Roman von Lídia Jorge: Die Mythen der Revolution
Lídia Jorge setzt in ihrem neuen Roman den Protagonisten der Nelkenrevolution in Portugal ein Denkmal. 1974 hatten sie die Diktatur zu Fall gebracht.
Als Ana Maria das Foto im Büro ihres Vaters entdeckt, erkennt sie die Gesichter der um den Tisch Sitzenden sofort: Es sind Männer und Frauen, die alle am 25. April 1974 mit dabei waren – dem Tag, an dem die Nelkenrevolution in Portugal die brutale Salazar-Diktatur friedlich beendete und das Land zur Demokratie führte.
Auf der Rückseite des Fotos steht eine Legende. Doch statt der echten Namen finden sich dort Spitznamen: der Bronzeoffizier, El Campeador oder Charlie 8. Darunter steht: „Ein Geschenk zur Erinnerung an ein memorables Abendessen. Wo alle sehr glücklich waren.“ Ein Rätsel: Je länger Ana Maria, die Protagonistin in Lídia Jorges Roman „Die Stunde der Nelken“, das Foto betrachtet, umso unklarer werden die Rollen der abgebildeten Menschen, der Anlass, die gesamte Situation.
„Die Stunde der Nelken“ ist ein Roman über die Unmöglichkeit, historischen Ereignissen gerecht zu werden. Jorge entzaubert die Mythen der Nelkenrevolution und zeigt zugleich, warum Menschen ohne sie nicht auskommen: weil die Geschichte, die einen selbst betrifft, widersprüchlich und schmerzhaft ist.
Lídia Jorge: „Die Stunde der Nelken“. Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis. Secession Verlag, Berlin 2026, 450 Seiten, 32 Euro
In Portugal erschien der Roman bereits 2014, nun hat der Berliner Secession Verlag die von Marianne Gareis elegant übersetzte deutsche Fassung herausgebracht. Jorge zählt zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen Portugals. Ihre Werke, Seismografen des gesellschaftlichen Wandels, wurden in über 20 Sprachen übersetzt. Erst kürzlich wurde sie mit dem renommierten Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet. In Deutschland wartet sie dennoch auf breitere Anerkennung. Dabei erzählt sie Geschichten, die weit über Portugal hinausreichen.
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Ana Maria Machado, Jorges Protagonistin, hat die Ereignisse der Nelkenrevolution weit hinter sich gelassen. Sie lebt in den USA, arbeitet als Kriegsreporterin. Portugal ist für sie ein fernes Land, so fern, dass sie „zuletzt sogar die reale Existenz seiner Gegenwart und erst recht seiner Vergangenheit angezweifelt hatte“.
Ein Auftrag des US-Senders CBS zwingt sie, sich mit dieser Vergangenheit auseinanderzusetzen. Sie soll eine Dokumentation über die Nelkenrevolution drehen, Teil einer Reihe über die „entfesselte Geschichte“ – jene seltenen Momente, in denen Utopien Wirklichkeit wurden.
Geschichte verklären
Die Idee dazu stammt vom damaligen US-Botschafter in Portugal, der einst die Macht hatte, die Revolution aus geopolitischen Gründen scheitern zu lassen. „Gehen Sie dorthin und bringen Sie uns was Feines, eine saubere Sache, einen strahlenden Bericht, in dem man sich wiedererkennt“, fordert er Ana Maria auf. Die Verklärung – und seine eigene Entlastung – sind im Auftrag bereits angelegt.
Ana Maria reist nach Lissabon, um die noch lebenden Helden der Revolution für die Dokumentation zu treffen. Das Foto aus dem Arbeitszimmer ihres Vaters dient ihr als Ausgangspunkt. Ihre Eltern gehörten zum inneren Kreis der Aufständischen. Besagtes Foto dokumentiert dabei nicht irgendeinen Abend, sondern ist auch das „Hochzeitsfoto“ ihrer Eltern. Festgehalten ist jener Moment, der ihre Mutter damals in Lissabon bleiben ließ und trotzdem nicht reichte, um die Familie zusammenzuhalten.
