To-do-Listen machen glücklich: Streicheinheiten für die Seele
Unsere Autorin schreibt manchmal Dinge auf, die sie schon erledigt hat – nur, um sie durchzustreichen. Eine Liebeserklärung an To-do-Listen.
Den ganzen Tag habe ich auf diesen Moment gewartet. Gerade bin ich von einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause gekommen, habe die Schuhe von mir geworfen und mir ein Feierabendbier geöffnet. Jetzt sitze ich vor meiner To-do-Liste und atme aus. „Endlich!“, denke ich.
Ich nehme ein Lineal und spitze meine bunten Stifte sorgfältig an, schlage mein Notizbuch auf und beginne wie eine Streberin, die ihre Schulhausaufgaben erledigt, triumphierend alles durchzustreichen, was nicht mehr in die Kategorie „To do“, sondern bereits zur Kategorie „Done“ gehört. Und augenblicklich ist die Welt in Ordnung.
Schon tagsüber, während ich produktiv bin, freue ich mich, weil ich später vieles aus meiner Liste durchstreichen darf. Kein Häkchen, kein „Check“, sondern die Wörter sauber in der Mitte zu durchqueren, wie mit einem präzisen Schwertstreich. Ich möchte weiterhin erkennen können, was ich zu tun hatte und sehen, dass es bereits getan ist.
Frühmorgens, frisch geduscht, mit einer dampfenden Tasse Kaffee in der Hand und meinem Lieblingsmüsli auf dem Tisch, erstelle ich eine neue Liste, bevor ich mit der tatsächlichen Arbeit beginne. Mein erster Lieblingsmoment des Tages.
Das Auflisten der Dinge, die ich zu erledigen habe, nehme ich nicht als lästige Erinnerung an meine Pflichten wahr, sondern als meditatives Ritual. Und als eine Art „Guilty Pleasure“. Während andere länger als geplant durch TikTok- oder Instagram-Videos swipen, widme ich mich meinen Listen.
Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.
Ich erstelle, datiere, sortiere sie neu. Manchmal muss ich einen Teil der Punkte in eine neue Liste übertragen. Abends dann der Höhepunkt: durchstreichen. Ha! Das liebe ich so sehr, dass ich manchmal sogar etwas auf eine Liste setze, das längst getan ist, nur um mit dem Stift über die Zeile hin und her zu fahren. Oder etwas, das ich ohnehin tun werde. „Duschen“, zum Beispiel.
Ich weiß von Freund*innen, die ihre Listen thematisch ordnen, nach mehr und weniger unangenehmen Aufgaben trennen, oder sie in privat und beruflich aufteilen. Bei mir geht alles wild durcheinander: existenzielle Fragen und banale Hausarbeit, Arztbesuche, Geburtstagskinder.
Ganz unabhängig vom Inhalt geben mir meine Listen das Gefühl, nicht nur meine Verpflichtungen, sondern auch meine Gedanken organisieren zu können – und damit mein Leben. Das bedeutet, Kontrolle zu haben, ergo erwachsen zu sein. Vielleicht brauchen Kinder deshalb keine To-do-Listen?
To-do-Listen reduzieren Stress
Wie genau man diese gedankliche Organisation betreibt, ist natürlich individuell. Manche Menschen nutzen dafür ein Programm oder einen digitalen Planer. Andere löschen ihre alten Listen oder werfen sie in die Mülltonne. Für mich muss eine Liste auf Papier stehen und da bleiben, wo sie war, nämlich im Notizbuch. So kann ich bei Bedarf nach hinten blättern und mir selbst auf die Schulter klopfen: Was mir zuvor unmöglich vorkam, war es dann doch nicht.
Psycholog*innen sagen, dass wir uns Dinge besser merken und sie strukturieren können, wenn wir sie aufschreiben, statt sie nur im Gedächtnis zu behalten. Das entlastet unser Gehirn und reduziert Stress, weil wir die Gedanken auslagern. Wenn wir etwas von einer Liste durchstreichen, versteht unser Gehirn: Das ist getan! Und weil wir Fortschritte lieben, schüttet jedes Durchstreichen eine Minidosis Dopamin aus.
Doch auch wenn es auf den ersten Blick so scheint, als seien To-do-Listen dazu da, so schnell wie möglich zu verschwinden – im Stil von Agentenfilmen: „Diese Liste wird sich in fünf Tagen selbst zerstören“ –, ist die Wahrheit eine andere. To-do-Listen sind eine fortwährende Tätigkeit. Eine Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt, ein Möbiusband, ein Sisyphos. Sobald das Ende in Sichtweite ist, beginnt alles wieder von vorn. Es gibt ja immer etwas zu tun.
„Nothing is harder to do than nothing“ lautet der erste Satz des Bestsellers „How to Do Nothing“ von Jenny Odell. Ob die US-amerikanische Autorin recht hat, weiß ich nicht, ich habe das Buch noch nicht gelesen. Aber es steht auf meiner To-do-Liste, irgendwo zwischen „AOK anrufen“, „N. Kino?“ und „Text über To-do-Listen fertigschreiben“.
Ich nehme voller Freude einen angespitzten roten Stift und streiche den letzten Punkt durch.
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