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Kai Wegner versagt bei Berlin-BlackoutEin desolates Bild

Hanno Fleckenstein

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Hanno Fleckenstein

Berlins Regierender Bürgermeister scheitert bei der Bewältigung des Stromausfalls. Statt echter Fehleranalyse fährt er ein billiges Ablenkungsmanöver.

Kai Wegner am Ort des Kabelbrandes in Berlin-Lichterfelde Foto: Britta Pedersen/dpa

A n Tag vier des großen Stromausfalls im Berliner Südwesten ist der Senat um politische Schadensbegrenzung bemüht: Hotelkosten für Betroffene würden jetzt doch übernommen, versprach Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) am Dienstag und zählte noch schnell ein paar Teilerfolge auf: Pflegeheime und Supermärkte sind wieder am Netz, ebenso knapp die Hälfte der vom Blackout betroffenen Haushalte.

Das ändert aber nichts daran, dass Wegner und seine Kol­le­g*in­nen im Senat in der aktuellen Krise ein desolates Bild abgeben. Seit Tagen harren unzählige Menschen bei eisigen Temperaturen ohne Elektrizität und Heizung in ihren Wohnungen aus, ein Ende dieses Zustands ist erst am Donnerstag in Sicht. Es ist der größte Blackout in der Geschichte Berlins seit Ende des Zweiten Weltkriegs – ein Rekord, den erst vor vier Monaten der große Stromausfall in Treptow-Köpenick aufgestellt hatte.

Und Wegner? Der glänzte zuerst durch Abwesenheit. Als er sich dann am Sonntag dazu bequemte, dem betroffenen Gebiet in Steglitz-Zehlendorf eine Stippvisite abzustatten, wirkte er überfordert angesichts der Not der Menschen. Am nächsten Morgen legte er noch einen schnippischen Auftritt im „ZDF-Morgenmagazin“ drauf. Nach dem Schutz kritischer Infrastruktur gefragt, fiel ihm nichts weiter ein, als mit einer Gegenfrage zu antworten, die all sein Unverständnis für das Problem offenbarte: „Was soll ich tun, soll ich an jede Stelle einen Polizeibeamten stellen?“

Unglückliche Szenen für einen Bürgermeister, der in diesem Jahr noch eine Wahl gewinnen will. Aber das Versagen reicht noch weiter. Es liegt gar nicht unbedingt darin, dass Wegner erst an Tag zwei des Blackouts im Krisengebiet unterwegs war. Vom Händedruck des Regierenden ist noch keine Wohnung elektrifiziert worden. Es liegt auch nicht darin, dass insgesamt zu wenig getan wird: Der Katastrophenschutz war schnell vor Ort, Krankenhäuser wurden zügig wieder mit Strom versorgt – und auch die Hilfsbereitschaft und Solidarität der Ber­li­ne­r*in­nen ist groß.

Ein billiges Ablenkungsmanöver

Aber im Krisenfall kommt es immer auch auf die Kommunikation an – und die Bereitschaft, eigene Versäumnisse zu benennen und zu analysieren, damit es beim nächsten Mal besser läuft. Denn hundertprozentige Sicherheit vor Sabotage oder Unfällen wird es niemals geben. Doch die ersten Reaktionen von Wegner, aber auch von Innensenatorin Iris Spranger (SPD) und Justizsenatorin Felor Badenberg (CDU) waren ein Desaster.

Es mag ja sein, dass eine linksextreme Gruppe hinter dem Anschlag steckt. Aber mit den Begriffen Terrorismus und Linksextremismus um sich zu werfen, während Zehntausende Menschen noch frierend in den Wohnungen sitzen, ist ein billiges Ablenkungsmanöver von der eigenen Unfähigkeit und den eigenen Fehlern. Für die lebensnotwendige Versorgung mit Strom und Wärme ist es zunächst zweitrangig, wer sabotiert hat – das Problem ist, dass es einen massiven Blackout gibt und Berlin schlecht vorbereitet war.

Leicht machte es sich etwa Badenberg, die kurzerhand mehr Repressionen gegen „die Antifa“ forderte. Hilfreicher wäre, sich zu fragen, wie ein so großflächiger Stromausfall künftig verhindert werden kann – ob er nun von selbsternannten Klimaaktivisten oder russischen Saboteuren kommt.

Der Schutz kritischer Infrastruktur ist ein drängendes Problem, das auch nach der aktuellen Krise bestehen bleiben wird. Es wäre eine gute Gelegenheit für Kai Wegner, sein eigenes Wahlversprechen einzulösen und mehr „Sicherheit“ für die Ber­li­ne­r*in­nen zu schaffen. Die längst überfällige Gründung eines Landesamts für Katastrophenschutz wäre da ein erster Schritt.

