuld sind auch wir selbst
Die Kulturkritik ist in der Krise. Was tun dagegen? Wo bleibt die rebellische Dissidenz der jungen Generation?
Lesen Sie eigentlich noch gerne das Feuilleton? Nein? Ich verstehe Sie. Wochenlange Debatten, früher so spannend wie heute eine Netflix-Serie, gibt es dort schon lange nicht mehr. Rezensionen finden Sie inzwischen auf Onlineplattformen – nur kürzer, vielfältiger und kostenlos.
Ja, die klassische Kulturkritik steckt in der Krise. Genauso der Journalismus und unsere liberale Demokratie. Aber halt, nicht wegrennen! Ich verrate Ihnen, warum das so ist und wie wir da vielleicht wieder rauskommen. Leichter wird dadurch allerdings nichts.
Fangen wir mit der Selbsterkenntnis an. Wie das im deutschen „Kulturjournalismus“ so ist – ein Managerwort, das vielleicht schon alles über die Streber-Verschulung des Metiers sagt – kommen die besten Ideen aus den USA. Auch im Fall der Kunstkritik. Genauer gesagt, aus einer kleinen verrauchten Bar namens Seaport, die im Schatten der Brooklyn Bridge in New York liegt.
2023 trafen sich dort Kunstkritikstars wie Dean Kissick, Roberta Smith und Jason Farago, aber auch hippe Ostküsten-Künstler wie Seth Price, Joshua Citarella und Alvaro Barrington, um mehrere salonartige Talks abzuhalten. Diskutiert wurde, was diese schwer zu definierende Gegenwartskunst eigentlich sein soll. Es ging also um das Formulieren klarer, aufregender Thesen und darum, entschlossen Urteile zu fällen; ergo, um alles, was gute Kritik, ob an Kunst, Literatur oder Pop ausmacht, aber eben heute oft fehlt.
Auch deshalb klangen viele der Seaport-Takes – die dann 2025 in einer schönen, schlichten Anthologie erschienen –, wie eine Selbstkritik der Kritiker. Frustriert fragen die ausgebrannten Kollegen da: Wie sind wir hier gelandet? Will uns noch wer? Und warum sind wir so langweilig, während unsere Tiktok-Trump-Gegenwart so spektakulär ist? Müssten unsere Kritikerworte nicht genauso fesselnd sein, um ihr überhaupt noch hinterherzukommen?
Betagte Gardesoldaten des Geschmacks
Dasselbe sollten wir uns auch hier in Deutschland fragen. Das Magazin Texte zur Kunst, dieser betagte Gardesoldat des guten Geschmacks, tut das gerade in seiner aktuellen Ausgabe. Sie trägt den englischen Titel „System Change: Art Market and Criticism“. Die darin gestellte Fatal-Diagnose: Kunstkritik ist nicht mehr fesselnd, sondern zahnlos, weil ihr für den nötigen Biss schlichtweg das Kapital fehlt.
Und deshalb, so die Idee der Ausgabe, bestimme allein der Kunstmarkt mit seinem Schmiergeld, welche Kunst gut und welche schlecht, welche überhaupt zeigenswert ist. Kritik sei heute also abhängig von Marktmacht. Autonomie, Glaubwürdigkeit und Einfluss der Kritiker damit passé. Ein Riesenproblem. Aber ist es wirklich nur das böse Marktmonster, das uns Kritikern an die Substanz geht? Nein, ein Fall aus der Popkritik zeigt, wer noch.
In der Zeit resümierte neulich der scharfsinnige, aber manchmal etwas zu verständnisvolle Kritiker Jens Balzer, dass es nicht mehr die beleidigten Künstler seien, die ihre vermeintlich fiesen Kritiker diffamierten, sondern deren enthemmte Fans. Ein Kommentarspaltenmob, so könnte man sagen, der nicht einmal mehr vor Mordaufrufen zurückschreckt. Balzers Text-Aufhänger: ein Albumverriss der Kritikerin Juliane Liebert in der Zeit.
Von dem war nämlich nicht die Kritisierte genervt – die deutsche Pop-Prinzessin Nina Chuba –, sondern der YouTuber und Wichtigtuer Rezo, der daraufhin online über Liebert und eigentlich über alle Zeitungskritiker im Allgemeinen herzog. Worum es Rezo ging? Ärger machen, also Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Wie blöd! Sollten die nicht richtige Kritiker für ihre genialen Ideen zu Filmen, Büchern und Kunstwerken bekommen? Müssten wir uns nicht gegen marodierende Fans und Vulgärkritiker wie Rezo wehren?
Ja! Aber wie? Zum Beispiel, indem wir Kritikerinnen und Kritiker insgesamt wieder mehr Verrisse schreiben. Selbstbewusste, elegant geschriebene, mit unerwarteten Thesen. Nur so können wir uns gegen unsere gut klickenden Todfeinde behaupten. Jeder, der Plattform-Algorithmen aus eigener Erfahrung und nicht nur aus Fortbildungsseminaren kennt, weiß, dass diese am liebsten dahin steuern, wo die Kontroverse am spannendsten ist.
