Vergewaltigungsprozess Frank S. : Keine Heldin, keine Empörung
Der Fall Frank S. ist der größte Vergewaltigungsprozess, der je vor einem Berliner Gericht verhandelt wurde. Doch der öffentliche Aufschrei bleibt aus. Warum?
Foto: Jens Kalaene/dpa/picture alliance
B ereits am zweiten Prozesstag wird die Verhandlung kurzfristig vom Saal A305 im Berliner Landgericht in den kleineren Raum B129 verlegt. Zu klein ist das Interesse am Fall Frank S. Gerade einmal 15 Zuschauer*innen haben sich versammelt, zudem sieben Journalist*innen. Dem Angeklagten wird vorgeworfen, Frauen mit Schlafmitteln und Alkohol betäubt, in seiner Wohnung vergewaltigt, die Taten gefilmt und teilweise in Chatgruppen und auf Pornoplattformen hochgeladen zu haben.
Die Staatsanwaltschaft Berlin hat 22 Taten gegen 14 Frauen angeklagt, die S. bereits gestanden hat. Auf seinen Festplatten fanden Ermittler*innen jedoch Hinweise auf mutmaßliche Taten an bis zu 59 Frauen. Die Ermittlungen laufen. Damit handelt es sich um den größten Fall von Vergewaltigungen im Zusammenhang mit Betäubungen, der bisher vor einem Berliner Gericht verhandelt wurde. In seiner Dimension ist er durchaus mit dem Fall von Gisèle Pelicot vergleichbar.
Die 73-Jährige war über neun Jahre hinweg von ihrem Ehemann mit Medikamenten betäubt, vergewaltigt und 80 anderen Männern zur Vergewaltigung „angeboten“ worden. Der Unterschied: Bei dem Prozess in Avignon standen Zuschauer*innen schon in den Morgenstunden Schlange, um einen Platz im Saal zu ergattern. Vor dem Justizpalast demonstrierten Hunderte. Warum bleibt ein in seinem Ausmaß vergleichbarer Fall in Berlin weitgehend unbeachtet?
Die französische Philosophin Manon Garcia hat den Prozess von Gisele Pelicot eng begleitet und im Buch „Mit Männern leben. Überlegungen zum Pelicot-Prozess“ ihre Beobachtungen mit einer Analyse sexualisierter Gewalt und gesellschaftlicher Machtverhältnisse verbunden. Darin untersucht Garcia auch, warum der Fall eine derart große öffentliche Aufmerksamkeit erlangte. „Das Echo auf diesen Prozess kommt auch daher, dass sie die Persönlichkeit, den sozialen Hintergrund und das Aussehen hat, die notwendig sind“, schreibt die Philosophin über Pelicot.
Die öffentliche „Heldin“ fehlt
Frauen, die nach einer Missbrauchserfahrung vor Kameras treten, sind noch immer die Ausnahme. Deshalb ziehen sie besondere Aufmerksamkeit auf sich. Öffentliche „Heldinnen“ wie Gisèle Pelicot oder auch Collien Fernandes fehlen bislang im Fall von Frank S. Fünf der betroffenen Frauen treten im Prozess als Nebenklägerinnen auf, haben sich bislang aber nicht geäußert.
Um öffentlich über das Erlebte zu sprechen, bedarf es Mutes und des notwendigen kulturellen und sozialen Kapitals, um mit der Aufmerksamkeit umzugehen. Die Ansprüche an Opfer sind hoch. „Wir sollen ‚würdevolle Opfer‘ sein“, schreibt die französische Schriftstellerin Virginie Despentes in „King Kong Theory“. „Sollen uns verantwortlich fühlen für das, was uns angetan wird, weil wir uns weigern, daran zu krepieren, weil wir damit klarkommen wollen.“ Gisèle Pelicot erfüllte die Ansprüche an ein „würdevolles Opfer“: Sie trat jeden Tag zurechtgemacht vor die Medien, verdrückte keine Träne, strahlte Stärke und Disziplin aus.