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Hanno Fleckenstein
Redakteur taz berlin
Schreibt für den Berliner Lokalteil der taz vor allem über Polizei, Justiz und Rechtsextremismus. Seit 2021 bei der taz, zuerst als Text-Chef in den Ressorts Inland und Wirtschaft+Umwelt. Hat Politikwissenschaft und Publizistik in Berlin und Maskat (Oman) studiert.
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15 Kommentare

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  • Wenn man die Artikel und Kommentare zu diesem Thema in der taz liest gewinnt man den Eindruck, an den zigtausend Frierenden sind alle schuld, nur nicht die Attentäter. Und falls doch der Anschlag als ursächlich in Erwägung gezogen wird waren es "die Russen". False flag auf jeden Fall.

  • Vor allem auch, liesse sich so die kommende Krankenhaus Pleiten Katastrophe abwenden, indem die Forderung der Krankehaus-bewegung danach, dass nicht eine Forderung nach Unterstützung aus dem Strukturfonds zu einer Millitarisierung der zivilen Gesundheitsversorgungs-Strukturen führt. Denn : Lauterbachs Deform wird viele Kliniken pleite machen, die Förderung aus dem Strukturfonds muss auch als Katastrophenschutz-Kliniken möglich sein. Genau so, dass auch Junge Menschen sich entscheiden können, für öko-soziale Dienste Zukunfts sichernd Dienste zu leisten, statt Wehrdienst! Nukleare Abrüstungsverträge zu fordern, gehört dazu, ebenso, dass seltene Erde als terrestrisches Nachhaltigkeits Gemeingut unter UN Management den Frieden sichern helfen sollten und so zur Basis einer terrestrischen Leitwährung an Stelle des Petro $ Zukunft sichern, statt im Donbas oder Grönland Krieg und Millitarisierung zu befeuern, was endlosen Weltkrieg bedeutet. OB USA und China sowie Russland dafür ihre imperialen Zwänge loslassen können? Dafür sollte eine UNITED for Peace Versammlung + einer Res 1325 Implementierung die Idee laut machen! End fossil warconomy NOW! #debt4climate !

  • Erstaunlich, wenn man an Helmut Schmidt 1962 in Hamburg denkt. Er war nicht nur vor Ort, er hat agiert und sogar in Kauf genommen mit voller Verantwortung, Kompetenzgrenzen zu überschreiten. Kolportiert wird, dass der Mann die Nächte durchgearbeitet und dann letztlich zusammengebrochen sei. (Wobei mir Schmidt nicht in Gänze sympathisch ist und ich Personenkult vermeiden möchte, aber, das muss man ihm zugestehen, er hat sich nicht in sein Häuschen zurückgezogen, nicht Klavier gespielt und ist dann irgendwie huldvoll an das Volk herangetreten, sondern er hat gehandelt und - so wird es erzählt - vielen Menschen im kalten Februar das Leben gerettet.)

    Anscheinend geht es ja nicht nur um den Schutz der Anlagen, sondern auch um ein Backup, um Gebietsausfälle zu vermeiden. Kommentator alex.pm im anderen Artikel taz.de/Anschlag-au...tromnetz/!6142727/ beschreibt das anschaulich. Hier müsste investiert werden. Mehrwert ist wohl genug da.

  • Wegner demonstriert in aller Öffentlichkeit seine vollkommene Unfähigkeit.



    Dabei ist er als gerade mal seit 3 Jahren regierender Bürgermeister noch nicht mal verantwortlich für die marode Infrastruktur in Berlin. Aber noch nicht mal eine Schuldzuweisung an die Vorgängerregierungen aus SPD, Linken und Grünen bekommt er fehlerfrei hin.

    Was er aber hinbekommt ist, die Menschen wütend zu machen. Der bekannte Publizist Zittelmann schreibt auf seiner Facebook-Seite folgendes:



    „Dass in der Hauptstadt eines der reichsten Länder der Welt Hundertjährige auf Feldbetten in Turnhallen übernachten müssen, während parallel Hotelzimmer für Flüchtlinge angemietet werden, ist kein Betriebsunfall, sondern eine politische Botschaft. Ein Symbol.“

    Wegner tut wirklich alles dafür, diese These zu bestätigen.

    • @Don Geraldo:

      Sie wissen schon, wer Rainer Zitelmann (ein t) war und was er sonst so macht? :)



      ((Nach dem Zitat und anderem zu urteilen schon vielleicht bewusst hetzend, wenn Sie mich fragen.))



      Wenn eins funktionierte, war das nach den Medienberichten die Solidarität, unbeeinflusst.

      • @Janix:

        Offensichtlich mögen Sie den Herrn Zittelmann nicht.



        Aber haben Sie auch inhaltlich etwas gegen seine Ausführungen einzuwenden ?

        • @Don Geraldo:

          Laut der TAZ und laut N-TV wurden Geflüchtete aus einer vom Stromausfall betroffen Einrichtung nach Tegel gebracht und nicht in ein Hotel (taz.de/Rassismus-H...ke-News/!6143473/)

          Vorsicht vor rechter, populistischer Hetze.

  • Einfach beim nächsten Mal abwählen, eher aus anderen Gründen als diesen, doch er hat ja jetzt schon einiges gesammelt.

    Kilometerlange Verlängerungskabel aus den Nachbar-Ecken bis dahin, solidarisch, bzw. Airbnb-Spenden der Gierigen, wie wär's?

