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Biopsychologe über Crans-Montana„Es liegt nahe, zu spät zu reagieren“

Beim Brand in Crans-Montana filmen einige die Katastrophe, andere fliehen sofort. Peter Walschburger ist Biopsychologe und erklärt die Reaktionen.

In der Bar Le Constellation in Crans-Montana ereignete sich in der Silvesternacht ein verheerender Brand Foto: Baz Ratner/ap

taz: Im Schweizer Skiort Crans-Montana sind bei einem Brand in einer Bar an Silvester 40 Menschen gestorben. Im Internet finden sich zahlreiche Videos davon, wie Wunderkerzen die Decke in Brand setzten. Sie zeigen auch, dass mindestens eine Person direkt versuchte, den Brand zu löschen, während andere weiter tanzten. Warum reagieren einzelne Menschen in Gefahrensituationen geistesgegenwärtig und andere nicht?

Peter Walschburger: Menschen reagieren unter Gefahr normalerweise mit einer von drei Verhaltensweisen: Entweder sie bewegen sich von der Gefahr weg, auf sie zu, oder sie erstarren.

taz: Fight, flight or freeze.

Walschburger: Bei massiver Bedrohung ist das so. Nun kann man davon ausgehen, dass viele in der Bar nicht wussten, dass die Situation hochgefährlich sein würde. Das Hirn analysiert die Lage zunächst in weniger als einer Sekunde. Dabei handelt es sich aber um eine ganz grobe, schematische Bewertung. In diesem Moment kann erst einmal eine Faszination einsetzen, ein Staunen, bevor dann der Schrecken kommt, mit einer der drei typischen Reaktionen.

Bild: FU Berlin
Peter Walschburger

Jahrgang 1946, ist emeritierter Professor für Biopsychologie an der Freien Universität Berlin. Seit 2011 ist er freiberuflich an der Freien Universität tätig und beschäftigt sich vertieft mit biopsychologischer Anthropologie.

Solche, die vielleicht verkopfter oder intellektueller sind, wechseln meist schneller vom ersten Erschrecken zu einem reflektierten Modus. Der ist für normale Entscheidungen gut. Aber bei akuter Gefahr hindert die Reflexion sie womöglich daran, rechtzeitig zu reagieren, weil sie herumüberlegen, anstatt auf ihre Instinkte zu hören und sich einfach ganz schnell rauszubewegen.

taz: Man sieht auf den Videos, dass einige Barbesucher im ersten Moment ihre Smartphones in die Höhe halten und filmen, anstatt die Bar zu verlassen. Warum, denken Sie, war das bei vielen die erste Reaktion?

Walschburger: Auch das passiert erst einmal intuitiv, gewohnheitsmäßige Handynutzer denken nicht lange darüber nach. Auf Aufregendes reagieren sie gern mit dem Griff zum Handy. Das ist weit verbreitet in der jungen Generation mit vielen Digital Natives. In meinem Alter ist das nicht so. Das liegt an den anderen Gewohnheiten. Vor allem Social-Media-User wollen sich dann vielleicht auch wichtig machen, indem sie teilen, was sie vielleicht für eine Sensation halten, oder das Geschehene ihren Freunden zeigen.

taz: Auch als die Flammen schon meterhoch sind, filmen noch einige. Überschreibt der Wunsch, ein solches Ereignis festzuhalten, den Instinkt, sich vor einer Gefahr in Sicherheit zu bringen?

Walschburger: Das ist gut möglich. Aber danach setzt sich doch ein instinktnahes Verhalten durch. Eine Reaktion mit starken, angeborenen Komponenten, aktiviert von speziellen Strukturen, die etwas tiefer im Gehirn liegen. Diese Strukturen bewerten, ob eine Situation harmlos ist oder gefährlich. Aber dieses grobe Auswerten ist sehr fehleranfällig, weil es ja ganz schnell gehen muss. Es ist ein gemischter emotionaler Prozess der Faszination, gefolgt vom Schrecken und der Reaktion: weglaufen.

Ob man im ersten Moment in Staunen oder Schrecken verfällt, ist auch stark persönlichkeitsabhängig. Besonders junge Männer tendieren zum Staunen. Ich vermute, dass Frauen schneller rauslaufen.

taz: Warum?

Walschburger: Evolutionsbiologisch gesehen sind Frauen – als Gruppe gesehen – eher besorgt und ängstlich. Weil sie für die Fortpflanzung größere Investitionen tätigen als Männer, sind sie traditionell mehr mit ihren Babys verbunden, verhalten sich auch fürsorglicher, aufmerksamer und mehr bedacht auf den Schutz des Lebens.

