Wohnungsbau und Migration: Wohnungsnot bedroht die Wirtschaft
Ohne Neubau fehlt Platz für Migrant:innen. So wird der Wohnungsmangel laut einer Branchen-Studie zu einem doppelten Negativfaktor für die Konjunktur.
Manchmal entpuppen sich zunächst recht staubig klingende Themen als Grundlage für eine scharfe Analyse der gesamtgesellschaftlichen Lage. So zum Beispiel beim „Baumonitor 2026“, den der Bundesverband Deutscher Baustoff-Fachhandel am Mittwoch vorgestellt hat. Statt der erwartbaren Klage einer darbenden Branche – die natürlich nicht ausblieb – gab es einen starken Appell für eine neue Migrationspolitik. Mit einer klaren These: Deutschland braucht mindestens 350.000 Zuwander:innen pro Jahr, sonst geht die Wirtschaft bald baden. Und für die Sozialsysteme reicht es auch nicht.
Die Studie für den Bundesverband hat das Pestel-Institut erstellt, das sich schon seit langem mit der Lage auf dem Wohnungsmarkt befasst. Dessen Leiter Matthias Günther beklagte, dass sich die Bauwirtschaft in einer dramatischen Lage befinde. Der Wohnungsmarkt habe zwar auf die vor allem durch die Kriege in Syrien und der Ukraine gestiegene Zuwanderung reagiert, aber nicht im angemessenen Maße. Insgesamt fehlten in Deutschland aktuell 1,35 Millionen Wohnungen, so Günther. Und ein Ende der Wohnungsknappheit sei „überhaupt nicht in Sicht“.
Dennoch, betonte Günther, sei die Migration nicht das Problem. „Diese Migration haben wir auch gebraucht“, sagte der Wissenschaftler. Ohne die Zuwander:innen läge zum Beispiel der Rentenbeitrag schon heute deutlich höher, so Günther. Denn Deutschland befinde sich seit Jahren im demografischen Umbruch. Nicht nur, dass die Boomergeneration massenhaft in Rente geht, auch der Nachwuchs fehlt, weil die Geburtenrate zuletzt dramatisch gesunken ist.
„Die harten demografischen Fakten zeigen ohne Zuwanderung einen dramatischen Rückgang der Erwerbsfähigen“, sagte Günther. Und der „damit verbundene Rückgang der Beitragszahler sprengt das System der Sozialversicherungen deutlich stärker als der Anstieg der Rentenzahler“.
Wohnungsbau als Wirtschaftsfaktor
Doch wenn Menschen in großen Zahlen nach Deutschland einwandern wollen würden, müssten sie auch irgendwo wohnen. Und das sei mittlerweile das größte Problem. „Bereits heute können in vielen Regionen Arbeitsplätze nicht mehr besetzt werden, weil für die potenziellen Mitarbeiter kein bezahlbarer Wohnraum verfügbar ist“, sagte Günther. Und das treffe keineswegs nur Großstädte wie Berlin, wo die Mieten vor allem im untersten Marktsegment gestiegen seien.
Das führt statt der dringend benötigten Zuwanderung schon zu Abwanderung. In den letzten beiden Jahren habe es Wanderungsverluste nach Polen, Rumänien und Bulgarien gegeben, betonte Günther. „Dies sollte uns als Warnhinweis für den Zustand unserer Standortqualität zu denken geben.“
Mit dem Wohnungsmangel ist der Wohnungsbau somit zu einem Wirtschaftsfaktor mit doppelter Wirkung geworden, heißt es in der Studie. Denn ohne Bauten leidet auch die Bauwirtschaft. „Der Absturz beim Wohnungsbau ist fatal“, sagte Katharina Metzger, Präsidentin des Baustoff-Fachhandel-Verbands. Für 2026 erwarte sie noch mal einen enormen Schlag nach unten: nur 185.000 Neubauwohnungen, so die Prognose. Das eigentliche Ziel von 400.000 neuen Wohnungen pro Jahr wird seit langem nicht erreicht.
Zwar ist die Zahl der Baugenehmigungen zuletzt wieder gestiegen. „Aber in einer Baugenehmigung können Sie nicht wohnen“, so Metzger. Bis ein Haus fertig werde, dauere es oft Jahre, wenn es denn überhaupt gebaut wird. Metzger kritisierte daher scharf die Bundesregierung. Von dem angekündigten Bauturbo bleibe nur wenig, wenn gleichzeitig die Förderprogramme von 3,4 Milliarden auf 2 Milliarden Euro zusammengestrichen werden.
Auch das im Koalitionsvertrag vereinbarte Gesetz für den sogenannten Gebäudetyp E müsse endlich kommen, dass einfacheres Bauen erlaube. Durch „Bauen ohne Schnickschnack“ ließen sich die Kosten um 30 Prozent senken, das habe ein ähnliches Programm in Schleswig-Holstein gezeigt.
Rechte Stimmung und Leerstand
Allein mit einer gut laufenden Bauwirtschaft lasse sich das Wirtschaftswachstum um 0,6 Prozentpunkte steigern, hat Studien-Leiter Günther errechnet. Zwei anderen Hoffnungen erteilte er aber eine Absage. Zwar würden langfristig Wohnungen frei, wenn die vielen in den 1960er Jahren Geborenen sterben. Aber das dauere noch: „Es ist niemandem geholfen, wenn wir den Leuten sagen, in 25 Jahren hat sich das Problem demografisch gelöst.“
Und auch leerstehende Wohnungen in östliche Bundesländern wie Sachsen-Anhalt seien keine Lösung. Dort sei zwar die Wohnungslage nicht das Problem, aber die von den Rechten erzeugte Stimmung, so Günther. Dort könnten Arbeitsplätze nicht besetzt werden, „weil dort keiner hinwill“.
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