  • Ich verstehe die Kritik am Senat und der Berliner Politik ehrlich gesagt kaum. Es wurde ein 300 Megawatt-Kraftwerk einfach aus dem Stromnetzwerk rausgeschnitten. West-Berlin hatte früher ein komplettes Inselstromnetz. Das wurde nach der Vereinigung an das Umland angebunden, aber vermutlich ist der Bereich Wannsee immer noch nur in die Innenstadt angebunden und nicht nach Brandenburg. Wenn dann so ein großer Versorger ausfällt, kann man nur Ersatzleitungen legen. Ich bin kein Fachmann, glaube aber gerne, dass das schwierig ist. Es wurde sehr schnell kommuniziert, dass es lange dauert bis Donnerstag und das scheint eine vetrlässliche Prognose zu sein (mal schauen). Jeder konnte sich darauf einstellen und zu Verwandten, in Notunterkünfte oder in Hotels gehen oder wußte, dass ausharren hart wird. Bisher habe ich noch nichts von großen Plünderungen gehört, auch hier natürlich zu früh für ein Fazit. Seniorenheime, Mobilfunk und Supermärkte sind wieder hergestellt. Das scheint mir ein gut durchdachtes und planvolles Vorgehen zu sein. Was ist genau der Vorwurf? Dass Wegner nicht winkend, lachend und händeschüttelnd durch Zehlendorf läuft? Dass Berlin keine 20000 Notstromaggregate hat????

    • @wie_auch_immer:

      So von außen betrachtet wundert es schon, dass auch vor Ort alle nur vermuten, was das konkrete Problem sei. Und wenigstens das hätte eine Regierenden Bürgermeister doch gut angestanden: auch überregional verständlich zu erklären, warum genau es so lange dauert, die Verbraucher wieder ans Netz zu bringen.

      • @MeinerHeiner:

        Nunja, ich habe verstanden, dass da plötzlich ein 300MW Kraftwerk, fünf Hochspannungsleitungen und mehrere Mittelspannungsleitungen aus dem Netz gerissen wurden. Ich bin kein Fachmann, aber dass man da nicht mal schnell provisorisch flicken kann, finde ich verständlich. Ich habe nicht den Eindruck, dass viele das Ausmaß der Sabotage begriffen haben. Aber erstmal meckern... Klar vermutlich gibt es immer Dinge die besser laufen können, aber das können Laien nicht wirklich beurteilen. So objektiv betrachtet wie ich das kann, habe ich schon viel schlimme Fälle von staatlicher und städtischer Inkompetenz gesehen. Ich finde trotz des billigen "Wer ist schuld und kann mit Dreck beworfen werden" Shitstorms, das hier eigentlich ziemlich vizgut gelaufen ist. Und dass Kai Wegener mal eine Stunde Freizeit hatte, zeigt, an welchen Nebensächlichkeiten das aufgehängt wird.

        • @wie_auch_immer:

          Danke für Ihre Antwort. Ich will gar keinen Stab über den Regierenden Bürgermeister brechen. Ich schaue von Ferne und schildere meinen Eindruck, dass nicht erklärt wird und wurde, wie es zu einem solch großflächigen und langwierigen Ausfall kommen kann. Wir haben schließlich ein Verbundnetz: Wenn ein Kraftwerk ausfällt, übernimmt üblicherweise ein anderes, wenn ein Netzknotenpunkt nicht mehr funktioniert, tut dies ein zweiter (auch wenn das nicht trivial ist und es trotzdem zu temporären Ausfällen kommen kann). Dass 45.000 Haushalte und 2.200 Unternehmen auf einer Insel im Netz liegen, ist schon außergewöhnlich. Alles starrt auf die angegriffene Kabelbrücke und nur wenige wundern sich, dass eine Bevölkerung von der Größenordnung einer Großstadt über eine einzige Kabelbrücke versorgt wird.

  • Ja was soll er denn tun, der Sheriff? Er hat eben nur eine Pistole. Das Wichtigste ist immer erst, die Schuld von sich zu weisen.

    • @TV:

      Wie wahr, wie wahr.

      Bevor man Probleme in Deutschland löst muss erstmal festgestellt werden, wer Schuld ist, oder zumindest dass man selber nicht daran Schuld ist...

      Zudem der Anschlagsort ja scheinbar eine offensichtliche Schwachstelle darstellte und, ja, wenn nötig muss man an solche Punkte Polizisten hinstellen, bis sie anderweitig gesichert sind und/oder bislang fehlende Redundanzen geschaffen wurden.

      Linken-Bashing kann man für den Wahlkampf ja mal probieren, in Bayern funktioniert's ja...

      Vielleicht versucht es die CDU ja auch mal wieder mit einer Bordelldurchsuchung wie kurz vor den Wahlen 2016. Hat damals so gut geklappt...

    • @TV:

      Er könnte sich erfahrene Kräfte holen, wenn er die denn bekäme, Thomas Linnertz in Rheinland-Pfalz o.ä.



      Oder eine Luftbrücke starten, das hat schon mal funktioniert.