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Verfemter Expressionist in HamburgHamburgs Brücken als neuronales Netz

Eine Ausstellung im neuen Hamburger Kunstort Parabel ehrt den einst verfemten Expressionisten und Druckgrafik-Revolutionär Rolf Nesch.

Dieses „Altarbild“ in der einstigen Kirche ist ein Paukenschlag. Das Materialbild „Alster“ fast alles zusammen, wofür der expressionistische Maler und Grafiker Rolf Nesch stand: die unverbrüchliche Liebe zur Wahlheimat Hamburg und die lebenslange Lust am Experiment mit Farbe und Form.

Hinzu kommt die zögerliche Würdigung durch die Hansestadt, in der er von 1929 bis zum Exil 1933 eine anerkannte Größe gewesen war. Denn „Alster“, eine 1958/59 entstandene idealisierte Ansicht der Hamburger Innenstadt mit Dampfern, Pontons, Häusern und liebevoll hinzugedichteten Figuren und Flaggen, war kein öffentliches Auftragswerk an den bereits international anerkannten Künstler.

Auftraggeberin war die Firma Unilever. Die stellte das Werk lange am Hauptsitz in Rotterdam aus und bot es 2025 der Hamburger Stiftung Kunstsammlung Dr. Maike Bruhns an. Es war stark beschädigt und unverkäuflich.

Die Ausstellung

„,Eine Lust, die tragisch wirkt'. Rolf Nesch und Hamburg“, Parabel. Zentrum für Kunst in Hamburg, Fuhlsbüttler Str. 656, bis 25. 10.

Die Stiftung übernahm es, denn das Bild hat Persönlichkeit: Obwohl 200 Kilo schwer, erinnert das riesige Querformat an lichte Venedigveduten des 18. Jahrhunderts. Mit Drähten und Metallplättchen bestückt, ist es schön haptisch und glitzert paillettengleich in etlichen Farben.

Für Nesch muss das Bild eine materialisierte Erinnerung an seine angenehme Hamburger Zeit gewesen sein. Nachdem seine Werke vom NS-Regime als „entartet“ aus Ausstellungen entfernt worden waren, war er gleich 1933 nach Norwegen geflohen.

Jetzt ist Neschs „Alster“-Bild auf Initiative der Stiftung restauriert und nach Hamburg gebracht worden – an den Ort, dem es huldigt und an den es gehört. Sammlerin Bruhns möchte das als Appell verstanden wissen, das Werk dauerhaft an einem öffentlichen Ort zu zeigen.

Die Ausstellung „Eine Lust, die tragisch wirkt. Rolf Nesch und Hamburg“ nämlich hängt in einem privaten, von der Stiftung bespielten Ort: der Parabel in der einstigen St.-Nikodemus-Kirche in Hamburg-Ohlsdorf, in den 1950er Jahren im brutalistischen Stil gebaut.

Der Name bezieht sich auf die Form des Baus, ist aber bewusst ambivalent. Aus Eigenmitteln haben die Kunsthistorikerin Maike Bruhns und ihre Söhne das denkmalgeschützte Gebäude zum Ausstellungsort umgebaut und im Mai 2025 eröffnet. Dort zeigen sie unter anderem auch Bruns’ eigene Sammlung.

Sie umfasst 2.500 Gemälde, Skulpturen, Grafiken, Materialbilder von 350 Hamburger verfemten KünstlerInnen. Bruhns war in den 1980ern eine der Ersten, die über die jüdische Malerin Anita Rée und weitere Mitglieder der Hamburgischen Sezession forschten. Die Gruppe löste sich 1933 auf, um dem vom Regime geforderten Ausschluss jüdischer KünstlerInnen zuvorzukommen.

2001 gab Bruns, eine weitere Forschungslücke füllend, die beiden Bände „Kunst in der Krise“ über die Geschichte Hamburger Kunst in der NS-Zeit heraus. Es war das erste, bis heute maßgebliche Kompendium zum Thema.

Zwischen alle Stühle geriet er nach der deutschen Besetzung Norwegens im April 1940

Da ist es konsequent, dass auch ihr Ausstellungsort Parabel oft Kunst im Kontext der NS-Zeit zeigt: „Im Abgrund – Terror, Gewalt und die Künste 1930 bis nach 2000“ und „Dem Inferno entronnen. Kunst nach 1945 in Hamburg“ hießen erste Ausstellungen. Eine weitere würdigte den verfemten Avantgardisten Franz Kaiser.

Und jetzt also Rolf Nesch (1893–1975), der die Druckgrafik revolutionierte, indem er den Metalldruck und das „Materialbild“ erfand. Dabei ist Nesch kein typsicher Vertreter der „Verlorenen Generation“ – jener Künstler, die nach Verfolgung und Exil nach 1945 in Vergessenheit gerieten.

