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Wer gewinnt den 70. ESC in Wien?Fiedel, Flammenwerfer und freundlicher Lärm

Lesen Sie hier, wer im Finale des diesjährigen Eurovision Song Contests steht – und welche Acts die größten Chancen auf einen der vorderen Plätze haben.

1 Dänemark: Søren Torpegaard Lund – Før vi går hjem. Ehe wir nach Hause gehen: Die liebesflehenden Worte eines Mannes, möglicherweise vom „Berghain“ inspiriert. Supervokalist mit bester Mucke für vollgedröhnte Stunden. Platz 4.

2 Deutschland: Sarah Engels – Fire. Ambitionierte Sängerin mit guter Stimme in aufwändigem Bühnenfummel zu konventionellem Klang. Ästhetisch ist ihr Stil etwas in die Jahre gekommen – middle of the road. Platz 22.

3 Israel: Noam Bettan – Michelle. Unmittelbar wiedererkennbar, dieses Lied in französischer Sprache – was ein entscheidender Bonus gegen alle anderen Acts mit ihren Materialaufbauten und Feuerzaubern ist. Platz 2.

Der taz-ESC-Live-Ticker 2026

Meinungen und Eindrücke zur Show am 16. Mai 2026? Anastasia Zejneli, Klaudia Lagozinski und Jan Feddersen kommentieren den ESC 2026 in Echtzeit. Hier geht es zum ESC-Live-Ticker 2026.

4 Belgien: Essyla – Dancing on the Ice. Der Spätfrühlingshit in allen Caffè-Latte-Shops und Bubble-Tea-Bars zwischen Knokke und Liège: munter die Beats, flirrend und unübertrieben gefällig die Show, die moderner aussieht als die meisten an diesem Abend. Platz 17.

5 Albanien: Alis – Nân. Irritierender Chorbombast als Ausschmückung für ein Lied um eine – so ganz klar wird das nicht – verstorbene Mutter, die auf ihren Sohn wartet. Der Sohn singt wie um sein Leben und schwört ihr, sie wiedersehen zu wollen. Platz 11.

6 Griechenland: Akylas – Ferto. Hübscher Kerl mit Sonnenbrille, der in diesem Act mit vielen graekophonen Klischees spielt, ein wenig Rembetiko inklusive. Alles sehr in Orange gehalten, für alle U35-Menschen eher abenteuerlich. Platz 5.

7 Ukraine: Leléka – Ridnym. Die Sängerin kann Jazz, nützlich für ihr Lied eher ruhigerer Strickart. Mixtur aus Ukrainisch und Englisch. Ballade, so sagt die Sängerin, gegen die Furcht – auf dass die Bäume wieder wachsen. Bekennend unpolitisches Lied. Platz 9.

8 Australien: Delta Goodrem – Eclipse. Man merkt ihr im besten Sinne die Jahrzehnte Berufserfahrung als eine der Topkünstlerinnen ihres Landes an. Perfektes Styling, pompöses Arrangement und viel Feuerschaum in hautschmeichelndem Gelb. Stimmlich ein Ass. Platz 3.

9 Serbien: Lavina – Kraj mene. Eher düstere Post-Gothic-Show, erinnert nicht nur spurenweise an die ESC-Legende Lordi aus Finnland. Die Message hingegen, ganz Johnny-Logan-mäßig: Halt mich im Arm. Platz 19.

10 Malta: Aidan – Bella. Im klassischen ESC-Sinne die einzige melodisch tragfähige Ballade – Schmachtgesang eines männlich lesbaren Wesens auf eine Person der Anbetung. Obacht: normalste Herrenfrise des Abends. Platz 20.

11 Tschechien: Daniel Žižka – Crossroads. Sein Scheideweg wird von folgender Fragen markiert: Schafft er seinen boyischen Charme in die Kameras zu transportieren? Problem-Pop, der verfangen könnte. Platz 13.

12 Bulgarien: Dara – Bangaranga. Irgendwie höherer bis mittlerer Blödsinn, leicht orientalisierende Klänge im Background. Sehr gut geeignet, um lähmende Partys wieder anzutreiben. Nix für Tempolimitzwänge. Platz 15.

