Weihnachtsmärkte in der Pandemie : Das Glühweinvirus geht um
Der bayerische Ministerpräsident Söder hat einen kleinsten gemeinsamen Nenner entdeckt, den es zu retten gilt. Es ist der Weihnachtsmarkt.
J ede Jeck ist anders, lautet ein weiser Spruch aus dem Rheinland, der auch Besäuselten gegenüber eine gewisse Liberalität einfordert, was deren Trinkgewohnheiten betrifft. Freiheit ist auch die Freiheit des Anderstrinkenden, sagte auch schon Rosa Luxemburg. Bei aller Wertschätzung für die Sozialistin: Es gibt Grenzen des guten Geschmacks. Sie enden bei einem vorwiegend heiß servierten Gesöff unklarer Herkunft, das vorwiegend zur Jahresendzeit gerne zwischen improvisierten Holzverschlägen kredenzt wird: dem Glühwein.
In diesem Jahr standen die Chancen gut, dass dieses überzuckerte Kopfschmerzmachmittel in den Fußgängerzonen deutlich seltener zum Einsatz kommt. Sie wissen schon, Corona. Doch deutsche Politiker, allen voran der bayerische Ministerpräsident Markus Söder, haben auf der Suche nach einem populären Vorschlag inmitten ihrer gezwungenermaßen wenig populären Politik einen kleinsten gemeinsamen Nenner entdeckt, den es auch in ungemütlichen Zeiten zu retten gilt. Und das ist der Weihnachtsmarkt.
Der soll unbedingt möglich sein, notfalls mit Einbahnstraßenregelungen. Es ist nicht allzu schwierig, das Kalkül zu entdecken: Es geht darum, in irren Zeiten wenigstens noch ein wenig Normalität vor dem wichtigsten Feiertag der Deutschen zu simulieren. Dass lallende alkoholgeschwängerte Menschenansammlungen, noch dazu bei kühler Witterung, die Verbreitung des Coronavirus beschleunigen können, ist plötzlich eine nachrangige Erkenntnis. Selbige Wissenslücken treten seltsamerweise immer auf, wenn um unverzichtbare Dinge wie Publikum beim Fußballspiel, Öffnung von Baumärkten und den Eintritt in Bordelle geht – oder eben um Weihnachtsmärkte.
Die Erkenntnis, dass der Anderstrinkende zu Coronazeiten nicht nur für sich, sondern auch für andere eine reale Gefahr bedeuten kann, ist nicht neu. Hier ist sie aufgehoben. Aber wenn ich schon infiziert werden sollte, dann meinetwegen von Kneipengängern, Messwein-Trinkern oder Opernbesuchern mit Pikkolo. Aber nicht von Glühwein-Seligen, bitte nicht!
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