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ESC-Teilnehmer Akylas„Ich passe mit meiner Musik in keine Schublade“

Der griechische Künstler Akylas gilt als einer der Favoriten beim ESC in Wien. Er erzählt, wie schrille Elektro-Beats, Computerspiel-Ästethik und die Kritik an Konsum zusammenpassen.

Der griechische Musiker Akylas bei den Kostümproben zu seinem Song „Ferto“ Foto: Lisa Leutner/reuters
Anastasia Zejneli

Interview von

Anastasia Zejneli

taz: Akylas, Griechenland gilt dieses Jahr für viele Fans als Geheimfavorit beim Eurovision. Warum glaubst du, dass „Ferto“ bei so vielen Menschen hängen bleibt?

Akylas: Leute lieben es zu tanzen, und ich wollte unbedingt einen Song produzieren, der traditionelle Elemente aus dem griechischen Folk-Pop-Genre Laïkó mit modernen Technobeats verbindet. Gleichzeitig steckt aber viel mehr dahinter als nur ein Partytrack. Für mich ist „Ferto“ auch politisch und persönlich. Ich glaube, die Leute spüren diese Energie und Ehrlichkeit.

Bild: Lisa Leutner
Im Interview: Akylas

ist 1999 geboren und der ESC-Kandidat für Griechenland. Er stammt aus Thessaloniki und wurde durch Coversong auf Tiktok in Griechenland berühmt. In 2024 wurde er durch sein Song Atelié auch außerhalb der Sozialen Medien bekannter.

taz: Wie gehst du persönlich mit den hohen Erwartungen um?

Akylas: Ich versuche ehrlich gesagt, gar nicht an einen möglichen Gewinn zu denken. Ich möchte einfach die Zeit beim Eurovision genießen. Die Fans treffen, die Proben erleben und bei jeder einzelnen Show Spaß haben. Vor ein paar Monaten habe ich noch Straßenmusik in Athen gemacht, um Geld zu verdienen. Jetzt auf einer internationalen Bühne zu stehen und dort tanzen, singen und performen zu dürfen, fühlt sich an wie ein Traum.

taz: Euer Auftritt ist sehr bunt, überdreht und verspielt. Du setzt dabei auch auf eine pixelige Retro-Gaming-Ästhetik. Wie ist dieser Look entstanden?

Akylas: Es gibt diesen typischen Moment in Computerspielen: dieses „dururu“, wenn man stirbt, und dann erscheint der Button „Versuch es noch mal“. Genau dieses Gefühl wollte ich vermitteln. Es ist nie zu spät, Dinge nochmal zu versuchen, mutig zu sein und sich neu zu erfinden. Die Retro-Gaming-Welt löst bei vielen Menschen Nostalgie aus, generationsübergreifend.

taz: Viele sehen „Ferto“ zuerst als einen der diesjährigen Spaßbeiträge. Gleichzeitig steckt im Song aber Kritik an Überkonsum und diesem ständigen Wunsch nach „mehr“. Warum war dir wichtig, dieses Thema ausgerechnet über so eine schrille Performance zu erzählen?

Akylas: Der Wunsch nach mehr Konsum, mehr Reichtum und mehr Macht ist tief in unserer Gesellschaft verankert. Gleichzeitig komme ich aus einer Generation, die die Finanzkrise, Arbeitslosigkeit und Sparmaßnahmen erlebt hat. Viele von uns hatten gar nicht die Möglichkeit, sich etwas zu gönnen. Wir konnten von diesem „Mehr“ nur träumen. Das alles wollte ich verbinden, ohne zu negativ zu werden.

taz: Wie persönlich ist „Ferto“ am Ende eigentlich für dich?

Akylas: Sehr persönlich. Meine Mutter hat mich und meine Schwester alleine großgezogen. Mit diesem Song wollte ich ihr danken. Sie ist meine Heldin. In der Bridge verlasse ich diesen verrückten Charakter und spreche sie direkt an. Ich sage ihr dort, dass ich für sie und für uns beide ein besseres Leben aufbauen möchte.

taz: Deine Outfits und dein Styling fallen extrem auf und wirken sehr frei und extravagant. Welche Bedeutung hat Mode mittlerweile für dich persönlich?

Akylas: Ich kann endlich so sein, wie ich bin und das tragen, was ich tragen möchte. Als queeres Kind aus einem kleinen griechischen Dorf habe ich mich nicht getraut, meine extravaganten Outfits zu tragen und wollte weniger auffallen, doch seit meiner ESC-Teilnahme genieße ich es, mit meinem Stylisten an bunten Outfits zu arbeiten. Die größte Inspiration ist Lady Gaga. Ich liebe ihre Extravaganz.

taz: Eurovision soll Menschen verbinden, gleichzeitig gibt es jedes Jahr Debatten und Spannungen rund um den Wettbewerb. Spürt man diese besondere Stimmung als Artist vor Ort?

Akylas: Natürlich spürt man manchmal die Diskussionen oder Spannungen rund um den Wettbewerb. Aber vor Ort fühlt sich Eurovision trotzdem vor allem wie ein riesiges Treffen von Menschen an, die Musik lieben. Künstler aus komplett unterschiedlichen Ländern verbringen Zeit miteinander, feiern zusammen und unterstützen sich gegenseitig. Diese Verbindung ist stärker als alles andere.

taz: Der Eurovision Song Contest hat in Griechenland eine riesige Bedeutung. Wie erlebt man den ESC dort?

Akylas: Seitdem 2005 Helena Paparizou für Griechenland gewonnen hat, sind wir verrückt nach dem ESC und warten auf den nächsten Sieg. Es ist normal, sich am Abend vom ESC mit Freunden zu treffen, Partys zu veranstalten und die Beiträge zu schauen.

taz: Manche ESC-Beiträge werden schnell als „Spaßbeitrag“ abgestempelt. Was würdest du Menschen sagen, die „Ferto“ genau so sehen?

Akylas: Ich kenne die Kritik, dass Balladen anspruchsvoller sind. Aber Musik ist alles, was wir haben, um uns auszudrücken. Ich passe mit meiner Musik in keine Schublade und das ist gut so. Der Song ist tanzbar, aber auch ernst. Wir sollten nicht immer die gleichen Rezepte wiederholen, nur weil es den Leuten gefällt, das wäre doch langweilig.

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1 Kommentar

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  • Maximalen Konsum als Kritik am Konsum zu verkaufen, mag bei manchen ja funktionieren. Ich sehe das eher anders. Musikalisch muss man da gar nicht mehr drüber reden.