Wirtschaftskrise durch Ukrainekrieg: Russischer Ökonom sagt Niederlage voraus – und wird gefeuert
Russlands Chefökonom der Staatsbank hat öffentlich die katastrophale ökonomische Lage seines Landes benannt. Die Konsequenzen folgten sofort.
Foto: Kirill Kukhmar/imago
Nur Stunden nachdem der Chefökonom der russischen Staatsbank VEB vor einem „Kalten Krieg 2.0“ gewarnt hatte, wurde er entlassen. Der frühere Vize-Wirtschaftsminister Andrej Klepatsch, seit 2014 Chefökonom der Entwicklungsbank des russischen Staats, hatte gewarnt: Russland könne den Krieg gegen die Ukraine wegen der Unterstützung Kyjiws durch westliche Länder nicht gewinnen und stehe vor einer schweren Wirtschafts- und sozialen Krise.
„In diesem Abnutzungskrieg werden wir nicht gewinnen. Wir haben die Illusion, dass in der Ukraine alles zusammenbricht. Aber es ist nicht zusammengebrochen und wird es auch nicht“, warnte Klepatsch und fügte hinzu: „Wir führen Krieg, geben Unsummen für Rüstung aus, würgen die Wirtschaft – besonders den zivilen Sektor – ab“, sagte er mit Blick auf den 14-prozentigen Leitzins der Zentralbank, mit dem Russland inflationsbereinigt mit fast 9 Prozent in der Weltspitze rangiert.
Klepatsch hatte den Finger in die Wunde der geschundenen russischen Kriegswirtschaft gelegt: „Wir hinken hinterher. Wir verlieren sowohl den technologischen als auch den wirtschaftlichen Wettbewerb weltweit. Wir verlieren ihn nicht nur gegen China und die USA – in manchen Bereichen verlieren wir ihn sogar gegen die Ukraine.“ Zivile Branchen seien in die Rezession gerutscht, die Investitionen massiv eingebrochen, Produktivitätswachstum sei zum Fremdwort geworden.
Neben den westlichen Sanktionen, die deutlich schärfer seien als zu Zeiten des Kalten Krieges vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion, seien die ukrainischen Angriffe auf Raffinerien, Öl- und Industrieanlagen sowie die großen Logistikzentren der größten Internet-Handelsplattformen Wildberries und Ozon zu einer „spürbaren makroökonomischen Wachstumsbremse für die russische Wirtschaft“ geworden, so Klepatsch. Russland werde wirtschaftlich nicht gänzlich untergehen, „aber ich bin mir fast sicher, dass wir in eine soziale Krise rutschen“.
Bankenkrise und Insolvenzen
Die kritischen Äußerungen über die Lage der Wirtschaft bei einem Treffen von Unternehmern und Wissenschaft kostete Klepatsch in der Vneschekonombank am Sonntag seinen Job. „Auf Anweisung von ganz oben“, wie VEB-Chef Igor Schuwalow laut dem Internet-Medium „The Bell“ unter Berufung auf Quellen im Bankmanagement gesagt haben soll.
Dabei ist Klepatschs Analyse wahrhaftig: Russlands Finanzministerium hat gerade die Höhe seiner Rubel-Reserven als „geheim“ erklärt angesichts des rasant wachsenden Haushaltsdefizits. Ende Juli hatte das Ministerium die Auktionen von Staatsanleihen, mit denen es das Haushaltsdefizit finanziert hat, auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Zuvor mussten einige Auktionen wegen mangelnden Interesses von Banken abgesagt oder extrem hohe Zinsen geboten werden.
Die Kurse russischer Aktien sind deutlich unter das Niveau bei der Vollinvasion in der Ukraine am 24. Februar 2022 gerutscht. Die Zahlungsausfälle bei Unternehmensanleihen erreichen Rekordniveaus. Die Zahl der Liquidationen von Firmen ist allein in den ersten fünf Monaten 2026 auf 467.000 gestiegen – ein nochmaliger Anstieg um 7,4 Prozent nach 20 Prozent mehr Insolvenzen bereits im Vorjahr.
Internet-Sperren aus Angst vor ukrainischen Drohnenangriffen, viel zu hohe Kreditzinsen, die am 1. Januar erhöhte Mehrwertsteuer und die stark gefallene Konsumbereitschaft sowie stark gefallene Investitionen machen der Privatwirtschaft den Garaus.
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