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Wölfe in NiedersachsenKritik am Schnellschuss

Der neue niedersächsische Managementplan zur Wolfsbejagung stößt auf Protest. Naturschutzverbände warnen vor einer Aushöhlung des Artenschutzes.

Niedersachsen will den Abschuss von Wölfen stark erleichtern. Der neue Managementplan der rot-grünen Landesregierung sieht eine Schnellabschussregelung vor, bei der in einem Problemgebiet ein Wolf geschossen werden darf, ohne nachzuweisen, dass es sich um den Schadensstifter handelt. Überdies können sogenannte Interventionsgebiete festgelegt werden, in denen ganze Rudel eliminiert werden dürfen.

Der Managementplan legt die Rahmenbedingungen für die Bejagung fest und gilt seit dem 1. Juli. Grundlage dafür ist eine Änderung des niedersächsischen Jagdgesetzes, die in der vergangenen Woche im Landtag verabschiedet wurde und die Jagd auf den Wolf grundsätzlich erlaubt. Der Naturschutzbund (Nabu) Niedersachsen und der Landestierschutzverband kritisieren den Managementplan als „Symbolpolitik mit der Flinte“.

Im Kern bemängeln die Verbände, dass der Fokus des Managements zu stark in Richtung Abschuss verschoben werde. Wirksamer Herdenschutz, fachliche Prävention und sachliche Konfliktlösung träten in den Hintergrund. „Dieser Managementplan löst keine Konflikte, sondern bedient vor allem den politischen Druck der Wolfsgegner“, sagt der Nabu-Landesvorsitzende Holger Buschmann.

Im Zentrum der Kritik steht die Schnellabschussregelung. Der Managementplan ermöglicht es dem Landwirtschaftsministerium, nach einem bestätigten Nutztierriss, für den nach sachverständiger Einschätzung wahrscheinlich ein Wolf verantwortlich ist, ein Jagdgebiet um den Ort des Risses festzulegen. Dieses hat einen Radius von mindestens 3 und bis zu 20 Kilometern.

Möglichkeit, ganze Rudel zu töten

Die Bejagung kann in diesem Gebiet bis zu sechs Wochen andauern. „Die Jagd endet, sobald ein Wolf, der nicht notwendigerweise auch der Schadstifter gewesen sein muss, erlegt wurde“, schreibt die niedersächsische Staatskanzlei.

Die Verbände halten das für fachlich nicht haltbar. „Das hat mit einer zielgerichteten Entnahme des tatsächlich schadensverursachenden Wolfes nichts mehr zu tun“, kritisiert Dieter Ruhnke, der Vorsitzende des Landestierschutzverbandes. „Je größer der Radius und je länger der Zeitraum, desto größer ist das Risiko, dass irgendein Wolf geschossen wird, aber eben nicht der, der den Schaden verursacht hat.“

Damit sie wirksam seien, müssten die Schnellabschussgebiete kleinräumig angelegt und eng am Territorium des Wolfes orientiert sein, mahnen Nabu und Landestierschutzverband.

Ein weiterer Streitpunkt ist, dass vor einer „Entnahme“, also einem Abschuss, eine genetische Zuordnung nicht mehr verpflichtend ist. Diese sei aber essenziell, um den individuellen Verursacher zu identifizieren, statt pauschal lokale Rudel zu bejagen, die vielleicht gar nicht für den Riss verantwortlich waren, betonen die Verbände.

Die in dem Managementplan definierten Interventionsgebiete sind die höchste Stufe der Eskalationskette. Während ein Schnellabschuss auf den kurzfristigen Abschuss eines einzelnen Tieres nach einem konkreten Riss abzielt, ermöglichen diese Interventionsgebiete weitergehende Maßnahmen.