Ihr Vater, António Machado, war Kolumnist, „jener Mann, der auf der letzten Seite seiner Zeitung die Zukunft vorhersagte“, wie der ehemalige Botschafter ironisch bemerkt. Nun soll die Tochter die Vergangenheit rekonstruieren, wo der Vater einst die Zukunft deutete. Ein Unterfangen, das von Beginn an zum Scheitern verurteilt ist.
Ana Maria ist Kriegsreporterin, gewohnt, Distanz herzustellen zwischen sich und dem, worüber sie berichtet. Aber hier gelingt ihr das nicht. Die neutrale Beobachterin und die Beteiligte fallen immer wieder ineinander. So wie sich im Roman Mythos und Wahrheit nie sauber trennen lassen.
Den Anschein von Wahrhaftigkeit
Jorge macht die Erzählform selbst zum Argument. Ana Maria spricht in der Ich-Form, tritt aber immer wieder zurück, nennt sich plötzlich „ihre Tochter“, betrachtet sich wie von außen. Gleich zu Beginn des Romans beschreibt sie sich als „die Portugiesin“, als wäre sie eine Fremde in der eigenen Geschichte. Es ist der vergebliche Versuch, sich aus der eigenen Geschichte herauszuschreiben.
Für ihre Recherchen holt sie zwei ehemalige Kommilitonen als Verstärkung dazu. Beide sind nicht im Kontext der Revolution aufgewachsen, für sie sind die Personen auf dem Foto keine vertrauten Gesichter. Eine Unkenntnis, die den „Anschein von Wahrhaftigkeit“ schaffen sollte oder vielleicht „sogar Wahrhaftigkeit selbst“. Doch auch diese Hoffnung trügt. Am Ende geraten auch die vermeintlich Unbeteiligten in den Sog der Geschichte.
In Lissabon trifft Ana Maria die Menschen hinter den Spitznamen – und erlebt eine Entzauberung nach der anderen: Ein Brigademajor erzählt vor der Kamera von Heldenmut, gesteht aber später, wie Seilschaften ihn nach der Revolution um seine Pension brachten. Ein ehemaliger Offizier galoppiert am Strand von Lissabon auf und ab, um sich auf ein BBC-Interview vorzubereiten, das nie stattfinden wird. Jeder schützt seinen persönlichen Mythos. Oder demontiert ihn selbst, bevor Ana Maria es tun kann.
Keinem von ihnen ist es gelungen, danach ein normales Leben weiterzuführen. Zu prägend, zu einzigartig waren die damaligen Ereignisse. Da ist der Journalist, der mit dem Codelied „Grândola, Vila Morena“ den Putsch einleitete und bis heute das perfekte Lied für die nächste Revolution sucht. Oder der Fotograf Tião Dolores, der in einer leeren Wohnung haust und sich von einem „kreativen Schöpfer“ in eine „traurige, ungewöhnlich sture Persönlichkeit“ verwandelt hat.
Kastrierte Männer ohne Träume
Dass Geschichte nicht vergeht, zeigt sich auch an denen, die sie nicht erlebt haben. Ana-Marias Drang, sich dem Leid anderer auszusetzen, verdankt sich ebenfalls diesem Erbe: „In mir zurückgeblieben war das Streben nach grenzenloser Größe, die mich an Orte der Gewalt und des Streits brachte.“ Ihre Kommilitonin beginnt eine Affäre mit einem der interviewten Helden. Seit sie ihm begegnet ist, sind die Männer aus ihrer Generation nur noch „eine Horde Kastrierter ohne Träume“.
Am Ende liefert Ana Maria genau die verklärende Dokumentation ab, die CBS bei ihr bestellt hat. All die Widersprüche, Verstrickungen und düsteren Wahrheiten schneidet sie heraus. Sie hat ihren Job erledigt, doch „zurückgeblieben war eine Aufgabe für zwanzig, dreißig, vierzig, hundert oder sogar noch mehr Jahre: zu entschlüsseln, was damals wirklich passiert ist“.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass, wer sich mit der Vergangenheit auseinandersetzt, immer auch sich selbst mitnimmt. Auch in Deutschland zeigt sich das gerade neu – bei einer Generation, die beginnt, die Verstrickungen ihrer Familien im Nationalsozialismus offenzulegen, oft gegen erhebliche Widerstände. Lídia Jorge zeigt, warum das so schwer ist.
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