Anschlag auf das Stromnetz in Berlin: Ohne Beweise keine Täter
Zum Anschlag gibt es drei sich zum Teil widersprechende Bekennerschreiben. Was daraus folgt? Bei Schlussfolgerung über die Täter die Klappe halten!
N un sind es also gleich drei. Drei Bekennerschreiben zum Anschlag auf das Stromnetz in Berlin. Alle drei angeblich von Mitgliedern der sogenannten Vulkangruppe. Und dennoch sehr widersprüchlich.
Ersteres behauptete, die linksextreme Gruppe habe den Anschlag verübt. Zweiteres verwahrte sich gegen die immer lauter vorgetragene Vermutung, Anschlag und Schreiben könnten unter falscher Flagge von russischen Agenten verübt worden sein. Und das dritte wiederum behauptet tatsächlich, dass alle angeblichen Vulkangruppen-Anschläge der vergangenen Jahre von Nachahmer:innen stammen.
Und was stimmt nun? Vieles spricht dafür, dass das erste Schreiben trotz gelegentlich seltsamer Wortwahl echt sein könnte. Das sagen zumindest Forensiker:innen, die Ahnung von der Materie haben. Dem folgend wäre das zweite Schreiben fast schon logisch. Aber was ist dann mit dem dritten? Spricht das nicht dafür, dass nicht nur der aktuelle, sondern alle Vulkananschläge der vergangenen Jahre von russischen Agenten stammen?
Das klingt nach Verschwörungstheorie. Oder nach einem Vorgehen wie bei den Auspuffverstopfern vor gut einem Jahr, als russische Pseudoklimaaktivist:innen im Wahlkampf für Irritation sorgen wollten. Und was würde so ein Agent tun, wenn er aufgrund eines holprigen ersten Schreibens ungewollt in Verdacht gerät? Er würde doch ein sorgfältiger erstelltes zweites Schreiben posten, oder? Vielleicht sogar ein drittes, das dem zweiten widerspricht, um die Verwirrung perfektionieren? Ist das nicht genau das Ziel von Desinformation? Schwuppdiwupp erstellt mit einem besseren KI-Programm?
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Auch Grüne stellten Anfragen
Ganz so einfach ist es zwar nicht. Wenn man zum Beispiel ChatGPT bittet, ein authentisch klingendes Bekennerschreiben zu verfassen, weigert sich die KI. Sie weist aber auf Nachfrage darauf hin, dass selbst sprachliche Übereinstimmungen immer nur ein Indiz sein können, niemals ein hinreichender Beweis. Denn Sprache können KI-Tools längst nahezu perfekt nachahmen. Und sie werden immer besser. Wer sollte das besser „wissen“ als ein KI-Tool?
In einem Schreiben einer „Vulkangruppe“ hatten sich die Absender:innen erstmals am 4. Januar 2026 zu dem Brandanschlag auf das Stromnetz in Berlin bekannt. Am 6. Januar wurde ein weiteres Schreiben einer „Vulkangruppe“ veröffentlicht. In einer sogenannten Richtigstellung, reklamierten sie den Angriff noch einmal für sich, nachdem spekuliert wurde, ob der Angriff nicht eine Sabotage-Aktion Russlands war. In einem dritten, am 7. Januar publizierten Schreiben behaupteten mutmaßlich andere Autor:innen, sie seien die ursprüngliche „Vulkangruppe“ und hätten mit den Anschlägen der letzten Jahre nichts zu tun. In einem vierten Schreiben einer „Vulkangruppe“, bedauert diese, dass neben dem Gaskraftwerk auch private Haushalte betroffen waren, da dies nicht beabsichtigt gewesen sei. Mit dem heutigen Wissen um die Auswirkungen, hätte die Gruppe den Angriff in eine warme Jahreszeit verlegt, heißt es dort.
Und hatte nicht die Russland nahestehende AfD erst kürzlich per kleiner Anfrage nach Wackeligkeiten im Berliner Stromnetz gefragt?Ja, aber auch hier gilt: Nicht alles, was nach einem Beleg aussieht, ist auch ein Beweis. Auch die Grünen hatten kürzlich in einer Anfrage auf die Anfälligkeit von Hauptversorgungsleitungen bei der Querung von Brücken hingewiesen. Das zeugt weniger von Täterwissen als von Fachkenntnis.
Kurzum: Man weiß nicht, welches der Bekennerschreiben echt ist. Jedenfalls nicht, bis irgendeine Vulkangruppe handfeste Beweise vorlegt, dass sie die echte und tatsächlich handelnde ist – was sie natürlich nicht tun wird. Oder bis die Polizei hieb- und stichfeste Belege veröffentlicht, warum sie das erste Schreiben ruckzuck für authentisch hielt – was sie im besten Fall aus ermittlungstaktischen Gründen nicht tun wird, im schlechtesten, weil ihre Argumentation auch auf wackeligen Füßen steht.
Bis dahin sollte man sich mit endgültigen Aussagen über die Täterschaft zurückhalten – als Social-Media-User:in. Und erst recht als Regierender Bürgermeister.
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