13 Kroatien: Lelek – Andromeda. Trommelwirbeleien, die Gesichter dieser Künstlerinnen mit Hennalinien bemalt, womit sie den Geist des Universums beschwören. Kraftvoll wie ein Chill-out nach tüchtigem Graskonsum. Platz 21.

14 Vereinigtes Königreich: Look Mum No Computer – Eins, Zwei, Drei. Kommt die Botschaft rüber? Starke Kostüme zu einem Act, der den mitgrölfähigen Titel oft wiederholt. Noch ein verspätetes Muttertagslied, das allerdings mit außerenglischen Sprachsprengseln. Platz 18.

15 Frankreich: Monroe – Regarde! Bestrickendes Liebeslied im Nouvelle-Chanson-Format beinah kunstreligiös ziseliert in so gut wie jeder Note. Die Sängerin, ein kommender Star in ihrer Heimat, jetzt schon in Paris, sollte für ihre Kunst belohnt werden. Platz 8.

16 Moldau: Satoshi – Viva, Moldova! Seltsam, dass dieses kleine Land immer wieder prima freundlichen Lärm zum ESC schickt. Dieser Beitrag ist nichts als ein EU-Bewerbungsschreiben mit viel hiphopstylishem Tanz. Platz 7.

17 Finnland: Linda Lampenius & Pete Parkkonen – Liekinheitin. Wörtlich übersetzt: Flammenwerfer. Das aufgeschäumte Lied samt Fiedel in der Hand der Violinistin trägt auch optisch zu einem perfekten Pop-Paket bei. Er? Kann höchste Töne. Platz 1.

18 Polen: Alicja – Pray. Freiheit per Gebet: Das ist die Zauberformel dieser Chanteuse aus Ciechanów, die ihre leicht plätschernde Nummer sängerisch sehr okay rüberzubringen weiß. Leider melodiearm. Platz 23.

19 Litauen: Lion Ceccah – Sólo quiero más. Übersetzt: Ich will einfach mehr. Also noch ein Lebenskrisenabrechnungslied, dies vorgetragen mit mächtiger Stimme und opulenter Kostümerei inklusive güldener Kopfbemalung. Platz 24.

20 Schweden: Felicia – My System. Bittere Abrechnung mit einer verflossenen Liebe, die aber nicht aus dem Gemüt weichen will. Kennen alle. Ihre Maske, die sie beim Singen wohl nicht stört, schütze sie vor Gefahren: Message verstanden. Platz 12.

21 Zypern: Antigoni – Jalla. Ein bisschen Soundteppich für lauschige, nicht allzu triefige Abende an Mittelmeerstränden? Here we go – das Lied passt. Platz 14.

22 Italien: Sal Da Vinci – Per sempre sì. Veteran des Showgeschäfts mit Phillysound-Pop, fröhlich eher. Heterosexuellste Performance des Abends, diese Hymne auf das Heiraten. Eigentlich der diesjährige ESC-Gassenhauer, ohrenfräserig. Platz 6.

23 Norwegen: Jonas Lovv – Ya ya ya. Einzige ersichtliche E-Gitarre gleich zum Auftakt, Hardrocknummer aus dem Land der Schlager und des Heavy Metal. Was für wackenerfahrene ältere Semester. Achtung: lackierte Fingernägel. Platz 16.

24 Rumänien: Alexandra Căpitănescu – Choke Me. Es geht um Liebe, ums Würgen, um Sehnsucht und sonstige Dinge des Lebens, wie man sie gewöhnlich im Berliner Kitkat-Club antreffen kann. Mitreißend. Platz 10.

25 Österreich: Cosmó – Tanzschein. Auch hier: Techno-Anklänge, viel Bemalung und etlicher Aufwand, um mitzuteilen, dass da einer in einen Club will. Gewagt! Platz 25.

Jan Feddersen, taz-Redakteur, fasziniert der ESC seit 1967, er hat Bücher zum Thema veröffentlicht. Lieblingslied aktuell: „De troubadour“ (Lenny Kuhr, Siegerin 1969).

Einen Liveticker zum ESC in Wien finden Sie am Samstagabend auf taz.de. Übertragung ab 21 Uhr in der ARD (Kommentator Thorsten Schorn) und auf Youtube (ohne Kommentar).

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