Deswegen würde ich erwarten, dass in der Wahrnehmung von Frauen Situationen wie diese in der Bar schneller kippen. Die Realisierung, dass Gefahr besteht, setzt schneller ein. Aber natürlich habe ich für diesen konkreten Fall keinerlei Daten. Und man darf auch nicht zu sehr verallgemeinern.

taz: Spielt das Alter eine Rolle im Umgang mit akuten Gefahren?

Walschburger: Die Opfer hier waren sehr jung. Teils zwischen 14 und 21 Jahren. Das ist eine Entwicklungsphase, in der sich Menschen auf dem Höhepunkt ihrer Unternehmungslust befinden. Das bedeutet, sie tolerieren größere Risiken ohne größere Angst. Im Laufe des Lebens geht die Unternehmungslust zurück, weil mehr negative Erfahrungen mit Risiko gemacht wurden. Man wird zurückhaltender, die Faszination des Schrecklichen lässt nach.

Aber ich will die Jugend hier keinesfalls anklagen. Es ist alles sehr verständlich, wie es da abgelaufen ist. Sie waren alle praktisch arglos, wie groß die Gefahr tatsächlich war. Denn nach derzeitigem Stand sieht es ja so aus, als hätte ein Flashover stattgefunden. Da entwickeln sich in wenigen Sekunden riesige Temperaturen von bis zu tausend Grad, und alles, was brennbar ist, brennt. Hinzu kommt, dass jemand, der eine Skibar besucht, grundsätzlich davon ausgeht, sich dort in einem sicheren Kontext zu befinden.

taz: Wie sieht denn eine richtige Reaktion aus?

Walschburger: Eigentlich ist die Intuition, ohne großes Nachdenken zu fliehen, richtig.

taz: Hier scheint sie zu spät eingesetzt zu haben.

Walschburger: Leider ist es naheliegend, auf einen Flashover zu spät zu reagieren, weil so eine Situation in der freien Natur ja nur ganz selten vorkommt.

taz: Hätten ältere Menschen vielleicht anders reagiert?

Walschburger: Sie hätten vielleicht schneller vom Staunen zum Schrecken umgeschaltet und wären geflohen, aber ob es ihnen etwas gebracht hätte, weiß ich nicht. Ob sich Ältere besser gerettet hätten, ist völlig offen. Vor allem, weil es so schnell ging.

Und natürlich muss man auch zwischen alkoholisierten und nicht alkoholisierten Personen in der Reaktion unterscheiden. Alkohol nimmt die Angst, man ist längere Zeit fasziniert und schaltet so weniger schnell um, um zu reagieren.

taz: Woher kommt das Staunen, die Faszination für die Katastrophe? Ich denke da auch an Menschen, die bei Unfällen auf der Autobahn nicht wegschauen können.

Walschburger: Das hat mit Sicherheit auch eine evolutionäre Komponente. Menschen haben eine höhere Überlebenschance, wenn sie auf Gefahren im Umfeld, die sie selbst berühren könnten, höchst aufmerksam reagieren.

Aber das kann unter unseren modernen Lebensbedingungen zu sehr negativen Verhaltensweisen führen. Wenn zum Beispiel Unfallopfer gefilmt und Retter behindert oder sogar attackiert werden.

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11 Kommentare

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  • Ist es tatsächlich so, dass es mehr Opfer gab, weil einige nicht schnell genug geflohen sind? Normalerweise ist Panik die größere Gefahr. Und nach einem Flashover ist es sowieso zu spät um zu reagieren.

  • Was hier unerwähnt bleibt, ist, dass um diese Zeit höchstwahrscheinlich alle Anwesenden bereits deutlich alkoholisiert gewesen sein dürften. Auch das hat sich sicherlich nicht positiv auf die Entscheidungen ausgewirkt.

  • Ich musste erst mal nachschlagen, was Biopsychologie ist, schließlich wird es mit der Psychologie von Nichtbiologschem (Steine, Sand…) schon schwierig.



    Nachdem ich gesehen habe, was damit gemeint ist, finde ich es schade, dass von diesem interessanten Fachwissen in diesem Interview nur so etwas kommt wie „Man macht halt, was man gewohnt ist“ (Handy hochhalten), „Alkohol verzögert die Reaktionen bzw. man reagiert nicht besonders schlau“, „In jüngeren Jahren ist man risikobereiter“ usw.

    Dafür hätte man nun wirklich keinen solchen Fachmenschen gebraucht. Schade um die verpasste Gelegenheit.

    Trotzdem Dankeschön für den Denkanstoß. Letzten Endes würde es ja für das Thema des Artikels sowieso nicht helfen, zu wissen, welche physiologischen Vorgänge im Körper bei Notfällen ablaufen (Adrenalineffekte usw.), denn die sind aus gutem Grund wie sie sind und eben auch aus gutem Grund blitzschnell automatisiert ablaufend und damit erst mal nicht beeinflussbar. „Kann man nichts dran ändern“.

