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Baubeginn der A20 in NiedersachsenUnnötig, klimaschädlich und eine Investition am falschen Ort

Gernot Knödler

Kommentar von

Gernot Knödler

Mit dem Neubauprojekt A20 versündigt sich der Bund an der Natur und am Klima, dabei kommt er nicht mal mit der Rettung wichtiger Brücken hinterher.

A ls Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) zum ersten Spatenstich für die A20 bei Wiefelstede anrollte, musste er durch ein Spalier von Autobahngegnern fahren. Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) war auch da und natürlich Landesverkehrsminister Grant Hendrik Tonne (SPD). Sie alle wollten sich mit dem Baustart für den niedersächsischen Teil der sogenannten Küstenautobahn schmücken. Es war, als hätten sie den Schuss nicht gehört.

Die A20 soll einmal von der polnischen Grenze kommend über Lübeck in einem großen Bogen westlich um Hamburg herum nach Bremerhaven und weiter nach Westerstede zur A28 führen. Sie soll Schleswig-Holstein mit Niedersachsen und das Baltikum mit den Niederlanden verbinden, die deutschen Seehäfen besser erschließen und die Verteidigungsbereitschaft erhöhen. Das hört sich gut an, ist aber Ausdruck falscher Prioritäten. Denn diese Autobahn ist unnötig, schädlich und eine Investition am falschen Ort.

Der Bundesrechnungshof hat vor gut einem Jahr gewarnt, der Bund überschätze das Leistungsvermögen seiner Autobahngesellschaft. Sie habe sich schon mehr Projekte vorgenommen, als sie stemmen könne. Insbesondere werde sie das vom Bundesverkehrsministerium ausgegebene Ziel verfehlen, bis 2032 die wichtigsten Autobahnbrücken zu sanieren. Das hätte gravierende Folgen. „Weiterer Verfall und Brückensperrungen sind vorprogrammiert“, schrieb der Rechnungshof.

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Dazu kommt ein Gutachten, welches das Bundesumweltministerium zur Zeit der Ampelregierung in Auftrag gegeben hat, und für die A20 bestenfalls ein Kosten-Nutzen-Verhältnis von eins ausweist. Das heißt, ihr Bau würde sich gerade einmal so lohnen.

Autobahn durchpflügt Moorböden

Das allerdings zum Preis großer Umweltschäden, denn die Autobahn durchpflügt über weite Strecken Kohlenstoff speichernde Moorböden. Sie versiegelt Flächen und zerstört Lebensräume; sie durchschneidet die Landschaft, unterbricht Biotopverbindungen –und sie erzeugt Verkehr.

Man fragt sich, was die ganzen Bekenntnisse zur nachhaltigen Entwicklung und zum Klimaschutz sollen, was die Klage über den Verlust an biologischer Vielfalt, das Erschrecken über die schwindende Zahl an Insekten – wenn weitergebaut wird, als gäbe es kein Morgen. Und wer will den Brasilianern erklären, sie sollten sich vom Regenwald fernhalten, wenn in Deutschland trotz beispielloser Autobahndichte weiterbetoniert wird?

Geostrategischem Rattenrennen ausgesetzt

Klar: Der Umwelt- und Naturschutz hat gerade einen schweren Stand. Schließlich sieht sich Europa plötzlich einer Art geostrategischem Rattenrennen ausgesetzt, bei dem derjenige, der zu langsam ist, einfach gefressen wird. Aber es gilt, den Rahmen darüber hinaus aufzuziehen.

Der Bund hat immer noch mehr Geld für Fernstraßen als für Schienenwege eingeplant.

Die natürlichen Lebensgrundlagen stehen auch hierzulande von vielen Seiten unter Druck. Dass Kipppunkte erreicht werden, ist nicht ausgeschlossen. Abgesehen vom intrinsischen und menschlich-emotionalen Wert der Natur sowie von ethischen Implikationen würde das die politische Stabilität gefährden. Auch der Wirtschaft und dem Militär wären damit der Boden entzogen: Sie stünden ohne Ressourcen da und wären sinnlos.

Nicht in den Herzen angekommen

All das ist bekannt und vielleicht in den Köpfen, aber offenbar nicht in den Herzen angekommen. Anders ist es nicht zu erklären, dass im Bundesverkehrswegeplan immer noch mehr Geld für die Bundesfernstraße als für das umweltfreundlichere Eisenbahnnetz vorgesehen ist. Dabei wird ein Teil der nötigen Mittel über das Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität aufgebracht.

Ein Negativbeispiel gibt auch die niedersächsische SPD. Zum Baubeginn für eine neue Autobahn kommen zwei Kabinettsmitglieder, während die Landesregierung den Neubau einer Bahnstrecke zwischen Hamburg und Hannover boykottiert.

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Gernot Knödler

Gernot Knödler Hamburg-Redakteur

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10 Kommentare

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  • Herr Knödler hat in allem recht. Das Problem: Eine Auseinandersetzung mit den Aussagen und Argumenten findet auf politischer Seite praktisch nicht statt, s. etwa die erwähnte Stellungnahme des Bundesrechnungshofes und die ausbleibende Resonanz.



