Zeitlimits bei Halbmarathons: Wenn Autos wichtiger sind als Frauen
Frauen laufen langsamer als Männer. Männlich dominierte Laufevents nehmen darauf nur bedingt Rücksicht – schließlich soll der Verkehr schnell wieder fließen.
I n Berlin war das Bild des ultimativen Versagens ein Reisebus. Seine Funktion: als sogenannter Besenwagen alle Halbmarathon-Teilnehmer:innen wegzukehren, die zu langsam sind, um es noch innerhalb der vorgegebenen Zeit ins Ziel zu schaffen. Haben Läufer:innen diesen Bus im Nacken, werden sie disqualifiziert und müssen die Rennstrecke verlassen. Die Straße wird regelrecht freigefegt; die Stadt wird wieder zur Autostadt.
Besenwagen sind die große Angst vor allem der eher langsamen Läuferinnen. Berlin hatte mit einer Cut-off-Zeit von 3 h 15 ein vergleichsweise humanes Zeitlimit, allerdings musste man bis zu einer bestimmten Uhrzeit mindestens 18 Kilometer geschafft haben. Da langsame Läufer:innen in der Regel mit der letzten Welle starten und damit erst spät auf der Rennstrecke sind, war das faktische Zeitlimit entsprechend noch mal kürzer.
Beim Frankfurter Halbmarathon betrug die Cut-off-Zeit sogar nur 2 h 45. Um 21,0975 Kilometer in dieser Zeit zu laufen, darf man nicht länger als 7:49 Minuten pro Kilometer benötigen. Strenge Cut-off-Zeiten, um die Straßen schnell wieder für den Verkehr freizugeben, schließen also besonders Anfänger:innen, Ältere und Frauen aus. Also jene, die bei Laufevents ohnehin unterrepräsentiert sind.
Dass Frauen über alle Leistungsniveaus hinweg rund 10 Prozent langsamer als Männer unterwegs sind, hat bekanntermaßen zahlreiche Gründe. Zunächst einmal die pure Physiologie: Sie sind kleiner und haben weniger Muskeln, der Sauerstofftransport im Blut ist geringer, der Puls höher.
Und dann noch die Häme im Netz
Zudem brauchen sie auch längere Pausenzeiten. Ihre Blasen sind kleiner, der Toilettengang an sich dauert länger, das verlängert wiederum die Wartezeit für alle Frauen, und die eine oder andere wird während des Laufs auch einen Tampon wechseln müssen. Hinzu kommt der Gender-Time-Gap des Alltags: Männer haben durchschnittlich mehr Freizeit als Frauen, können also mehr trainieren und regenerieren.
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In den sozialen Medien haben Lauf-Influencerinnen diesen Sexismus und systematischen Ausschluss von vielen Frauen bei Laufevents bereits angeprangert und sogleich hämische Rückmeldung bekommen: „Dann geht halt alleine im Wald laufen, wenn ihr so langsam seid.“
Kurzum: Die strengen Cut-off-Zeiten unterliegen einer männlichen Leistungs- und Stadtnutzungslogik – und viele Männer verstehen das Problem nicht. Also alles wie immer.
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