Müssen wir intellektuelle Marktschreier werden?
Und genau deshalb müssen wir wieder „intellektuelle Marktschreier“ werden. So hatte die Journalistin Susanne Lang den Erfinder der großdeutschen Großdebatte, Frank Schirrmacher, 2006 in ihrem taz-Porträt genannt. Jemand wie Rezo allerdings, der nur Clickbait-Meinungen, aber keine Argumente hat, kann für uns kein Vorbild sein. Genauso wenig Heldendenkmäler wie Frank Schirrmacher, denn auch die Boys-Club-Nostalgie wird uns nicht retten. Die katzengoldenen Zeiten des Journalismus sind generell vorbei. Schuld daran sind aber nicht nur der Markt, aufgehetzte Fan-Mobs oder Rezo. Nein, auch wir selbst.
Dem Journalismus – ganz besonders den Feuilletons – geht es nämlich wie der deutschen Autoindustrie: Jahrelang regnete es steigende Einkommen für Manager mit idiotischen Ideen, dann ist plötzlich kein Geld mehr da, um die eigene Existenz zu sichern. Strukturwandel, Stellenabbau, KI. Und wie das mit Untergangsszenarien wie diesen so ist, klammern sich die meisten dabei an das, was ihnen noch ein bisschen vergangenes Bling-Bling oder einen rasanten Wiederaufstieg verspricht.
In den Kulturteilen der größten deutschen Zeitungen zeigt sich beides in oft unlesbarer Peinlichkeit. Die auf jung machenden Doyens der Zeit beispielsweise bitten ständig irgendwelche Meme-Künstler, billige Gags über Friedrich Merz zu produzieren – auch wenn es die politische Schieflage mal nicht hergibt. Ihre Feuilletonisten werden dazu animiert, Tiktok-Trends vor der Kamera auszuprobieren, müssen sich jedes Stück Content überziehen, das nach algorithmischem Coup aussieht, krampfhaft, so, als wolle man die eigenen Problemzonen – lahme Lifestyletexte und die nächste Service-Sonderbeilage – verstecken. Nur die FAZ, das alte Schlachtschiff, bleibt ganz sie selbst und tuckert beim Trendhopping auf Social Media meistens drei Wochen hinterher.
Den Ego-Boost liefert der Ich-Essay
Klar, für mich ist es bequem, die Alten und ihre Transformationsneurosen zu kritisieren. Deshalb sind jetzt wir, die Jungen, dran. Von uns sollte man eigentlich das Gegenteil erwarten: rebellische Dissidenz, vergnügtes Austeilen gegen die Chefs und elektrisierende Artikel über das, was in der Kultur wirklich neu ist – nicht nur über das, was uns Plattformgiganten oder PRs als neu verkaufen.
Das Problem: Wir tun’s nicht. Die meisten jungen Autoren im Feuilleton finden gerade cool, andere, erfolgreichere, aber mindestens genauso uninspirierte Kollegen in den Luxusurlaub zu begleiten – Sonnenmilch und Ruhmesglanz teilen. Gute Texte über schlechte Kunst zu schreiben ist nicht hot genug. Den Ego-Boost liefert der triviale Ich-Essay: meist ohne Urteile, dafür voller oberflächlicher mikrosoziologischer Beobachtungen zu Konsum, Dating und Promi-Buchclubs oder floskelhafter Reflexionen über die eigenen Gefühle.
Warum? Weil man glaubt, dass es das ist, was der Verleger des Buches, das man gerade besprochen hat, gerne hören würde. Man weiß ja nie, vielleicht schreibt man bald selbst einen Roman.
Manchmal verirrt sich in dieses Ödland dann ein Text, der sich für kritisch hält. Zum Beispiel neulich, in der Zeit, als eine junge Autorin versuchte, den Senioren-Debütroman des fast 90-jährigen, leicht zu schmähenden Filmemachers Woody Allen zu rezensieren. Endlos erzählt sie in ihrem Text den Buchinhalt nach, wertet alle Zeitgeist-Verweise streberhaft aus und formuliert ihre Deutungen auffällig vage, nur um am Ende das Wichtigste auszusparen: die Kritik am Buch.
Ähnliche Probleme hat auch die Zeit-Literaturkritikerin Iris Radisch festgestellt, im Oktober 2025, beim Frankfurter-Buchmessen-Talk der SWR-Bestenliste. Anlass zu ihrer Sorge um die Literaturkritik war der lange unwidersprochen gebliebene Hype um die Erfolgsautorin Caroline Wahl. Was Radisch da bemängelte, waren die „Scheu vor Kontroversen“ und der „reine Inhaltismus“ heutiger Rezensionen. Eine wirkliche Lösung boten sie und ihre Jury-Kollegen auf der Bühne aber auch nicht an. Es blieb beim Wunsch nach „mehr Nachwuchsförderung“.
