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Schweigen der EU zu Türkei-ProtestenIt’s geopolitics, stupid!

Eric Bonse
Kommentar von Eric Bonse

Aus der EU kommt nur Schweigen zu den demokratischen Missständen und Protesten in der Türkei. Denn Geopolitik ist nun mal wichtiger.

Funkstille aus der EU. Eine Szene der Anti-Erdoğan-Demo am Breitscheidplatz, Berlin, 30. März 2025 Foto: Piotr Pietrus

W enn sich die Nato-Außenminister am Donnerstag in Brüssel treffen, dann wird auch Hakan Fidan einen großen Auftritt haben. Der türkische Außenminister freue sich darauf, seinen neuen US-Amtskollegen Marco Rubio zu treffen und die „strategische Schlüsselrolle“ der Türkei in den „euroatlantischen Beziehungen“ zu erläutern, heißt es im Nato-Hauptquartier. Die Türkei bleibe ein wichtiger „Pfeiler“ an der Südostflanke des Bündnisses, so Fidan.

Auf kritische Fragen muss er sich nicht einstellen. Zwar gehen in der Türkei gerade Millionen gegen Präsident Recep Tayyip Erdoğan auf die Straße – dass Erdoğans wichtigster Rivale, Istanbuls Bürgermeister Ekrem İmamoğlu, unter fadenscheinigen Gründen inhaftiert wurde, hat einen regelrechten Volksaufstand ausgelöst. Doch das interessiert die Nato herzlich wenig. Es geht um Geopolitik – und da ist und bleibt die Türkei unverzichtbar.

Auch bei der EU herrscht dröhnendes Schweigen. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat sich zwar eine halbherzige Verurteilung abringen lassen – İmamoğlus Verhaftung sei „äußerst besorgniserregend“. Doch außer einem Lippenbekenntnis zu „demokratischen Normen und Praktiken“ war der deutschen CDU-Politikerin nicht viel zu entlocken. Sanktionen? Fehlanzeige. In der europäischen Türkeipolitik herrscht „business as usual“.

Milliarden für die Türkei

Die EU will die Beziehungen zu Erdoğan und seinem autoritären Regime sogar ausbauen. In Brüssel redet man nicht nur von Visafreiheit und der Reform der Zollunion. Manch einer erwägt sogar die Wiederaufnahme der seit Jahren auf Eis gelegten EU-Beitrittsgespräche. Der erste Schritt wurde schon gemacht: Von der Leyen hat Erdoğan nach dem letzten EU-Gipfel per Video über die Ergebnisse informiert – fast so, als sei er schon Mitglied im Club.

Wer nach Gründen forscht, muss nicht lange suchen: It’s geopolitics, stupid! Die Geopolitik hat Ankara, so meint man in Brüssel, zu einem unverzichtbaren „Player“ gemacht. Und das nicht erst, seitdem US-Präsident Donald Trump seine Bündnis­verpflichtungen in der Nato infrage stellt und einen Zickzackkurs in der Ukrainepolitik fährt. Nein, die geopolitische „Wende“ hat früher begonnen, viel früher. Seit Dezember ist dies unübersehbar.

Kurz vor Weihnachten flog von der Leyen, die Chefin der „geopolitischen EU-Kommission“ (diesen Titel hat sie sich schon 2019 verliehen), überraschend nach Ankara. „Eine weitere Milliarde Euro für das Jahr 2024 ist auf dem Weg“, kündigte von der Leyen nach ihrem Treffen mit Erdoğan freudestrahlend an. Der Grund für die Eile: der kurz zuvor erfolgte Umsturz in Syrien – und die Rolle, die die Türkei darin spielt. It’s geopolitics, stupid!

Proteste sind Störfaktor

Das Geld aus Brüssel sollte ganz schnell fließen und nachhaltig wirken. Von der Leyen wollte Erdoğan nicht nur dafür belohnen, dass er Deutschland und die EU vor Migranten abschottet – seit dem berüchtigten Flüchtlingsdeal von Kanzlerin Angela Merkel 2016 sind schon viele EU-Milliarden in die Türkei geflossen. Von der Leyen würdigte auch Erdoğans Einsatz für den Umsturz in Syrien und für die Verteidigung der Ukraine gegen Russland.

An diesem Kurs hält Brüssel bis heute eisern fest. Und nicht nur Brüssel. Auch in Paris und London wird Erdoğan als wertvoller geopolitischer Partner geschätzt. Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron und der britische Premier Keir Starmer haben ihn sogar in ihre „Koalition der Willigen“ aufgenommen, die die Ukraine nach einem möglichen Waffenstillstand militärisch absichern soll. Die Türkei könnte sogar Soldaten entsenden.

