Kapitalflucht in Russland: Der Kreml hat Angst ums Geld
Menschen in Russland heben aktuell immer mehr Rubel von den Banken ab. Sie haben Angst davor, dass ihr Sparvermögen verstaatlicht wird.
Foto: Shatokhina Natalia/imago
Russlands Ukrainekrieg kommt immer mehr in der russischen Bevölkerung an – und mit ihm die Angst vor fatalen Folgen. Russische Sparerinnen und Anleger haben seit einigen Monaten mehr Geld von ihren Konten abgehoben als 2022, als das Land nach dem von Wladimir Putin entfachten Krieg von Panik erfasst wurde. Großunternehmen ziehen angesichts der Drohung von Enteignungen, wirtschaftlicher Instabilität durch die Kreml-Politik und ukrainischer Drohnenangriffe verstärkt Gelder ins Ausland ab.
Dies findet statt vor dem Hintergrund zunehmender Befürchtungen und Gerüchte, die russische Regierung könne in Kürze Sparguthaben zwangsumwandeln in Kriegsanleihen. Denn wegen der rasant wachsenden Kriegskosten, massiver Einnahmeverluste durch von ukrainischen Drohnenangriffen zerstörte Raffinerien, Fabriken und Großlager explodiert das Haushaltsdefizit: Es ist schon jetzt mit umgerechnet 65 Milliarden Euro fast doppelt so hoch wie für das Gesamtjahr geplant war.
Hinzu kommt, dass aufgrund der Rezession in den zivilen Branchen der russischen Wirtschaft und der nicht kostendeckenden staatlichen Preise im Rüstungssektor die Zahl notleidender Kredite bei den Banken rasant steigt. In der Folge wächst die Angst der Bevölkerung, ob ihre Konten und Spareinlagen noch sicher sind.
Durch Massenabhebungen ist der Bargeldumlauf seit Jahresbeginn bis Mitte August kumuliert um 2,4 Billionen Rubel (fast 24 Milliarden Euro) gestiegen. Das ist mehr als im ersten Kriegsjahr 2022 (2,2 Billionen Rubel), als die Behörden nach Beginn der Invasion mit drakonischen Beschränkungen den Ansturm auf die Banken stoppen mussten. Nach einer Prognose der Sberbank könnte die Summe bis zum Jahresende noch auf 3,8 Billionen Rubel ansteigen.
Etwa 72 Milliarden Euro wurden bereits verstaatlicht
„Das ist die Folge der Angst, dass der Staat etwas mit dem Bankensystem tun könnte, dass er die Einlagen verstaatlichen könnte“, sagte die frühere Mitarbeiterin der russischen Zentralbank, Alexandra Prokopenko, die jetzt am Carnegie Russia Eurasia Center in Berlin arbeitet. Finanzminister Anton Siluanow dementierte jegliche Verstaatlichungsabsichten.
„Wenn die Regierung Geld braucht, wird Putin Vermögen einfach konfiszieren“, sagte der Partner eines russischen Milliardärs der US-amerikanischen Tageszeitung Washington Post und fügte hinzu: „Wenn man die Möglichkeit hat, sein Geld abzuziehen, tut man das.“ Die russische Zentralbank bezifferte die Kapitalflucht aus Russland allein im 2. Quartal auf 8,1 Milliarden Euro. Immer mehr reiche Menschen in Russland verlagern Gelder aus heimischen Banken zu Brokern in Kasachstan, Kirgistan und Armenien.
Offizielle russische Angaben belegen, dass das Land zwischen 2022 und Ende 2025 bereits Vermögenswerte im Umfang von umgerechnet ungefähr 72 Milliarden Euro verstaatlicht habe – Eigentum von unliebsamen russischen Unternehmen oder ausländischen Firmen, die Russland nach dem Überfall auf die Ukraine verlassen haben.
Hinzu kommt der psychische Druck durch immer mehr ukrainische Angriffe auf russische Raffinerien, Logistikzentren und Rüstungsfabriken. Die Regierung hat immer wieder das Internet abgeschaltet – und damit Geschäfte in Bereichen E-Commerce, Transport und Dienstleistungen abgewürgt. Die Drohneneinschläge in mehr als zwei Dutzend Logistikzentren der Internet-Handelsplattformen Wildberries und Ozon haben Waren in Milliardenhöhe verbrennen lassen – und damit Hunderttausende russische Lieferanten dem Bankrott nähergebracht.
Die ökonomische Lage wird immer verzwickter, die Schlangen vor Tankstellen werden wegen mangelnder Benzinversorgung immer länger. Aber eine unmittelbare Finanz- oder Bankenkrise steht nicht bevor: Russische Haushalte hatten vor der massiven Abhebungswelle Guthaben in Höhe von 713 Milliarden Euro angehäuft – so viel wie nie in der russischen Geschichte.
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