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Waffenverbot am Hauptbahnhof Sicherheit im Fantasy-Reich

Kommentar von

Robert Matthies

Am Hauptbahnhof Hannover zieht die Bundespolizei ein Herr-der-Ringe-Schwert aus dem Verkehr. Der Fall zeigt, wie absurd solche Verbotszonen sind.

E ine 23-Jährige steigt auf der Rückfahrt von einem Mittelalter-Festival am Hauptbahnhof Hannover aus dem Zug. Im Gepäck hat sie Repliken aus dem Fantasy-Epos „Der Herr der Ringe“. Prompt wird sie von der Bundespolizei empfangen.

Denn bei sich führt die junge Frau einen Dolch und ein Schwert, und nicht irgendeines: die mächtige „Flamme des Westens“, Andúril, geschmiedet aus den Scherben des Schwertes Narsil, einst getragen von Aragorn, dem rechtmäßigen König von Gondor – riesig und ein echter Hingucker, auch für die Bundespolizei.

Der epische Anspruch trifft also auf die fantasielose Paragrafenwirklichkeit: Statt königlicher Ehren erwartet die Reisende ein Ordnungswidrigkeitenverfahren; das Schwert und der reich verzierte Dolch: beschlagnahmt. Denn am Hauptbahnhof Hannover gilt ein Waffenverbot. Am Mittwoch erst wurde die Allgemeinverfügung bis Ende August verlängert.

Die kuriose Geschichte wirkt auf den ersten Blick wie eine skurrile Randnotiz. Aber sie zeigt auch, wie absurd eine symbolische Sicherheitspolitik ist, die ins Reich der Fantasy abdriftet.

Dabei ist das juristische Fundament für das Eingreifen der Bundespolizei so lückenlos wie der eiserne Ring von Isengard: Das Waffenrecht differenziert nicht zwischen einer scharfen Klinge und einer Requisite – vor dem Gesetz bleibt ein Schwert ein Schwert. Die Po­li­zis­t:in­nen müssen diese Vorschrift exekutieren.

Wer mit der Flamme des Westens aus dem Zug steigt, mag gegen Paragrafen verstoßen – die wahre Fantasterei aber ist der Glaube, man könne Sicherheit durch das Dekretieren von Verbotsschildern schaffen

Aber Cos­playe­r:in­nen und Heim­keh­re­r:in­nen von Mittelalterfesten als vermeintliche Ge­fähr­de­r:in­nen aus dem Verkehr zu ziehen, ist eben auch deutlich erkennbar keine wirksame Kriminalprävention. Wer mit der „Flamme des Westens“ aus dem Zug steigt, mag gegen Paragrafen verstoßen – die wahre Fantasterei ist aber der Glaube, man könne Sicherheit durchs Dekretieren von Verbotsschildern schaffen.

Die statistischen Bilanzen der Bundespolizei an Bahnhöfen wie Hannover, Hamburg oder Bremen lesen sich zwar oft beeindruckend, wenn dutzende „Waffen und gefährliche Werkzeuge“ aufgelistet werden. Aber ein großer Teil dieser Funde sind eben doch Handwerkszeug des Alltags: Taschenmesser, Kochmesser im Umzugskarton, Werkzeugschlüssel oder stumpfe Dekorationsgegenstände.

Man kann nun einwenden: Wenn man sie aus dem Verkehr zieht, können sie in einer Kneipenschlägerei oder im Affekt eben nicht mehr eingesetzt werden. Und je mehr man kontrolliert, desto mehr findet man auch. Aber diese Logik verwechselt statistische Funde mit echter Kriminalprävention. Dass man das Alltags-Taschenmesser einsammelt, senkt schwere Gewaltkriminalität um genau null Prozent.

Politische Fantasy

Denn wer gezielt zustechen will oder das affektgeleitet in einer Situation tut, die aus einem Konflikt heraus entsteht, lässt sich von Verbotsschildern nun mal nicht abhalten, sosehr wir uns das auch wünschen. Kri­mi­no­lo­g:in­nen weisen seit Jahren darauf hin, dass Waffen- und Messerverbotszonen vor allem ein Instrument der Beruhigung sind. Die Idee, man könne Gewaltakte eindämmen, indem man massenhaft polizeilich Taschen kontrolliert, entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage.

Nun könnte man sagen: Aber zumindest wirken solche Zonen doch abschreckend und helfen, das subjektive Sicherheitsgefühl zu stärken. Und der Reflex, nach schrecklichen Taten wenigstens irgendetwas zu tun, ist ja auch menschlich und politisch verständlich, weil Regierungen Handlungsfähigkeit demonstrieren müssen. Aber eine Maßnahme, die nachweislich keine Wirkung zeigt – gerade angesichts der realen Bedrohungen an Bahnhöfen –, ist nun mal keine Lösung, sondern Aktionismus.

So produzieren solche Zonen vor allem fragwürdige Effekte: Ressourcen werden in großem Stil für die Kontrolle unbescholtener Bür­ge­r:in­nen gebunden, die reale Kriminalität aber verlagert sich einfach in angrenzende Areale. Der Glaube, mit Allgemeinverfügungen Sicherheit herbeizuzaubern, ist politische Fantasy – nicht mehr als ein beeindruckend aussehendes Schwert mit stumpfer Klinge.

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Robert Matthies Redakteur taz nord

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