Schon in seiner Hamburger Zeit entwickelte der bei Stuttgart geborene Nesch, Mitglied der Hamburgischen Sezession und gut vernetzt mit der regionalen Sammlerszene, eine neue Drucktechnik, nachdem er zufällig die Wirkung von Wegätzungen auf der Druckplatte bemerkt hatte.

Fortan nutzte er die so entstehenden weißen Flächen, um Raumtiefe zu erzeugen, wie auf dem Porträt des Dirigenten Karl Muck, der sich ins grelle Licht hinein verbeugt. Auf einem anderen Blatt verstärkt die Weißfläche die Gnomhaftigkeit des gealterten Gesichts.

Und dann hat Nesch natürlich St. Pauli gemalt, aber „nicht vom Amüsierstandpunkt aus, sondern aus schwer Zeit heraus, eine Lust, die tragisch wirkt“, wie er sagte. Entsprechend morbide erscheinen Arbeiten wie „Auf der Treppe“ mit einer grimassenhaften Prostituierten und einem halb in (ver)blendend grelles Weiß getauchten Freier. Der Weg zur Abstraktion war beschritten: Von der „Tänzerin“ bliebt fast nur das Kreisen ihrer Bewegung.

In der Serie „Hamburger Brücken“, für Nesch ein neuronales Netz durch die Stadt, begann er mit dem neu entwickelten Metalldruck zu arbeiten, also Draht, Metall, Stoffe auf die Platte zu legen und mitzudrucken. Drahtspuren ergeben da stilisierte Brückenstreben; Elbbrückenbögen tanzen in eleganten Schwüngen.

Gegen frieren hilft nageln

Orte und Gegenstände bleiben dabei immer kenntlich: Auch die Pfeiler und Häuser des „Rödingsmarkts“ balancieren zwischen Konkretum und Abstraktion. Stilisierte Figuren erinnern teils an den bewunderten Edvard Munch.

Ihn hat Nesch in Oslo getroffen. Die erhoffte Freundschaft aber entwickelte sich nicht. Stattdessen werkelte Nesch im Exil fast mittellos weiter an der Erweiterung der Grafik in die Dreidimensionaliltät, an seinen Materialbilden. Sogar Nagelbilder hat er geschaffen, lange bevor Günther Uecker es tat. Das Hämmern soll ihn in Hunger und Kälte seines ersten prekären norwegischen Domizils warm gehalten haben.

Politisch betätigte sich Nesch, von norwegischen Künstlern zunächst als Konkurrenz empfunden und von NS-freundlichen Kreisen um den Kollaborateur Vidkun Quisling beargwöhnt, nicht. Zwischen alle Stühle geriet er nach der deutschen Besetzung Norwegens im April 1940. Werke wie die an Kandinsky erinnernde Lithografie des „Heiligen Sebastian“ im Pfeilhagel verarbeiten 1941 den Krieg.

1943 entdeckten ihn die Deutschen. Um der Einberufung zu entgehen, lief er vor eine Straßenbahn, überlebte schwer verletzt und mit lebenslangen Lähmungen. Bei seinem einstigen Freund, dem nun regimetreuen Hamburger Bürgermeister Carl Krogmann, setzte er sich für inhaftierte norwegische Widerstandskämpfer ein.

Ihre Fürsprache wiederum ermöglichte ihm 1946 den Erwerb der norwegischen Staatsbürgerschaft. Es war eine bewusste Distanzierung von der deutschen Tätergesellschaft.

Späte Würdigung in Hamburg

Parallel wuchs die internationale Anerkennung, die prekären Zeiten waren vorbei. Dreimal nahm Nesch an der Documenta teil, einmal an der Biennale in Venedig. Norwegen und Schweden ehrten ihn für sein Lebenswerk. Im norwegischen Ort Ål, wo er von 1951 bis zu seinem Tod lebte, eröffnete 1993 ein Nesch-Museum.

Heute gilt Nesch als zweitwichtigster norwegischer Künstler nach Munch. In Hamburg indes galt er wenig. Erst 1956 verlieh man ihm dort den Lichtwark-Preis. Da war er längst international bekannt. Und während seine Werke – neben dem MoMA, dem British Museum und dem Nationalmuseum Oslo – längst im Münchner Lenbachhaus, der Staatsgalerie Stuttgart und der Hamburger Kunsthalle hängen, bleibt er in der Hansestadt, die ihn so sichtbar inspirierte, im Schatten.

Die aktuelle Schau soll dem abhelfen. Der Metalldruck „Die Erbtante“ mag für dieses verhüllte Hamburger Kulturerbe stehen: Mit metallisch glänzendem Heiligenschein blickt uns ein maskenhaftes Gesicht entgegen, die Poren aus geriffelten Nagelköpfen. Um den Hals hat sie ein Tuch geschlungen, die Struktur aus feinem Draht. Eine gelungene Symbiose aus weicher Anmutung und hartem Material.

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