Geformt von einem Buckel-Betrieb
Mit dieser werden wir, die jungen Autoren, allerdings nicht weit kommen. Klar, angemessene Honorare, nicht nur für die glücklichen Alten, sondern für die unglücklichen Jungen, wären ein Anfang. Aber mit Geld allein lässt sich die Mutlosigkeit dieser Autoren-Generation, der auch ich angehöre, nicht abschütteln. Diese Last kann uns keiner nehmen, das Problem geht tiefer. Zu viele von uns sagen eigentlich zu allem ja, danke, bitte, toll, toll, toll, was ihnen in diesem Ruinenbetrieb nur irgendwie das Image poliert.
Verständnisvollerweise sind sie Opportunisten. Auf Instagram schreiben sie untertänig „heute durfte ich …“, wenn sie Promi-Philosophen wie Slavoj Žižek getroffen oder eine Doppelseite im SZ-Magazin bekommen haben. In Gesprächen unter Freunden lamentieren sie dann, dass der Chef sie trotz ihrer Schmeicheleien bei der Besetzung der Redakteursstelle mal wieder übersehen habe. „Wie frech! Du hast doch einen Abschluss von der Deutschen Journalistenschule!“
Aber wer will es ihnen übelnehmen? Geformt hat diese jungen Autoren ein Buckel-Betrieb, der den eigenen Untergang ohnmächtig verwaltet; Redakteure, die zwischen Anzeigenstress und Spardelirium all jene Texte wegredigieren, die ihnen und uns Ärger bereiten könnten – was eigentlich der Sinn des kritischen Schreibens wäre und, wie gesagt, gut klicken würde.
Wie, frage ich mich, sollen wir in so einer ängstlichen Atmosphäre die Zukunft der Kritik, des Journalismus und überhaupt unserer Demokratie, die doch vom andauernden Widerspruch lebt, gestalten? Müssten wir nicht gegen diesen Konformismus rebellieren, bevor es die Falschen tun? Nehmen wir zum Beispiel die kleinbürgerlichen Maulhelden von Nius. So ungern ich das als Antispießer und Demokratiebesessener sage: deren Pseudoprovokationen fruchten.
Genauso wie die von nicht-intellektuellen Marktschreiern wie Rezo. Der will zwar zum Glück kein autoritäres Stahlgewitter wie Nius, sondern nur unser Geld. Trotzdem müssen wir beides – politischen Einfluss und geldbringende Aufmerksamkeit – Rezo und Nius wieder streitig machen. Warum, fragen Sie?
Weil sonst meine, ihre, unsere Zukunft so aussehen wird: Vibe Shift über Vibe Shift formiert sich auf X oder in Thüringen eine neue Hitlerjugend und der populistische Hexenhammer zerschlägt überall dort unsere demokratische Öffentlichkeit, wo wir – die vierte Gewalt– zu träge, das heißt, zu konsensual sind. Und nein, ich halte diese Drohkulisse nicht für übertrieben. Sie ist Ausdruck einer nicht neuen, aber schlimmer werdenden Verzweiflung.
Wie so ein erschöpfter Sisyphos
Vor ein paar Tagen nämlich las ich einen alten Text von Maxim Biller. Der Text trug den Titel „Der Gott Holocaust und seine falschen Jünger“. Er war von 2002 und machte mich sehr traurig. Traurig, auf eine Art, wie man sich den erschöpften Sisyphos vorstellen muss, kurz nachdem ihn der gleiche fette Felsen wie immer überrollt hat. Warum ich mich so fühlte? Weil seit 2002 verfluchte 23 Jahre vergangen sind – fast mein ganzes Leben – und Billers These von damals auch heute noch stimmt.
Biller schrieb: Wenn wir den „Konformisten-Konsens“, der in Redaktionen, Universitäten und der Politik herrsche, nicht schleunigst mit scharfen und freien Gedanken zerlegten, dann würden die „rechten Halunken“ – heute könnten wir sie Populisten nennen – unsere perfekt-unperfekte Nachkriegsdemokratie im Nu zerlegen. Was in unsere Gegenwart übertragen hieße, schneller als wir A-f-D sagen können.
Bedeuten kann das für uns junge Autorinnen und Autoren nur eines: Wir müssen wieder verdammt gute Texte schreiben. Texte, die berauschen, aber trotzdem klar sagen, was gut und schlecht, was richtig und falsch ist. Freie Texte, geschrieben ohne Angst, wer sie lesen und wer sie totredigieren könnte. Schöne und lebendige Texte, mit denen wir in die Feuilletons hineinschreien und warten, wer zurückschreit. Texte also, die nicht nur beschreiben, sondern verändern wollen.
Und an meine Altersgenossen gerichtet: Sollten Redakteure, die früher selbst jung und rebellisch waren, eure verdammt guten Texte mal wieder nicht drucken wollen, dann pfeift doch auf sie. Dann müssen wir eben unsere Köpfe zusammenstecken, unsere Stimmen und unsere Portemonnaies in den Ring schmeißen und eigene Zeitungen, Magazine oder Plattformen gründen. Was bleibt uns anderes übrig?
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