Zurück in die Normalität: Grell geschminkte Lebensläufe

Grünen-Fans müssen sich eingestehen, dass sich das Spitzenduo entzaubert hat: Sie sind einfach ganz normale Polit-Karrieristen.

Habeck und Baerbaum lachend auf einer Feier zum 40. Geburtstag der Grünen

Maximales Selbstbewusstsein, minimale Bodenhaftung: Robert Habeck und Annalena Baerbock Foto: Mike Schmidt/imago

Wenn der Zauber des Neuanfangs zusammenfällt mit 26 Grad Außentemperatur, dann führt das ganz sicher zu Kopfweh. Der Zauber, das war natürlich diese große Maschine, die, stockend zwar, aber mit immer schnellerer Drehzahl, wieder anzulaufen beginnt: Als ich das erste Mal wieder in der Umkleidekabine eines Ladens stand, den ich spontan betreten hatte, kam ich mir noch vor, als würde ich etwas Illegales tun.

Doch abends draußen in der Pizzeria, fühlte es sich schon wieder beinahe normal an – wäre nicht ein Rollkommando vom Ordnungsamt mit Laserpointern und Zollstöcken aufgetaucht, um unter großem Bohei die Abstände zwischen den Tischen, sowie zwischen Stühlen und Gehweg zu vermessen.

Und siehe da: Die braunen Stuhllehnen ragten an zwei Stellen sechs Zentimeter zu weit in den Durchgang hinein! Ein Anwohner hatte sich beschwert. Aufgeregte Verhandlungen, ein Flehen des Pizzeriabetreibers – er brauche doch die Tische, habe so lang keine Umsätze gehabt…

Einige Restaurantbesucher sahen sich zu ad-hoc-Solidaritätsaktionen veranlasst. Eine ältere Frau schob demonstrativ ihren Rollator durch: „Sehn Se, keen Problem!“ – und ein Junge steckte dem Mann vom Ordnungsamt, dass der Anzeiger bestimmt derselbe fiese Typ sei, der schon dem Kinderladen im Hinterhof die Gartennutzung verbieten wollte. Offenbar kehrt mit dem allgemeinen Erwachen auch die menschliche Niedertracht zurück – ich bekam Kopfweh beim Gedanken an den Nachbarn, den ich auch kennenlernen musste.

U-Bahnfahrt für Sozialpolitiker

Kopfweh auch im öffentlichen Nahverkehr, auf dem Weg zum Bürgeramt. Wer wieder reisen will, braucht nicht nur einen Impfnachweis, sondern auch einen gültigen Pass. Um den in Berlin zu bekommen, muss man sich in die rauen Randbezirke begeben, denn dort kriegt man noch Termine.

In der U-Bahnlinie, die Berlin einmal der Länge nach von Norden nach Süden durchzieht, wurden die negativen Effekte der Pandemie visuell so dermaßen deutlich, dass man jedem Sozialpolitiker zu Anschauungszwecken sofort so eine Fahrt spendieren möchte: Sehr viele sehr übergewichtige Kinder, sehr viele offensichtlich nervlich auf dem letzten Loch pfeifende Mütter, und Menschen jeden Alters, denen das letzte Jahr jede Körperspannung genommen hat.

Im Bus dann wollte ein Restalkoholisierter, dem immer wieder die Maske vom Gesicht rutschte, dem Kontrolleur weismachen, dass Bill Gates daran schuld sei, dass ihm das Portemonnaie samt Fahrschein und Ausweis geklaut worden sei. Während ich das Ende der Fahrt herbeisehnte, informierte mich mein Handy über eine neue Studie: Während der Pandemie sei der Absatz von dekorativer Kosmetik stark zurück gegangen. Deutschland ungeschminkt – auch kein schöner Gedanke.

Die Grünen jedenfalls, früher notorisch ungeschminkt, malen sich jetzt die Lebensläufe mit dem dicken Pinsel schön und stecken sich Boni und Weihnachtsgelder in die Taschen. Ist das moralisch verwerflich? Darüber diskutierten wir abends im Gemeinschaftsgarten, in den sich nach und nach wieder mehr GärtnerInnen wagen, um gemeinsam zu gießen und zu quatschen. Endlich nicht mehr allein oder zu zweit (so manche fing schon an, mit den Pflanzen zu reden), sondern jetzt wieder schön bei Bier und selbst angebautem Salat an Bratwurst politisieren.

Grünes Spitzenduo entzaubert

Also, war das jetzt ehrenrührig von der grünen Kanzlerinnenamtsanwärterin? Schon, so der Konsens zwischen Hochbeeten und Brombeerhecke, aber auch nicht mehr als eine zurechtgeschummelte Doktorarbeit. Oder ein unsauberes Geschäft mit Masken. Vor allem aber müssen sich auch Grünen-Fans nach der so fresh gestarteten Robert-und-Annalena-Performance allmählich eingestehen, dass sich das grüne Spitzenduo entzaubert hat.

Ganz normale Polit-Karrieristen auch sie: Maximales Selbstbewusstsein, minimale Bodenhaftung. Da fliegt der Geisteswissenschaftler Habeck schon mal in die Ukraine und gibt verteidigungspolitisch Halbgares von sich, ohne sich mit seiner außenpolitisch beschlageneren Kollegin abzustimmen: Auch der „kooperative Führungsstil“ ist nur ein Label im Polit-Marketing, in dem aus ein paar Wochen Praktikum schnell ein Job wird.

Meine Tochter jedenfalls hat es schon voll drauf mit dem Vita-Frisieren. Ihre Entwicklungsschritte vom Baby zum Kleinkind sollte sie für die Schule beschreiben. „Mama, wann fängt man an zu laufen?“, fragt sie. Unterschiedlich, sage ich. „Manche laufen schon mit neun Monaten, andere sind weit über ein Jahr…“.

Gut, entscheidet die Tochter. „Wir sagen ein Jahr, das ist schnell, aber nicht übertrieben. Jetzt das erste Wort. Das war sicher sehr früh.“ Stimmt. Und es war Mama. „Echt?“, stöhnt die Tochter. So unoriginell? „Schreib doch „meins“, schlage ich vor. Stirnrunzeln. Zu viel Ego. Am Ende wird es „Papa“. Schminke, das hat die Tochter besser begriffen als Annalena, wirkt nur sympathisch, wenn sie dezent aufgetragen wird.

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Jahrgang 1974, geboren in Wasserburg am Inn, schreibt seit 2005 für die taz über Kultur- und Gesellschaftsthemen. Von 2016 bis 2020 leitete sie das Meinungsressort der taz. Im März erschien ihr Buch "Der ganz normale Missbrauch. Wie sich sexuelle Gewalt gegen Kinder bekämpfen lässt" im CH.Links Verlag.

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