„Wachs und Gold“ von Joachim Bessing: Einübung in einen äthiopischen Blick
Ein Erzähler reist nach Addis Abeba und kommt recht weit damit, kulturell zwischen den Zeilen zu lesen. „Wachs und Gold“ von Joachim Bessing.
Vor 14 Jahren hat der Schriftsteller, Übersetzer und Journalist Joachim Bessing rund ein Jahr lang im damals vergleichsweise beschaulichen Addis Abeba gelebt und, wie er in einem Insta-Video mitteilt, gleich drei Romane über diese Zeit geschrieben – einer davon habe seinem Verleger so gut gefallen, dass er jetzt unter dem Titel „Wachs und Gold“ veröffentlicht wurde.
Bessing, der als Co-Autor der Dandyrunde „Tristesse Royale“ bekannt wurde, seither Romane, Sachbücher und Essays geschrieben hat, öffentlich Tagebuch führt und als Nuss-Influencer reüssiert, klammert seine Autofiktion mit der einleitenden Formulierung, dass ein 41-jähriger Mann „unter meinem Namen“ in Äthiopien einreiste.
Dieser Joachim Bessing bietet auch gleich mehrere Gründe für seinen Auslandsaufenthalt an: Vom Maya-Horoskop über ein Zeitschriftenprojekt („Chaos“) und Liebeskummer bis hin zu vagen, vom „polnischen Herodot“ Ryszard Kapuściński geprägten Vorstellungen des ostafrikanischen Landes und seinem uralten Kaisertum.
Joachim Bessing: „Wachs und Gold“. Matthes & Seitz, Berlin 2026. 264 Seiten, 24 Euro
Kurioserweise hat die österreichische Dokumentarfilmerin Ruth Beckermann dieses Jahr – ebenfalls inspiriert von Kapuścińskis Buch über den letzten äthiopischen Kaiser, Haile Selassie – einen Film mit demselben Titel auf der Berlinale vorgestellt.
Das Gold unterm dem Wachs
„Wachs und Gold“, auf Amharisch „Sem ena Werq“, ist nämlich eine aus der Goldschmiedekunst abgeleitete Metapher für jene Doppelbödigkeit, die als zentral für die äthiopische Kultur gilt: zwischen den Zeilen lesen, unter die Oberfläche schauen, unter weichem Wachs das wertvolle Metall freilegen.
Für Bessings Alter Ego beginnt die Kunst des Dechiffrierens im ältesten Hotel des Landes, das er, weil Dauerregenzeit, zunächst kaum verlässt. Obendrein stirbt Ministerpräsident Meles Zenawi, und das Land erstarrt in Trauer. Erst nach einigen Wochen unternimmt er Spaziergänge und Shoppingtouren, schließlich auch Reisen ins Umland und zum krönenden Abschluss auf den ausgetrockneten Meeresboden der Wüste Danakil.
Das seinem Namen kaum entsprechende Palasthotel ist also der erste Mikrokosmos, auf den der personale Erzähler sich einen Reim zu machen versucht: seien es die je nach Aufgabe farblich verschieden gekleideten Angestellten („Zunftkleider“), sei es die ihm willkürlich erscheinende Anordnung von Mobiliar, seien es andere Expats, in deren Gesellschaft er bald schon „St. George“-Bier und Honigwein frönt.
An die Dauergäste docken wiederum lokale Kräfte wie Sprachlehrer oder der gutgelaunte „Fuhrunternehmer“ Adimasu mit den spitz gefeilten Eckzähnen an, der später seine Reisen in verschiedene Ecken des Landes organisiert.
Kosmopolit und Romantiker
Darin inszeniert der Autor sein Alter Ego nicht ohne Ironie als kosmopolitischen Schwärmer und naiven Romantiker, der sich wortreich an die gar nicht mal so schillernde Umgebung heranschreibt. Noch die kleinste Alltäglichkeit wird ihm zum Anlass origineller Formulierungen – den Weizenkornsnack Kolo nennt er „autochthone Knabberei“, die Stadt Harar ist „das Bordeaux des Kath“.
Oder für selbst auf die Schippe genommenen Schlaumeierhumor: Eine Begegnung mit dem Regisseur des Videos zu Teddy Afros Sommerhit „Tikur Sew“, der 2012 die legendäre Schlacht bei Adua 1895 (!) besang, in der die Äthiopier die Italiener schlugen, kommentiert er lakonisch: „Fragen à la: Könnte ein Lied über den Westfälischen Frieden zum Sommerhit auch in deinem Land werden, verboten sich von selbst in Anbetracht des heiligen Ernstes, mit dem Tamirat sein Konzept für die Dreharbeiten […] erläuterte.“
In den elegant umständlichen Beschreibungen der Stadttopografie wie auch in all den Abschweifungen vom Hölzchen aufs Stöckchen verliert die Leserin schon mal den Faden. Dabei sind sie wohlrecherchiert und vermessen letztlich doch recht systematisch seine Eindrücke. Begegnungen mit Menschen vor Ort gestalten sich extrem hermetisch, wie die abrupte Sexofferte der Hotelbarista Meklit, vor der er die Flucht ergreift – aus Angst, sich zu verlieben.
Psychopingpong mit Antiquitätenhändler
Und die ihn doch lehrt, „dass es hier, an diesem Ort, bei aller Belanglosigkeit und seiner Langeweile auch einen Abgrund gab“. Oder sie führen zum Psychopingpong von antizipiertem Angebot und Nachfrage mit dem Antiquitätenhändler Saudi, dem er eine Murmel für 200 Dollar abkauft.
Seinen Bettüberwurf teilt er mit einer Katze, deren plötzlicher Tod ihn so hart trifft wie der Verlust einer Geliebten – Grund für eingehende Reflexionen zu Mensch-Tier-Partnerschaften, die indirekt auf eine Leerstelle verweisen: Sind in der Enklave des Hotels vor dem Hintergrund von Geschichte und extremer ökonomischer Ungleichheit überhaupt Partnerschaften denkbar?
Obwohl Bessings Alter Ego sich irgendwann „einen äthiopischer gewordenen Blick“ attestiert, gerät diese neue Sicherheit außerhalb der Hauptstadt wieder ins Wanken. Insbesondere seine letzte Reise zu den Afar, einem Nomadenvolk, das infolge der kolonialen Aufteilungen des Kontinents ziemlich unter die Räder gekommen ist und nun in der Wüste Danakil, der heißesten Senke des Planeten, Salz abbaut, wird zu seinem „Herz der Finsternis“-Moment.
Vulkangas und Senfgas
Bei 50 Grad besteigt er den Vulkan Erta Ale, atmet am Rand seines glühenden Schlundes giftige Gase ein und erinnert dabei an die italienischen Faschisten, die 1936 Hunderttausende Äthiopier mit deutschem Senfgas töteten.
Nach dem Abstieg und einer Ohnmacht singt er ein italienisches Partisanenlied: so lächerlich wie seine hysterische Aufforderung an einen bewaffneten Nomaden, ihn doch zu erschießen. Sieht so das vom Wachs befreite Schuldgefühl aus? Auch wenn schließlich alle lachen, ist dies das denkbar harte Ende eines scheinbar heiteren Versuchs, schreibend zu verstehen – im besten Falle sich selbst.
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