    Das Grundproblem lag vorher, zu kurz die Zeit für viele, um zu realisieren wie extrem die Gefahr war. Die Notsituation wurde nicht erfasst bzw. zu langsam. Das wurde immerhin gut angesprochen.

  • Verhaltensmuster die bewiesenermaßen durch Aussagen wie "Frauen machen das halt so" erlernt werden als Evolutionsbiologie abzustempeln, ist schlichtweg böse. Es geht hier um Charaktereigenschaften wie Mut, die in der heute wie in der Steinzeit zu Lebensqualität geführt haben.



    Wegen solchen Fantasie-Aussagen gehen weniger Frauen zur Freiwilligen Feuerwehr und verlassen sich stattdessen drauf, gerettet werden zu müssen, weil das ja angeblich feminin wäre.



    "Evolutionsbiologisch haben Frauen den stärkeren Beschützerinstinkt - sie widmen sich deshalb eher gefahren um ihre Mitmenschen und sich selbst in Sicherheit zu bringen. Das liegt daran, das Menschenleben zu erschaffen für sie einen hohen Energieaufwand bedeutet, und somit schützenswerter ist." funktioniert genause, ist ebenso wenig beweisbar im Gegensatz zum sozial antrainierten Aspekt, und wäre wenigstens Logisch.



    Es gibt tatsächlich biologische Gründe, dass Menschen ein kulturelles Gender-Verhalten kopieren. Wir sind nämlich soziale Wesen. Assimilation zur Gruppe ist für uns überlebenswichtig.



    Gerade deshalb sollte niemand kulturell so einen Quatsch erzählen.

    • @Sina.01:

      Das wäre mir an dem Text echt gar nicht aufgefallen, aber ich finde Ihren Punkt sehr gut, danke.

    • @Sina.01:

      Genau. Sie wissen es garantiert besser als der emeritierte Professor für Biopsychologie. Weil es nicht in Ihr Weltbild passt, sind die Aussagen von Prof. Dr. Peter Walschburger natürlich totaler Quatsch.

      • @SGouldo:

        Die Aussagen im Interview sind auch auf sachlicher Ebene kritikwürdig: „Menschen reagieren unter Gefahr normalerweise mit einer von drei Verhaltensweisen: entweder sie bewegen sich von der Gefahr weg, auf sie zu, oder sie erstarren.“ ist z.B. eine Tautologie wie „Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt wie es ist.“

        Ich fürchte, da ist tatsächlich nicht viel Substanz. Gehen Sie mal auf eine biopsychologische Fachtagung wie die PuG, die meisten Beiträge korrelieren nur irgendwelche physiologischen Parameter mit anderen physiologischen Parametern oder Antworten in irgendwelchen Fragebögen.

        Und ja, Genderstereotype finden Sie in der Psychologie durchaus. Fortschrittliche Geister studieren kein Fach mit so Individualkleinklein.

  • Mich würde ja eher interessieren, wie es legal sein kann, dass sich mehr als 150 Leute in so einem Kellerloch mit derartig schmalem Zugang aufhalten dürfen. Sind Brandschutz und allgemeine Notfall-Vorschriften in der Schweiz tatsächlich so lax?

  • "hätte", "würde", "vermutlich" - kurz, nix genaues weiß auch der Experte nicht.



    Als Laie könnte man auch vermuten, dass halt die Erstsituation immer so schwierig ist. Keiner von den Opfern hat ein solches Szenario vorher erlebt. Feuer sind immer rechtzeitig gelöscht worden und haben sich nicht schlagartig ausgebreitet.



    Die Analogie sind die Flugzeugentführungen vom 9 11. In den ersten Maschinen haben sich die Passagiere ruhig verhalten, weil dass das vorausichtlich Beste war. In der letzten Maschine war das schonnicht mehr so und es wäre auch nie wieder so gewesen (auch ohne erhöhte Sicherheitsmassnahmen).

    Das heutzutage noch das ewige Filmen dazu kommt, hilft leider auch nicht.

  • Manchmal hilft auch trainiertes Wissen mit Praxisbezug, offenbar sind viele daran sogar grundsätzlich ernsthaft interessiert. Brandschutzübungen an der Arbeitsstelle oder in der Schule zeigen ebenfalls oft mögliches Fehlverhalten auf. Die entsprechenden Filme zur Schulung sind mit modellhaftem Charakter meistens sehr einprägsam.



    "Rettungswesen



    Mitgliederboom bei Kinder- und Jugendfeuerwehren in Mitteldeutschland"



    Quelle



    mdr.de 2024

  • Interessanter Aspekt! Im Netz gibt es ja viele Beispiele für riskante Fotos/Videos, auch mit daraus folgenden Unfällen oder sogar Tod. Wie sehr muss wohl bei den jungen Menschen Insta, TikTok und Co. in deren Lebenswirklichkeit fest integriert sein? ...