piwik no script img

Verletzung religiöser Werte in SpanienKatholiken klagen

In Spanien verklagt eine religiöse Stiftung Mitarbeiter einer TV-Sendung, die mutmaßlich religiöse Werte verletzt – und das nicht zum ersten Mal.

Reiner Wandler

Aus Madrid

Reiner Wandler

taz | Wer in Spanien Witze über Religion macht, bekommt es mit der ultrakatholischen Stiftung christlicher Anwälte zu tun. Der Verein mit acht hauptamtlichen Mitarbeitern schwingt sich seit Jahren zum Wächter über religiöse Werte auf. Jetzt haben die Anwälte das Regionalfernsehen im nordostspanischen Katalonien verklagt. In der Osterwoche interviewte das Programm Està pasant die Jungfrau des Rocio, eine Wallfahrtsheilige aus dem südspanischen Andalusien.

Die Schauspielerin Judit Martin trat in einer Sendung – einer Art katalanischen „heute Show“ – im Kostüm der Marienfigur auf. Sie klagte über die Gläubigen, die sie bedrängen, und versuchte, mit dem Moderator anzubändeln. „Seit 200 Jahren kann ich nicht vögeln, wie es Gott gefällt“, sagte sie über das Kleid, das körperlichen Kontakt unmöglich mache.

Protest von Politikern aller Couleur blieb nicht aus. Die religiöse Rechte wetterte. Jetzt müssen die beiden Moderatoren Toni Soler und Jair Domínguez sowie Martín „wegen eines Vergehens gegen die Verfassung“ und „Beleidigung religiöser Gefühle“ vor das Amtsgericht in Sant Feliu de Llobregat.

Die Kläger weisen darauf hin, dass die Schauspielerin in ihrer Rolle „den Lobgesang und die Zeugnisse christlicher Hingabe an die Heiligenstatue“ nachahmte, wie sie auf Prozessionen üblich sind. Währenddessen „lachten der Soler und sein Mitarbeiter Domínguez lauthals“.

Klagen über Klagen

Die Richter lassen dies als Verdacht auf ein Vergehen gegen verfassungsmäßigen Schutz der Religion zu. Im Falle einer Verurteilung drohen den dreien Geldstrafen von mehreren tausend Euro. „Wenn sie mich vor Gericht wollen, müssen sie mich schon im Streifenwagen abholen, ich denke nicht daran, Geld für Benzin auszugeben“, sagte Domínguez.

Es ist nicht das erste Mal, dass Künstler es mit der Stiftung zu tun bekommen. Schauspieler Willy Toledo wurde angezeigt, weil er auf Facebook seiner Wut auf die katholische Kirche freien Lauf ließ, nachdem Feministinnen vor Gericht mussten, weil sie die „heilige Vagina“ in einer ironischen Prozession durch Sevilla trugen. Außerdem klagten sie gegen eine Dragqueen auf den Kanarischen Inseln, die sich beim Karneval als Maria verkleidet hatte.

Auch gegen Femen oder die Bildungsministerin, die die Noten im freiwilligen Religionsunterricht nicht mehr zur Versetzung heranzog, sowie gegen die LGBTQI-Fahne am Rathaus in Cádiz zogen die Anwälte bereits vor Gericht.

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

3 Kommentare

 / 
  • Der Versuch, religiöse Privilegien aufrecht zu erhalten.



    Gesetze für "normale" Organisationen und Gemeinschaften sollen für sie nicht gelten.



    Wie immer versuchen sich Religiöse über andere Menschen zu stellen, ihre Ideologie unantastbar zu machen.

  • Da spukt nicht nur Francos Geist durch viele Köpfe! Auch viele Klerikale verharren noch gerne im Mittelalter.

  • Jetzt fehlt nur noch die Angabe, ob und wie diese Anwälte in der Vergangenheit erfolgreich waren oder ob die Klagen irgendwann abgewiesen wurden. Oder ob die Justiz so langsam ist, dass noch nichts entschieden wurde.