Wohnungspolitik in Wien: Rot ist die Farbe der Wohnungshoffnung
In der österreichischen Hauptstadt ist das Wohnproblem etwas kleiner als in anderen Hauptstädten. Der Grund dafür liegt am Anfang des 20. Jahrhunderts.
Foto: brandstaetter/akg-images
H ellrote Fassaden. Torbögen. Kein Schnickschnack an Fenstern oder Balkonen. Nur ein paar schlichte Keramikfiguren über den Rundbögen und im Hof die Bronzestatue eines säenden Bauern. Die Gebäude des Karl-Marx-Hofs in Wien erinnern an eine moderne Burg. Eine sehr lebensnahe, denn sie bietet gemütliche und erschwingliche Wohnungen, kurze Wege, Apotheken, Kindergärten, Wäschereien direkt auf dem Gelände. Der bis heute längste zusammenhängende Wohnbau der Welt steht ikonisch für den Wiener Gemeindebau, auf den so manche europäische Hauptstadt neidisch blickt.
Entstanden ist das Wiener Modell zur Zeit des „Roten Wien“. Nach dem Ersten Weltkrieg sind in der österreichischen Hauptstadt vor allem Arbeiter:innen in großer Not, leiden unter Hunger, die Wohnungen sind knapp. Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) verspricht Besserung: kommunale Hilfen und einen klaren Plan für den städtischen Wohnungsbau. Am 4. Mai 1919 ziehen sie mit einer absoluten Mehrheit ins Parlament ein. Wien wird rot.
Erst versucht es die vom Bürgermeister Karl Seitz geführte Regierung mit steuerlichen Anreizen für privaten Wohnungsbau – ohne Erfolg. Also beschließt sie 1923 den Bau von 25.000 kommunalen Wohnungen. 1926 sind es dann noch mehr, darunter auch die 1.382 Wohneinheiten im Karl-Marx-Hof, der vier Jahre später feierlich eröffnet wird.
Die Wohnungen in den sogenannten „Superblocks“ bestehen aus einer Wohnküche, einem Zimmer, manchmal einem zusätzlichen Kabinett, und haben eine eigene Innentoilette. Alles auf 38 bis 48 Quadratmetern. Die Architekt:innen legen viel Wert auf natürliches Licht in den Räumen und auf große, begrünte Innenhöfe. Die sollen die Solidarität und das Gemeinschaftsgefühl unter den Nachbar:innen stärken.
Die Mietenkrise ist existenziell. Wie ist es dazu gekommen? Warum drängen sich Studierende in Mehrbettzimmern, während Immobilien-Influencer Reichtum durch Mietrendite versprechen? Wie können sich Mietende wehren? Und was bedeutet der Erfolg von Deutsche Wohnen und Co. enteignen für die Berlin-Wahl am 20. September?
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Die Gemeindewohnungen werden nach einem Punktesystem vergeben. Eine soziale Bedürftigkeit wie Arbeitsplatzverlust, Kriegsinvalidität oder Wohnungslosigkeit verschafft einen Vorteil bei der Vergabe. Die Mietkosten sind streng begrenzt. 1926 betragen sie etwa 4 Prozent des durchschnittlichen Monatseinkommens von Arbeiter:innen. Das kann sich die Stadt Wien vor allem wegen ihres Steuersystems leisten. Luxussteuern auf Autos, Pferderennen, Hauspersonal und eine Wohnbausteuer für private Hausbesitzer:innen bringen genug Geld ein, lassen Arbeiter:innenhaushalte aber weitgehend unberührt.
Mit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 gerät das Rote Wien in Schwierigkeiten. Die Einnahmen sinken und die österreichische Regierung setzt die Stadt unter Spardruck. Die Wiener Stadtverwaltung versucht, ihre Wohnungspolitik aufrechtzuerhalten, aber 1934 eskaliert der Konflikt zwischen Stadt und Bundesregierung. Die Arbeiter:innenbewegung wird vom österreichischen Militär niedergeschlagen, die SDAP verboten, der Wiener Gemeinderat aufgelöst. Das arbeiter:innenfreundliche Steuersystem und der kommunale Wohnungsbau werden zurückgebaut.
Doch nach dem Zweiten Weltkrieg wird die Wohnbaupolitik des Roten Wiens weitergeführt. Schnell können die vom Krieg beschädigten Gemeindebauten repariert und neue gebaut werden. Schon zehn Jahre nach Kriegsende sind 50.000 neue Gemeindewohnungen fertig.
Und heute? Ist Wien vielleicht nicht mehr so feuerrot wie damals. Auch in Österreichs Hauptstadt ist es für Studierende und Menschen, die aus dem Ausland dorthin ziehen, schwer, bezahlbare Wohnungen zu finden. Denn wer einmal in einer Gemeindewohnung lebt, zieht so schnell nicht mehr aus.
Der soziale Wohnungsbau der 1920er und 30er Jahre prägt das Wiener Stadtbild bis heute. Sie hat die stadteigenen Mietwohnungen nie an private Konzerne oder Eigentümer verkauft. Auch heute fließt ein recht hohes Budget in den öffentlich subventionierten Wohnungsbau. Das Versprechen von Karl Seitz bei der Eröffnung des Karl-Marx-Hofs 1930 scheint sich bewahrheitet zu haben: „Wenn wir einst nicht mehr sind, werden diese Steine für uns sprechen.“
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