    Eine Ergänzung zur Nutzen-Kosten-Analyse: Aus drei Hauptgründen geht sie an der Realität und den Erfordernissen vorbei:



    Die wirklichen ökologischen Schäden lassen sich monetär nicht berechnen und erscheinen deshalb nicht bei den Kosten. Die Beschleunigung des (Straßen-) Verkehrs wird für den Zeitpunkt der Fertigstellung berechnet. Nach vier Jahren bleibt aber (durch Verkehrsverlagerung und induzierten Verkehr) in der Regel weniger als die Hälfte davon übrig. Die Verhinderung eines Tempolimits sichert allen, die am Straßenbau verdienen, einen erheblichen (rechnerischen) Zeitvorteil, auf den sie verweisen können und damit eine scheinwissenschaftliche Begründung für ihre Interessen.



    Reinhard Forst

  • Ich danke Ihnen Herr Knödler. Ich warte seit Jahren auf einen Satz wie "Mit dem Neubauprojekt A20 versündigt sich der Bund an der Natur und am Klima, dabei kommt er nicht mal mit der Rettung wichtiger Brücken hinterher." Ich persönlich würde die Betonung vielleicht noch mehr auf unwissenschaftlich und nicht zielführend legen, damit deutlich wird, es handelt sich weniger um Problemlösung als um deren Schaffung auch in verkehrinfrastruktureller Sicht. Oder um ein Bild zu nutzen: Die Verkehrspolitik ist wie das Kleben von Pflastern anstatt die Haut zu heilen. Aber, so scheint mir, verwechseln Gesellschaft und Politik das vielleicht grundsätzlich?

  • Alles halb so schlimm. Ich Pendel immer zwischen Elmshorn und Segeberg. Verbrauche mehr Sprit, die Leute in den Dörfern haben weniger Lärm und Abgase wenn endlich die A20 kommt. Außerdem ist es ein Versprechen Aufbau Ost. Fahren eigentlich alle Taz Reporter und Mitarbeiter mit der Deutschen Bahn oder Fahrrad?

    • @Gunner14:

      Schade das Sie immer noch mit dem Auto fahren müssen, nur weil die regiionalen Politiker einen komfortgerechten Ausbau des öffentlichen Verkehrs seit Jahrzehnten weissentlich versäumt haben. Sie könnten mindestens 10 Jahre länger leben, wenn sie bereits in der Vergangenheit komfortabel öffentlich pendeln könnten. Bitte nicht verwechseln mit den Viehtransporten der DB im Personalverkehr. Aber nun ist es wohl zu spät auf die Chance von lebensverlängernden Möglichkeiten. Und alles nur wegen der Politik?

      • @Sonnenhaus:

        👍👍👍

  • Das jetzt im Bau befindliche Teilstück der A20 dürfte das sinnloseste und schädlichste Bauprojekt sein, was *Auto-Fetischland D* jemals angeschoben hat.







    Wenn sogar der Bundesrechnungshof davor warnt: „Weiterer Verfall und Brückensperrungen seien vorprogrammiert“..aktuelles Beispiel:







    www.zeit.de/news/2...etzt-voll-gesperrt







    Dann kann man das folgendermaßen zusammen fassen: die Politik plant derzeit sehenden Auges eine wachsende Zahl von Katastrophen in der Verkehrsinfrastruktur.







    Wobei ihr nicht nur die Empfehlungen von Umweltverbänden, sondern auch die von Verkehrsforschern egal zu sein scheinen..

    Mit Logik oder Verstand hat das alles nix mehr zu tun.

    • @Wunderwelt:

      Mehr Straßen = mehr Verkehr.



      Das Hauptproblem sprechen Sie im ersten Absatz an: Auto-Fetischland Deutschland.



      Leider genesen auch andere Länder wie China und USA am deutschen Wesen.



      Nebenbei Zahlen von PKW pro Einwohner aus Welt-in-Zahlen.de:



      Deutschland auf Platz 9 mit 573/1000 Einw., China mit 12 pro 1000 Einw.



      Das ändert nichts an der Tatsache, dass die Art des individuellen privaten Verkehrs ein dicker Sargnagel an einer intakten Umwelt ist.

    • @Wunderwelt:

      Oft frage ich mich ob Sinn und Verstand überhaupt eingesetzt werden. Wozu gibt es Fachleute und Wissenschaftler? Haben Politiker keine Scham solcher Art Projekte gegen jede Vernunft durchzuziehen?

      • @Bettina Melchior:

        Lobbyismus ist regelmäßig schamlos...

      • @Bettina Melchior:

        Nein, haben sie nicht. Es gibt eine innere parteikonforme Prioritätenliste. Die mit den Bedürfnissen der Bürger nichts gemein hat. Hier geht es um die abschließende Durchsetzung von durch die Partei entschiedene Projekte.



        So wie die Regierungskoalition derzeit Ihr eigenes Heizungsgesetz nicht wegen der Nöte der Bürger ändert, sondern rein wegen Ideologischem Mindset. Selbst wenn die Bürger am Ende des Tages mit überweigenden Nachteilen zu rechnen haben, wird der einmal falsch beschrittene Weg weiterhin beschritten.



        Die Politiker haben in der Regel nichts zu verlieren, da sie mit wenig Ausnahmen lang und genug von Steuern leben können und darüberhinaus ausreichend hohe Pensionen erhalten. Finanzielle Konsequenzen, wie in den Fallbeispielen von Dobrint, Scheuer, Spahn, Kohl, Scholz, ...., werden parteipolitisch im Netzwerk der Parteimitglieder verhindert. So what?!