piwik no script img

Verkauf von WM-Anteilen Die Gier im Profifußball ist grenzenlos

Alina Schwermer

Kommentar von

Alina Schwermer

Die Pläne von Fifa-Präsident Infantino, Anteile der WM an Investoren zu verkaufen, sind desaströs. Die Empörung der Uefa ist sympathisch, aber scheinheilig.

W ann, oh wann stößt die Gier im Fußball an eine Grenze? Aktuell sorgt der angeschlagene Fifa-Präsident Infantino für neue Empörung: Er möchte Fifa-Turniere wie die WM teils privatisieren. Ein Unternehmen soll die kommerziellen Rechte halten, private Investoren können Anteile erwerben. Beteiligt ist die US-Investmentbank J.P. Morgan, größter Investor die Firma Thrive Capital von Joshua Kushner, Bruder des Trump-Schwiegersohns. Die rivalisierende Uefa schäumt und droht mit Boykott. Das wird spannend. Bloß sollte niemand an einen Ethikstreit glauben.

Die Fifa-Pläne sind desaströs. Der Verband würde sich noch abhängiger von US-Überreichen und vom Trump-Clan machen, die handfesten Druck ausüben könnten. Infantino will mit Geldversprechen seine Macht sichern und liebäugelt wohl mit einer Nachkarriere als CEO. Mehr Geld, mehr Korruption, mehr Oligarchie!

Die Wut der Uefa ist also sympathisch, aber natürlich große Heuchelei. Denn die Pioniere beim Ausverkauf an Privatinvestoren waren die Großklubs der Uefa. Auch die Deutsche Fußball-Liga wollte so einen Deal. Es waren Europas Klubs und die Uefa, die sich von Staatsfonds und Herrschern etwa in Katar und Saudi-Arabien abhängig machten. Und von US-Geld: Schon 2023 war ein Drittel der Klubs aus Europas Top-5-Ligen ganz oder teils in US-Besitz.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Europas Fans haben vor allem das Geld vom Golf kritisiert, auch mit rassistischen Untertönen. Und dabei übersehen, wie US-Überreiche zum größten Machtblock wurden. Der Uefa indes geht es nicht um Moral, sondern um die drohende größere Finanzmacht der Fifa mit noch mehr Turnieren und Infantinos Nähe zu Trump. Ist die Uefa geopolitisch klug, verabschiedet sie sich endlich aus der Fifa. Oder trommelt viel mutiger zum Widerstand als bisher.

Aber egal, wie der Showdown ausgeht, ein viel ethischerer Fußball wird in der kapitalistischen Oligarchie nicht herauskommen. Das Grundproblem ist nicht, dass die Männer ihre Finanzmacht missbrauchen – sondern, dass sie sie haben. Wann all das an Grenzen stößt? Viele Menschen vor Ort konnten sich kein WM-Ticket leisten. Und feierten das Turnier dennoch.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Alina Schwermer

Alina Schwermer freie Autorin

Jahrgang 1991, studierte Journalismus und Geschichte in Dortmund, Bochum und Sankt Petersburg. Schreibt für die taz seit 2015 vor allem über politische und gesellschaftliche Sportthemen und übers Reisen. Autorin mehrerer Bücher, zuletzt "Futopia - Ideen für eine bessere Fußballwelt" (2022), das auf der Shortlist zum Fußballbuch des Jahres stand.
Mehr zum Thema

7 Kommentare

 / 
  • Der Zirkus geht immer weiter, so lange das Publikum mitzieht. Die Korruption und die fast schon absurde Geldgier sind vergessen, wenn der Ball rollt. Hat bis dato immer funktioniert.



    Havelange und Blatter waren auch alles andere als altruitische Lichtgestalten, am Ende juckt es keinen, solange das Produkt stimmt. Kann man blöd finden, ist aber so.

  • Wie gesagt, es ist Profifußball. Ohne viel Geld läuft da nichts.

  • Wie privatisieren, was schon privat ist? Oder ist die FIFA neuerdings ein staatliches Unternehmen?

    • @TGV:

      Die FIFA ist eigentlich ein Verband, kein Unternehmen. Zumindest war das mal die Idee...

  • Der größte Machtfaktor sind die Fans. Wenn Wer sich trotz der offensichtlichen und grenzenlosen Gier der FIFA ein Ticket kauft oder Fußballfernsehen abonniert macht das kapitalistische Spiel mit. Angebot und Nachfrage regeln den Preis. Es wird niemand gezwungen, Fußball zu schauen. Wohl fast jeder von denen, die über zu hohe Ticketpreise klagen, würde ähnlich handeln, wäre er an der Macht und könnte über seine Einnahmen bestimmen.



    Solange die Menschen so unvernünftig sind, gibt es auch unvernünftige Ticketpreise. Wie schnell würde ein Infantino die Preise senken, wenn ein halbleeres Stadion droht.

    • @Majo Karthe:

      Blödsinn! Bereits 2006 waren bei den "offiziell ausverkauften" Spielen in München über 3.000 Plätze für "Honoratioren" reserviert - insgesamt ca. 8.000 - von ca. 80.000.

      Das biedere Volk durfte durch "Losrunden" am Radio erfahren, ob man auch wirklich in der 3. Runde wäre, die zum Kauf eines Tickets BERECHTIGT.

      Freikarten wurden dafür dann, ebenfalls übers Radio verlost, wenn der ausgeschiedene Gruppen-Vierte gegen den ebenso ausgeschiedenen Gruppen-Dritten spielte. Denn dort - gab es Karten.

      Dynamic Pricing light sozusagen.

    • @Majo Karthe:

      Dem ist nicht mehr allzu viel hinzuzufügen.



      Im Übrigen gilt das für viele andere Zustände. Unvernunft und Gier im ungezügelten Maße bestimmen seit jeher unser Dasein und wird weiterhin die Zukunft beeinflussen, trotz der vielen besorgniserregenden Ereignisse.



      Sie haben recht damit, es steckt in uns allen, dass eigene Ego zu befriedigen, auf die eine oder andere Art und Weise.



      Diese Eigenschaften hindern die gesamte Menschheit letztlich an ein weiterkommen.



      Sicherlich hört sich das mehr als pessimistisch an, vielleicht sogar übertrieben, nur die Realität scheint diese Befürchtungen zu bestätigen. Die Entwicklung speziell im Fußball ist auch als Synonym zu verstehen.