Die Verbände kritisieren vor allem eine Sonderregelung für Gebiete, die eine besondere Bedeutung für den Küstenschutz haben

Eingerichtet werden können sie, „wenn drei Schadereignisse an Nutztieren wie Rindern, Pferden oder Schafen unter Einhaltung des zumutbar ergriffenen Herdenschutzes in einem Wolfsterritorium eingetreten sind“, und wenn vorangegangene Versuche zur Konfliktlösung nachweislich erfolglos geblieben seien, schreibt die Staatskanzlei. Möglich ist dann auch die Entnahme eines gesamten Rudels.

Die Verbände mahnen, dass ein solches Interventionsgebiet „nicht der schnelle Einstieg in großräumige Abschüsse bzw. wolfsfreie Zonen sein“ dürfe. „Vorher müssen mehrere gezielte Schnellabschussverfahren erfolglos geblieben sein“, sagt Ruhnke. „Alles andere hebelt die Idee einer abgestuften Konfliktlösung aus.“

In diesem Zusammenhang kritisieren der Nabu und der Landestierschutzverband vor allem eine Sonderregelung für Gebiete, die eine besondere Bedeutung für den Küstenschutz haben. Dort kann laut dem Managementplan schon nach zwei bestätigten Schadensereignissen ein Interventionsgebiet eingerichtet werden.

Diese Senkung der Schwelle halten die Verbände für fachlich nicht gerechtfertigt. Auch in Küstenbereichen sei ein effektiver Herdenschutz möglich, weshalb eine Privilegierung von Abschussmaßnahmen das Schutzkonzept untergrabe.

Natur- und Tierschützer fordern Prävention

Der Nabu und der Landestierschutzverband befürchten, dass aus einer fachlich begründeten Maßnahme zur punktuellen Konfliktlösung eine großflächige „Abschusskulisse“ entsteht, in der der Wolf dauerhaft zurückgedrängt wird. Sie betonen, dass der Wolf als streng geschützte Art eine wichtige ökologische Funktion einnehme. Sie fordern die Landesregierung auf, den Managementplan nachzubessern.

Unter anderem müssten präventive Maßnahmen stärker gewichtet werden. Dazu gehöre ein Herdenschutz, der sich an der Wirksamkeit orientiert, etwa durch höhere Standards bei Zaunhöhen, Elektrifizierung und Untergrabungsschutz.

Interventionsgebiete dürften erst nach erfolglosen Schnellabschussverfahren und bei klarer Beweislage eingerichtet werden. Auf pauschale Forderungen wie die Entnahme von Welpen oder die Einführung von Bestandsquoten solle verzichtet werden, fordern die Verbände.

Wei­de­tier­hal­te­r:in­nen kritisieren Plan als unzureichend

Während Naturschützer eine zu offensive Bejagung des Wolfes beklagen, bewerten Wei­de­tier­hal­te­r:in­nen den neuen Managementplan als völlig unzureichend. So bemängelt der Förderverein der Deutschen Schafhaltung, dass es sich nur um ein „Rissmanagement“, nicht um ein notwendiges „Bestandsmanagement“ handele. Der Verein kritisiert, dass Maßnahmen erst eingeleitet werden dürfen, wenn bereits „Blut auf den Weiden fließt“.

Ein „vorausschauendes Management, das den jährlichen Populationszuwachs frühzeitig reguliert und Schäden verhindert“, finde nicht statt. Der Schutz der Weidetiere werde so praktisch dem Zufall überlassen.

Ulrike Galler, Geschäftsführerin des Fördervereins, betont, dass die Wolfsangriffe nicht nur das Schicksal einzelner Tiere beträfen. Die resultierende Panik in den Herden führe häufig zu schwersten Verletzungen und Ausbrüchen, die wiederum die Bevölkerung und den Straßenverkehr gefährdeten.

Galler fordert einen Systemwechsel: „Wir brauchen endlich ein echtes Bestandsmanagement, kein Rissmanagement“. Wer an der jetzigen Praxis festhalte, schütze nicht die Weidetierhaltung, sondern verwalte lediglich deren Verluste.

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