Dass im Fall von Frank S. keines der Opfer öffentlich in Erscheinung tritt, hat vermutlich auch mit Scham und Stigmatisierung zu tun. Denn der 68-jährige Elektriker S., der sich mal als Polizist, mal als Hubschrauberpilot ausgab, lernte die Frauen auf Onlinedatingplattformen kennen, mit einigen führte er eine Beziehung. Während Gisèle Pelicot und Collien Fernandes die „perfekten Opfer“ für einen Massenaufschrei darstellten, weil ihnen zweifellos keine Mitschuld zugeschoben werden konnte, greift bei den Opfern von Frank S. leichter das misogyne Victim-Blaiming-Narrativ: Warum waren die Frauen überhaupt auf diesen Plattformen? Warum haben sie sich auf solch eine gefährliche Situation eingelassen?
Feministische Gruppen und Anti-Gewalt-Projekte begleiten den Prozess gegen Frank S. bislang nicht. Die Sicht solcher Akteure ist meist, dass sie sexualisierte Gewalt nicht zum Problem einiger besonders monströser Einzeltäter erklären wollen. Frank S. erfüllt das Täterklischee geradezu perfekt: ein fremder Mann aus dem Internet, der sich als Serienvergewaltiger entpuppt. Das Problem: Die Täter sind meist keine Monster. In der Regel sind es die eigenen Partner, Ex-Partner, Brüder, Väter.
Die Täter sind dem Opfer oft bekannt
Fast jeden Tag versucht ein Mann, seine Partnerin zu töten, 41 Prozent der Täter, die eine chemische Unterwerfung vornehmen, sind mit dem Opfer bekannt. Dass von Collien Fernandes unzählige Deepfake-Pornos kursierten, löste jahrelang wenig Empörung aus. Der große Aufschrei kam erst, als bekannt wurde, dass ihr eigener Partner dahintersteckte.
Der Fall der Autorin Claudia Wuttke zeigt allerdings, dass selbst ein vertrauter Täter und eine Frau, die öffentlich über das Erlebte spricht, längst keine Garantie für eine Solidaritätswelle sind. Als im Mai 2026 bekannt wurde, dass die Hamburgerin über Jahre hinweg in mutmaßlich 65 Fällen von ihrem damaligen Partner betäubt und vergewaltigt wurde, gab es zwar Aufmerksamkeit, aber keine vergleichbare Welle der Solidarität wie bei Fernandes.
Kollektive Abstumpfung
Sind es zu viele Fälle? Sind wir kollektiv abgestumpft? Im Dezember 2024 genügte noch eine Dokumentation des investigativen Rechercheformats STRG-F, um eine breite Debatte über Telegram-Vergewaltigungsnetzwerke auszulösen, in denen Männer sich darüber austauschen, wie sie Frauen betäuben, vergewaltigen und mit den Taten prahlen.
Ein Gerichtsverfahren Anfang 2026 in München gegen ein Netzwerk von Männern, die Vergewaltigungen über Telegram-Chats organisierten und mit ihnen prahlten, wurde öffentlichen dagegen kaum wahrgenommen. Allein in einer Chatgruppe, in denen Männer Frauen als „Autos“ bezeichneten, die sie mit „Öl“ oder „Sprit“ „volltanken“, also mit Medikamenten betäuben wollten, um die „toten Schweine“ (sedierte Frauen) zu vergewaltigen, waren 4.500 Männer. Die Opfer waren Chinesinnen.
Es fühlt sich an, als hätten wir als Gesellschaft hingenommen: Männer vergewaltigen halt Frauen. Boys will be boys. Nur ist das nicht zu akzeptieren, denn „die Vergewaltigung ist Bürgerkrieg“, wie Virginie Despentes schreibt. „Sie ist die politische Organisation, durch die ein Geschlecht dem anderen erklärt: Ich habe alle Rechte über dich, ich zwinge dich, dich unterlegen, schuldig und entwürdigt zu fühlen.“ Das ist eine Realität, die wir niemals hinnehmen dürfen.
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