Vor diesem Hintergrund fallen menschenrechtliche oder demokratische Erwägungen kaum ins Gewicht. Schlimmer noch: sie stören nur. Denn das Wichtigste ist im Moment die Geopolitik. Und da kann man auf keinen verzichten – nicht einmal auf einen Autokraten wie Erdoğan.

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Eric Bonse
EU-Korrespondent
Europäer aus dem Rheinland, EU-Experte wider Willen (es ist kompliziert...). Hat in Hamburg Politikwissenschaft studiert, ging danach als freier Journalist nach Paris und Brüssel. Eric Bonse betreibt den Blog „Lost in EUrope“ (lostineu.eu). Die besten Beiträge erscheinen auch auf seinem taz-Blog
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15 Kommentare

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  • Erdogan ist nun mal ein bezahlter Türsteher, der die EU mit den Flüchtlingen erpressen kann.

  • In der taz werden von allen möglichen Personen irgendwelche Stellungnahmen zur Türkeifrage verlangt - ob sie nun zuständig sind oder nicht.

    Die einzige Person, die augescheinlich nicht angesprochen wird, ist unsere Außenministerin. Weshalb diese Zurückhaltung?

  • Das ist halt die Crux der eigenen Machtlosigkeit. Schon seinerzeit in der Flüchtlingsfrage hatte Macron sich darüber beklagt, dass die Türkei größeren Einfluss auf die EU hat, als die EU auf die Türkei.

    Ohne die Türkei, die nach der USA zweitstärkste Militärmacht der NATO, hätte Europa ein noch viel größeres Problem. Und es sind alleine die Vorteile der Protektion durch das US-Militär, die Erdogan von der Verwirklichung der eigenen imperialen Ambitionen abhalten.

    Eine mit Putin verbündete Türkei wäre der Albtraum der Europäer.



    Wenn Trump die NATO platzen ließe, könnte Griechenland, vielleicht auch Bulgarien und Zypern, sich auf einen Krieg mit der Türkei vorbereiten.

  • "Es geht um Geopolitik – und da ist und bleibt die Türkei unverzichtbar."



    Die Zahlen sprechen für sich:



    Bei de.statista.com



    "Das Militär der Türkei steht laut Global Firepower auf dem neunten Platz im Ranking der stärksten Armee der Welt. In der Türkei gibt es neben den rund 884.000 Soldatinnen und Soldaten (davon 355.200 aktiv) unter anderem mehr als 2.230 Kampfpanzer, rund 200 Jagdflugzeuge sowie 13 U-Boote. Im Jahr 2023 betrugen die Militärausgaben der Türkei etwa 15,8 Milliarden US-Dollar."



    /



    Und dann noch sein (Erdoğans) Projekt, das an Trump erinnert:



    "Mauerbau Zur Verhinderung illegaler Einreisen in die EU will die Türkei eine Mauer an der Grenze zu Griechenland bauen. Es sei geplant, in diesem Jahr zunächst 8,5 Kilometer Mauer zu bauen, sagte der Gouverneur der türkischen Provinz Edirne, Yunus Sezer. Die Provinz grenzt an die EU-Mitgliedsländer Griechenland und Bulgarien. Weitere Abschnitte der Mauer entlang der etwa 200 Kilometer langen Landgrenze zwischen der Türkei und Griechenland sollten später errichtet werden, sagte Sezer weiter."



    Quelle



    rp-online.de/polit...opas_aid-124894721

  • "Werte" sind eben stark von Interessen abhängig. Sie werden nur vorgeschoben, wenn es in den Kram passt. Aber leider kommen Politiker mit dieser Art Heuchelei zu oft durch...

  • "Der türkische Außenminister freue sich (...) Auf kritische Fragen muss er sich nicht einstellen (...) bei der EU herrscht dröhnendes Schweigen (...) Die Geopolitik hat Ankara (...) zu einem unverzichtbaren „Player“ gemacht (...) Vor diesem Hintergrund fallen menschenrechtliche oder demokratische Erwägungen kaum ins Gewicht (...) sie stören nur."



    Nichts davon ist neu. Ist alles lange bekannt. Habe ich genau so an Tag 1 nach der Festnahme geschrieben - siehe Link.



    Dafür braucht man keine Glaskugel, man muss nur die politischen Realitäten nüchtern zusammenzählen ohne ideologischer Brille auf dem Kopf 👓



    taz.de/Verhaftung-...bb_message_4970187

  • Ich würde ja eher sagen : "its Realpolitik, stupid! ".



    .



    Manchmal sind halt alle möglichen politischen Optionen einfach nur 💩.



    .



    Die Abschottung Europas ist die einzige gemeinsame Außenpolitik auf die man sich einigen konnte. Also ist die Türkei als Partner alleine aus diesem Grund unersetzlich und somit praktisch unsanktionierbar.



    .



    Und das ist am Ende weniger Geo als Landes und Lokalpolitik, weil es geht ja um die Angst vor den rechten Parteien, die dann noch mehr Stimmen bekommen könnten.

