Videogame „Hell Let Loose: Vietnam“: Warum so viel Zweiter Weltkrieg?
„Hell Let Loose: Vietnam“ ist eines der wenigen Videospiele, das den Vietnamkrieg zeigt. Viele Games scheuen sich vor dem US-amerikanischen Trauma.
Der Zweite Weltkrieg ist in Videospielen so lebendig wie nirgends sonst. Das Schicksal einzelner Soldaten kann hautnah erlebt und Armeen können von oben herab kommandiert werden. Ethische Diskussionen darüber haben sich längst erschöpft, das Setting bleibt beliebt.
Zwar gibt es Ausflüge auf benachbarte Schlachtfelder (im Fall von „Battlefield 1“ etwa war der Nebenschauplatz der Erste Weltkrieg) und auch zu den Kriegen, die noch kommen werden, trotzdem blenden die meisten Videospiele so manche historische Auseinandersetzungen aus: Die erste Niederlage des US-Militärs, der Vietnamkrieg mit Millionen Opfern, ist in Videospielen deutlich unterrepräsentiert. Nun wagt sich mit „Hell Let Loose: Vietnam“ wieder ein prominenter Titel in die Dschungel und Tunnelsysteme des Krieges.
Spielte der Vorgänger von 2019 noch zwischen Stalingrad und dem Eifler Hürtgenwald, verschlägt es die Spieler:innen nun in das südliche Mekongdelta, die mittig gelegene Stadt Huế und auf die Küstenhalbinsel Batangan. Das Grau des Zweiten Weltkrieges wird gegen das Grün, Gelb und Orange getauscht, das wir popkulturell mit dem Vietnamkrieg verbinden.
Mechanisch bleibt das Spiel im bekannten Rahmen: Fokus auf den Mehrspielermodus, ein hoher Grad an Realismus, originalgetreue Waffen und Fahrzeuge und ein ähnlich unübersichtliches Geschehen wie im ersten „Hell Let Loose“. Schlecht ist das Spiel deswegen nicht, wohl aber deutlich langsamer als es die Norm bei modernen Egoshootern ist. Interessanter als das Spielerische ist ohnehin die Verortung.
D-Day ist attraktiver
Mit Ausnahme von „Call of Duty: Black Ops“ von 2010, die „Vietnam“-Erweiterung für das im selben Jahr erschienene „Battlefield: Bad Company 2“, und „Battlefield Vietnam“ von 2004 gibt es keine großen Videospiele, die den Stellvertreterkrieg in Südostasien thematisieren.
Mit seiner dramatischen D-Day-Landung und dem zertrümmerten Berlin ist der Zweite Weltkrieg attraktiver für die Entwicklungsstudios. Auch, weil seine Schlachten im kollektiven Gedächtnis liegen. Der als „Operation Overlord“ bekannte Sturm auf die Normandie hat sich in das kulturelle Bewusstsein der USA gebrannt und sucht Spiele wie Hollywood-Filme bis heute heim.
Es genügt ein Blick auf die Strandlandungen historischer Armeen in Ridley Scotts „Robin Hood“ und Wolfgang Petersens „Troja“, um zu sehen, wie sehr das Kino vom D-Day besessen ist. In nahezu jedem Videospiel mit dem Weltenbrand als Schauplatz finden sich Pendants.
Aus Zeiten des Vietnamkrieges kennt man höchstens noch den als „Agent Orange“ bekannten Einsatz von Entlaubungsmittel durch das US-Militär, der die vietnamesische Zivilbevölkerung auf Jahrzehnte vergiftete.
Aber wem ist der Schuss und Fall von Saigon noch ein Begriff? Die Tet-Offensive oder Schlacht von Xuan Loc sind kaum Teil des öffentlichen Bewusstseins, auch weil die USA dieses Trauma gerne vergessen möchten. Während die Kriegsfilme der 70er und 80er Jahre die Vietnamkatastrophe sezierten und kritisierten, ist das bei Videospielen bisher ausgeblieben. Stattdessen meiden sie den Konflikt, wissen sie doch nicht, wie sie sich ihm nähern sollen. So werden die Verbrechen in Vietnam nur aus der Distanz beobachtet.
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