  • Ob Schweigen im einen Fall oder Empoerung im anderen, seien es Menschenrechte, Pressefreiheit oder Demokratie.

    Es ist immer Geopolitk.

  • Die EU hat sich entschieden Russland mehr oder weniger die Stirn zu bieten - mehr ist dann nicht drin. Man kann es sich nicht mit allen Ländern verscherzen.

  • "Von der Leyen würdigte auch Erdoğans Einsatz für den Umsturz in Syrien und für die Verteidigung der Ukraine gegen Russland."

    Von der Leyen ist sich auch für nichts zu schade.

    Hat sie ihr "Sofagate" schon vergessen?



    Italiens damaliger Ministerpräsident Mario Draghi warf Erdogan damals zu Recht vor, von der Leyen gedemütigt zu haben. Erdogans Verhalten sei unangebracht gewesen.

    Im übrigen:

    Israels Befreiungsarmee war es, die die Hizbollah so weit schwächte, dass sie ihre Position in Syrien aufgeben musste.

    Israel vernichtete zudem binnen 48 Stunden nicht nur Assads Luftwaffe. Sondern auch die Marine, Flugabwehrbatterien, Waffenproduktionsstätten sowie die meisten strategischen Waffen wie Scud-Raketen, Marschflugkörper, Drohnen und Panzer. Etwa 80 Prozent der militärischen Kapazitäten Assads wurden zerstört.

    Danke Israel. Aber nicht Danke Erdogan.

    www.handelsblatt.c...rfte/27076614.html

    • @shantivanille:

      Von einer “israelischen Befreiungsarmee” zu sprechen, ist angesichts der Tatsache, dass diese Truppe palästinensische, libanesische und syrische Gebiete besetzt hat und dort in massivste Menschenrechtsverletzungen verwickelt ist, grenzenlos zynisch. Danken Sie allen Ernstes dafür, dass mittlerweile über 50000 Palästinenser tot und Gaza vollkommen zerstört ist? Dazu kommen noch sachliche Fehler: die Waffen, die Israel in Syrien zerbombt hat, standen nicht mehr unter Assads Kontrolle, sondern waren längst der Übergangsregierung in die Hände gefallen (die wiederum keinen Konflikt mit Israel hatte) und „Sofagate“ war kein türkischer Versuch, Von der Leyen zu demütigen, sondern wohl ein protokollarisches Missverständnis (und, eventuell, eine EU-interne Intrige, deren Stellen ja auch in die Vorbereitung des Treffens mit Erdogan verwickelt waren.

  • 3800 Panzer, das ist ein knappes Drittel aller NATO Panzer, 300.000 Soldaten davon nicht wenige mit Kampferfahrung in Kurdistan und Syrien, eine moderne Dronenflotte und Industrie und die stärkste Flotte im schwarzen Meer. Kann Europa nicht ersetzen oder noch schlimmer sich nicht erlauben zum Feind zu machen...

    • @Machiavelli:

      Ohne Polen und die Türkei ist Europa blank 🤷‍♂️



      Wie sie schon schreiben, die Türken sind fit, haben kriegserfahrene Truppen.



      Polen hat in Afghanistan an der Seite amerikanischer Spezialeinheiten reihenweise Missionen absolviert, während die Bundeswehr nach dem Karfreitagsgefecht direkt zu Beginn des knapp 20-jährigen-Einsatzes auf einigeln und Konflikte um jeden Preis scheuen umgeschalten hat...



      Deutschland hat hervorragende Waffenschmieden, aber an Kampfkraft und Erfahrung fehlt es uns himmelweit - da sind wir auf schützende Hände von außen angewiesen und diese Rolle erfüllen in Europa nur Polen und die Türken, Frankreich und England leben auch nur mehr von ihrer atomaren Abschreckung als von tatsächlicher Stärke - man sieht aber gerade in der Ukraine seit 3 Jahren sehr gut, dass es konventionelle Stärke braucht - atomarer Schutz ist eine defensive Versicherung, aber kein offensiver Schlüssel

  • Ganz ehrlich, so sehr ich dem Impuls verstehe, hat sich doch gezeigt, dass Rumgemaule nichts bei Autokraten hilft. Sogar Sanktionen haben doch eine geringere Wirkung als erhofft.

    Die Autokraten sind nackt, es weis jeder und es interessiert die Autokraten noch nicht einmal…

  • Die NATO darf sich in die innenpolitischen Angelegenheiten ihrer Mitglieder nicht einmischen.

    Und auch der EU fehlt die Kompetenz in außenpolitischen Angelegenheiten. Alleine die jeweiligen Mitgliedsstaaten sind zuständig. Für eine echte Reaktion bräuchte es zuvor eine einstimmige Resolution der Staaten.